Zehn Sekunden zwischen Heiratsantrag und Vergewaltigung

In a Lonely Place

An einem einsamen Ort, Teil 4

Teil 1: An einem einsamen Ort: Der American Dream zwischen Humphrey Bogart und Donald Trump
Teil 2: Freies Unternehmertum, zwei Frauenleichen und ein Blumenträger
Teil 3: Unsittliche Verhältnisse, schwarze Nachbarn in der Pianobar und der lange Weg ins Schlafzimmer

Auf der letzten Station unserer Reise durch die amerikanische Kultur- und Seelenlandschaft treffen wir die neue Bildungsministerin, den Chefideologen von Donald Trump und den Mann, der für Barack Obama und Hillary Clinton den Leitfaden zum Ruinieren der Vereinigten Staaten von Amerika schrieb. Wir erfahren, dass die Brüste tanzender Frauen gefährlich sind und Pornographie zum Serienmord animiert. Nicholas Ray zeigt, wie man mit zwei Wohnungen und einem Innenhof eine Beziehungsgeschichte erzählt. Dixon Steele macht Laurel Gray einen Heiratsantrag. Laurel erkennt, dass sie mit Dix nicht leben kann.

Gutscheine für den Fundamentalismus

Das eigentliche Drama auf der politischen Bühne der USA spielt sich nicht in irgendwelchen Tweets ab. Diejenigen, die darauf hoffen, dass Trump über dubiose Russlandkontakte stolpern wird wie einst Richard Nixon über den Einbruch im Watergate-Komplex, oder dass ihm das Regieren zu mühsam wird und er deshalb zurücktritt, könnten noch feststellen, dass The Donald das kleinere Übel und die Republikanische Partei das eigentliche Problem ist. Mike Pence wird dann Präsident sein. Seine bisher vielleicht folgenreichste Tat vollbrachte er, als sich im Senat keine Mehrheit für Betsy deVos fand, weil sogar zwei Republikanerinnen gegen sie stimmten, nachdem sie bei der Anhörung durch eine beeindruckende Ahnungslosigkeit geglänzt hatte.

Mike Pence spricht im Wahlkampf zu Unterstützern der Living Word Bible Church (2016). Bild: United States Department of Education. Bild: Gage Skidmore / CC-BY-SA-3.0

Mit seiner Stimme als Senatspräsident durchbrach Mike Pence das Patt zugunsten der "Milliardärin und Philantropin", wie die Dame immer genannt wird. Es wäre unfair, Pence zu unterstellen, dass er die aus einem christlich-fundamentalistischen Milieu stammende Betsy deVos nur deshalb ins Amt der Bildungsministerin hievte, weil ihn deren Familie mit Spenden in Millionenhöhe unterstützt hatte, als er noch Gouverneur von Indiana war. Die beiden liegen ideologisch auf einer Linie. Ein beträchtlicher Teil der Spenden floss in ein Gutscheinprogramm, das eine wichtige Säule von Pences Regierungshandeln in Indiana war. Betsy deVos ist eine marktradikale Evangelikale, die seit Jahren daran arbeitet, das amerikanische Schulsystem zu privatisieren. Das funktioniert durch Gutscheinprogramme und Charter-Schulen, die ursprünglich die Antwort darauf sein sollten, dass die öffentlichen Bildungseinrichtungen marode sind. Charter-Schulen werden mit Steuergeld finanziert und von privaten Unternehmern betrieben, wodurch - so die Idee - alles besser und effizienter wird. Das gefällt besonders den Republikanern, die den Staat so weit wie irgend möglich zurückdrängen wollen. Das Resultat ist zumindest umstritten.

Betsy deVos. Bild: United States Department of Education

Manche Charter-Schulen sind bei den Eltern so gefragt, dass die Plätze durch Losentscheid vergeben werden müssen. Andere ködern Schüler mit Geschenken wie einem Smartphone oder einem Fahrrad. Befürworter wie Gegner finden Argumente für ihre Position, weil die schulischen Leistungen hier besser und dort schlechter sind als vorher. In manchen Bundesstaaten sind die Charter-Schulen Non-Profit-Organisationen. In anderen wie in Michigan, DeVos’ Heimatstaat und Experimentierfeld, sind sie gewinnorientiert. Eine staatliche Aufsicht ist unamerikanisch und also Teufelszeug.

Das Prinzip ist einfach: Je mehr Schüler angemeldet sind und je weniger sie den Betreiber kosten, umso höher der Gewinn. Der Betrag, den der Staat pro Schüler bezahlt, wird vom Budget der öffentlichen Schulen abgezogen. Ein Allheilmittel ist der Kampf um Marktanteile erkennbar nicht. In landesweiten Rankings fallen die Schüler aus Michigan immer weiter zurück, seit die Charter-Schulen in großem Stil eingeführt wurden. Die Verfechter des neuen Systems ficht das nicht an. Sie streiten entweder ab, dass die Zahl der Analphabeten ständig zunimmt oder begreifen das als eine notwendige Durchgangsstation auf dem Weg zur Besserung.

Ausweislich ihrer bisherigen Aktivitäten als Großspenderin und der dadurch möglich gewordenen Einflussnahme auf politische Entscheidungen ist davon auszugehen, dass Betsy deVos ihr Amt als Ministerin nutzen wird, um das staatliche Schulsystem weiter zu schwächen. Sie wird wohl versuchen, das von Mike Pence in Indiana und bisher auch in einem Dutzend weiterer Bundesstaaten eingeführte Gutscheinprogramm auf die gesamten USA auszudehnen. Eltern erhalten vom Staat einen Gutschein für ihr Kind und entscheiden selbst, bei welcher Schule sie ihn einlösen.

Betsy DeVos und Donald Trump mit Schülern in Florida. Bild: Executive Office of the President of the United States

Das ist ein eleganter Weg, die Wahlfreiheit und die freie Marktwirtschaft mit der Religionsfreiheit zu kombinieren, oder mit dem, was die Fundamentalisten darunter verstehen. Nicht alle, aber viele Evangelikale haben sich in der etwas wehleidigen Überzeugung eingerichtet, dass ihre in der Verfassung verbrieften Grundrechte eingeschränkt werden, wenn die Abtreibung erlaubt ist, Lesben heiraten dürfen, Transsexuelle die freie Toilettenwahl haben oder ein Restaurantbesitzer wegen Diskriminierung belangt werden kann, wenn er sich weigert, schwule Gäste zu bedienen (und wahrscheinlich auch, wenn ein Schwarzer Präsident ist, der ein in Kenia geborener Muslim sein soll).

Andererseits haben sie ein Problem damit, dass die Verfassung eine Trennung von Religion und Staat verlangt. Die Finanzierung religiöser Bildungseinrichtungen aus Steuermitteln verstößt gegen das Gesetz. Mit den Gutscheinen lässt sich das unterlaufen. Eltern können sie einlösen, wo sie wollen. Damit ist noch längst keine - durch den ersten Zusatzartikel zur Verfassung verbotene - Staatsreligion etabliert, wie Dr. James Dobson sie wohl gern hätte. Aber das allmähliche Aufweichen der Trennung von Kirche und Staat ist ein Schritt auf dem Weg dorthin. Man muss weiter denken als bis zum nächsten Tweet von Donald Trump.

Trump: "Kabinett mit dem höchsten IQ" (20 Bilder)

Innenminister Ryan Zinke ist der einzige Minister aus Trumps Team, der sich für sein offizielles Foto ohne Krawatte, aber mit Waffe ablichten ließ. Der deutschstämmige Klempnerssohn aus Montana war vorher Football-Stipendiat und Navy-Seal-Elitesoldat. Seine Kinder nannte er Wolfgang, Konrad und Jennifer. Bild: U.S. federal government

Familienplanung

Um einen Bibelspruch abzuwandeln: An ihrer Politik sollt ihr sie erkennen! Das Gutscheinprogramm, das für die neue Bildungsministerin ebenso ein Herzensprojekt ist wie für den Vizepräsidenten, dem sie ihr Amt verdankt, weckt üble Vorahnungen. Die Produzenten, die sich dafür entschieden, aus Margaret Atwoods A Handmaid’s Tale eine TV-Serie zu machen, hatten ein gutes Gespür. Der Report der Magd ist eine Antiutopie und erzählt von einer puritanischen Theokratie, die auf dem Staatsgebiet der USA entstanden ist.

