"Ziel: Jede alternative Stimme aus Iran verstummen zu lassen"

Sayed Mousavi. Foto: Sayed Mousavi

Warum man so schwer an zuverlässige Informationen aus Iran kommt. Gespräch mit dem iranischen Aktivisten Sayed Mousavi über den Informationskrieg

Von der "mächtigsten Kampagne des maximalen Drucks aller Zeiten" sprach US-Präsident Donald Trump, als er Anfang des Monats ankündigte, die Sanktionen gegen Iran ein weiteres Mal zu verschärfen. Aber nicht nur die US-Regierung, auch private Unternehmen schränken die Handlungsfreiheit von Iranern weiter ein. Die Accounts von Tausenden iranischen Nutzern haben Facebook, Youtube und Twitter in den vergangenen Monaten gelöscht.

Dabei verweisen die Tech-Giganten auf den Kampf gegen staatliche iranische Propaganda und "Fake-Accounts". Doch betroffen sind nicht nur Bots und die Kanäle staatlicher iranischer Medien, sondern auch die viele Accounts normaler iranischer Bürger.

Einer der ersten und prominentesten Opfer der Löschwelle war Sayed Mousavi. Als zum Jahreswechsel 2017/ 2018 Menschen im Iran gegen wirtschaftliche Not auf die Straße gingen, berichtete Mousavi unter seinem Twitter-Account @SayedMousavi7 über die Proteste.

Mithilfe von Videos, Fotos und Augenzeugenberichten stellte er Falschdarstellungen internationaler Medien über Teilnehmerzahlen, Polizeigewalt oder die Motive der Demonstranten richtig und erreichte so auch die Aufmerksamkeit westlicher Medien. Bis Twitter seinen Account im August 2018 ohne Angaben von Gründen sperrte.

Im Gespräch mit Telepolis spricht Sayed Mousavi über seinen Blick auf Politik und Gesellschaft in Iran, westliche Stereotype gegenüber seiner Heimat, seinen Aktivismus auf Twitter, und warum er die Sperrung iranischer Nutzer als Teil eines größeren Informationskrieges gegen Iran sieht.

Iran kann nicht alles abschalten

Bevor wir zu den Aktivitäten westlicher Social-Media-Unternehmen kommen, hätte ich erst noch eine Frage zur iranischen Internetzensur: Wie konnte Twitter eigentlich ihren Account sperren, ist Twitter im Iran nicht sowieso verboten?
Sayed Mousavi: Die iranische Internetpolitik ist etwas widersprüchlich. Wir benutzen VPN- und Proxy-Software, um auf gesperrte Seiten zuzugreifen. Sogar iranische Politiker nutzen Twitter. Iran kann nicht alles abschalten, um ein abgeschottetes Internet wie in China zu errichten. Und es will es auch nicht. Iran will aber auch nicht den freien Zugang auf sämtliche Webseiten ermöglichen, über die es keine Kontrolle hat. Iran ist irgendwo dazwischen stecken geblieben.
Dann hat offenbar ein Unternehmen aus San Francisco mehr Macht über Ihre Internetaktivitäten als die iranische Regierung. Wie haben Sie davon erfahren, dass Twitter Ihren Account gesperrt hat?
Sayed Mousavi: Das war am 21. August 2018. Als ich mich einloggen wollte, teilte mir ein rotes Banner mit, dass mein Account sperrt sei. Zwei Stunden vorher hatte ich mich noch erfolgreich eingeloggt, ohne dass es eine Warnung gab. Ich bekam noch eine E-Mail. Aber im dafür vorgesehen Feld war kein Grund eingetragen.
Facebook, Twitter und Youtube verweisen auf den Kampf gegen "Fake-Accounts" und User, die "andere darüber täuschen, wer sie sind und was sie tun". Fühlen Sie sich da angesprochen?
Sayed Mousavi: Ich habe den Bericht über die "Fake-Accounts" gelesen. Der Bericht wurde am selben Tag veröffentlicht, an dem mein Account gesperrt wurde. Es ist möglich, dass viele Nutzer und Accounts, die dort präsentiert wurden, "staatlich finanziert" oder "fake" sind.
Sie auch? Werden Sie von der iranischen Regierung bezahlt oder hat sie irgendwer veranlasst iranische Staatspropaganda zu verbreiten?
Sayed Mousavi: Nein, ich genieße keine staatliche Unterstützung.
Dann müssen Sie ein "fake account" sein…
Sayed Mousavi: Ich glaube, dieser Vorwurf ist ein Vorwand, um gegen echte und unabhängige Nutzer vorzugehen. Es war offensichtlich, dass mein Account mein eigener war. Viele der Fotos, die ich gepostet habe, habe ich selbst bei Veranstaltungen in Iran aufgenommen: zum Beispiel bei Spielen der iranischen Fußballnationalmannschaft, bei Musikveranstaltungen oder in meiner Universität. Ich glaube mit ihrer Technik und Mitarbeitern hätten sie leicht feststellen können, dass es sich bei mir um einen echten Iraner handelt, der aus Iran tweetet.

