Zeitbombe Pakistan - ein Land im Dauerchaos

Zindabad Pakistan ist alles, was die Verantwortlichen des Dauerchaos der Bevölkerung anzubieten haben. Foto: Gilbert Kolonko

In Pakistan haben ein paar tausend religiöse Fanatiker die Regierung in die Knie gezwungen, weil sich die Armee geweigert hat, die illegale Demonstration aufzulösen - dabei ist untergegangen, wie billig die pakistanischen Verantwortlichen ihr Land an China verkaufen

Als der Innenminister Pakistans am 25. November die Armee zur Hilfe rief, um eine illegale Demonstration von religiösen Fanatikern in Islamabad aufzulösen, weigerte sich General Javed Bajwa der Bitte nachzukommen, obwohl es eine Anordnung des Obersten Gerichts in Islamabad gab. Die Regierung brach die gewaltsame Räumung der Demonstration ab, bei der sechs Islamisten gestorben waren und erfüllte alle Forderungen der religiösen Fanatiker, die drei Wochen mit ihrer Blockade den Zugang zwischen den Zwillingsstädten Islamabad und Rawalpindi versperrten: Das traf vor allen die einfachen Arbeiter die täglich hin und her pendeln. Der Justizminister Zahid Hamid trat zurück - und die festgenommenen, gewalttätigen Demonstranten wurden nicht nur aus der Haft entlassen, sondern sollen auch noch für ihre "Leiden" entschädigt werden. Dass sie Polizeiwagen in Brand gesetzt, Polizisten entführt und gefoltert haben - Schwamm drüber.

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Auch der Grund für ihre Demonstration war eine Farce: Vor zwei Monaten wurde ein Satz in einem Formular geändert, das Kandidaten unterschreiben müssen, die für ein politisches Mandat kandidieren. Die religiösen Fanatiker behaupteten fälschlicherweise, dass dabei ein Satz gestrichen wurde, der sich auf den Propheten Mohammed bezieht, und das Resultat nun die Glaubensgemeinschaft der Ahmadiyya aufwertet, die in Pakistan per Gesetz als Nicht-Muslime gelten. Doch dies war sicherlich nicht die Absicht der Regierung. Noch vor einem Monat hetzte selbst der Schwiegersohn von Ex-Premier Nawaz Sharif gegen die Ahmadiyya (vgl. Die Sündenböcke Pakistans).

Wenn jetzt vom großen Einfluss der religiösen Fanatiker auf die pakistanische Gesellschaft gesprochen wird, ist das unpassend: Die Fanatiker schüchtern die Zivilbevölkerung mit Gewalttaten und Drohungen ein und werden dabei oft von einer tatenlosen Politik ermutigt. Gestern Mittag stürmten Mitglieder der Tehreek-i-Taliban Pakistan in Peschawar das Hostel einer Landwirtschaftsschule und töteten mindestens 10 Studenten. Wer erinnert sich noch an die großspurigen Versprechen der Armee, nach dem Schulmassaker in der gleichen Stadt im Jahr 2014, als mehr als 140 Schüler ermordet wurden. Damals wollten sie ab sofort rigoros gegen alle Extremisten vorgehen.

Dabei benutzen die pakistanischen Generäle und Geheimdienste die Fanatiker bis heute, für ihre "verdeckte" Einmischung im indisch kontrollierten Teil von Kaschmir und in Afghanistan. Und überdies, um jede Kritik der Zivilbevölkerung an der Armee im Keim zu ersticken. So verwundert es nicht, dass der vermeintliche Drahtzieher der Anschläge in Bombay, Hafiz Saaed, letzte Woche aus dem Hausarrest entlassen wurde und schon wieder öffentlich Fanatikerreden hält.

Dieses Entgegenkommen der pakistanischen Verantwortlichen soll die Extremisten auch soweit ruhig stimmen, dass diese nicht mitbekommen, wie billig gerade ihr Land an China verscherbelt wird (vgl. China kauft Pakistan. Nicht ohne Grund kam es bis heute kaum zu Übergriffen auf chinesische Bürger in Pakistan, obwohl immer mehr Einzelheiten über die chinesisch-pakistanische "Zusammenarbeit" ans Tageslicht kommen.