Das Buch erschien 1985. "Leute wie Mike Pence waren schon damals gegen die Rechte der Frauen oder der Minderheiten und für einen starken Polizeistaat", sagt Margaret Atwood in einem Interview mit der Zeit (6.4.2017). Damals, also 1985, bereitete sich der vom Katholiken zum wiedergeborenen Christen gewandelte Pence auf eine politische Karriere vor, die zunächst nicht recht in Gang kommen wollte. Nach zwei gescheiterten Kandidaturen für einen Sitz im Repräsentantenhaus wurde er Moderator einer patriotischen Radio-Talkshow, in der er forderte, Ehebruch unter Strafe zu stellen, ehe er 2001 doch noch in den Kongress einzog.

Mike Pence Radio Show

Im Wahlkampf hatte er vorgeschlagen, das Geld für die Behandlung von Aidskranken zu streichen und stattdessen - im Geiste der christlichen Nächstenliebe - in Therapien zu stecken, mit denen Schwule von der "Krankheit" der Homosexualität geheilt werden sollen. Als Abgeordneter stimmte er gegen eine Erhöhung des Mindestlohns und gegen Mietzuschüsse für Arme. Steuergeld für Arme, auch für eine bezahlbare Krankenversicherung, ist Verrat am freien Unternehmertum und außerdem schlecht für die Alimentierten, weil es zur Faulheit verführt. Der Gott der Fundamentalisten ist ein Marktradikaler.

Pence brachte Gesetzesinitiativen zum Verbot von "Homo-Ehe" und Abtreibung ein und startete einen Feldzug gegen Planned Parenthood, eine gemeinnützige Organisation, die in den USA die meisten Abtreibungen vornimmt, was aber nur einen Teil des Angebots ausmacht. Planned Parenthood (zu deutsch: Familienplanung) betreibt mehr als 600 Kliniken, in denen Frauen, die sich das sonst oft nicht leisten könnten, Verhütungsmittel erhalten, sich beraten lassen können, Untersuchungen auf HIV oder zur Gesundheitsvorsorge angeboten bekommen. Für die Patientinnen ist das viel billiger als in anderen Bereichen des Gesundheitssektors, weil knapp die Hälfte des Budgets von Planned Parenthood aus der Staatskasse kommt.

Pence versucht seit Jahren, Planned Parenthood und anderen Kliniken, die Abtreibungen anbieten, die staatliche Förderung zu entziehen. 2011 scheiterte er mit einem entsprechenden Gesetz, weil es von einem Bundesrichter gestoppt wurde. Auch vielen seiner Parteifreunde war Pence damals zu radikal. Nichts aus seiner Regierungszeit als Gouverneur von Indiana weist darauf hin, dass er seiner Positionen abgeschwächt hat. Es fällt nur nicht mehr so auf, wie radikal er ist, weil die Republikanische Partei insgesamt so weit nach rechts gerückt ist.

Mike Pence mit Präsident Trump (2017). Bild: Executive Office of the President of the United States

Donald Trump, früher ein Abtreibungsbefürworter, hat versprochen, das Werk seines Vizepräsidenten zu vollenden und Planned Parenthood die Steuergelder zu streichen, weil er verstanden hat, wie wichtig die evangelikalen Wähler für ihn sind. Den Fundamentalisten wird das nicht genügen. Wenn man sich mit ihren gesellschaftspolitischen Positionen vertraut macht dämmert es einem, dass der Kampf gegen die Abtreibung nur Teil eines größeren Projekts ist. Der Sex soll zurück in die Ehe, wo er in der göttlichen Ordnung hingehört, die Frau zurück in den Haushalt. Ob Gott Pence das persönlich gesagt hat wie einst Dr. James Dobson weiß ich nicht.

Sex und Landesverrat

Schade, dass Captain Lochner, der moralisierende Polizist in In a Lonely Place, nie beim Radiomoderator Pence zu Gast war. Das hätte ein interessantes Gespräch ergeben. Verstöße gegen puritanische Moralvorstellungen werden von Polizisten wie ihm mit strafbaren Handlungen verknüpft, weil die Charaktere im Amerika des zu der Zeit noch namenlosen McCarthyismus leben, der das Sexuelle kriminalisierte, wenn es sich außerhalb der bürgerlichen Ehe von Mann und Frau abspielte. Seit Trumps Wahlsieg hat das auf eine fast unheimliche Weise wieder an Aktualität gewonnen.

Lochner legt sich instinktiv auf Dix Steele als Mörder fest, weil Steele für ihn die Verdorbenheit Hollywoods verkörpert und ohne Trauschein mit sittenlosen Frauen schläft. Ehebruch ist das nicht. Ob man es trotzdem verbieten sollte? Dann lässt Lochner Laurel Gray beschatten und erfährt, dass sie nun dauernd in Steeles Wohnung ist. Damit steht für ihn fest, dass sie gelogen hat, als sie Dix ein Alibi gab - nicht so sehr, weil verliebte Frauen das eben machen, sondern vielmehr, weil in Lochners Welt das eine kriminelle Verhalten (Sex vor der Ehe) zum anderen führt (Falschaussage bei der Polizei). Lochner ist sichtlich angewidert, als Laurel offen zugibt, dass sie ein Verhältnis mit Dix Steele hat.

In a Lonely Place

Mike Pence müsste das gut nachvollziehen können. Um der Sünde wirkungsvoll zu begegnen isst und trinkt er nur mit Frauen, wenn seine Gattin Karen mit dabei ist. Im Lichte dieser Information sieht man die erste Szene mit Laurel im Polizeirevier ganz anders. Ungeniert nimmt sie den Kaffeebecher in die Hand, aus dem einer der Männer im Raum zuvor getrunken hat. Andrew Solt, der von Nick Ray durch solche Regieeinfälle düpierte Drehbuchautor, lag völlig richtig. So etwas macht nur eine Schlampe. Bald danach teilt Laurel mit Dix das Bett.

In a Lonely Place

Falls Newt Gingrich doch noch Gehör mit seiner im Wahlkampf erhobenen Forderung findet, den Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten wiederzubeleben, sollte man sich das näher anschauen. Im Verstoß gegen die Moralvorschriften verbirgt sich der Landesverrat. Darum schnüffelten die McCarthyisten auf der Jagd nach Subversiven auch im Sexualleben der Verdächtigen herum. Gingrich kennt sich aus. Als er noch der Star des radikalen Flügels der Republikaner war versuchte er, Bill Clinton des Amtes zu entheben, weil der Präsident doch "sex with that woman" (Monica Lewinsky) gehabt hatte.

Pence, Dobson, DeVos, Gingrich - sie alle wollen nicht so sehr zurück ins 19. Jahrhundert oder gar ins Mittelalter (da gab es in Amerika nur Indianer), sondern in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wohin Trump will ist unklar, außer ins Weiße Haus natürlich. Das ist ihm gelungen. 81 Prozent der weißen Fundamentalisten haben für ihn gestimmt. In einigen umkämpften Bundesstaaten könnte das wahlentscheidend gewesen sein, und damit womöglich für das ganze Land. Sollte Trump für eine zweite Amtszeit kandidieren werden ihn Pence und seine evangelikalen Weggefährten daran erinnern.

Generation Zero

Auch Stephen Bannon, jetzt Trumps Chefstratege, ist ein Freund der 1950er. Bannon hängt der Vorstellung von einem zyklischen Geschichtsverlauf an, die er von William Strauss und Neil Howe übernommen hat, den Autoren von The Fourth Turning: An American Prophecy. What the Cycles of History Tell Us About America's Next Rendezvous with Destiny. The Fourth Turning ist der letzte Teil einer Trilogie, mit der Howe und Strauss zeigen wollen, dass die US-amerikanische Geschichte (und nicht nur diese, irgendwie geht das zurück bis zu König Artus und Homer) in Zyklen von jeweils 80 bis 100 Jahren abläuft, die wiederum in vier Drehungen ("Turnings") unterteilt sind wie das Jahr in vier Jahreszeiten, oder so ähnlich jedenfalls.

Es geht los mit einem Hoch und endet mit einer Krise, begleitet von Kriegen wie dem Unabhängigkeitskrieg, dem Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Absturz im Winter (Fourth Turning) fängt alles von vorne an und es geht wieder aufwärts. Das letzte Frühlingshoch erlebten die Amerikaner in den zwei Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Demnach sind sie jetzt im Krisenwinter, oder der Frühling hat schon angefangen. Das Neue steht vor der Tür, oder es hat die Tür bereits eingetreten. Wie sich daraus ein Film machen lässt demonstriert Generation Zero (2010), erschaffen von Stephen Bannon.

Das Epos erklärt uns die Finanzkrise. Einer der Experten, die ihren Senf dazugeben dürfen wie Prediger bei einer Erweckungsveranstaltung, ist Newt Gingrich. Er weiß, dass Bürokraten versucht haben, die freie Marktwirtschaft zu regulieren, und das war schlecht. Einem echten Konservativen fällt da gleich Roosevelt mit seinen Sozialstaatsambitionen ein. Der New Deal, sagt eine Expertin, hat selektiv bestimmte Gruppen gefördert (offenbar die falschen) und die Gewerbetreibenden vergessen - wahrscheinlich, weil Roosevelt den Kommunismus einführen wollte, was dann von den McCarthyisten verhindert wurde.

