Zeitreise durch die deutsche Fernsehgeschichte

Webseite dokumentiert Leserbriefe aus 51 Jahren "Hör Zu"

Beinahe zeitgleich startete Ende 1952 im damals noch geteilten Deutschland der Fernsehbetrieb. Zuschauer hatten die wenigen Sendungen, die in den ersten Jahren ausgestrahlt wurden, kaum. Vor allem weil die TV-Geräte damals für den Normalbürger kaum erschwinglich waren. Doch eines gab es schon: die TV-Zeitschrift „Hör Zu“, die 1946 zum ersten Mal erschien und sich, wie ihr Name verrät, anfangs fast ausschließlich mit dem Radioprogramm beschäftigt hat.

Dank des Internet kann nun jeder virtuell auf Zeitreise durch die deutsche Fernsehgeschichte gehen. Ein interessanter, aber auch nostalgischer Trip, den die Webseite Zuschauerpost.de ermöglicht. Sie basiert auf der großen „Hör Zu“-Sammlung von Christel und Hellmuth Ahlgrimm, die der Seitenbetreiber Axel Schneider 2002 übernommen hat. Heute besitzt der Remscheider jede bisher erschienene Ausgabe der „Hör Zu“, deren Name im Lauf der Jahre übrigens vier verschiedene Schreibweisen erlebt hat.

Titelblatt der ersten Hör ZU vom Dezember 1946

Im Mittelpunkt der im Netz veröffentlichen Auszüge aus dieser wohl einmaligen Sammlung stehen Leserbriefe und TV-Kritiken. Aber vereinzelt findet man auch Meldungen wie beispielsweise diese aus dem Jahre 1956:

Fast 20 Prozent der Bevölkerung im Bereich des Süddeutschen, des Bayerischen, des Hessischen Rundfunks und des SWF haben noch nie eine Fernseh-Sendung gesehen.

Dass Fernsehen in den Anfangsjahren nicht nur ein Luxusvergnügen war, sondern auch den Freundeskreis erheblich anwachsen ließ, dokumentiert ein Leserbrief an die „Hör Zu“-Kummerkasten-Dame „Frau Irene“ aus dem Jahre 1955:

Seit zwei Monaten haben wir ein Fernsehgerät. Es macht uns viel Freude. Aber ich habe gar nicht gewußt, wie viele gute Freunde und getreue Nachbarn wir haben. Es vergeht fast kein Tag, ohne daß es bei uns klingelt, ohne daß sich jemand für diese oder jene interessante Sendung abends ansagt. Darunter sind Menschen, die sich viel eher als wir ein Fernsehgerät leisten könnten. Wir jedenfalls müssen unser Gerät mit ziemlich erheblichen und uns sehr beengenden Raten abzahlen. Außerdem bleibt es nicht aus, daß wir unsere Fernsehgäste noch mit einem Täßchen Kaffee, mit einem Schnaps oder mit Zigaretten bewirten müssen. Ich finde, daß uns damit zuviel aufgebürdet wird. Ich habe deshalb meinem Mann vorgeschlagen, daß wir eine Sparbüchse aufstellen sollten, in die jeder unserer Fernsehgäste einen kleinen Betrag hineinstecken könnte. Dadurch würden unsere Ratenzahlungen sehr erleichtert werden. Mein Mann findet, daß das eine unmögliche Forderung ist. Bitte, sagen Sie uns doch, wer nun eigentlich recht hat.

Vergleichbares, allerdings in bescheideneren Rahmen erleben heutzutage bestenfalls Pay-TV-Kunden, wenn auf „Premiere“ die Bundesliga läuft. Wie brutal gefährlich Fernsehen damals schon war, kann man 1953 in der „Hör Zu“ lesen:

Eine Haftpflicht-Versicherung gegen Personen- und Sachschäden hat der Süddeutsche Rundfunk zugunsten seiner angemeldeten Hörer abgeschlossen. Diese Versicherung erstreckt sich auf die gesetzliche Haftpflicht, die sich aus dem Besitz von Rundfunk- und Fernseh-Empfangsantennen sowie von Hoch- und Außenantennen ergibt.

Neben abstürzenden Dachantennen trifft man überraschenderweise auch auf einen alten Bekannten. Im Jahre 1947 kommt in der Zeitschrift nämlich Karl-Eduard von Schnitzler zu Wort, damals Leiter der politischen Abteilung des Nordwestdeutschen Rundfunks in Köln und später Chefkommentator des DDR-Fernsehens, der in seiner Sendung „Der Schwarze Kanal“ unermüdlich gegen die westdeutschen Kapitalisten und ihre politischen Knechte zu Felde zog. Vergeblich allerdings. Und schon in der „Hör Zu“ forderte er damals die

Abkehr von der Illusion, das heißt: schonungslose Analyse der Wirklichkeit. Nur sie kann uns zu einer eigenen und vor allem richtigen Meinung verhelfen. Nur der klare Blick ohne die rosarote Brille oder die verzerrte Perspektive des materiell Geborgenen lassen uns zu jener sozialen Gerechtigkeit hinfinden, die am Anfang allen Beginnens stehen mag.

Und auch in den frühen Fernsehjahren konnte man tatsächlich schon die Glotze ausschalten, wenn einem das Programm nicht gefiel. Darauf weist 1965 in einem Leserbrief ausdrücklich ein junger Zuschauer hin:

Ich bin zwar erst 16 Jahre, aber ich weiß, wo am Fernseher der Knopf zum Ausschalten ist. Wenn ich so jede Woche die Leserbriefe anschaue, habe ich den Eindruck, daß viele diesen Knopf nicht kennen. Man schreibt über "unzumutbare Sendungen" und behauptet, daß man sich am Feierabend erholen wolle. Gibt es am Abend denn nur Erholung mit dem Fernseher?

Eine gute Frage, die sich auch Internetnutzer ruhig öfter mal stellen sollten. (Ernst Corinth)

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