Zeugen Jehova: Closed Shop mit großer Außenwirkung

Ein Blick hinter die Kulissen der Sekte offenbart ein System aus Unterwerfung, Drill und Gewalt

Francis Tanya Luce ist in einem Heim aufgewachsen. Als sie dies mit 18 Jahren verlassen musste, fiel sie in ein tiefes Loch, sie hatte eine existentielle Krise. In dieser psychischen Verfassung geriet sie, gerade einmal 19 Jahre alt, an einen freundlichen Missionar, der - gut geschult - schnell erkannte, dass die junge Frau leichte Beute sein würde. Er plauderte ein wenig mit ihr, über dies und das, erfuhr auf diese Weise, dass sie Pferde mag.

"Sehen Sie", eröffnete er ihr lächelnd, "dann können Sie ja später im Paradies vielleicht ein Pferdegestüt leiten". Diese Idee gefiel der jungen Frau, wie auch die Aufmerksamkeit, die der Missionar ihr schenkte. Er lud sie ein zum Studium der Bibel, dass diese eine sehr eigene Interpretation des "Heiligen Buchs" war, ahnte die junge Frau damals nicht. Geschweige denn, welche Konsequenzen diese "Eigenheiten" für sie haben sollten.

Als sie zum Kongress fahren wollte, der drei Mal pro Jahr abgehaltenen landesweiten Vollversammlung, um sich dort taufen zu lassen, begleitet er sie persönlich. Heute weiß sie, dass sie schon damals den strengen Kontrollmechanismen der Organisation unterworfen wurde. Am 24.3.1991, dem Tag ihrer Taufe, war sie jedoch froh, als vollwertiges Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen worden zu sein.

Sie erfuhr nicht nur von dem Missionar viel Aufmerksamkeit, sondern auch von anderen Mitgliedern. Besonders von einem jungen Mann, den sie wenig später, am 27.9.1991, heiratete. Als der sie schlug und vergewaltigte, war es indes vorbei mit der Aufmerksamkeit, jedenfalls der positiven. Ab dem Moment, in dem sie das Martyrium offen ansprach, das sie durchlebte, galt die Aufmerksamkeit nur noch dem Bestreben, sie auf den rechten Pfad zurückzubringen, die Ehe, d.h., die Gewalt, zu ertragen und ein "normales" Leben einer aktiven Zeugin Jehova zu führen.

Die offizielle Anerkennung des deutschen Zweigs der Wachturm-Gesellschaft (WTG) gibt der Organisation das Recht und die Möglichkeit an die Hand, auftretende Probleme intern zu klären. Einfache Mitglieder sind der Organisation deshalb komplett ausgeliefert.

Trotz aller Widrigkeiten kämpfte Francis Tanya Luce sich aus den Fängen der weltweit agierenden Organisation frei, ließ sich offiziell scheiden und gründete eine Selbsthilfegruppe, zunächst nur für ehemalige Mitglieder der ZJ, inzwischen generell für ehemaligen Sektenmitglieder.

Über ihre Zeit als Zeugin Jehova, immerhin mehr als 24 Jahre ihres Leben, hat sie unter ihrem Pseudonym Francis Botany das Buch "Francis Gefängnis" geschrieben, das vermutlich im Frühjahr im epubli Verlag erscheinen wird. Mit Telepolis sprach sie über Schein und Sein, dem Widerspruch zwischen der Außendarstellung und der internen Wirklichkeit der Organisation.