Schuld an der Finanzkrise sind die Hippies. Das Unglück begann nach dem Krieg, als die Kinder zu gluckenhaft erzogen wurden und - siehe Flower Power etc. - nicht mehr lernten, was Zucht und Ordnung heißt. Die Logik der Beweisführung hat sich mir nicht erschlossen, aber es geht auch mehr darum, an rechte Verschwörungstheorien anzuknüpfen und Vorurteile zu aktivieren. Es hilft, wenn man schon vorher der Überzeugung war, dass die 1960er Jahre nur Unheil über die Welt gebracht haben, mit Frauenemanzipation, sexueller Revolution und Bürgerrechtsbewegung.

Generation Zero

Die '68er lebten einen hemmungslosen Hedonismus aus. So wurden etwa bei Happenings die nackten Brüste junger Frauen bemalt, obwohl die zum Stillen von amerikanischen Babys da sind (positives Gegenbild ist ein glücklicher Vater, dessen Gattin soeben Zwillinge geboren hat). Die protestantische Arbeitsethik wurde durch das Lustprinzip ersetzt. In der Finanzkrise, sagt ein Experte, haben wir im echten Leben eine Dramatisierung jener Ideen erfahren, die in den 1960ern populär wurden. Kein Wunder, dass es dann gierige Banker gab, denen der eigene Profit wichtiger war als die Folgen ihrer Gier für die amerikanische Familie.

Manchmal kommt man sich vor, als sei man bei der Amtseinführung von Donald Trump gelandet. Der neue Präsident überraschte mit einer Rede, in der er im Stile eines Höllenpredigers das apokalyptische Bild eines am Boden liegenden Landes an die Wand malte, das er zu neuer Größe führen werde. Bannons Film liefert dazu die Illustrationen. Hochhäuser stürzen ein, ein Hai verschlingt einen Klumpen Fleisch, Gemüse verschrumpelt, Fabriken rosten vor sich hin, und sogar im Zeitraffer in die Höhe wachsende Einfamilienhäuser bringen uns an den Rand des Abgrunds, weil Schwarze mit Immobilienkrediten versorgt wurden, obwohl sie sich ein Haus nicht leisten konnten.

Saul Alinsky ruiniert Amerika

Im "reinen Kapitalismus" wäre das nicht passiert. Wir leiden jetzt aber unter dem Vermächtnis von Saul Alinsky. Was ist das für einer? Saul Alinsky war ein Bürgerrechtler und ein Organisationsgenie. Er zeigte benachteiligten Gruppen, wie man sich zusammentut und so organisiert, dass man seine Interessen wirkungsvoller vertreten kann. In den 1950ern half Alinsky dabei, den Bewohnern der schwarzen Ghettos von Chicago eine Stimme zu geben, die auch gehört wurde. Das war so erfolgreich, dass es bald in anderen Städten nachgeahmt wurde.

Das Konzept des Community Organizing hatte großen Einfluss auf die Counter Culture der 1960er. Studenten lernten von Alinsky, wie man an der Universität eine Interessengruppe gründet und was man tun muss, um seine Ziele zu erreichen, statt frustriert in der Ecke zu sitzen und sich darüber zu ärgern, dass man mit schönen Worten abgespeist wurde und sich nichts ändert. Zu seinem Konzept gehörte es, den Ärger ins Establishment zu tragen und dieses zu Gegenreaktionen zu provozieren, die man dann für sich nutzen konnte. Das machte Alinsky zu einem Vordenker der Protestbewegung.

Die dazu passende, in Generation Zero wieder einmal durchgekaute Verschwörungstheorie geht so: Die junge Hillary Rodham (später Clinton) hat eine Abschlussarbeit über Saul Alinsky geschrieben und diesen zu ihrem Mentor erkoren. Auch Barack Obama ist einer seiner Anhänger (der junge Obama leitete in Chicago eine gemeinnützige, von Alinskys Ideen beeinflusste Organisation, die Kurse zur Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeit anbot, arbeitslos gewordene Fabrikarbeiter auf die Rückkehr in den Arbeitsmarkt vorbereitete und Trainingsprogramme zur Vermittlung von Führungskompetenzen veranstaltete).

Alinskys 1971 erschienenes Buch Rules for Radicals (Untertitel: Ein pragmatischer Leitfaden für realistische Radikale) wurde in den Händen von Hillary Clinton und Barack Obama zur Gebrauchsanweisung für das Ruinieren von Amerika. Gingrich wird nicht müde zu erzählen, dass die Clintons und Obama die freie Marktwirtschaft zerstören und in God’s Own Country einen "europäischen Sozialismus" einführen wollen. Ich bin dafür, dass die neue Bildungsministerin Generation Zero auf den Lehrplan setzt. Am besten, man zeigt Bannons Opus in einer Endlosschleife, nur unterbrochen durch das Schulgebet.

Generation Zero verfolgt eine Überwältigungsstrategie. Man wird mit Untergangsszenarien, Expertengerede und unheilschwangerer Musik geflutet, bis man nicht mehr kann. Der kleine (weiße) Mann und die (weiße) Mittelschicht müssen leiden, während sich langhaarige Randalierer und Bürgerrechtler mit der Polizei anlegen (arme Polizei), Flugzeuge abstürzen, dunkle Wolken übers Land ziehen und hedonistische Casino-Kapitalisten (die Produkte der antiautoritären Erziehung) die Roulettekugel rollen lassen. Doch das Positive gibt es auch.

Generation Zero

Die US-Flagge flattert im Wind. Man darf sich an Bildern von glücklichen Eltern und ihren glücklichen Kindern laben. Nach dem Winter kommt der Frühling, so die Botschaft, und mit ihm die Wiedergeburt der autoritären Familie der 1950er (Info für Nostalgiker: In den Fifties wurden Kinder nicht als Kinder betrachtet, sondern als kleine Erwachsene; entsprechend diszipliniert hatten sie sich zu verhalten). Mutti kümmert sich um die lieben Kleinen (viele kleine Erwachsene) und gibt Vati einen Kuss, wenn er zur Arbeit geht. Wir erfahren, dass die Frauen das so wollten.

Wer etwas anderes behauptet ist unamerikanisch und ein von Alinskys Ideen infizierter Radikaler. Die "Alinsky-Gruppe", erläutert einer von den Experten, stellte die USA als eine böse, ungerechte, sexistische und rassistische Gesellschaft dar, um einen Vorwand für die Vernichtung des politischen Gegners zu haben und die Macht an sich zu reißen. Es war aber ganz anders. Nach den Entbehrungen in den von der Weltwirtschaftskrise geprägten 1930ern und dem harten Leben im Zweiten Weltkrieg wünschte sich die amerikanische Frau nichts sehnlicher, als am Herd zu stehen und die Kinder zu versorgen.

Die amerikanische Frau war damals die weiße Mutter weißer Kinder in der Vorstadt, wo die Schwarzen höchstens den Müll abholten. Als die Welt noch in Ordnung war hielt die Frau das Haus sauber, während der Mann das Geld verdiente. Aus dem Zweiten Weltkrieg gingen zwei Visionen für die Zukunft hervor, sagt Gingrich. Die eine war erfolgreich und brachte die Amerikaner auf den Mond. Die andere, sagt der Film, führte nach Woodstock, wo hemmungslose junge Frauen im Sommer '69 den BH auszogen und sich mit ebenso hemmungslosen jungen Männern im Schlamm wälzten.

Heiratsantrag mit Staubsauger

Eines muss man den rechten Ideologen in Trumps Umfeld lassen: Sie sind sehr gut darin, reaktionäre Rollenbilder und die autoritäre, streng hierarchisch strukturierte Familie als Teil des American Dream zu verkaufen. Das ist aber eine Erfindung der 1950er. Zur Entgiftung empfehle ich In a Lonely Place, die Melodramen von Douglas Sirk und, als Sofortmaßnahme, Herrn Korbinian Nasenlöchlers Liedvortrag "Die vier Jahreszeiten". Bei YouTube fehlt leider der Schluss. Ihn muss man sich dazudenken: "Gerade der Winter wäre so interessant gewesen."

Die Melos, die Sirk in den 1950ern drehte, konterkarieren das eine bleierne Zeit kaschierende Idyll der Eisenhower-Ära mit dysfunktionalen Familien, die irgendwo zwischen Scheinmoral, Xenophobie, Vaterkult und Impotenz verortet sind. In All that Heaven Allows und Written on the Wind findet man die Wahrheit, die heutige und frühere Ideologen in der Lüge von einer heilen Welt verstecken, die es nie gab. Nostalgiker sollten sie sich ansehen und sich dann fragen, ob sie so etwas wirklich wiederhaben wollen.

