ZDF und Oettinger: Quod licet Iovi, non licet bovi?

Dank Oettingers deskriptiven Vorstoß zum Schuhcremescheitel wagen wir hier die Offenbarung, dass der Hohensteiner Kasper von Theo Eggink dem EU-Kommissar nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht, sondern auch manchmal gewisse rhetorische Gemeinsamkeiten mit ihm aufweist. Foto: Florian Prosch i.A. der Piccolo Puppenspiele für die WP. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Anchorman des Gebührensenders verteidigt die "Schlitzaugen"-Rede des EU-Kommissars

"Quod licet Iovi, non licet bovi" - "Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt". Das lernen Kinder schon im Lateinunterricht - und das können sie auch später noch brauchen, wenn sie zum Beispiel beim ZDF arbeiten. Dort kommentierte der Nachrichten-Anchorman Claus Kleber einen Auftritt des designierten Wirtschafts- und aktuellen Digitalkommissars Günther Oettinger, bei dem dieser vor "schlitzohrigen" "Schlitzaugen" mit Schuhcremescheitel warnte. Kurz vorher hatte sich der EU-Kommissar, wie unter anderem der Blogger Don Alphonso in Erinnerung rief, noch als Kämpfer gegen "Hatespeech" dargestellt.

Trotzdem twitterte Kleber dazu nicht etwa die beim ZDF ziemlich alltägliche Empörung, sondern Folgendes:

"Wo nur noch von Image-Beratern, PC-Tugendwächtern und Juristen abgeschliffenes Zeug geredet wird, möchte ich weder Redner noch Zuhörer sein."

(Claus Kleber zu Günther Oettingers "Schlitzaugenrede")

Dushan Wegner fragte sich auf diesen Tweet hin:

"Wie hätte Claus Kleber reagiert, wenn nicht ein Merkel-Getreuer, sondern ein Merkel-Kritiker beim Rhetorik-Freestyle über ‚Schlitzaugen‘ und ‚Pflicht-Homoehe‘ erwischt worden wäre? Die These, dass der mediale Komplex sich ‚aufgeregt‘ hätte, scheint nicht vollständig abwegig."

(Dushan Wegner)

Oettinger selbst sieht die Sache ähnlich wie Kleber: In einem Interview mit der Welt meint er dazu, man müsse sich "den Gesamtzusammenhang [an]sehen, in dem [er sich] geäußert habe". Die Bezeichnung von Chinesen als "Schlitzauge" war seiner Ansicht nach "eine etwas saloppe Äußerung, die [jedoch] in keinster Weise respektlos gegenüber China gemeint war":

"Ich[, so Oettinger,] wollte im digitalen Sektor, generell bei technologisch geprägten Sektoren aufzeigen, wie dynamisch die Welt ist. Und welche Herausforderung das enorme Tempo der Aufholjagd von Ländern wie China und Südkorea für uns darstellt. Und ich wollte in diesem Zusammenhang vor Selbstzufriedenheit warnen."

(Günther Oettinger)

Mit dem ebenfalls in der Rede gebrauchten Begriff der "Homo-Pflichtehe" habe er nur darlegen wollen, dass das Thema "Homo-Ehe in einer Liste von Themen, Initiativen und Debatten [enthalten ist], die in Deutschland die politische Tagesordnung bestimmen". Dabei sei es ihm nur darum gegangen, "diese Liste an Themen zu ergänzen - insbesondere um das Thema Wettbewerbsfähigkeit."

Auf Vorwürfe des belgischen Veranstaltungsteilnehmers Frank Compernolle, er habe die Wallonie als eine von Kommunisten beherrschte Region bezeichnet, die "ganz Europa blockiert" ging Oettinger nicht ein. Frederic Masquelin, der Sprecher des wallonische Regionalregierungschefs Paul Magnette hatte dazu verlautbart, er hoffe, dass die EU-Kommission solch eine "völlige Verachtung für unsere Region, ihre gewählten Vertreter, ihre Bürger und die Zivilgesellschaft, die sich mobilisiert, […] nicht durchgehen lässt".

Die "Schlitzaugen"-Rede ist allerdings nicht Oettingers erster Skandal: In der jüngeren Vergangenheit hatte der CDU-Politiker fast so häufig mit mutmaßlicher Inkompetenz auf sich aufmerksam gemacht, wie Justizminister Heiko Maas: Im September äußerte er sich zum Beispiel in einer Weise zum von ihm geforderten europaweiten Leistungsschutzrecht für Presseverleger in einer Weise, die stark darauf hindeutete, dass er gar nicht verstanden hat, worum es dabei geht. Dafür forderte er Verleger auf, ihre Redaktionen "auf Linie" zu bringen, damit dieses Vorhaben nicht scheitert.

Tatsächlich geht die Geschichte dieser Inkompetenzoffenbarungen sogar bis zu seiner Ernennung zum EU-Kommissar vor sechs Jahren zurück: Bei seiner Vorstellung im Europaparlament berichteten einheimische Mainstreammedien erst relativ einhellig, wie gut er angekommen sei. Später tauchten in Sozialen Medien zwei Aufnahmen des CDU-Politikers auf, die nahe legten, dass es mit der Auswahlkompetenz der Europaparlamentarier nicht allzu weit her sein kann, wenn Oettinger auf sie tatsächlich einen guten Eindruck machte.

In einer der Aufnahmen postuliert der Unionspolitiker, dass Englisch die "Arbeitssprache" werde, die jeder sprechen können müsse - egal, ob er an der Werkbank steht oder Geschäftsführer ist. In der anderen hört und sieht man Oettinger Englisch sprechen. Dabei bleiben viele Wörter und Sätze rätselhaft. Auch (oder gerade) für Englisch-Muttersprachler. Dafür gibt es im Video eine teilweise untertitelte Wiederholung der Ansprache, in welche die Hersteller (sofern ihnen nicht das schriftliche Manuskript vorlag) viel Zeit investieren mussten, bis sie Bedeutungen aus dem Kontext errieten, wie Linguisten Bestandteile einer unbekannten Sprache (vgl. Alles außer Hochdeutsch?). (Peter Mühlbauer)

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