Zehnjährige im Lolita-Look

Werden junge Mädchen, die sich aufreizend stylen, einer gesunden Kindheit beraubt?

Geht es um Sex, so lassen sich einige Reaktionen leicht voraussehen. Zum Beispiel, dass im französischen Magazin Nouvel-Observateur ein Artikel mit der Lolita-Lippenstift-Überschrift "Die Ära der Kindfrau", klangvoller und wortverspielter im Orginal: L'ère de l'enfant-femme, lange Zeit die Liste der meistgelesenen Artikel anführte.

Geteast wird der Leser mit dem Bild einer Generation von 10-jährigen Mädchen, die Handtaschen tragen und sich kleiden, schminken und epilieren wie Frauen. "Eine ganze Generation von verlorenen Kindern", denen keine Zeit gelassen wird, nach Maßgaben einer gesunden Kindheit flügge zu werden: Weil sie "in voller Flugbahn auf dem Weg, erwachsen zu werden, vorzeitig unterbrochen werden", kommentiert ein Psychoanalytiker das Phänomen.

Die zwölfjährigen und jüngeren Mädchen, die im Artikel geschildert werden, gehen "sexy" angezogen zur Schule, "in Minishorts, Miniröcken, enganliegenden Leggings und Froufrous". Klischee? Nein, eine Epidemie, wird ein Lehrer zitiert.

Werden Mädchen schon in frühen Jahren von Modeherstellern mit deren Angebot an "sexy Kleidung" in fragwürdige Rollenmuster gedrängt? Eine US-Studie, die aktuell im Fachmagazin Sex Roles veröffentlicht wird, nahm das Online-Angebot von 15 beliebten Modeketten genauer unter die Lupe. Dazu wurden Kleidungsstücke, die einen "sexualisierten Körperteil" zur Schau stellen oder betonen oder "sexuell suggestive Aufdrucke" hatten, als "sexy Kleidung" eingestuft. Dazu wurde nach "Punktmustern oder Schleifen" gesucht, was wie ein unverfänglicher Schnitt der Kleidung als "klassisch kindliche Merkmale" kategorisiert wurde:

Sexualizing clothing was defined as clothing that revealed or emphasized a sexualized body part, had characteristics associated with sexiness, and/or had sexually suggestive writing. Clothing was also coded for childlike characteristics, such as child-like fabric (e.g., polka dot pattern) or a modest, non-revealing cut.

Der Großteil der 5.666 ausgewählten Kleidungsstücke, 69 Prozent, wurde als kindgerecht eingestuft. Ein Viertel der angebotenen Kleidung erfüllte beide Codes, die kindlichen und solche, die als sexuelle Signale gelesen werden; 4 Prozent der Kleidungsstücke hatten ausschließlich "sexualisierende Merkmale". Der höchste Anteil solcher wurde in sogenannten "Twen"-Stores gefunden, als Beispiel dafür wird Abercrombie Kids genannt.

Für die Wissenschaftler vom Kenyon College ist klar, dass das Rollenverständnis, das mit der Kleidung verbunden wird, erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Mädchen ausübt. Die frühe Orientierung an femininen Reizen, mache die sexuelle Identität schon "in ganz jungen Jahren" zum Thema für die Selbstwahrnehmung. Durch aufgesexte Mädchenkleidung findet eine Art Sozialisierung statt, die mit einer "Objektifizierung", einem "Sich-selbst-als-Objekt-Begreifen" einhergeht, so die zugrunde liegenden theoretischen Annahmen. Die Maßstäbe der sexuellen Attraktivität werden im Kindheitsalter schon an den eigenen Körper angelegt. Mit Depressionen, mangelndem Selbstbewußtsein und geringem Selbstwertgefühl als mögliche Folgen.

Unsere Studie macht deutlich, dass Mädchenkleidung oft in zweierlei Hinsicht sexualisierend ist. Die Kombination von stark geschlechtsbetonten und kindlichen Merkmalen verdeckt häufig die Sexualisierung. Unsichere Eltern lassen sich vielleicht überreden, den Minirock im Leopardendruck zu kaufen, wenn er grell pink ist. Ein Kleidungsstück wirkt allerdings oft trotz Schleifen und Batikdruck noch sexy. Wir glauben, dass diese Art sich zu kleiden dazu beitragen könnte, dass sehr junge Mädchen in die Rolle eines Sexualobjekts gedrängt werden.

Dr. Sarah Murnen et al, zitiert nach Sexy Clothes. too much, too young

(Thomas Pany)

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