In a Lonely Place ist einer jener Filme, die belegen, wie gut sich das Medium als Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen eignet, wenn nicht die Marktforscher, die Franchise-Verwalter und die Merchandising-Verkäufer das Sagen haben. Das Medium wird dann zum Orakel. Bei Ray liegt das Geheimnis in der Reduktion auf den Kern des im folgenden Jahrzehnt verstärkt propagierten Gesellschaftsmodells, die Beziehung zwischen Mann und Frau - in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und mit Polizisten wie Captain Lochner, die zeitgebundene, ideologisch grundierte Vorstellungen von Sitte und Moral mit Recht und Gesetz verwechseln.

Der Mord an Mildred Atkinson interessiert den Film nur am Rande und führt uns doch zu seinem Mittelpunkt, weil das zentrale Thema das Sterben einer Liebe ist. Das wirft auch die Frage nach den Tätern auf, denen die Liebe zum Opfer fällt. Als Verdächtiger bietet sich der Alltag in der patriarchalisch organisierten Gesellschaft der Nachkriegszeit an. Ray erzählt uns diesen Teil der Geschichte mit Hilfe von Effies Staubsauger, den wir hören, wenn Dix - nach der Begegnung mit Mr. Swan - die Treppe zu Laurels Wohnung nach oben geht. Das ist bereits ein Schwanengesang. Man weiß es nur noch nicht.

Der erste Auftritt von Effie und ihrem Arbeitsgerät ist ein gutes Beispiel für die Vielschichtigkeit dieses Films. Im Dialog beklagt sich Dix darüber, dass Effie schon wieder saugt, obwohl er ihr mehrfach gesagt hat, dass sie das nicht machen soll, wenn Laurel schläft. Dabei überprüft er die neuen Manuskriptseiten, die Laurel für ihn abgetippt hat. Wen schützt er also vor der Störung durch den Staubsauger? Die Frau, die er liebt oder die Sekretärin, die erst in den Morgenstunden ins Bett kommt, weil sie nachts Schreibarbeiten für ihn erledigt?

In a Lonely Place

Alles in diesem Film ist ambivalent. "Sie muss die ganze Nacht gearbeitet haben", sagt Dix zu Effie, dem Zerberus vor Laurels Schlafzimmertür. Das könnte auch eine Entschuldigung dafür sein, dass Laurel noch im Bett liegt, während anständige Leute längst ihrem Tagewerk nachgehen. Eine anstrengende Liebesnacht war von der Zensur verboten, Nachtarbeit hingegen erlaubt. Schließlich hatte Thomas Alva Edison, der Held der protestantischen Arbeitsethik, einst die Glühbirne erfunden, weil sich mit elektrischem Licht produktiver schuften ließ als bei Kerzenschein.

Zwischen Staubsauger und Schreibmaschine erfahren wir dann noch, dass Laurel seit einiger Zeit Schlaftabletten nimmt. Auch die Befürchtung, dass Dix ein Frauenmörder sein könnte, bringt sie um die Nachtruhe. Auf eine ganz unaufdringliche, weil aus der Handlung heraus entwickelte Weise werden Sauberkeit, Zensur und bürgerliche Moral, Privatleben und Arbeitswelt, traditionelle Geschlechterrollen und Gewalt so zueinander in Beziehung gesetzt, dass sie sich gegenseitig kommentieren. Ray sorgt für spannende Unterhaltung und hat zugleich einen Film mit doppeltem Boden gedreht, der immer mehrdeutiger wird, je genauer man hinschaut (und hinhört).

Effie möchte, dass Laurel und Dix ihr Verhältnis bereinigen und auf Hochzeitsreise gehen, damit sie saubermachen kann. Dix gibt das so an Laurel weiter: "Effie will, dass wir heiraten. Sie sagt, dass sie dann eine Gelegenheit hat, das Apartment zu saugen, wenn wir weg sind." Bis hierhin könnte das ein Dialog aus einer der Screwball Comedies der 1940er sein, die so gar keinen Respekt vor der heiligen Institution der Ehe haben (The Awful Truth, His Girl Friday). Die Putzfrau meint, dass wir heiraten sollen, damit sie in Ruhe staubsaugen kann. Warum machen wir das nicht einfach?

In a Lonely Place

Dann kommt allerdings einer der schlimmsten Heiratsanträge der Filmgeschichte. "Ich liebe dich", sagt Laurel. "Aber es gibt keinen Grund, etwas zu übereilen." "Wer hat etwas von Übereilen gesagt?", fragt Dix. "Ich dachte, dass du mir vielleicht eine Antwort gibst, sagen wir in den nächsten zehn Sekunden." Das ist jetzt nicht mehr komisch. Während Laurel noch darüber nachdenkt, ob Dix der von der Polizei gesuchte Mörder sein könnte drückt er ihr im übertragenen Sinne die Kehle zu. Dix hat Mildred Atkinson nicht erwürgt und ist doch ein Täter, weil er Laurel die Luft zum Atmen nimmt.

Er will sofort einen Tisch für die Verlobungsfeier reservieren und noch in derselben Nacht nach Las Vegas fliegen, um dort zu heiraten. Laurel flüchtet vom Frühstückstisch in die Küche. Dix folgt ihr, packt sie an den Armen, bedrängt sie ("Die zehn Sekunden sind vorbei."), will keine Ausflüchte hören, nur ein Ja oder Nein. "Ja", sagt Laurel, weil sie sich nicht traut, Dix abzuweisen. Ray geht mit der Kamera nah heran, weil wir sehen sollen, dass Laurel beim Kuss die Augen offen lässt. Statt sich dem Mann, von dem sie sagt, dass sie ihn liebt, ganz hinzugeben, schaut sich Laurel nach einer Fluchtmöglichkeit um. Die Bilder sprechen für sich. Dieser Heiratsantrag ist eine Vergewaltigung.

Büchse der Pandora

Laurel hat sich von Mr. Baker getrennt, weil der Immobilientycoon versuchte, sie zu besitzen wie eines seiner Grundstücke und sie weder als ausgehaltene Mätresse leben wollte noch als Ehefrau im goldenen Käfig. Sie muss sich fühlen, als wäre sie vom Regen in die Traufe gekommen. Dixon Steele wohnt zur Miete und wird ihr keinen Swimmingpool bauen, um den Wert des Hauses zu steigern, aber die Verhaltensmuster sind sehr ähnlich. Er kauft Laurel einen Ring und ein Kleid für die Verlobungsfeier, will ihr ein Auto schenken usw. Ray stellt mit der für den Film üblichen Direktheit die Verbindung her.

Martha ist im Schlafzimmer gerade dabei, Laurel die Werte einer patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaft einzumassieren (Laurel soll Mr. Baker heiraten, weil er Land besitzt und ein erfolgreicher Unternehmer ist), als Dix mit Geschenken in die Wohnung kommt und fragt, wie weit Laurel mit den zuletzt geschriebenen Drehbuchseiten ist. Das kleinste seiner Päckchen platziert er als Überraschung auf ihrer Schreibmaschine. Was da wohl drin sein mag? Ein neues Farbband vielleicht, damit Laurel weiter Schreibarbeiten für ihn erledigen kann?

In a Lonely Place

Nun ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Liebende etwas schenken oder bei der Arbeit helfen. Der Film zeigt aber, wie Abhängigkeiten entstehen, und dies entlang traditioneller Rollenmuster. Wenn Laurel dem Drehbuchautor als ehrenamtliche Sekretärin zuarbeitet wird aus dem Geschenk ganz schnell ein Almosen. Geld ist wichtig, weil es Macht bedeutet. Das wissen auch die rechten Ideologen, mit denen sich Donald Trump eingelassen hat, um Präsident zu werden. Die Begründungen wechseln, das Ziel bleibt dasselbe. Frauen sollen wieder auf die Rolle als Hausfrau und Mutter festgelegt werden, und auf die dienende Funktion.

Propagiert wird ein Morgen, das ein imaginäres Gestern ist, die Rückkehr in eine verklärte Version der 1950er, die es so nie gegeben hat. Aus den Fehlern der Vergangenheit soll jedoch gelernt werden. Was das heißt erfährt man in Generation Zero. Woodstock, sagt eine Expertin, war ein Resultat der Jugendkultur der 1960er. Die Jugendkultur kam daher, dass die jungen Leute plötzlich viel mehr Geld hatten als je zuvor. Das Geld gaben sie für die falschen Sachen aus. In calvinistisch geprägten Gesellschaften wie der amerikanischen ist das ein schlimmes Vergehen.

