Zeitumstellung: Balearen wollen nicht mehr mitmachen

"Hinkelsteine" auf Menorca. Foto: Public Domain

Sigmar Gabriels Wirtschaftsministerium hält die zweimal jährliche Änderung weiterhin für sinnvoll

Wir befinden uns im Jahr 2016 nach Christus. In der ganzen EU werden in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Uhren wieder einmal um eine Stunde zurückgestellt. In der ganzen EU? Ja, noch - aber in der katalanischsprachigen spanischen Region Balearen, zu der die Mittelmeerinseln Mallorca, Ibiza, Menorca und Formentera gehören, hat das Parlament einem Antrag der Regionalpartei Més per Menorca verabschiedet, der fordert, dass die Madrider Regierung in Brüssel eine Ausstiegsgenehmigung einholt, damit man dauerhaft die Sommerzeit behalten kann, was der Beschlussbegründung nach "gesundheitliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile" hätte.

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Werden da andere europäische Regionen nachziehen? Immerhin existieren mit den USA, Australien Brasilien und Argentinien durchaus funktionierende Beispielländer, in denen es in einigen Regionen eine Zeitumstellung gibt und in anderen nicht. Was ist zum Beispiel mit Bayern, wo Ilse Aigner schon vor einigen Jahren versprochen hat, eine Abschaffung der unbeliebten Maßnahme anzugehen?

Aigner antwortet Telepolis auf eine Anfrage dazu, sie habe ihre "Aktivitäten gegen die Zeitumstellung eingestellt", obwohl sie es für "extrem ärgerlich" halte, dass an "einmal eingeführten Regelungen hartnäckig festgehalten wird, unabhängig davon, ob sie sich als sinnvoll erwiesen haben oder nicht". Der Hauptgrund für das Einstellen der Aktivitäten sei aber "nicht etwa Resignation [gewesen], sondern die Tatsache, dass sich über die Frage, welche Zeit beibehalten werden soll, kein einheitliches Meinungsbild herstellen lässt."

Im Bundeswirtschaftsministerium, das vom SPD-Politiker Sigmar Gabriel geführt und von der Pressestelle der Bundesregierung für zeitumstellungsfragenzuständig erklärt wird, verweist man auf eine vor zwei Jahren erschienene Studie im Auftrag der EU-Kommission, die nach Meinung des Ministeriums "bestätigt, dass negative Auswirkungen nicht nachweisbar sind".

Andere Studien kamen in der jüngeren Vergangenheit allerdings zum Ergebnis, dass der bei der Einführung der Zeitumstellung versprochene Energiespareffekt nicht eintrat (vgl. Sommerzeit auf dem Rückzug): 2005 wurde bekannt, dass Energieeinsparungen bei der Beleuchtung "durch den Mehrverbrauch an Heizenergie durch Vorverlegung der Hauptheizzeit überkompensiert" werden. Dieser Mehrverbrauch entsteht vor allem im Frühling und im Herbst, wenn es kälter ist als im Sommer. Nach dem inzwischen erfolgten Glühlampenverbot in der EU sank der Anteil der für Beleuchtung aufgewendeten Energie, was die Bilanz weiter zu Ungunsten der Zeitumstellung verschlechtert.

In Großbritannien, wo man sich nach dem Brexit nicht mehr um eine Zeitumstellungsabschaffungsgenehmigung aus Brüssel kümmern muss, rechnete Elizabeth Garnsey vom Institute for Manufacturing an der Cambridge University 2007 vor, wie die Zeitumstellung zu einem um fünf Prozent höheren Verbrauch an Elektrizität führt, den CO2-Ausstoß massiv steigert und die britischen Haushalte viel Geld kostet. Auch die Wirtschaftswissenschaftler Matthew Kotchen und Laura Grant von der University of California in Santa Barbara, die drei Jahre lang die Zeitumstellung im Bundesstaat Indiana beobachteten, kamen 2008 zu dem Ergebnis, dass dort der Stromverbrauch nach der Umstellung auf die Sommerzeit ansteigt. Die dadurch entstehenden jährlichen Mehrkosten für den Verbraucher schätzten sie auf etwa 8,6 Millionen US-Dollar und die Umweltschäden auf 1,6 bis 5,3 Millionen.

Darüber hinaus gibt es - sowohl für Reisende als auch für die Wirtschaft - zwei Mal jährlich potenzielle Anpassungsschwierigkeiten mit den Ländern, die eine Zeitumstellung nicht für sinnvoll halten - und die werden eher mehr als weniger: Vor fünf Jahren schaffte man in Russland, dem flächenmäßig größten Land der Erde, nach einem Durchrechnen von Vor- und Nachteilen die zu Sowjetzeiten eingeführte Zeitumstellung ab (vgl. Russland beerdigt die Zeitumstellung).

In China, dem einwohnerstärksten Land, werden die Uhren ebenfalls nicht umgestellt. Gleiches gilt für fast alle anderen ost- und südasiatischen Länder (einschließlich der Wirtschaftsgiganten Japan, Südkorea und Indien), den weitaus größten Teil Südamerikas sowie fast ganz Afrika. Dass es in 48 der 50 US-Bundesstaaten eine Zeitumstellung gibt, hat für Europa insofern keinen Anpassungsnutzen, als diese dort erst eine Woche später erfolgt - am ersten Sonntag im November.

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Zu den Gründen, warum weltweit gesehen nur wenige Länder die Uhren umstellen lassen, gehört auch, dass das gesundheitliche Belastungen mit sich bringt: Einer neuen Forsa-Umfrage nach klagen 79 Prozent der Deutschen über solche Probleme, zu denen Schlafstörungen, Konzentrationsunfähigkeit und Gereiztheit gehören. Bei 13 Prozent treten sogar depressive Verstimmungen auf. Fast drei Viertel der Deutschen lehnen die Zeitumstellung deshalb ab (vgl. Zeitumstellung: Mehrheit dagegen, aber keine Aussicht auf Abschaffung und 71 Prozent der Deutschen lehnen Zeitumstellung ab).

Politisch hat diese massive Ablehnung bislang kaum Auswirkungen: Im Europaparlament debattierte man dem Deutschlandfunk-Korrespondenten Sebastian Schöbel zufolge vor einem "fast leeren" Plenarsaal über die Frage:

Gut möglich, dass sie in der EU-Kommission inzwischen Strohhalme ziehen, wenn es um das Thema Zeitumstellung geht. Wer den kurzen Halm erwischt, muss im EU-Parlament mal wieder erklären, warum es Sommer- und Winterzeit in der EU noch gibt. Obwohl viele Menschen den Sinn darin längst nicht mehr sehen. Wenn dem so ist, dann hatte nun Tibor Navracsics wohl einfach Pech: Der EU-Kommissar für Bildung, Jugend, Sport und Kultur musste dieses Mal ran - obwohl er mit dem Thema gar nichts zu tun hat.

(Sebastian Schöbel).

Trotz dieser fast demonstrativen Gleichgültigkeit gegenüber dem Bürgerwillen stieg der Forsa-Umfrage nach der Anteil derjenigen Deutschen, die glauben, dass eine Abschaffung der Zeitumstellung realistisch ist, innerhalb des letzten Jahres von 47 auf 51 Prozent. (Peter Mühlbauer)

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