Zemeckis verfilmt die große Koalition

Die digital gefilmte "Legende von Beowulf" führt computeranimiert in die Empirie

Im Jahr 507 nach Christus wird das dänische Königreich von dem grausligen, mit Vorliebe an Menschenköpfen knabbernden und unheimlich sabbernden Dämonen Grendal (Crispin Hellion Glover) heimgesucht, der die Gefolgschaft des alten Regenten Hrotgar (Anthony Hopkins) während einer flotten mittelalterlichen Sause empfindlich dezimiert. Dieser weiß sich nicht anders zu helfen als seine Reichtümer jenem Helden zu versprechen, der sein Land von dem menschenfressenden Übel befreit. Dieser naht sogleich qua Wikingerboot in Gestalt des grimmigen Heroen Beowulf (Ray Winstone), welcher mit seinem Spezi Wiglaf nebst Gefolgschaft der nicht minder ungestümen See trotzt.

An den Gestaden des Dänenreiches angelangt, macht sich die Crew sogleich auf zum Regenten, der mitsamt seinem Volk die potentiellen Befreier freudig willkommen heißt, obgleich sich bald herausstellt, dass Beowulf ein Wettschwimmen verloren hat, weil er dabei noch drei Seemonster killen musste.

Ray Winstone. Bild: Warner Bros. Entertainment

Man heckt zusammen den Plan aus, wieder ein lautes Trinkgelage zu veranstalten um den lärmempfindlichen Wüterich anzulocken. Nachdem die junge Frau Königin (Robin Wright Penn) ein paar anmutige Weisen auf ihrer Lyra dargeboten hat, erscheint auch prompt das Biest, das Krieger wie Marsriegel verspeist - aber dieses mal die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Denn Beowulf gelingt es, dem übernatürlichen Unhold einen Arm abzuschlagen, worauf dieser noch fliehen kann, jedoch in den Armen seiner Mutter (einer Sirene) das Zeitliche segnen muss - aber nicht bevor ihm diese einen gescheiten Hitler-Scheitel hingestreichelt hat.

Nun macht sich Beowulf auf, um auch dem Mutterdämon den Garaus zu machen. Nur stellt sich bald heraus, dass dieser Mutterdämon aussieht wie Angelina Jolie (was zum Teil daran liegt, dass er von ihr gespielt wird), worauf der Held mit ihm das Gegenteil von Krieg macht. Da der Zuschauer bereits weiß, dass Hrotgar mit ihr dereinst schon ähnlich zugange war und das sabbernde Monster dessen unehelicher Sohn ist, beginnt man hier weiteres Unheil zu ahnen.

Angelina Jolie. Bild: Warner Bros. Entertainment

Beowulf kehrt mit dem Kopf von Grendal heim, verschweigt aber das Schicksal der Sirene, worauf Hrotgar ihn zu seinem Nachfolger ernennt und sich sogleich von der Zinne stürzt.

Nach einem Zeitsprung begegnen wir dem inzwischen betagten Beowulf wieder, der in der Zwischenzeit wie sein Reich christianisiert wurde, was für ihn als Heroen jedoch gar nicht günstig ist, weil diese naturtranszendente Religion ja geradezu als Erfinderin der Schuld und also des schlechten Gewissens gilt.

Wie vorher bei Hrogath ist auch Beowulf die Ehe nach dem meerverhexten Schäferstündchen kinderlos geblieben - dafür meldet sich wieder einmal ein illegitimer Nachkomme in Gestalt eines flammenspeienden Drachens an, der das halbe Königreich in Schutt und Asche legt. Ein letztes Mal muss Beowulf ausziehen um ein Ungetüm zu stoppen, was ihm (nachdem er sich den einen Arm abgesäbelt und das Herz des fliegenden Schurken mit dem anderen herausgerissen hat) auch gelingt.

Dafür muss nun auch Beowulf dran glauben. Sein Spezi Wiglaf übernimmt das Zepter, aber als dieser an den Ufern der See seinem Freund das letzte Geleit gibt, blinzelt schon wieder eine angelinajolieske Meerhexe aus dem Wasser...

Christentum, Weltkrieg und Münteferings Rücktritt

Der Stoff vom skandinavischen Drachenbezwinger entstammt nicht aus der neuzeitlichen Fantasie (wie die Abenteuer von J.R.R. Tolkien), sondern ist ein englisches Nationalepos aus dem achten bis elften Jahrhundert, bei dem sich der Inhalt einer germanische Sage mit christlichen Elementen mischt.

Der vor allem für seine „Zurück in die "Zukunft“-Trilogie und für die Zusammenarbeit mit Tom Hanks („Forrest Gump“) bekannte Erfolgsregisseur Robert Zemickis legt mit der Verfilmung dieses Stoffs nach „Polarexpress“ seinen zweiten computeranimierten Streifen vor – dieses Mal in 3D-Format, damit der Zuschauer hautnah mitbekommt, wenn des Monsters Sabber auf das Haupt der jungen Königin rinnt.

Für das Drehbuch zeichnen der mit seinen “Sandmann“-Comics zu Berühmtheit gelangte Neil Gaiman und der Co-Autor von „Pulp Fiction“, Roger Avary, verantwortlich – ohne allerdings, dass sich dies auf die Spannung des Films niederschlagen würde, der über weiteste Strecken wie eine Verfilmung eines Computerspiels wirkt. Anders als der „Herr der Ringe“, wo die internationale Konstellation vor dem II. Weltkrieg thematisiert wird, bietet Beowulf keine offensichtlichen zeitgeschichtlichen Anknüpfpunkte - sieht man einmal vom Hitlerscheitel des Dämons bei dessen Tod ab. Dafür pflanzen sich von Herrscher zu Herrscher christlich-manichäisch mit der Sünde auch die Schande und die Dämonen fort, bis der betagte Wiglaf mit offenem Ende die sexy Sirene trifft.

Brendan Gleeson, John Malkovich und Robin Wright Penn. Bild: Warner Bros. Entertainment

Eine politische Ebene ließe sich allenfalls für das deutsche Publikum ausmachen - mit Gerhard Schröder als Hrotgar und der momentan das Land regierenden ehemaligen FDJ-Sekretärin als Beowulf. Als mögliche Monster wären je nach politischer Präferenz Gewerkschaftsführer oder Arbeitgeberpräsidenten vorstellbar.

Mystisch-dunkel bleiben dann noch die äußerlichen Konvergenzen des Film-Wiglaf mit unserem Droste. Entschlüsselt wäre jedoch der Umstand, warum den Charakteren aus der zweiten Reihe zwar noch ein aufwändig gestalteter computeranimierter Busen gegönnt wurde, aber kein lebensechtes Gesicht – hier musste eben am Budget gespart werden, um die aufwendige PR-Kampagne zu finanzieren. Alles in allem ist der Beowulf-Film, der heute in die Kinos kommt, so auf eine rätselhafte Art der perfekte Film für die Woche von Franz Münteferings Rücktritt. (Reinhard Jellen)