Die hauseigene Welt und Autorität

Wie viele Zeuginnen und Zeugen Jehova gibt es in Deutschland?
Francis Tanya Luce: Genau lässt sich das nicht sagen, laut Wachturm vom 15.1.1992 gab es damals in Deutschland ca. 165 000 tätige Zeuginnen und Zeugen Jehovas (ZJ).
Wie sieht der Alltag aus?
Francis Tanya Luce: Es gibt fünf Bereiche, die im täglichen Leben der ZJ eine hauptsächliche Rolle spielen:
a) Gebet in jeden Lebenssituationen und zu jeder Zeit.
b) Studium aller Publikationen. Das gilt insbesondere für die Neue Welt Übersetzung (NWÜ) der Wachturm- Gesellschaft (WTG), eine eigene Bibelübersetzung. Es ist das Buch für alle ZJ. Diese Bibelübersetzung ist nirgendwo im Handel zu erwerben, sondern wird ausschließlich im Rahmen der Missionierung kostenlos herausgegeben. Die WTG, d.h., die Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, ist die Muttergesellschaft in den USA, der deutsche Zweig ist als Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft der Zeugen Jehovas, e. V. anerkannte Körperschaft des öffentlichen Rechts.
c) Teilnahmepflicht an den drei Mal wöchentlich stattfindenden Ortsversammlungen sowie der drei jährlichen Kongresse. Dort werden die Doktrinen der WTG verbreitet, untersucht und besprochen. Diese gelten als Handlungsmaxime für alle ZJ.
d) Predigtdienst, dh. Missionieren bei jeder Gelegenheit. Dazu gehört auch die Verteilung des Wachturms auf öffentlichen Plätzen.
Was sind Pflichten und Aufgaben, die von den Mitgliedern erledigt werden müssen?
Francis Tanya Luce: Je nach Aufgabe in der Versammlung haben Männer Dienstämter inne wie z.B. Ältester, Dienstamtsgehilfe oder andere Aufgaben.
Alle ZJ haben ein Gebiet zu missionieren und sind verpflichtet, bei jeder Gelegenheit zu missionieren. Frauen haben ihre Familie zu versorgen und ihre Männer zu unterstützen sowie alle ihre Aufgaben innerhalb der WTG zu erledigen, wie z. B. die Versorgung von Älteren und Kindern.
Sowohl Mann wie auch Frau haben zusätzlich den Lebensunterhalt zu verdienen und für die WTG Zeit, Geld und Mittel und Kraft einzusetzen.
Kinder müssen ihren Eltern gehorchen und müssen - soweit sie das können - auch missionieren. Die Frau steht unter dem Mann, genauso wie die Kinder. Das ist das Prinzip der Unterordnung.
Verheiratete ohne Kinder und Ledige sollten möglichst als Vollzeitmissionare oder im Bethel mitarbeiten. Bethel stammt aus dem Hebräischen und heißt übersetzt "Haus Gottes". Es gibt weltweit mehrere Bethel, d.h. die Zentralen, in denen die Arbeit vor Ort koordiniert wird.
Alle, die gemeinsam in einem Bethel tätig sind, verstehen sich als Bethelfamilie. Wie eine Familie wohnen, arbeiten und essen sie zusammen und studieren gemeinsam die Bibel, d.h., die hauseigene Auslegung, die "Neue Welt Übersetzung".
Gibt es spezielle Ausbildungen oder Schulungen für die Missionarstätigkeit?
Francis Tanya Luce: Es gibt innerhalb der WTG mehrere Schulen wie z. B. die Predigtdienstschule, die Pionierdienstschule, die Missionarsschule und eben die Bethel.
Dort gibt es Ausbildungen für verschiedene Aufgaben innerhalb der Versammlung wie z. B. das Dienstkomitee, das Krankenhausverbindungskomitee, das Rechtskomitee, das Baukomitee oder das Zweigkomitee. So werden die ZJ in die Organisation eingebunden und beschäftigt.
In der sogenannten Predigtdienstschule und Pionierdienstschule werden die Einzelnen sowohl in der Ortversammlung als auch an anderen Orten geschult, um Menschen zu missionieren. Es wird in ca. 245 Ländern der Welt missioniert.
Außerdem werden nationale wie internationale Kongresse abgehalten, dort werden Ansprachen etc. gehalten, um mehr Menschen zu erreichen.
Im Grunde genommen geht es darum, die ZJ zu indoktrinieren, dazu gibt es verschiedene Studien: Das WT-Studium in den Einrichtungen der Organisation, das private Studium und das Versammlungsstudium, also in den Gruppentreffs, die drei Mal pro Woche stattfinden. So wird in jedem Bereich sicher gestellt, die Mitglieder unter Kontrolle zu halten. Dieses Kontrollsystem ist eine geistige Zwangsjacke.
In den Versammlungen gelten Regeln, die regional sind, wie z. B. Besuch der Zusammenkünfte usw. Aber es gibt vor allem was die Doktrin betrifft allgemeine Regeln, wie z. B. Verbot des Blutgenusses oder politische Neutralität und die Zwei-Zeugen-Regel. Das bedeutet, wenn eine Frau häuslicher Gewalt ausgesetzt ist und sie das bei den internen Schiedsstellen vorbringt, braucht sie zwei Zeuginnen oder Zeugen, zwei Erwachsene außer ihr, die ihre Aussagen bestätigen.
Es wird nach außen hin sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Organisation auf dem Boden des Grundgesetzes stünde, dass alle auf freiwilliger Basis handeln, aber die innere Doktrin verbietet bestimmte Dinge wie oben angesprochen, wozu auch Geburtstag und Weihnachten feiern gehören. Jemand der gegen die Doktrin, basierend auf die Auslegung der NWÜ - der eigenen Bibel der WT Gesellschaft - handelt und nicht bereut, wird ausgeschlossen.

