Zieh dein Shirt ruhig aus

Grafik: TP

Sexuelle Belästigung gegenüber Männern wird zum Thema - mit den vorauszuahnenden Reaktionen in Bezug auf die traditionelle Männerrolle

Das Gainesville Police Department gehört zu den Departments, die sich im Bereich Social Media allem Anschein nach gut auskennen. Es vereinbart die offiziellen Mitteilungen, z.B. Fahndungsaufrufe, mit persönlichen Anekdoten und mit viel Humor garnierten Photos der Mitarbeiter, die oftmals männlich sind. Die Cops können sich sicher sein, dass ihre Facebookeinträge gelesen werden, die 284.421 Abonnenten kommentieren jedenfalls recht fleißig. Darunter auch etliche Damen, die gerade bei den männlichen Polizisten nicht nur deren Aktivitäten, sondern vielmehr auch deren körperliche Vorzüge emsig kommentieren.

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"Nur aus Forschungsgründen: können wir bitte die Hinterteile sehen?", "Die Community hat gewählt: von jetzt an bitte nur noch Photos oben ohne", "ich habe noch nie einen Einbrecher so sehr gebraucht wie jetzt"… und ähnliche Kommentare haben schon zu dem freundlichen Hinweis geführt, dass von den gezeigten Herren viele bereits glücklich verheiratet sind, sich aber samt Frauen über die positiven Beurteilungen ihres Aussehens freuen.

Die Geschichte hätte natürlich auch anders ausgehen können. In diesem Fall hätte Facebook die entsprechenden Kommentare gelöscht, da sie sexistisch sind bzw. so eingeordnet werden können. Immerhin reduzieren sie die Herren auf ihr Äußeres und enthalten anzügliche Sprüche. Feuerwehrmänner und Polizisten sind bis heute auch auf diversen Festivitäten beliebte Kostüme für Stripper, die Uniform scheint in Verbindung mit nackten Tatsachen eine gewisse Faszination auszuüben.

Was sich so kurzweilig anhören mag, ist für manchen Mann jedoch ein Problem: sexuelle Belästigung. Dabei ist die Bandbreite dessen, was unter sexuelle Belästigung während der Arbeit fallen kann, groß. Anzügliche Witze oder Kommentare, die andere Mitarbeiter austauschen, fallen genauso darunter wie als sexistisch empfundene Ansprachen, Kalender oder Bildschirmschoner mit als sexistisch empfundenen Motiven, unangemessene Berührungen und Angebote.

Dass dies für Frauen ein Problem darstellt, wird seit langem thematisiert - doch bei betroffenen Männern kommt noch ein Aspekt hinzu: Scham und Verhöhnung. Beide Reaktionen resultieren nicht zuletzt aus dem traditionellen Rollenverständnis heraus, dass Männer als harte Kerle sieht, die immer an Sex denken und schon daher ja keine sexuelle Belästigung erfahren können.

Der Mann, so wird oft aus Kommentaren und Reaktionen klar, ist im Denken vieler noch immer derjenige, der Härte und Stärke zeigen muss und der nicht nur selbst dauernd Sex mit in das Leben integriert, indem er darüber spricht, darüber Witze macht, sich entsprechende Photos und Videos anschaut, sondern auch derjenige, der natürlich darüber froh ist, wenn er auf sexuell konnotierte Weise angefasst oder angeschaut wird.

Die Angst davor, als unmännlich, als Memme, zu gelten, hält auch weiterhin Männer davon ab, überhaupt anzumerken, dass sie bestimmte Verhaltensweisen nicht billigen. In einem Artikel der Zeit kommen Männer zu Wort, die sexualisierte Ansprachen, Witze usw. als störend empfinden und darunter leiden, aber doch darum bemüht sind, sich nichts anmerken zu lassen.

Das Problem, dass Männer, die über Gewalt (in welcher Form auch immer) klagen, belächelt oder verspottet oder gar als Lügner angesehen werden, ist nicht neu, aber bei der sexualisierten Gewalt (bzw. sexistischen Verhaltensweisen) umso größer. In einem im Artikel angesprochenen Test wurden Probanden nach der Beurteilung eines Falles von sexualisierter Belästigung an der Arbeitsstelle befragt. War das Opfer weiblich und der Täter männlich, war die Bereitschaft, dem Opfer zu glauben, weitaus höher als bei der umgekehrten Konstellation.

