Zinsen verboten: Das islamische Bankensystem

Mit der wieder erstarkenden religiösen Orientierung in den muslimischen Ländern ist die Scharia-Kompatibilität von Banken ein Wachstumsmarkt

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center geriet das "islamische Bankwesen" mehrfach ins Fadenkreuz geheimdienstlicher Ermittlungen. Al-Qaida und andere weltweit operierende terroristische Netzwerke sollen die Finanzierung ihrer Operationen über islamische Banken abgewickelt haben. Beträge in Millionenhöhe wurden entweder beschlagnahmt oder Konten und Fonds eingefroren. Das islamische Banksystem, das sich in seiner knapp 40-jährigen Geschichte in einem bisher ungekannten Aufwind befand, erlitt einen enormen Imageverlust. Dabei konnte man den Banken selbst kaum etwas vorwerfen. Wer würde schon allen Ernstes beispielsweise der Deutschen Bank Vorhaltungen machen, wenn ein legaler Mittelsmann der RAF ein Konto eröffnet und dort die Gelder aus einem Bankraub deponiert hätte.

Diese unsichere "Investmentlage" nach dem September 2001 führte zu einer Kapitalflucht bei einem Teil der arabischen Anleger. Die Einlagen in den weltweit rund 100 islamischen Investmentfonds sank nach einem Rekordhoch im Jahr 2000 von geschätzten 5 Milliarden Dollar auf 3,8 2001 und 2002 auf 3,2 Milliarden Dollar (Zahlen nach "Institute for Islamic Baning & Insurance"). Trotzdem diesem Einbruch von über 30% gilt das "Islamic Banking" immer noch als eine vielversprechende Branche, eine Alternative zum traditionellen Bankensystem. Die jährliche Wachstumsrate beläuft sich auf 15%.

Im Libanon, der eine liberale Bankpolitik verfolgt, die etwa mit der Schweiz vergleichbar ist, eröffneten zu Beginn diesen Jahres gleich zwei neue "islamische Banken". Gleichzeitig installierten viele traditionelle Banken in Beirut "islamische Abteilungen", um dem neuen Trend, den Bedürfnissen einer wachsenden Klientel gerecht zu werden. Der Libanon ist kein "arabischer Einzelfall". Auch die amerikanische HSBC Bank und die Citibank gründeten Departments für islamische Investitionen. Heute kann man in New York, Beirut, London oder in Riad nach islamischen Prinzipien sein Geld "arbeiten" lassen.

Laut der "Vereinigung Arabischer Banken" beläuft sich heute weltweit das gesamte islamische Vermögen von insgesamt 265 Institutionen auf rund 260 Milliarden, die finanzielle Investitionen auf etwa 400 Milliarden und das Bankguthaben liegt bei 202 Milliarden Dollar. Ein relativ geringer Anteil allein im Vergleich zum im Nahen Osten vorhandenen Gesamtvermögen von geschätzten 1,1 Billionen Dollar. Aber das Potenzial des "Islamic Banking" sei immens hoch, schrieb "Trends", das "International Magazine for Arab Affairs" aus Paris, in einer seiner letzten Ausgaben. "Es gibt 1.5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt und wenn man davon nur zwei oder drei Prozent als Kunden betrachtet, ist das ein großes Zielpublikum." Man müsse nur Produkte anbieten, die dem "Glauben" entsprechen.

Der Gesandte Allahs sagte: "Ein Dirham Zinsen, den man wissentlich nimmt, ist schlimmer als sechsunddreißig unzüchtige Handlungen.

Der "Glaube" ist für arabische Anleger ausschlaggebend, die religiöse Integrität entscheidend. Investiert wird auf der Basis des islamischen Rechts, der "Scharia", die Zinsen und Wucher ("Riba"), zudem Geschäfte mit Alkohol, Tabak, Glücksspiel und Schweinefleisch verbietet. Geld darf nicht verliehen werden, nur investiert. Der Gewinn wird durch die Beteiligung am Profit erzielt, den das Unternehmen, basierend auf die Investitionen, macht. Laut Koran kann die ursprünglich investierte Summe nur dann zurück verlangt werden, wenn sie tatsächlich auch ohne die geringsten Probleme zurückbezahlt werden kann.

