Ziel ist ein glaubwürdiges Qualitätsradio

Mit dubiosen Gewinnspielen, Werbebotschaften in redaktionellen Beiträgen und getürkten Vorortreportagen setzen Radiomacher ihre Glaubwürdigkeit immer mehr aufs Spiel

Damit muss Schluss sein, fordern engagierte Hörfunkjournalisten, die sich in der Initiative FAIR RADIO zusammengeschlossen haben

Schön, dass wir mal darüber geredet haben. Mit solchen Erkenntnissen enden nicht selten Workshops und Diskussionsveranstaltungen von Radiomachern. Damit wollten sich engagierte Hörfunkjournalisten nicht zufrieden geben, die sich auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der Akademie für Politische Bildung Tutzing Ende Juni am Starnberger See trafen. Aus dem Workshop "Ethik im Radio" ging die Initiative FAIR RADIO hervor, die jetzt den Tutzinger Appell für ein glaubwürdiges Radio veröffentlichte.

Anstoß für die Initiative gaben Berichte von Hörfunkjournalisten privater und öffentlich-rechtlicher Radioprogramme während der Tagung in Tutzing. Manipuliert wird längst nicht nur bei Gewinnspielen und PR-Aktionen der Sender. Auch in so genannten journalistischen Beiträgen wird regelmäßig geschummelt: Extern produzierte PR-Beiträge fließen ohne Kennzeichnung in das redaktionelle Programm ein, Reporter melden sich von Orten, die sie selbst gar nicht aufgesucht haben, Originaltöne werden nachträglich zu Interviews aufbereitet. Das sind nur wenige Varianten des Hörerbetrugs, wie sie heute in vielen Radioprogrammen offenbar üblich sind - auch bei öffentlich-rechtlichen Anstalten.

"Der Schock saß tief darüber, wie wir Radiomacher mit unserem Medium umgehen und wie wir es täglich 'verkaufen'", fasst Udo Seiwert-Fauti die engagierten Diskussionen mit Berufskollegen während des Hörfunk-Seminars zusammen. Der erfahrene Hörfunkjournalist mit reichlich Auslandserfahrungen sah noch während der Veranstaltung Handlungsbedarf und erarbeitete umgehend einen ersten Entwurf des "Tutzinger Appells", der nach weiteren Diskussionen mit Mitgliedern der Initiative FAIR RADIO zu Beginn dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die beteiligten Hörfunkjournalisten und Wissenschaftler haben sich auf sechs Eckpunkte im Sinne der Glaubwürdigkeit des Radios verständigt:

  1. Recherche muss vor Schnelligkeit gehen.
  2. Es wird nichts vorgegaukelt, was nicht tatsächlich so ist (der Reporter, der angeblich vom Ort des Geschehens berichtet, tatsächlich aber im Studio sitzt; der Verkehrsreporter, der vorgibt, aus einem Verkehrsflieger zu berichten)
  3. Was nicht wirklich live ist, wird auch nicht als live verkauft.
  4. PR-Beiträge gehören in den Werbeblock und nicht ins redaktionelle Programm.
  5. Nachrichtensendungen werden nicht vorher aufgezeichnet.
  6. Mogeleien bei Gewinnspielen sind tabu.

Schon jetzt haben 12 Hörfunkjournalisten und Medienwissenschaftler den "Tutzinger Appell" unterzeichnet. Die Initiatoren hoffen auf weitere Unterstützung durch Berufskollegen in den kommenden Wochen. Udo Seiwert-Fauti fordert von Verantwortlichen und Redakteuren in den Sendern, dass sie sich endlich wieder mehr mit Inhalten und weniger mit "Quote und Verkaufe" beschäftigen sollten. "Nur ein Radio, das seine Hörer nicht belügt wird als Medium im digitalen Zeitalter bestehen können", heißt es wohl zutreffend im Tutzinger Appell.

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