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Männer erleben Sexismus auch deshalb als doppelt belastend - während sich bei den weiblichen Opfern des Sexismus nicht nur im Arbeitsleben ein Umdenken eingestellt hat und Verhaltensweisen wie der Klaps auf den Po, das Starren in den Ausschnitt oder Titulierungen wie "Süße", "Schnuckelchen" bzw. "Spitznamen" wie "da kommt unsere Lolo, unsere Barbie ..." nicht mehr als witzig angesehen werden, haben Männer diesbezüglich noch einen weiten Weg vor sich.

Das Tragische ist, dass sie Anfeindungen gleich in mehrfacher Hinsicht erleben. Während sich Frauen früher schon solidarisch mit anderen Frauen zeigten (natürlich nicht immer), können männliche Opfer selten Solidarität von irgendeiner Seite erfahren. Frauen kanzeln sie oft ab bzw. betonen, dass ihr erlebter Sexismus schon so lange andauert und sie sich auch durchbeißen mussten, nun eben die Männer dran wären, während die Männer die Opfer als zu unmännlich ansehen und daher verlachen bzw. annehmen, dass ein "normaler Mann" sich z.B. ja über anzügliche Witze oder Berührungen sogar freuen würde.

So wird im Artikel ein Referent bei einem Marketingverband zitiert, der sagt, dass die Kolleginnen im Büro ihm öfter mitteilen, er könne sein T-Shirt gerne ausziehen. Er reagiert, so sagt er, dann eher mit einem Witz: "Ich sage dann immer: Aufschrei! Und alle lachen. Ich finde das eher nett. Ich denke auch: Die meisten Männer freuen sich darüber."

Doch es lässt sich kaum feststellen, ob tatsächlich sich "die meisten Männer darüber freuen" da bei einer gegenteiligen Auskunft schnell das Wort Jammern fällt. Das "Jammern" wird dabei von beiden Seiten gerne den Opfern zugeschrieben und ist ein Wort, dass die Opfer gleichermaßen zu überempfindlichen Witzfiguren degradiert als auch ihre Beschwerden als belanglos wertet.

Von beiden Seiten ist insofern eine Gnadenlosigkeit den Opfern gegenüber zu bemerken, die all die Worte, die gerade auch Frauen hinsichtlich der Solidarität und dem gemeinsamen Kampf gegen Sexismus gerne von sich geben, hohl klingen lässt. Statt jemandem, der auch unter den Umständen und den Rollenverständnissen leidet, zu helfen bzw. ihn wenigstens ernst zu nehmen, wird dieser, da er ja dem "falschen Geschlecht" angehört, erneut zum Opfer gemacht und Ressentiments der Geschlechter untereinander werden geschürt.

Problematisch ist dies, weil sich so nichts dauerhaft ändern kann - aber auch, weil gemeinsames Agieren dadurch erschwert bis unmöglich gemacht wird. Wer als männliches Opfer von Sexismus oder gar sexueller Gewalt von allen Seiten nur Belustigung oder Anfeindung erlebt, dem wird es schwerer fallen, seinerseits Mitgefühl zu empfinden. Kommen dann noch Anfeindungen hinzu, wenn sich Menschen z.B. in Selbsthilfegruppen solidarisieren, dann wird es endgültig zur Farce. Wenn es um häusliche und auch sexuelle Gewalt geht, so erleben gerade Männer, dass z.B. die Forderung nach Männerhäusern höchstens auf ein lapidares "macht es halt selbst" stößt, meist aber mit einem "so lange es nicht genug Frauenhäuser gibt, können wir dies ja wohl außer acht lassen" rhetorisch weggewischt wird, als wäre es nicht wichtig, auch jetzt schon auch die Opfer zu bedenken, die noch nicht medial in aller Munde sind.

In Teil 2: Von Miniröcken und Bodybuilding - alte Vorurteile, neu aufgewärmt

(Alexander und Bettina Hammer)

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