In Johannes Calvins Lehre von der Prädestination oder "Gnadenwahl" hat Gott vorab festgelegt, wer als Erwählter in den Himmel und wer als Verdammter in die Hölle kommt. Natürlich möchte man als Gläubiger gern wissen, zu welcher Gruppe man gehört. Ein Indikator ist der berufliche Erfolg. Wer viel Geld verdient erhält damit auch einen Beleg dafür, dass er einer von den Auserwählten ist. Mehr Geld steigert diese "Gnadengewissheit", wie Calvin sie nennt. Mit dem Geld, das eigentlich Gottes Eigentum ist, verbindet sich die Verpflichtung, es gut zu verwalten und zu vermehren. Das ist der Weg zum Seelenheil.

Mr. Baker, der reiche Immobilienunternehmer, hat so gesehen alles richtig gemacht. Für das Haus, in dem früher Laurel Gray gewohnt hat, kann er jetzt mehr Miete verlangen, weil er sein Geld in einen Swimmingpool investiert hat. Sich auf dem Reichtum auszuruhen oder es zur Befriedigung seiner Lüste auszugeben ist hingegen sündhaft. Generation Zero liefert dazu die Bilder. Ein Paar führt einen wilden Tanz auf wie die Neger im Urwald. Eine junge Frau hat sich scheinbar einen Tiger gekauft, damit die Assoziationskette funktioniert, nachdem man den Verstand ausgeschaltet hat: Geld - wilde Tiere - Dschungel - Woodstock (auch Dschungel, nur dreckiger) - Haie - gierige Banker - Raubtierkapitalismus.

Generation Zero

Der Raubtierkapitalismus entsteht im Zusammenspiel von Wall Street und Big Government, also dem von Roosevelt eingeführten Monsterstaat, und ist nicht mit dem "reinen Kapitalismus" zu verwechseln, also dem System des freien Wettbewerbs, dem das Amerika der Nachkriegszeit (neben Gott) seinen Reichtum verdankte. Wer gab nun aber den Jugendlichen das viele Geld? Das waren die Mütter. Als kleine Mädchen mussten sie in den 1930ern vor der Suppenküche anstehen. Dann wurden ihre Väter und Brüder in der Normandie abgeschlachtet. Davon traumatisiert, wollten sie, dass es ihren Kindern nie mehr an etwas fehlen sollte.

Das war fatal, weil sie damit die Büchse der Pandora öffneten. Kinder wurden mit Süßigkeiten vollgestopft, durften beim Familienausflug ungestraft Sachen aus dem Auto werfen und hielten sich für den Mittelpunkt der Welt. So wurden aus properen kleinen Amerikanern nach und nach verzogene Fratzen und in den 1960ern Hippies, die glaubten, den Älteren sagen zu können, was richtig war und wie sie ihr Leben zu leben hatten. Die verblendete Jugend suhlte sich im Narzissmus und verbrannte die amerikanische Fahne, weil die Väter und Opas Vietnam bombardieren ließen. Früher hätte man die Weisheit des Alters respektiert.

Verzagen muss man nicht. Auf den Winter der von den Hippies, Saul Alinsky und den Clintons verschuldeten Finanzkrise folgt der neue Frühling. Das bringt uns zurück in die Spießeridylle der Eisenhower-Jahre und zu den Frauen, für die das schmucke Häuschen in der Vorstadt, umgeben von einem weiß gestrichenen Gartenzaun, die Erfüllung ihres Lebenstraums war. Man muss nur diesmal die richtigen Weichen stellen, damit man später auf dem Mond landet und nicht mit barbusigen jungen Frauen in der Suhlegrube von Woodstock. Wie stellt man das an? Generation Zero weiß die Antwort.

Mutti hat den Kindern das viele Geld gegeben. Also muss jetzt Vati ran, die Finanzen wieder selber kontrollieren, wenn notwendig ein Machtwort sprechen und mit dem Irrglauben der Bürgerrechtler und Emanzen aufräumen, man könne durch Gleichmacherei eine friedliche Welt schaffen, in der alle nett zueinander sind. Das Familienoberhaupt muss das Kommando übernehmen, damit es keine Bruchlandung gibt. Wer das anzweifelt sei an den Kinderpsychologen Dr. James Dobson erinnert, dem Gott höchstpersönlich gesagt hat, dass der Mann die Führerschaft in der Familie übernehmen muss, wenn aus Amerika noch etwas werden soll. Auch Dr. Dobson berät jetzt Donald Trump.

Generation Zero kann man einzeln kaufen oder im "Tea Party Trilogy Box Set", zusammen mit Battle for America (starring Newt Gingrich und Trumps Kurzzeit-Sicherheitsberater Mike Flynn) und Fire from the Heartland: The Awakening of the Conservative Woman. Die erwachte Frau ordnet sich dem Manne unter und gibt ihm die Rechte an ihrer Gebärmutter zurück, weil Gott es so gewollt hat. Präsident Trump hilft ihr jetzt dabei, indem er seine den Evangelikalen gegebenen Wahlversprechen einlöst. Er streicht Gesundheitsorganisationen die staatlichen Gelder, wenn sie bei der Schwangerschaftsberatung auch über Abtreibung sprechen und in Entwicklungsländern Verhütungsmittel verteilen.

Liebe als Besitzanspruch

In Rays In a Lonely Place steht die physische Gewalt stellvertretend für die strukturelle, und wir erleben sie als eine männliche, weil der Film von einer patriarchalischen Gesellschaft erzählt, in der die Frauen zu Objekten gemacht werden. Laurel verlässt den Immobilien-Baker, weil er sie heiraten will wie man ein Haus kauft. Henry Kesler ist ein Spießer, der Mildred Atkinson umbringt, weil sie sich vom Leben mehr erwartet als ein bescheidenes Hausfrauendasein an seiner Seite; dann wirft er sie wie Abfall aus dem Auto. Brub Nicolai steigert sich beim Nachstellen des Mordes so sehr in seine Täterrolle hinein, dass er immer fester zudrückt und beinahe seine Frau erwürgen würde.

In a Lonely Place

Die Identifikation mit dem Mörder fällt Brub genauso leicht wie Dix, der die Regieanweisungen gibt. So wie Dix sich den Mord an Mildred in seiner Phantasie ausmalt legt er mehrfach den Arm und Laurels Hals. Was als zärtliche Liebkosung gemeint ist sieht aus wie eine Geste des Besitzergreifens. Man kann Frauen auch die Luft zum Atmen nehmen, ohne sie gleich umzubringen. Captain Lochner, Brubs moralisierende Chef, macht das mit Mildred noch posthum, wenn er wie selbstverständlich davon ausgeht, dass sie vor ihrem Tod Sex mit Dix Steele hatte und dafür Geld nahm. Anständige Mädchen werden nicht ermordet.

In a Lonely Place

Am Anfang ihrer Liebe zeigen sich Dix und Laurel von ihrer besten Seite und genießen ein paar Wochen des Glücks. Lochner aber kann nicht von Dix als Verdächtigem lassen, weil der Drehbuchautor - anders als der echte Mörder - nicht seinen Vorstellungen von Anstand und Sitte entspricht. So einer muss schuldig sein. Lochner verkörpert den gesellschaftlichen Druck, unter dem die Liebe von Dix und Laurel zerbricht. Unter der Last der polizeilichen Ermittlungen und des um sich greifenden Verdachts fallen sie in alte Verhaltensmuster zurück und offenbaren ihre Schwächen.

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Laurel ist der "Hau-ab-bevor-du-verletzt-wirst"-Typ, wie Dix einmal von ihr sagt, ein Mensch, der durch die Hintertür verschwindet, wenn es brenzlig wird. Dix’ wachsendes Misstrauen beantwortet sie mit Ausflüchten und Lügen. Dix hingegen ist der eifersüchtige und jähzornige Typ, der Konflikten nicht aus dem Weg geht und stattdessen welche schafft, wo es sie nicht geben müsste. Auf tatsächliche oder eingebildete Verletzungen reagiert er mit unkontrollierten Gewaltausbrüchen wie bei der traurigen Verlobungsfeier im "Paul’s", seinem Stammlokal.

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Die Szene zeigt die zersetzende Wirkung des von Lochner gestreuten Verdachts. Laurel will Dix verlassen, traut sich aber nicht, es ihm zu sagen. Nur Mel weiß es. Hinter Dix’ Rücken haben die beiden das gerade fertig gewordene Drehbuch an den Produzenten Brodie weitergegeben, weil sie hoffen, dass ein beruflicher Erfolg Dix über die private Enttäuschung hinweghelfen wird. Dann kommt heraus, was sie getan haben. Dadurch wird alles nur noch schlimmer. Was Dix aus der Schmonzette Althea Bruce gemacht hat erfährt man nicht. An In a Lonely Place kann man die hohe Kunst des Drehbuchschreibens studieren.