Noch immer ist es die Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung, die nichts mit den islamisten am Hut hat. Foto: Gilbert Kolonko

So werden die Gewinne aus dem Milliardenprojekt Gwadar-Hafen zu Ungunsten Pakistans verteilt: 9 Prozent erhält Pakistan, 91 Prozent streicht China ein. Zudem hat Peking schon wieder gefordert, in Gwadar den Yuan als Währung einzuführen, obwohl dies von pakistanischer Seite bereits zweimal abgelehnt wurde. Diese Forderung zeigt, wie sich Peking das zukünftige Engagement in Pakistan vorstellt: Von Wirtschaftszonen aus, die unter chinesischer Hoheit stehen, das Land wirtschaftlich ausbeuten.

Die Milliardenkredite, die man Pakistan gewährt hat, sollen dieses dazu verwenden, die chinesischen "Hoheitsgebiete" zu verbinden. In Pakistan Profite zu erzielen, ist Pekings vorrangiges Ziel. Sie sollen das chinesische Wirtschaftswachstum steigern, weil der heimische Markt alleine kein schnelles Wachstum mehr hergibt. Die Frage, warum die pakistanische Führung dem eigenen Land gegenüber so unverantwortlich handelt, ist leicht zu beantworten: Der Großteil des pakistanischen Establishments verdient sehr gut an dem Ausverkauf.

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Von den toleranten Sufis Pakistans ist kein Aufbäumen zu erwarten. Für die meisten von ihnen ist der Islam eine persönliche Angelegenheit zwischen ihnen und Gott. Das gilt auch für viele gemäßigte Muslime. In Pakistan kostet es schon alle Energie, die eigene Familie, so ehrlich es geht, über die Runden zu bringen. Dass die pakistanische Zivilbevölkerung eine Wende im Land herbeiruft, ist also nicht zu erwarten.

Seit 1990 sind mehr als 120 pakistanische Journalisten ermordet worden, mindestens genauso viele Aktivisten. Was mit unliebsamen Journalisten geschieht, denen der pakistanische Geheimdienst "nur eine Warnung" zukommen ließ, hat Umar Cheema beschrieben. Die erlittenen Grausamkeiten hielten ihn nicht ab, weiter journalistisch tätig zu sein. In Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung deckte er im letzten Jahr die Machenschaften pakistanischer Politiker in Sachen Panama-Offshore-Konten auf. Wie sähe es wohl in Deutschland aus, wenn jedes Jahr die tapfersten und unabhängigsten Journalisten/Aktivisten verschwinden oder solche "Warnungen" erhielten?

Ein Vater dreier Kinder aus Karatschi schrieb mir gestern: "Jedes Mal wenn wir ein wenig Hoffnung schöpfen, passieren Ereignisse wie jetzt in Islamabad, und alle pakistanischen Verantwortlichen verraten uns aus Neue. Ich hoffe, dass ich es erleben werde, dass wir einfachen Bürger Pakistans einmal gemeinsam auf die Straße gehen."

Für die Anhänger des Sufismus ist Religion Privatsache zwischen ihnen und Gott. Foto: Gilbert Kolonko

Imran Khan, die Hoffnung vieler Menschen auf ein tolerantes Pakistans ohne Korruption, für den die Menschen schon zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen sind, schlägt gerade diesen Anhängern wie den zitierten Vater ins Gesicht. Längst im Wahlkampfmodus für 2018 fischte Khan im rechten Becken, indem er behauptete, seine Anhänger würden die Demonstranten in Islamabad unterstützen … So ermutigt, stellen die religiös-extremen Organisationen zurzeit beinahe stündlich neue abstruse Forderungen gegenüber der Regierung. Doch wie üblich geraten sich die verschiedenen geistigen Führer der kleinen Tehreek-i-Labbaik Ya, die die Blockade organisiert hatten, schon wieder selbst in die Haare - Drohungen inklusive.

