Zielloses Denken macht unglücklich

Über Dinge nachzudenken, die gerade nicht passieren oder nie passieren werden, erlaubt nicht nur die Entwicklung von Kultur, sondern verbreitet auch Trübsal

Wieso verkauft der Discounter eigentlich schon im September Schokoweihnachtsmänner? Ob die Silvesterparty wohl wieder so chaotisch enden wird wie im vergangenen Jahr? Was hatte bloß mein seltsamer Traum von gestern Nacht zu bedeuten, in dem mich eine Zombiehorde verfolgt hat? Der Mensch hat eine Fähigkeit, die auf den ersten Blick gar nicht besonders nützlich, ja zuweilen sogar arg störend erscheint: Er beschäftigt sich oft gedanklich mit Tatsachen, die ihn zu diesem Zeitpunkt gar nicht betreffen. Statt auf den Verkehr zu achten, plant er das Wochenende, er sieht lieber den Regentropfen am Fenster zu, statt auf den Vortrag seines Chefs zu hören.

Trotzdem war derartiges Verhalten ein wichtiger evolutionärer Schritt. Er hat uns die Fähigkeit des Vorausplanens und des vorausschauenden Handelns gegeben - und zwar anders, als das etwa Eichhörnchen können, bei denen ein zeitgesteuertes Programm abläuft. Die menschliche Kultur beruht darauf, und am Ende auch Religion und Philosophie - und ausgerechnet diese beiden Fachrichtungen empfehlen uns gern einmal, im Augenblick zu leben, statt den Gedanken in die weite Welt, in Zukunft und Vergangenheit zu folgen.

Doch Praktiken wie Meditation und Yoga liegen mit dieser Empfehlung offenbar ganz richtig, denn das ziellose Umherwandern der Gedanken hinterlässt uns in der Regel nicht mehr, sondern weniger glücklich. Das berichten die Psychologen Matthew Killingsworth and Daniel Gilbert von der Harvard University in einem Aufsatz in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science. Das Paper dürfte auch eine der ersten in dem renommierten Magazin erscheinenden Arbeiten sein, in dem Apples iPhone regelmäßig erwähnt wird - die beiden Forscher haben ihr Thema nämlich mit Hilfe einer speziell daran angepassten Website untersucht.

2250 Freiwillige ließen sich von der Webapp in zufällig gewählten Abständen per E-Mail oder SMS kontaktieren, um sich dann nach dem aktuellen emotionalen Zustand ausfragen zu lassen. Die Teilnehmer mussten zum einen angeben, womit sie sich gerade beschäftigten - dabei reichte das Spektrum von „Waschen“ und „Sport“ bis hin zu „Sex“ und „Meditation“. Anschließend wurden die Probanden gefragt, ob sich ihre Gedanken derzeit auch tatsächlich mit ihrer Tätigkeit beschäftigten - und wie glücklich sich die Menschen dabei fühlten.

Fragebogen der Website

Tatsächlich ist das unfokussierte In-der-Gegend-Herumdenken sehr häufig. Bei insgesamt fast der Hälfte aller Stichproben gaben die Probanden diese Antwort. Es gab auch fast keine Beschäftigung, bei der der Grad des Gedankenwanderns unter 30 Prozent rutschte - vom Sex abgesehen.Wobei sich der Autor dieser Zeilen dann doch fragt, wie man dabei (oder auch während der Meditation) per iPhone einen Fragebogen ausfüllen und trotzdem gedanklich bei der aktuellen Beschäftigung bleiben kann. Dabei spielte es auch keine Rolle, ob die Studienteilnehmer sich gerade mit angenehmen oder unangenehmen Beschäftigungen aufhielten.

Befanden sich die Gedanken auf Reisen, dann schätzten sich die Probanden im Trend als weniger glücklich ein, als wenn sie sich auf die aktuelle Aufgabe konzentrierten. Die Forscher konnten durch eine mathematische Analyse ihrer Daten auch zeigen, dass die Unzufriedenheit nicht die Quelle des Gedankenwanderns ist, sondern die Folge. Und wohin schickten die Befragten ihren Geist?

Zwar hielten sie sich öfter mit angenehmen als mit unangenehmen Gesichtspunkten auf, doch auch die anstrengenden Themen waren mit mehr als einem Viertel noch gut vertreten. Vor allem aber beeinflusste das Ziel der wandernden Gedanken das Glücksniveau der Studienteilnehmer nicht. Der alte Tipp „Denk an etwas Schönes“ müsste also besser heißen „Denk an das, was du gerade tust, egal, ob es dir Spaß macht“. (Matthias Gräbner)

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