Ziel Lugansk: Ukrainer wollen Durchmarsch erzwingen

Bild (10. September 2022): Security Service of Ukraine ( Ssu.gov.ua) / CC BY 4.0

Vor einer möglichen Verstärkung russischer Truppen will die ukrainische Armee entscheidende Gebietsgewinne machen.

Ein Schwerpunkt der Kämpfe zwischen Russland und der Ukraine ist aktuell die Stadt Liman im Grenzbereich zwischen den Gebieten Donezk, Lugansk und Charkow. Die exilrussische Onlinezeitung Meduza berichtet, die Ukrainer seien zwischen Liman und dem schon seit der jüngsten ukrainischen Offensive umkämpften Kupjansk durch die russischen Linien gebrochen.

Ukrainischer Durchbruch und ukrainische Probleme

Am Durchbruch seien große ukrainische Einheiten mit schwerer Artillerie beteiligt, die nun auf dem ansonsten von den Russen gehaltenen Ufer des Flusses Oskol operieren. Russisches Ziel war, die ukrainische Offensive am Flusslauf zum Halten zu bringen. Die Besetzung des Ortes Jazkowka auf der sonst von Russland gehaltenen Flussseite sei per Video bestätigt, auch russische Militärblogger sprechen von einem Vormarsch von etwa 20 Kilometern.

Doch nicht alles läuft für die Ukrainer wie geplant. In der Stadt Kupjansk selbst ging es für sie nicht voran, ein Angriff auf das regionale russische Hauptquartier in Liman scheiterte. Meduza vermutet, dass die ukrainische Armee ihre Offensive tiefer ins von Russland besetzte Gebiet Lugansk vorwärtstreiben will, wo aktuell ein sogenanntes Referendum zur Abtrennung von der Ukraine stattfindet.

Nach dem Referendum betrachtet Russland Angriffe auf die betreffenden Gebiete wie solche auf eigenes Staatsgebiet, verkündete dazu Kremlsprecher Peskow. Auch von russischen Angriffen berichtet Meduza - Söldner von Wagner PMC attackierten Bachmut, einen wichtigen Kommandoposten der Ukrainer im Donbass.

Die Zeitung ist über die Bewegung der militärischen Einheiten gut im Bild, da sie zivile und militärische Videodaten und Meldungen aus der Region von beiden Seiten der Front für ihre Analysen der militärischen Lage über Open Source umfangreich auswertet. Dagegen verwenden westliche Presseerzeugnisse überwiegend nur ukrainische Quellen, während russische Zeitungen gezwungen sind, ausschließlich der offiziell russischen Version zu folgen. Beide Methoden führen zu Verzerrungen der Darstellung.

Äußerungen des prorussischen Separatistenführers Denis Puschilin in Donezk stützen zusätzlich die Darstellung der ukrainischen Offensivaktionen. Er kündigte gestern laut russischen Medien weitere Angriffe seines ukrainischen Gegners an, der größere Kräfte im Norden der Region Donezk zusammengezogen habe.

Da diese nun offensichtlich begonnenen Angriffe nicht in der samstäglichen Stellungnahme des russischen Verteidigungsministeriums auftauchen, haben russische Zeitungen keine Möglichkeit, über die Angriffe zu berichten.

Führungswechsel und Mobilisierungsgerüchte in Moskau

In Russland selbst wurde der stellvertretende Verteidigungsminister ausgewechselt. Die Position bekleidet jetzt Generaloberst Michail Misinzew, der zuvor die Eroberung der Stadt Mariupol geleitet haben soll. Er soll die russische Armee in der Ukraine wieder zum Erfolg führen und ist vor allem für die Logistik der Armee zuständig.

Es gibt bei vielen Russen jetzt auch Zweifel, ob in Russland wirklich nur 300.000 Reservisten aktiviert werden soll, wie aktuell etwa Kremlsprecher Peskow verkündet. Die Ursache für die Diskussionen ist, dass ein Teil des Präsidialdekrets zur Mobilmachung (Absatz 7) nicht veröffentlicht, sondern als "nur für den amtlichen Gebrauch" klassifiziert wurde.

Die in Russland selbst inzwischen verbotene liberale Zeitung Nowaja Gaseta berichtet, dass genau in diesem Absatz eine Ausweitung der Mobilisierungsaktion auf bis zu einer Million Soldaten ermöglicht werde.

Meduza hingegen will von einer Quelle nahe an der russischen Führung erfahren haben, dass sogar die Aktivierung von bis zu 1,2 Millionen Soldaten möglich ist, was andere kritische russische Zeitungen, die nun aus dem Ausland operieren müssen, übernahmen, etwa Bumaga aus Sankt Petersburg.

Auch regierungsnahe Quellen erhärten den Verdacht, dass der Personalhunger der russischen Armee aktuell groß ist. So verkündete Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow in seinem Telegram-Account, dass auch Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden und des Inlandsgeheimdienstes FSB für die Front mobilisiert werden sollten.

Proteste gegen Mobilisierung und von Mobilisierten

Gegen die Mobilisierung sind von russischen oppositionellen Kanälen beim Netzwerk Telegram am Wochenende in 46 Städten Protestaktionen angekündigt, von denen schon einige angelaufen sind. Am Samstag gab es dabei (Stand: 18 Uhr MESZ) laut der Infoseite OVD-Info 700 neue Festnahmen.

Bei der Mobilisierung sind neben früheren Militärs auch Ärzte im Fokus, was laut der Studentenzeitung Grosa große Unruhe bei Medizinstudiums-Absolventen ausgelöst hat. Aus der sibirischen Großstadt Omsk gibt es Berichte und Videos auch von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Zwangsmobilisierten und der Polizei. (Bernhard Gulka)