Hineingeborene und Fremde

Wie sind sie organisiert? Was sind die Strukturen der Organisation?
Francis Tanya Luce: Die Struktur ist hierarchisch geordnet: Ganz oben an steht die Watchtower, die Mutterorganisation in den USA, danach kommen die Zweigbüros, die Bethel und dann die lokalen Versammlungen.
Mittlerweile gibt es Predigt -Dienstgruppen, die über Whats App organisiert werden von einem Leiter. Bei Maßnahmen wie Bauprojekten packen alle mit an und in der Versammlung steht ein Ältester als Leiter zur Verfügung.
Wie finanziert sich die Organisation?
Francis Tanya Luce: Angeblich durch freiwillige Spenden, aber es wird bei jeder Gelegenheit dazu aufgerufen. Und bei der Indoktrinierung, wo jeder treu zu "Jehova" stehen soll, bleibt den ZJ nichts anderes übrig als zu spenden. Sie sind einer permanenten emotionalen Erpressung ausgesetzt.
Wie ist das Verhältnis von hineingeboren und durch Missionierung gewonnen Mitgliedern? Ist die Missionierung erfolgreich?
Francis Tanya Luce: Hineingeborene sind auf jeden Fall anerkanntere Mitglieder, da sie durch die Familie eher für Manipulation und Indoktrination anfälliger und somit kontrollierbarer sind als von außen Hinzugekommene. Das Misstrauen gegenüber "Fremden" ist sehr groß.
In meinem Fall war es so, dass derjenige, der mich zu den ZJ brachte, Angst hatte, ich könne es mir vor der Taufe noch etwas anders überlegen und einen Rückzieher machen. Deshalb fuhr er mich persönlich zu dem Kongress, um zu überwachen, dass ich mich taufen ließ. Damit war ich aufgenommen. Ich selbst habe allerdings keinen "Jünger "gefunden und bekehrt, der sich dann taufen ließ.
Was bedeutet es, als Außenstehende in die Organisation aufgenommen zu werden?
Francis Tanya Luce: Aufgenommen werden Außenstehende, "Jünger" genannt, ausschließlich durch die Taufe, die auf Kongressen, das sind die drei Mal pro Jahr stattfindenden landesweiten Zusammenkünfte, durchgeführt wird, verbunden mit zwei Tauffragen.
Die erste lautet: Hast du dich hingegeben und bereut?
Die zweite lautet: Bist du einverstanden mit der vom Heiligen Geist geleitete Organisation die hier auf der Erde, sein Volk leitet?
Mit der Taufe werden die "Jünger" als ZJ anerkannt. Allerdings werden sie sehr kritisch beäugt, unter den Hineingeborenen herrscht die Angst, dass "jemand, der nicht dazu gehört", zum Verräter am Glauben werden kann, vor allem solange sie nicht getauft sind.
Die Getauften könnten zwar auch Verrat begehen, aber das Risiko, gegen die bestehende WT Doktrin zu verstoßen ist größer, wenn jemand nicht getauft ist.
Mit der Taufe erklärt sich ein aufgenommenes Mitglied bereit, die WTG anzuerkennen, ihren Regeln, Doktrinen und Gesetzen Folge zu leisten.
Alle, die nicht danach handeln, werden bei "Reuelosigkeit" ausgeschlossen, d.h. wenn wiederholt gegen die Regeln verstoßen wird. Der psychische Druck, nicht aufzufallen, ist extrem groß.
Mit der Taufe darf sich ein ZJ als von Gott angenommen fühlen, hat das "Privileg" im zukünftigen Paradies leben zu dürfen und wird bei seinem Tod auferweckt, um danach dort zu leben.
Nicht-Getaufte haben dieses Privileg nicht. Innerhalb von 1.000 Jahren nach dem Hamagedon, dem Gericht Gottes, soll die Erde in ein Paradies verwandelt werden und dann werden die Verstorbenen wieder zum Leben erweckt - sofern sie sich zu Lebzeiten WTG-konform verhalten haben. Wann dieses Hamagedon stattfindet, weiß niemand. Dieses Jüngste Gericht wird als Schreckensszenario aufgebaut, damit die Mitglieder die Lehren befolgen und danach streben, Gott zu gefallen, um im Paradies Einlass zu bekommen.
Der ganze Schwindel besteht darin, dass das Versprechen vom Paradies natürlich eine große Lüge ist, genauso wie das Gericht Gottes Harmagedon, wodurch alle ZJ ständig in Angst und Schrecken gehalten werden. Ich kam erst später dahinter, dass ich nie sicher sein konnte "gerettet" zu werden, da ich ja dann doch zu viele "Fehler" gemacht habe in meinem Leben, und dann doch vernichtet werde aufgrund dessen. Das ist die Angst, die den ZJ durch die Gehirnwäsche eingeimpft wird, so werden sie gefügig gemacht, denn alle streben danach, dereinst ins Paradies zu kommen.

