Ziehen die Amerikaner Truppen aus Incirlik ab?

Ein A-10 Thunderbolt II-Kampfflugzeug auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik. Bild: DoD

Die Spannungen zwischen der Türkei und den USA sind derzeit groß, was die Frage entstehen lässt, ob die aufgrund der Nuklearen Teilhabe stationierten US-Atomwaffen weiterhin in der Türkei sind

Aufgrund der tiefen Spannungen hat das Pentagon Kampfeinsätze gegen syrische Ziele vom türkischen Flugwaffenstützpunkt sehr eingeschränkt. Nachgedacht werde, so berichtet das Wall Street Journal, über dauerhafte Reduzierungen. Deutschland hat bereits die Luftwaffe wegen anhaltender Schwierigkeiten nach Jordanien verlegt. Die Türkei als Nato-Mitglied und Partner von Russland und Iran vollzieht ein riskantes Ausspielen der gegenläufigen Interessen und verlässt sich darauf, für alle Seiten von zu großer geopolitischer Bedeutung zu sein, um nicht fallengelassen zu werden.

EUCOM-Sprecher Johnny Michael soll allerdings gesagt haben, wie türkische Medien berichten, dass die Behauptung des Wall Street Journal "nur eine Spekulation" seien. Die militärischen Operationen auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik würden unverändert fortgesetzt werden.

Heikel in der Beziehung zu den USA ist nicht nur der schon lange vorhandene Antiamerikanismus in der Bevölkerung und neuerdings die Unterstützung der syrischen Kurden durch die USA, sondern vor allem, dass in der Türkei über die Nukleare Teilhabe amerikanische Atomwaffen wie in Deutschland gelagert sind, die von Flugzeugen der türkischen Luftwaffe im Ernstfall eingesetzt werden sollen. Es kursierten zwar bereits Gerüchte, die Amerikaner hätten bereits unter Obama Ende 2017 geplant, die B-61-Atomwaffen aus der Türkei abzuziehen und nach Rumänien zu verlegen, aber das ist nicht belegt (Verlegt die NATO ihre Atomsprengköpfe aus der Türkei nach Griechenland?) .

Der Luftwaffenstützpunkt Incirlik wurde 2015 mit dem Beginn des Kriegs gegen den IS in Syrien zur Zentrale der amerikanischen Luft- und Drohnenangriffe. Davor hatte die Türkei schon einmal die Nutzung des Flughafens zum Angriff auf den Irak 2003 untersagt. Auf Incirlik sollen sich auch amerikanische Atomwaffen befinden. Die gegen den IS häufig eingesetzten A-10-Kampfflugzeuge waren bereits im Januar nach Afghanistan verlegt worden. In Incirlik sollen neben einigen F-22 Raptor- and F-15 Eagle-Kampfflugzeugen nur noch Tankflugzeuge stationiert sein. Auch das US-Personal soll stark reduziert worden sein.

Ein türkischer Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums sucht den Sachverhalt herunterzuspielen. Die USA hätten ihren Schwerpunkt von Syrien nach Afghanistan verlegt. Allerdings soll der amerikanische Abzug aus Incirlik mit dem Angriff auf Raqqa begonnen haben. Die Türkei hätte gerne mitgemischt, aber die USA hatten dies zusammen mit den syrischen Kurden der SDF ausgeführt, auch um unabhängig von der Türkei einen Fuß in Syrien gegen die Russen und Damaskus zu etablieren. Die Kurden waren schon im Irak Verbündete der USA, nachdem man dort Saddam Hussein nicht mehr unterstützte, sondern bekämpfte.

Die Türkei hatte nach dem (inszenierten?) Putsch vorübergehend Incirlik gesperrt und dort den Strom abgedreht. Danach kamen die Gerüchte auf, das Pentagon habe die Atomwaffen nach Rumänien verlegt. Aber die USA wollen die Türkei als Nato-Mitglied nicht verlieren, weswegen sie zu erheblichen Kompromissen bereit sind. So haben sie die syrischen Kurden in Afrin schnell zum Abschuss freigegeben, sind allerdings jetzt damit konfrontiert, dass syrische Kurden der SDF aus dem amerikanischen Einflussgebiet abziehen und nach Afrin gehen. Dadurch verlieren die USA ihre Bodentruppen gegen den IS, aber auch schiitische und russische Milizen. Gleichzeitig könnten türkische Truppen eher Manbij (Manbidsch) angreifen, was Ankara schon länger androht, selbst wenn sich dort US-Truppen sich aufhalten.

Sollten die US-Atomwaffen noch in der Türkei und die Nukleare Teilhabe gültig sein, ist das türkisch-amerikanische Verhältnis noch schwieriger und heikler, als es bislang schon erscheint. Die Türkei könnte drohen, sich die Atomwaffen anzueignen. Die USA könnten aber auch mit dem Abzug drohen, wodurch der Riss zwischen der Türkei und den USA besiegelt würde, was Moskau erfreuen dürfte. Russland will natürlich einen Keil zwischen die Nato und die Türkei treiben. Der geplante Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400 ist ein Indiz dafür. (Florian Rötzer)

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