"Twitter repräsentiert so ziemlich jede politische und kulturelle Seite der Welt, nur die iranische nicht"

Worum ging es auf Ihrem Account, was wollten Sie damit erreichen?
Sayed Mousavi: Ich war seit Anfang 2017 aktiv. Ich studiere Kommunikation, deshalb interessiere ich mich für internationale politische und kulturelle Entwicklungen. Dazu habe ich auch meinen Account genutzt. Mir ging es darum, die realen aber wenig beachteten Seiten des Iran zu zeigen.
Jene Seite des Iran, die Irans Twitter-Diaspora nie zu Gesicht bekommt: ein unabhängiger, aufstrebender Iran, der seine Werte auf internationaler Bühne verteidigt. Ich habe viele Themen mit meinem Account abgedeckt: von den Opfern, die Iran im Krieg gegen Terror bringt, bis zu den Leistungen von Irans Kulturszene. Und ich habe Fake News und einseitige Schlagzeilen richtiggestellt.
Zum Beispiel?
Sayed Mousavi: Zum Beispiel Nachrichten über Misshandlungen von Frauen, die Bilder zeigen, die gar nicht im Iran aufgenommen wurden. Stück für Stück habe ich realisiert, dass auf Twitter so ziemlich jede politische und kulturelle Seite der Welt repräsentiert wird, nur die iranische nicht.
Ihr Twitter-Account erlangte internationale Bekanntheit, als Ende 2017/Anfang 2018 Menschen überall im Iran erst gegen die wirtschaftliche und schließlich gegen die politischen Zustände im Land demonstrierten. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Sayed Mousavi: Das war während der Proteste im Dezember 2017 als meine Followerzahlen rapide zunahmen und ich die Aufmerksamkeit von Journalisten und Analysten gewann. In dieser Zeit verbreiten Aktivisten und Journalisten auf Twitter häufig Material über die Proteste, ohne die Gründe für die und die Ausmaße der Proteste korrekt wiederzugeben. Viele zogen dann vorschnell den Schluss, dass im Iran eine Revolution im Gange sei.

"Ich konnte nachweisen, dass viele Teilnehmerzahlen stark übertrieben waren"

Sie meinen, es war keine?
Sayed Mousavi: Nein, das war alles falsch. Der Hauptgrund dafür, dass die Leute an den Protesten teilnahmen, war weder politisch, noch ging es um einen Regimechange. Es ging vor allem um Irans wirtschaftliche Situation.
Über eine Woche lang fanden zwar Proteste in rund 30 größeren Städten statt, aber was meistens ignoriert wird, ist, dass in nur wenigen Städten überhaupt mehr als 2.000 Menschen auf die Straße gingen. Auch in Teheran, wo während der Proteste von 2009 noch Hunderttausende auf die Straße gingen, versammelten sich nur wenige. Ich konnte nachweisen, dass viele Teilnehmerzahlen stark übertrieben waren.
Wie haben Sie das gemacht?
Sayed Mousavi: Ich habe zum Beispiel Videos aus Sozialen Medien genutzt. Während Twitters "Iran-Experten" verwackelte und undeutliche Videos veröffentlichten, um ihre Behauptung von "Tausenden" oder "Zehntausenden" Demonstranten zu stützen, postete ich Videos vom selben Ort aus einer besseren Perspektive, die zeigten, dass die Zahl weit geringer war, oftmals nicht mehr als 300. Viele dieser "Analysten" rissen in unverantwortlicher Weise Videos aus dem Kontext, um damit den Vorwurf der Polizeigewalt zu stützen.
Wenn sie zum Beispiel Videos von Polizei-Schießereien posteten, veröffentlichte ich das komplette Video, auf dem zu sehen war, dass Polizei oder Polizei-Wachen zuerst angegriffen wurden und diese auf verantwortliche Weise, wie zum Beispiel mit Luftschüssen, reagierten. Im Fall der Stadt Khoramshahr waren es Terroristen, die auf die Polizei schossen. Aber das Video wurde dennoch gegen die Polizei verwendet. Ich habe auch über Gegenproteste berichtet, die zeigten, dass es sich nun um einseitige Regime-Change-Proteste handelte.