Und was machen die deutschen und europäischen Botschafter der Demokratie, die politischen Stiftungen aus dem Westen mit Sitz in Pakistan? Viel dürfen sie nicht machen, weil sie die pakistanische Regierung - genauer gesagt der Geheimdienst ISI - verpflichtet hat, ihr Domizil in den goldenen Käfig nach Islamabad zu verlegen. Im letzten Jahr wurden fast allen Stiftungen ohne Angaben von Gründen neue Visa verweigert.

Ein gemeinsamer Aufschrei fiel schwer, denn ein öffentliches Wort von Seiten der deutschen Bundesregierung ist nicht zu erwarten. Sie nimmt es auch schweigend hin, dass ihre Diplomaten in Islamabad seit Jahren bespitzelt werden und für jeden Besuch in einer anderen Stadt mitunter Monate auf eine Genehmigung warten müssen, während deren pakistanischen Kollegen in Deutschland reisen können, wohin sie wollen. Die anderen Staaten der EU verhalten sich ähnlich.

Dabei wäre es so einfach, den Verantwortlichen in Pakistan zu zeigen, dass man auch anders kann: Nicht nur die Sharifs und Bhuttos haben Immobilien in London, wo sie sich teilweise öfters aufhalten als im eigenen Land. Auch zur ärztlichen Behandlung geht es nach Europa. Der kleine bürokratische Edel-Helfer, ohne den kein korruptes System funktionieren könnte, macht ebenfalls nichts lieber, als durch Europa zu reisen. Eine EU, die mit einer Stimme sprechen würde, hätte großen Einfluss in Pakistan. Wenn sich alles nur einigelt, wird eine "Zeitbombe" nach der anderen hochgehen.

Im pakistanischen Wahlkampf wird jedem alles versprochen - am Ende bleibt einmal Chicken Birjani. Foto: Gilbert Kolonko

Von den deutschen Stiftungen in Pakistan soll namentlich die CSU-nahe Hans-Seidel-Stiftung genannt werden. Sie war die letzte, die sich beherzt dagegen gewehrt hatte, in den Käfig nach Islamabad "gesperrt" zu werden. Das überrascht nicht: Als einer ihrer Projektleiter neu ins Land kam, setzte er sich erst einmal alleine ins Auto und fuhr 1000 Kilometer bis in den Süden des Landes - nach Karatschi und zurück. Er bot den Menschen des Landes eine Chance und diese nahmen die Gelegenheit wahr, den Herrn für sich zu gewinnen. Das zeigt, dass es nicht so wichtig ist, ob auf der Verpackung "konservativ" oder "im Zweifel links" steht: Wichtig ist, dass versucht wird, die von Anfang an Benachteiligten zu erreichen und ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.

Ein "explodierendes" Pakistan wird China wie Indien treffen - und wenn deren Wirtschaft ins Stottern gerät, auch den Export-Weltmeister Deutschland. Das globale Wirtschaftssystem ist mittlerweile eng verzahnt, ein sensibler Kreislauf - bricht er zusammen, wird das früher oder später jeder zu spüren bekommen.

Wer sich in Pakistan umschaut, wird feststellen, dass es eben nicht die mehrheitlich korrupten Politiker und selbstsüchtigen Geschäftsleute sind, die genau wissen, was sie den "Westlern" zu erzählen haben, die ein Fünkchen Hoffnung darstellen. Schon gar nicht die Generäle, die nie verstehen werden, dass ihre "guten Taliban" ein unkontrollierbares Feuer sind.

Die Hoffnung gründet sich (noch) auf die Mehrheit der Bevölkerung Pakistans, die bei jeder Wahl zeigt, dass sie nichts mit den religiösen Fanatikern am Hut hat und deren Wünsche dann aufs Neue verkauft werden - so wie augenblicklich das ganze Land - und zwar als Billigartikel.

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