Zerstört Tourismus, was Reisende fasziniert?

Illustration der kritischen Doku-Broschüre "Tren Maya Made in Germany - Die Deutsche Bahn und der Zug der Zerstörung" (Ausschnitt).

Beispiel Mexiko: Das Projekt "Tren Maya" sorgt für Kritik an der Deutschen Bahn. Indigene wurden nicht in die Planung eingebunden und teils bedroht.

"Deine Bahn missachtet die Rechte indigener Bevölkerungsgruppen. Deine Bahn zerstört in Mexiko einen artenreichen Urwald". Mit diesen Botschaften, die der Werbeansprache der Deutschen Bundesbahn (DB) angepasst sind, versucht ein zivilgesellschaftliches Bündnis von Umwelt- und Solidaritätsgruppen aus verschiedenen Ländern ein Projekt zu kippen, das auch in Mexiko für viel Kritik sorgt.

Beim "Tren Maya" handelt es sich um ein touristisches Prestigeprojekt des sozialdemokratischen mexikanischen Präsidenten. Der "Maya-Zug" soll die archäologischen Stätten im Süden des Landes verbinden. Doch der Bau der 1500 Kilometer langen Zugstrecke stößt bei vielen Indigenen auf Widerstand. González Díaz, der seit mehr als zwei Jahrzehnten als Aktivist für die Rechte indigener Gruppen arbeitet, spricht von einem "kolonialen Projekt", das ohne die Einbeziehung der indigenen Gemeinden von oben durchgesetzt werden soll.

Streit um "Tren Maya" auch in der mexikanischen Linken

Das Projekt sorgt auch unter mexikanischen Linken für Streit. Einige Gruppen, die den Präsidenten unterstützen, verweisen auf die wirtschaftliche Erschließung der Region durch das Zugprojekt, das als Touristenmagnet dienen soll. Doch ein Großteil der außerparlamentarischen Linken, die sich vor allem an den Zapatistas orientieren, sieht in dem Projekt das Symbol einer verfehlten Wirtschaftspolitik, die vermeintlichen Fortschritt durch immer mehr Technik, Industrie und Naturzerstörung erzielen will.

Sie verweisen darauf, dass die Biosphäre und die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung durch das Bahnprojekt weiter zerstört werden. "Für den Neoliberalismus ist das einzige Kriterium die Maximierung des Profits der Investoren in kürzester Zeit, ohne dabei die volle Beteiligung (…) der indigenen Gemeinschaften der Maya, die Eigentümer des Landes sind, zu berücksichtigen", so die Kritik des Menschenrechtsaktivisten und Poeten Pedro Uc Be. Ein internationales Rechercheteam aus zivilgesellschaftlichen Gruppen unterstützt diese Kritik und untermauert sie durch seine Forschungsarbeit.

Ausführlich wird die Umweltzerstörung durch das Zugprojekt erläutert. Durch die Waldrodung werde die Wasserknappheit noch massiv gesteigert. An konkreten Beispielen wird in dem Bericht belegt, dass indigene Gemeinden nicht in die Planung einbezogen und Kritiker bedroht wurden.

So erhielten Pedro Uc Be, seine Partnerin und seine Kinder über WhatsApp Morddrohungen. Sie hätten 48 Stunden Zeit, um die Region zu verlassen. Sonst würden sie nicht überleben. Diese Drohungen werden auch deshalb von den Betroffenen sehr ernst genommen, weil in den letzten Jahren immer wieder Kritiker wirtschaftlicher Megaprojekten in Mexiko ermordet wurden.

In dem Bericht wird von 48 Opfern in den letzten drei Jahren gesprochen. Die Kritiker stellen das Zugprojekt auch in einen Zusammenhang mit der Migrationsabwehr, die von der mexikanischen Regierung im Einklang mit den USA betrieben wird. "Stellt man die verschiedenen Megaprojekte und Infrastrukturvorhaben auf der Landkarte dar, sieht man, dass sie Bausteine für eine ‚Migrantensperre‘ sind, mit der man die geopolitischen Interessen der USA bedienen will", meint Sergio Prieto Díaz, einer der mexikanischen Wissenschaftler, die den Protest gegen die Bahnlinie unterstützen.

Deutsche Bahn in der Kritik

Zu den internationalen Konzernen, die an dem Projekt beteiligt sind, gehört die DB Engineering & Consulting. "Unsere Hauptkritik richtet sich gegen die Beteiligung und Unterstützung eines Projekts, mit dem nachweislich Menschenrechte verletzt werden und indem es nachweislich zu schwerwiegenden Umweltzerstörungen kommt", erklärt ein Mitglied der Recherche-AG gegenüber Telepolis und macht auf widersprüchliche Reaktionen der Deutschen Bahn aufmerksam.

Als Antwort auf die Kritik habe das Bahn-Management erklärt, dass das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) eng in das "Tren Maya"-Projekt eingebunden sei. "Das stimmt aber nicht – das OHCHR selbst kritisiert das Projekt, vor allem wegen fehlerhafter Konsultierungen der indigenen Völker", so die Aktivistin. Die Bundesregierung sei gegenüber dem Unternehmen weisungsberechtigt und müsse umgehend den Rückzug des Tochterunternehmens der Deutschen Bahn veranlassen, so die Forderung des Rechercheteams.

Es verweist auf das von Deutschland im letzten Jahr ratifizierte und am 23. Juni 2022 in Kraft getretene Abkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das den besonderen Schutz indigener Gemeinschaften regelt. Dort wird ausdrücklich betont, dass sie in die Lage gesetzt werden müssen, "die Kontrolle über ihre Einrichtungen, ihre Lebensweise und ihre wirtschaftliche Entwicklung auszuüben sowie ihre Identität, Sprache und Religion zu bewahren und zu entwickeln".

Kritik an Auslandseinsätzen der Deutschen Bahn

Die Kritik des zivilgesellschaftlichen Bündnisses beschränkt sich allerdings nicht auf den "Tren Maya". "Darüber hinaus richtet sich die Kritik in unserem Report auch generell gegen die vielen Auslandseinsätze der Deutschen Bahn", betont das Mitglied der Recherche-AG.

"Während in Deutschland das Schienennetz ausgebaut werden und der Weg hin von einer "Betonbahn" zu einer "Klimabahn" eingeschlagen werden müsste, erwirtschaftet die DB einen Großteil ihrer Profite im Ausland, mit fragwürdigen Geschäftspartnern – neben Mexiko ist die DB in über 100 Ländern aktiv, auch in Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, China, und Kolumbien" moniert die Aktivistin.

Sie erinnert daran, dass die DB nicht nur mit "Bahnprojekten" auf der ganzen Welt aktiv - sondern auch mit Frachtschiffen, Flugzeugen - oder über den Logistikdienstleister DB Schenker an Rüstungs- und Militärtransporten. Die indigenen Gemeinden bräuchten auch vom Globalen Norden keine Ratschläge in Sachen Klimaschutz.

"Die indigenen Völker sind die besten Schützer des Weltklimas, 80 Prozent der Biodiversität findet sich in ihren Territorien. Wir kritisieren, dass die Deutsche Bahn außerhalb Deutschlands an Projekten mitwirkt, die die indigenen Territorien bedrohen – und sich dann ‚Deutschlands schnellster Klimaschützer‘ auf den Zug schreibt", so die Aktivistin. (Peter Nowak)

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