Ruinierte Existenzen

Dix verliert die Kontrolle, weil an dem Tisch im "Paul’s", an dem er Verlobung feiern will, mehrere Themenstränge des Films zusammenlaufen. Er ist wütend über den von Mel begangenen Vertrauensbruch (Freundschaft). Er fürchtet, dass Brodie sein Drehbuch nicht gefallen könnte, weil er zu stark von der Vorlage abgewichen ist (Kunst vs. Kommerz). Laurels Verhalten erklärt er sich damit, dass sie zurück zu Mr. Baker will (Eifersucht). Das Resultat ist einer dieser Momente, in denen die ohnmächtige Frustration in Form von Gewalt aus Dix herausbricht.

Er schlägt Mel ins Gesicht, beschädigt ihm die Brille und folgt ihm auf die Toilette, wo er in quälender Hilflosigkeit versucht, sich zu entschuldigen und es wieder gutzumachen. Allein dabei zuschauen zu müssen ist schon ganz fürchterlich. Schließlich reichen sich die beiden die Hände, ohne dass man sich vorstellen könnte, dass das, was durch den Schlag zerbrochen ist, so bald wieder zu kitten wäre, wenn überhaupt. Dann bringt Barnes die Nachricht, dass der Produzent vom Drehbuch begeistert ist. Ein paar Minuten früher hätte das noch viel bedeutet. Inzwischen ist Laurel aus dem Lokal verschwunden, weil sie der Schlag in der Überzeugung bestärkt hat, Dix verlassen zu müssen.

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Am Anfang und am Ende der desaströsen Verlobungsfeier im "Paul’s" kann man sehen, wie genau der Film gearbeitet ist. In der ersten Einstellung sitzt Fran, die nicht eingeladen ist, im Vordergrund an einem Tisch. Kaum haben die Gäste Platz genommen drängt sie sich dazu und plaudert aus, dass Mel das Drehbuch an Brodie weitergegeben hat. Das bringt den Stein ins Rollen. In Gestalt von Fran, mit der Dix früher ein Verhältnis hatte und der er, Lochners Akten zufolge, bei einem Streit die Nase gebrochen hat, meldet sich seine Vergangenheit zurück, die wie ein Schatten über der Gegenwart liegt.

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Im Hollywood, in dem der Film gedreht wurde, war das Gefühl nicht viel anders. Dort lag der Schatten einer Vergangenheit über den Filmemachern, in der die mit dubiosen Listen und Dossiers hantierenden Hexenjäger nach belastendem Material stöberten. Am Ende der Verlobungsfeier ruft Brub (auch nicht eingeladen) an. Der echte Mörder hat sich bei einem Suizidversuch in die Brust geschossen und ein Geständnis abgelegt. Weil Dix schon gegangen ist sehen wir Brub und seinen Chef, Captain Lochner, im Krankenhaus.

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Dix und Laurel, sagt Brub, seien durch die polizeilichen Untersuchungen (und durch Lochners Verdächtigungen) einem enormen Druck ausgesetzt gewesen: "Das hätte ihr Leben ruinieren können." Wohl wahr. Falsch ist nur der Konjunktiv. In Hollywood (und nicht nur da) hatte der McCarthyismus bereits erste Existenzen ruiniert, als In a Lonely Place in den Kinos anlief. Weil der Zweck die Mittel heiligte wie bei Lochners Ermittlungen blieben auch Unschuldige auf der Strecke. Der Film erzählt das in Form einer Liebesgeschichte und erinnert uns regelmäßig daran, dass die Liebe genauso an inneren wie an äußeren, gesellschaftlichen Zwängen scheitert.

Liebe als räumliches Verhältnis

Wie immer bei Nicholas Ray ist das Scheitern der mit so vielen Hoffnungen eingegangen Beziehung räumlich nachzuvollziehen. Man kann da sehen, dass er die Villa Primavera, in der er früher selbst gewohnt hatte, nicht aus Narzissmus nachbauen ließ, sondern weil ihm die Beverly Patio Apartmens, wie die Wohnanlage im Film heißt, dabei helfen, die Geschichte in Bildern und räumlichen Verhältnissen zu erzählen und nicht nur in Dialogen, wie es weniger begabte Regisseure machen.

Die erste Begegnung zwischen Dix und Laurel findet auf neutralem Boden statt, im Innenhof der Patio Apartments und in der Nacht. Anschließend sind beide in ihren Wohnungen, über den Hof hinweg treffen sich ihre Blicke. Am frühen Morgen, wieder auf neutralem, jetzt aber bereits ideologisch aufgeladenem Boden (in Lochners Büro), intensiviert sich die Beziehung, erkennbar am Blickkontakt. Am Vormittag kommt Laurel unter einem Vorwand in Dix’ Wohnung und signalisiert ihm ihr Interesse. Von ihr geht die Initiative aus. Um das visuell zu betonen zeigt uns Ray, wie sie den Hof zwischen den beiden Apartments überquert, bevor sie bei Dix klingelt.

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In der folgenden Nacht geht Dix über den Hof, klopft bei Laurel und wird eingelassen. Laurel spricht aus, was vorher nur zu sehen war: "Ich bin interessiert." Am Vormittag hat sie Dix’ Versuch, sie zu küssen, abgewehrt. Jetzt erlaubt sie es. Danach verbringen sie die Nacht zusammen. Dix und Laurel sind zwei erwachsene, ungebundene Menschen, die einvernehmlichen Sex haben. 1950 durfte man so etwas in amerikanischen Kinos nicht sehen. Nicht einmal das Schlafzimmer oder wenigstens die Tür hätte Ray zeigen dürfen. Stattdessen führt er vor, wie man dem Publikum von Dingen berichtet, die laut Production Code verboten waren.

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Ein probates Mittel waren spiegelbildliche Szenen und suggestive Auslassungen. Nach Sonnenaufgang klingelt Laurel bei Dix, geht in die Wohnung. Die Schlafzimmertür steht offen. Das Bett sieht aus wie nach einer wilden Liebesnacht (oder, aus Lochners Perspektive: nach verbotenem Sex und Lustmord). Laurel und Dix küssen sich nicht. Nach Sonnenuntergang klopft Dix bei Laurel, geht in die Wohnung. Sie küssen sich, im Wohnzimmer. Was fehlt sind Bett und Schlafzimmer.

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Der Zuschauer ist aufgerufen, die Leerstelle mit eigenen Ideen zur Intimität von Frau und Mann zu füllen oder einfach Dix’ zerwühltes Bett gedanklich in das Schlafzimmer von Laurel zu transportieren. Hier ist wieder Rays feine Ironie am Werk. Da, wo wir das Bett sehen dürfen, zeugt es von der unruhig und allein verbrachten Nacht eines einsamen Mannes. Nur die schmutzige Phantasie des Betrachters macht es zu etwas anderem. Da, wo es nach dem Willen der Zensoren nicht einmal erahnt werden sollte, in der den Kuss beschließenden Abblende, kommt es zum Geschlechtsverkehr.

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Captain Lochner, der selbstgerechte Oberpolizist, ist ein Bruder im Geiste von Joe Breen, dem erzkonservativen Hüter des Production Code, der im Zusammenspiel mit Funktionären eines reaktionären Christentums darüber wachte, dass es im amerikanischen Film nicht zu sexuellen Handlungen außerhalb der Ehe kam (und bei Verheirateten nicht ohne Zeugungsabsicht). Rays Inszenierung ist ein Akt des Widerstands gegen einen der Infantilisierung des Publikums Vorschub leistenden Moralkodex.

Man kann das Ganze auch sportlich nehmen. Nicht alle, die in der Production Code Administration ihr Geld verdienten, waren Dummköpfe. Manche Zensoren wussten genau, was vor sich ging und lieferten sich einen Wettkampf mit Regisseuren und Produzenten. Ins Kino kamen mitunter Filme, bei denen verbissen darüber gefeilscht worden war, wie lang die Abblende nach dem Kuss des Liebespaares sein durfte. In einer Kultur der Prüderie, in der das Verdrängte mit aller Macht wiederkehrte, konnte es vermutlich nicht ausbleiben, dass man begann, einen Zusammenhang zwischen der Länge der Abblende und dem in ihr verborgenen Geschlechtsverkehr (sowie der Qualität des von den Liebenden erlebten Orgasmus) zu sehen.

