Zell am See: Wie im Paradies für arabische Touristen

Promenade in Zell am See. Bild: E. Feroz

Das österreichische Städtchen wurde zu einem Zentrum für reiche arabische Touristen aus den Golfstaaten

Wer sich in diesen Tagen im österreichischen Zell am See aufhält, wird sich womöglich wundern. Dies betrifft vor allem europäische Touristen, die das kleine Örtchen mit vielerlei Dinge assoziieren - allerdings nur nicht mit all den arabischen Beschilderungen, den zahlreichen Schleiern in allen verschiedenen Variationen und den kitschigen Sportwägen, die teils irgendwelche Ausfahrten versperren.

Für die Einheimischen sind all diese Dinge nichts Neues. Seitdem Zell am See zu einem der Zentren reicher, arabischer Touristen aus den Golfstaaten geworden ist, herrscht der Boom schlechthin. Aufstände gegen Vollverschleierungen oder gegen Halal-Lebensmittel? Fehl am Platz. Es sind nicht die "Fremden", die sich anpassen, sondern die Einheimischen. Auf die Bedürfnisse der reichen Gäste wird ausführlich eingegangen. Mittlerweile gibt es mehrere Halal-Supermärkte, arabische Speisekarten in zahlreichen Restaurants sowie Dolmetscher in edlen Boutiquen.

Warum Zell am See dermaßen viele Golfaraber anzieht, erscheint auf dem ersten Blick fragwürdig. Dabei ist die Antwort nicht schwierig. Wie viele Regionen im Westen Österreichs ist die Stadt nämlich das absolute Gegenteil der arabischen Metropolen am Golf. Sie ist klein, beschaulich und mit ihrer Berglandschaft sowie ihrem idyllischen See der absolute Kontrast zu den pompösen Luxusoasen der Wüste. Marketing-Agenturen gehen diesbezüglich in den Golfstaaten mit ausgeklügelten Werbemethoden vor. Um das Klientel auf Zell am See aufmerksam zu machen, wird die Stadt etwa mit dem Paradies, wie es an einer Stelle im Koran beschrieben wird, verglichen.

Dieses Konzept schlägt weiterhin ein. Mittlerweile reisen jährlich rund 70.000 arabische Touristen in das kleine Städtchen, gut zehn Prozent aller ausländischer Touristen. Vor allem an regnerischen Tagen sind die Straßen der Stadt voll gefüllt mit den Golftouristen. "Den ganzen Sommer über boomt es. Nur während des islamischen Fastenmonats Ramadan herrscht ein wenig Funkstille", meint ein Gastronom.

"Ma, de Araber"

Die Meinung zu den Golftouristen in Zell am See ist dennoch gespalten. Viele betrachten die reichen Araber lediglich als Geldquelle. Antimuslimische oder antiarabische Ressentiments bleiben weiterhin erhalten - vor allem aufgrund der starken Präsenz der weiblichen Vollverschleierungen, des sogenannten Niqabs. Ähnlich verhält es sich mit einigen Aktionen, welche die kulturellen Unterschiede zwischen der arabischen Wüste und den österreichischen Berge deutlich machen - etwa, wenn versucht wird, auf einem Parkplatz ein Lamm zu schächten. Auf der Tagesordnung steht so etwas zwar nicht, hin und wieder passiert es dennoch einmal.

Um derartige Dinge zu vermeiden, brachte die Stadt vor zwei Jahren eine Broschüre heraus. Unter dem Titel "Where cultures meet" sollte den arabischen Gästen näher gebracht werden, wie man sich in Österreich verhält - etwa, dass man Müll nicht einfach fallen lässt oder dass man sich im Auto anschnallen muss. Oder aber auch, dass man hierzulande nicht auf dem Fußboden isst. Einigen Kritikern war das zu rassistisch. Die britische Zeitung Daily Mail nannte das Ganze "Kultur-Apartheid". Aufgrund der negativen Presse wurden die Broschüren zurückgezogen.

"Ma, de Araber" wäre in diesem Kontext wohl der sinngemäße Ausdruck, den man immer wieder hört - und zwar von allen Einheimischen, inklusive der Migranten. Teils gewinnt man sogar den Eindruck, dass einheimische Muslime einen besonders skeptischen Blick auf die Gäste vom Golf werfen. "Dank denen denken die Menschen hier, wir Muslime seien zurückgeblieben und arrogant", meint etwa ein türkischstämmiger Kellner, der in Zell am See geboren und aufgewachsen ist. "Einer unserer Hilfskellner war ein syrischer Flüchtling. Der wurde von denen wie Dreck behandelt, als sie davon erfuhren", fügt er hinzu.

Auch Araber sind heterogen

Zufrieden hingegen scheint die lokale Polizei zu sein. "Strafzettel werden immer sofort bezahlt. Außerdem gibt es im Gegensatz zu anderen Touristen aus anderen Ländern keine Probleme mit betrunkenen Randalierern", heißt es jedes Jahr von Neuem seitens der Exekutive.

Doch wer sich in diesen Tagen in Zell am See aufhält, merkt, wie heterogen selbst der Tourismus aus der arabischen Region ist. Neben vielen Touristen aus Saudi-Arabien fallen auch dunkelhäutige Männer und Frauen aus dem Oman auf. Obwohl sie im Gegensatz zu den Saudis nicht dermaßen wohlhabend zu sein scheinen, steht vielen von ihnen die gute Laune ins Gesicht geschrieben. Vor allem die jungen, turtelnden Pärchen aus dem Oman stellen oftmals den absoluten Kontrast zu den saudischen Familien dar. Letztere reisen meistens mitsamt ihren philippinischen Kindermädchen und ziehen es vor, bei Tisch mittels ihres Smartphones zu kommunizieren anstatt miteinander.

Jedoch lässt sich auch im Falle der saudischen Touristen nicht von einer homogenen Masse sprechen. Obwohl die Niqab tragenden Frauen dominieren, fallen immer wieder auch jene auf, die lediglich ein Kopftuch tragen und es lässig und modern wirkend um ihren Kopf gewickelt haben. Auffallend ist auch der Unterschied zwischen sunnitischen und schiitischen Saudi-Arabern. Obwohl die Schiiten im Land seit Jahrzehnten benachteiligt werden, scheint es ihnen an ein gewisses Maß von Reichtum nicht zu fehlen. Und selbst wenn, eine Reise ins Paradies nach Zell am See ist immer noch drinnen. (Emran Feroz)