Aufgabe der alten Welt

Müssen die von außen Hinzugekommen z. B. alte Kontakte, oder auch familiäre Bande, aufgeben?
Francis Tanya Luce: Alle Kontakte außerhalb der Gemeinschaft, sowohl zu der eigenen Familie, Freunden, als auch Arbeitskollegen, sind massiv einzuschränken. Es darf zwar Kontakt bestehen, aber nur soweit es notwendig ist, d. h. so wenig wie möglich.
Zu Ausgeschlossenen darf absolut kein Kontakt bestehen; es sei denn, das eigene Kind wurde ausgeschlossen und wohnt noch Zuhause, dann darf der Kontakt bestehen, aber auch nur soweit wie notwendig.
Es ist auch nicht erwünscht, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten, es ist aber möglich. Es gibt keine Möglichkeit, sich als homo-, trans- oder bisexuell zu outen, das hat den sofortigen Ausschluss zu Folge.
Was um alles in der Welt müssen Kinder anstellen, um ausgeschlossen zu werden?
Francis Tanya Luce: Kinder unterliegen genauso den strengen Regeln der Gemeinschaft wie Erwachsene. Wenn sie dagegen verstoßen und nicht bereuen, werden sie ausgestoßen. Wenn sie in einem Haushalt mit ihren Eltern leben und diese Mitglied der ZJ sind, dann darf der Kontakt aufrecht erhalten werden, wie gesagt, auf das Nötigste beschränkt, wohnen sie nicht mehr zuhause, muss der Kontakt abgebrochen werden.