Freiheit für christliche Fundamentalisten und Geisteskranke

Die Liebesbeziehung zwischen Dix und Laurel endet, wo sie angefangen hat: in den Patio Apartments. Dix geht wieder durch den Innenhof und von da zu Laurels Wohnung. Jetzt klopft er nicht mehr, sondern prügelt wütend gegen die Tür. Laurel lässt ihn schließlich ein, dies aber nicht mehr freiwillig wie damals, als sie zum ersten Mal mit ihm schlief. Dix würde andernfalls die Tür eintreten. Jetzt dringt er in Laurels Schlafzimmer ein. Das sind Bilder von einer Vergewaltigung, dargestellt als Grenzverletzung. Über den Production Code und die Kultur, die ihn hervorgebracht hat, sagt das eine ganze Menge.

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Das Schlafzimmer verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Gewalt und unterdrückter Sexualität. Doch an der Oberfläche ist es eine mörderische Wut, die Dix in das Zimmer treibt. Das war erlaubt, solange es mit Strafe verbunden war. Verboten war hingegen das Betreten des Schlafzimmers zum Zweck der liebevollen Vereinigung zweier Körper. Das liegt ganz auf der Linie der aktuellen US-Administration. Die Fundamentalisten, mit denen sich Trump aus wahltaktischen Gründen eingelassen hat, würden gern einen neuen Code einführen, um den Amerikanern die moralische Orientierung zurückzugeben, die ihnen von den '68ern weggenommen wurde.

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Entsprechende Bestrebungen gibt es seit den 1990ern, als Kardinal Roger M. Mahony, damals Erzbischof von Los Angeles, den Geschäftsmann Dennis Jarrard an die Spitze einer mit Priestern, Nonnen, Erziehern und Psychologen besetzten Kommission berief, die sich mit Obszönität und Pornographie in den Medien beschäftigen sollte und alsbald einen neuen Moralkodex forderte, um eine an christlichen Werten und den Zehn Geboten ausgerichtete Unterhaltung durchzusetzen. Einer von Jarrards Mitstreitern war Ted Baehr, Herausgeber von Movieguide.

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Movieguide untersucht Filme nicht nur auf Sex und Gewalt, sondern auch auf Satanismus, Homosexualität und Marxismus. Das erinnert doch sehr an die alte McCarthyisten-Methode, diese Kategorien in einen Topf zu werfen, zu kriminalisieren und zu Kristallisationspunkten für Ressentiments gegen andere Lebensentwürfe zu machen. Wenn ich es richtig verstanden habe sind Bettszenen genauso schädlich wie lange Küsse und Tänze, bei denen die Brüste der Damen in Bewegung geraten. Das muss aufhören, sagt Dr. Baehr, der selbstverständlich auch schon bei Dr. Dobson, einem der spirituellen Berater von Donald Trump, in dessen Sendung Family Talk zu Gast war.

Trump mag ein unsicherer Kantonist sein. Der zielstrebige Mike Pence ist es weniger. Trumps Vize startete seine Politkarriere mit der Forderung, Ehebruch unter Strafe zu stellen und beherrscht wie Dobson und Baehr die Rhetorik der Fundamentalisten, die unermüdlich darüber lamentieren, dass eine falsch verstandene Meinungsfreiheit Menschen diskriminiere, die an lange erprobte und für gut befundene christliche Werte glauben. Die Zensur kleidet sich da in das Gewand der freien Religionsausübung für strenggläubige Christen.

Seit Trump im Weißen Haus sitzt und Dekrete unterschreibt dürfen Amerikaner, die wegen einer physischen Erkrankung für nicht geschäftsfähig erklärt wurden, wieder eine Waffe haben. Der Präsident löste damit ein der National Rifle Association gegebenes Versprechen ein (die NRA unterstützte seinen Wahlkampf mit geschätzten 30 Millionen Dollar). Ganz gegen seine sonstige Art wollte Trump dies in der Öffentlichkeit nicht mit großer Geste als Erfolg präsentieren, weil er weiß, wie heikel die Entscheidung ist. Das überließ er seinem Vize, dem Verteidiger der amerikanischen Freiheitsrechte.

Pornographie und Serienmord

Mit der Verteidigung der Kunst- und Meinungsfreiheit nehmen Pence und seine Gesinnungsgenossen es nicht so genau. Evangelikale und ultrakonservative Katholiken fordern seit Jahren, Filmszenen zu verbieten, in denen jemand auf die Polizei schießt und dergleichen. Wenn demnächst ein geisteskranker Mensch mit seinem Gewehr einen Polizisten umbringt werden sie wissen, was zu tun ist. Nicht der Waffenbesitzer ist das Problem, es sind die Medien durch das schlechte Vorbild, das da geboten wird. Dasselbe gilt für die Homosexualität, die sich ausbreitet, seit sich Schwule und Lesben in Film und Fernsehen tummeln und zur Nachahmung animieren dürfen.

Die interessante Frage ist, wann und wo die Verbote beginnen sollen. In den Netzwerken der religiösen Rechten wird in immer neuen Varianten die "Währet den Anfängen"-Geschichte aufgetischt, seit Dr. Dobson 1989, am Tag vor dessen Hinrichtung, Ted Bundy interviewte und das Video gegen eine Spende von 25 Dollar pro VHS-Kassette allgemein zugänglich machte. Bundy berichtet da, wie er zum Serienmörder wurde und hat eine Botschaft, die Dr. Dobson nur gefallen kann. Nicht in der gesunden amerikanischen Familie mit Vater, Mutter und vier Geschwistern ging es los, sondern im Lebensmittelladen um die Ecke.

Ted Bundy's Final Interview

Dort kam der 12-jährige, 1946 geborene Ted erstmals mit "softer Pornographie" in Berührung. Das müsste also 1958 gewesen sein. Was man da wohl für unzüchtige Bilder zu sehen kriegte, im Zeitungsstand des Lebensmittelhändlers? Egal. Derart angereizt stöberte der junge Ted im Müll der Nachbarn, wo er hin und wieder Bücher mit Gewaltpornographie fand. Er gewöhnte sich an diese Sachen, wurde süchtig nach ihnen und wollte schließlich selber tun, was er bisher nur gesehen oder gelesen hatte. Am Ende tötete er (mindestens) 28 junge Frauen und Mädchen.

Dr. Dobson zufolge erfuhr Ted Bundy durch die Gewaltpornographie eine Desensibilisierung, die vergleichbar ist mit dem, was Deutsche im Dritten Reich dazu brachte, im Auftrag der Nazis Kinder, Frauen und Juden umzubringen, obwohl die Täter keine Psychopathen waren. Das ist noch abenteuerlicher als die kausale Verbindung zwischen Pornographie und Serienmord, hat aber aus Demagogensicht den Vorteil, dass es wie gehabt (in der McCarthy-Ära) die Sexualität mit Verbrechen und totalitären Ideologien vermengt. Wenn es nicht der Faschismus ist, dann eben der Kommunismus.

Man kann von Dr. Baehr nicht erwarten, dass er ein Bewertungsportal für christlich wertvolle und nichtkommunistische Pornofilme eröffnet. Ausweislich der von den Gläubigen gefahrenen Kampagnen ist es auch nicht so sehr die Pornoindustrie, die sich Sorgen machen muss. Das ergibt sich schon aus Dr. Dobsons Gefahrenanalyse. Wenn nämlich die Gewaltpornographie (oder das, was sich Dobsons Hörer darunter vorstellen) die Pforte zum Serienmord ist, erfordert es dann nicht die Verantwortung des Christenmenschen, dort anzusetzen, wo alles anfing, beim Zeitungsstand im Lebensmittelladen des Jahres 1958?

Ohne die nackten Frauen im Playboy, so die Logik (das erste Heft erschien 1953, mit Marilyn Monroe zum Aufklappen), hätte Bundy nicht den Müll der Nachbarn durchwühlt (ob die Besitzer der dort gefundenen Bücher auch Serienkiller waren?), er wäre nicht pornographiesüchtig geworden und hätte niemanden umgebracht, denn ein Verrückter war er nicht, mehr ein Verführter. Wenn man das weiterdenkt sind früher oder später die hüpfenden Brüste von Ginger Rogers Eleanor Powell und Rita Hayworth dran, und von der DVD mit In a Lonely Place muss die nackte Schulter von Gloria Grahame verschwinden, die unschuldige Amerikaner schon 1950 in einen unsittlichen Erregungszustand versetzte.

Ehering als Brandzeichen

In a Lonely Place beginnt als die Geschichte des Drehbuchautors Dixon Steele, um dann nach und nach Laurel Gray und ihr Dilemma in den Mittelpunkt zu rücken. Es ist das Dilemma einer Frau, die selbst über ihren Körper und ihr Leben bestimmen will (ohne die von Dr. Dobson propagierte Führerschaft des Mannes), dabei aber an einer Gesellschaft scheitert, in der die Männer gar nicht daran denken, ihr dieses Recht einzuräumen. Der Immobilien-Baker baut ihr als Statussymbol einen Swimmingpool, und Dix kündigt den Kauf eines Hauses an, um das sie nicht gebeten hat, weil man nach der Hochzeit mehr Platz brauche als bisher.

Gemeint sind die Kinder, die Laurel ihm als Mrs. Dixon Steele gebären soll. Kinder waren fester Bestandteil eines von den rechten Ideologen unserer Tage für zeit- und alternativlos erklärten American Dream, der nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden wurde, um die Frau zurück an den Herd zu bringen und raus aus dem Berufsleben (mit eigenem Einkommen), wo der amerikanische Mann nun wieder seinen angestammten Platz beanspruchte. Traditionelle Frauenberufe blieben davon unberührt. Die Kriegsveteranen wollten nicht auf Friseuse umschulen, sondern zurück in die Fabrik oder in das Büro mit Sekretärin.

Ray integriert das in den Film, indem er nach der ersten Liebesnacht eine Schreibmaschine als häufig gezeigtes Requisit in Laurels Wohnung stellt. Für die Schreibarbeiten wird sie nicht bezahlt (Geld bedeutet Unabhängigkeit), sie erhält von Dix ausgesuchte Geschenke. Laurel tippt aus Liebe für ihn die Manuskriptseiten ab, stellt jedoch bald fest, dass damit ein Muster für ihre Beziehung etabliert wird. Nachdem er ihr das Ja zu seinem Heiratsantrag abgepresst hat schenkt er ihr einen Ring, den sie bis ans Ende ihres Lebens tragen soll. Der Film präsentiert uns das als eine Drohung, nicht als romantischen Gedanken. Man fragt sich, ob dieser Ring mehr Liebesgabe ist oder doch eher ein Zeichen, wem die Trägerin gehört.

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Dix gerät vor Wut fast außer sich, als er bemerkt, dass Laurel den Ring abgezogen hat. Seine Hände zittern, und der Kameramann Burnett Guffey betont durch die Ausleuchtung noch einmal Bogarts Augenpartie wie in der Szene, in der Dix sich vorstellt, wie der Mörder Mildred Atkinson getötet hat (und Brub beinahe seine Gattin erwürgen würde). Mit fortschreitender Handlung übersetzt Ray die strukturelle Gewalt, deren Opfer Laurel wird (als Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft), zunehmend in eine körperliche. So wird sichtbar, was sonst verborgen bleibt, weil es in den Strukturen steckt und als normal gilt.

Ich lebte ein paar Wochen

Die private Liebesgeschichte von Dix und Laurel, die eine des Erstickens ist und uns mit Hilfe von zwei Wohnungen und einem Innenhof erzählt wird, ist durch das Telefon mit der Außenwelt verbunden. Am anderen Ende sitzt die Polizei (und zwischendurch auch Martha, die bei der Ideologiemassage dazu rät, den Immobilientycoon zu heiraten und nicht den Drehbuchautor, weil er Grundstücke besitzt und mehr Geld). Dix hat völlig die Kontrolle über sich verloren, ist in einer Mischung aus rasender Eifersucht und Verlustangst in Laurels Schlafzimmer eingedrungen und gerade dabei, Laurel zu erwürgen, als es wieder einmal klingelt.

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Dix erwacht aus der mörderischen Trance, verlässt das Schlafzimmer und geht an den Apparat. Brub ruft an, um zu sagen, dass der wahre Täter, der das in Lochners Augen gar nicht sein konnte, weil er ein braves gutbürgerliches Leben führte und vor dem Einschlafen ein Stück Kuchen von der Mutter aß, überraschend beschlossen hat, sich zu erschießen. Gründe unbekannt. Als schlechter Schütze hat er die Lunge getroffen und nicht das Herz. Deshalb konnte er ein Geständnis ablegen. Das ist voll bitterer Ironie.

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Die Polizei, die Dix mit ihren unsauber geführten Ermittlungen an den Rand des Wahnsinns (und darüber hinaus) getrieben hat, verhindert jetzt, dass er zum Mörder wird. Andernfalls hätte der Chef der Mordkommission ihn selbst dazu gemacht. Im Drehbuch ist das noch so. Dix entdeckt, dass Laurel vor ihm weglaufen und nach New York fliegen will, weil sie Angst hat, dass er ein verrückter Mörder ist wie von Lochner behauptet. Er erwürgt sie. Brub kommt, um ihn festzunehmen. Dix sitzt an der Schreibmaschine und schließt sein Manuskript mit dem Vierzeiler ab, von dem er bisher nicht wusste, wo er ihn unterbringen sollte: "I was born when she kissed me/I died when she left me/I lived a few weeks/While she loved me."

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Ray hatte das bereits gedreht, als er zu der Überzeugung kam, dass der Film so nicht enden durfte. Romanzen, fand er, müssen nicht mit Mord und Totschlag aufhören. Sie enden so, wie er es gerade selbst erlebt hatte, in seiner Ehe mit Gloria Grahame. Also improvisierte er einen neuen Schluss. Es ist ein Schluss geworden, der sich aus der Logik des Films ergibt und nicht aus der Logik einer Kriminalgeschichte, die In a Lonely Place trotz Polizei und einer aus dem Auto geworfenen Frauenleiche nie sein will. Strukturelle Gewalt wird als physische Gewalt ausagiert, und am Schluss stirbt nicht die Frau sondern die Liebe, die in der dargestellten Welt nicht überleben konnte.

Dix wirkt völlig leer (wie nach einem Orgasmus, über der Szene liegt eine düstere Vergewaltigungsmetaphorik), wenn er ans Telefon geht. Brub teilt ihm mit, dass seine Unschuld erwiesen ist und Lochner sich entschuldigen möchte. "Ein Mann will sich bei dir entschuldigen", sagt Dix zu Laurel. Sie spürt noch Dix’ Hand an ihrem Hals, als sie den Hörer nimmt. "Ich wollte Ihnen nur sagen, wie leid es mir tut, dass ich Sie dieser Tortur unterziehen musste. Der Verdacht gegen Mr. Steele ist komplett ausgeräumt", sagt Lochner. Das ist der Hohn. Lochner musste niemanden einer Tortur unterziehen. Er musste nur korrekt ermitteln, statt seinen Vorurteilen nachzugeben, Laurel als Zeugin zu beeinflussen, Psychoterror auszuüben und Dix durch einen Freund ausspionieren zu lassen.

"Gestern hätte das so viel für uns bedeutet", sagt Laurel in den Hörer und schaut hinüber zu Dix, der an der Wohnungstür steht. "Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Es spielt gar keine Rolle mehr." Dix verlässt die Wohnung, geht die Treppe hinunter und über den Hof. Laurel blickt ihm mit Tränen in den Augen hinterher und spricht den Dialog aus dem Drehbuch, ohne die vier Zeilen zu Ende zu bringen, weil die Poesie der Filmkunst im echten Leben angekommen und daran zerschellt ist: "Ich lebte ein paar Wochen/während du mich liebtest … Good-bye, Dix." Die Leinwand verdunkelt sich zur letzten Abblende, während Dix durch einen Torbogen verschwindet.

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"Das Publikum", sagt Ray im Dokumentarfilm I’m a Stranger Here Myself, "soll sich selber überlegen, was mit Bogey als nächstes passieren wird, wenn er den Apartmentkomplex verlassen hat." Wird er zum Säufer werden, einen Oscar kriegen, sich umbringen, doch noch eine Frau ermorden oder zum Therapeuten gehen? Man weiß es nicht. Nur ein gemeinsames Leben mit Laurel, das steht fest, wird es für ihn nicht mehr geben. Ein so trauriges Ende wie dieses gab es selten. Es zerreißt einem das Herz, wenn man das sieht.

Wenn das Publikum schon am Überlegen ist kann es gleich noch darüber nachdenken, woran die Liebe gestorben ist und ob wir das wiederhaben wollen. Soll das Gestern zum Morgen werden? Entsprechende Angebote gibt es, nicht nur im Amerika von Mike Pence und Donald Trump. Nicholas Ray ist ein gutes Gegenmittel. Wenige Regisseure nähern sich der Fragilität ihrer Charaktere so unerschrocken wie er. Manchmal ist das schwer auszuhalten. Erträglich wird es dadurch, dass Ray, einer der großen Romantiker Hollywoods, die Hoffnung nie aufgegeben hat, dass das mit der Liebe doch klappen könnte.

In a Lonely Place wirbt für mehr Toleranz, für mehr Respekt gegenüber anderen Leuten und ihren Lebensentwürfen, indem er zeigt, was die Alternative ist. Ein grandioser Film. Bitte mehr davon. Let’s Make Hollywood Great Again!