Diese Richtlinien erhöhen, besonders bei langfristigen Investitionen, das Risiko des Anlegers. Vorabzahlungen in Form von Zinsen gibt es ja nicht und man muss unter Umständen 5 oder 10 Jahre warten, bis ein Profit erwirtschaftet wird, von dem man nicht weiß, ob er auch hoch genug ist und in Relation zum Investment steht. Dementsprechend werden kurzfristigere Anlagen bevorzugt. Die Prämisse, die Motivation ist beim "Islamic Banking" nicht anders als beim traditionellem, westlichen Bankensystem. Man sucht ein akzeptables Investment bei größtmöglicher Risikovermeidung. Man will Geld machen, hüben wie drüben. Die religiöse Verkleisterung gibt dem Ganzen nur einen ethisch moralischen Anstrich.

Idealerweise basiert "Islamic Banking" auf dem religiös motivierten "Handel", wobei es einen gerechten Austausch geben sollte, wie es in einem Ausspruch ("Hadith") des Propheten Mohammed heißt:

Gold für Gold, Silber für Silber, Weizen für Weizen, Gerste für Gerste, Datteln für Datteln, Salz für Salz, Gleiches für Gleiches, Hand zu Hand. Wer mehr gibt oder mehr verlangt, der hat bereits ein Zinsgeschäft betrieben. Der Zinsnehmer und der Zinsgeber sind (in der Schuld) gleich.

Problematisch ist, dass es keine zentrale, globale islamische Behörde gibt, die offiziell regelt, was nach religiösen Prinzipien erlaubt ("hallal") und was verboten ("haram") ist. Islamische Finanzinstitutionen lassen sich in Regel von einem religiösen Konsortium beraten, die den Koran, die Aussprüche ("Hadiths") und die Lebensgeschichte ("Sunnah") des Propheten interpretieren. Die fast 1400 Jahre alten Texte auf moderne Kompatibilität hin zu prüfen, ist für die islamischen Rechtsgelehrten ("Imam") nicht immer so einfach - und die Interpretationen sind von Fall zu Fall verschieden. Mittlerweile existiert eine sehr unfangreiche Literatur zum Recht des islamischen Finanzsystems, aber ein einheitliches, übergreifendes Instrumentarium ist bisher nicht in Sicht.

Das islamische Bankwesen ist eine im Vergleich zur westlichen, 400 Jahre alten Bankgeschichte relativ jung. 1963 und 1971 gab es in Ägypten Banken, die ohne Zinsen arbeiteten, sich aber nicht ausdrücklich als islamische Banken bezeichneten. 1974 wurde dann die "Islamic Development Bank" von arabischen Regierungen (heute 55 Mitgliedsländer) gegründet. Nach Scharia-Prinzipien wurden und werden Projekte in ökonomisch rückständigen Mitgliedsländern gefördert. Ende der 70er Jahre gab es dann in Dubai ("Dubai Islamic Bank"), Kuwait ("Kuwait Finance House") und im Sudan ("Faisal Islamic Bank") erste ausgesprochene "islamische Banken".

In den 80er Jahren erfolgte mit der Gründung der "Bank Islam Malaysia" die Ausweitung des Konzepts nach Asien. Seit Beginn der 90er sind islamische Banken rund um die Erde zu finden. Hintergrund der Entwicklung ist zum einen der sich seit den 70er Jahren entwickelte Wohlstand im Mittleren Osten, und die seit einigen Jahren wachsende religiöse Rückbesinnung auf den Islam in allen arabischen Ländern.

Seit 1999 gibt es zwei Islamische Market Indices (DJIM und FTSE), vergleichbar mit dem amerikanischen Dow Jones oder dem deutschen DAX. In diese Indices werden Firmen aufgenommen, erst nach Scharia-Kompatibilität geprüft wurden. Wer etwas mit Alkohol, Tabak oder Schweinfleisch zu tun hat oder seinen Gewinn durch "Zinsen" erzielt, wird nicht aufgenommen bzw. gegebenenfalls ausgeschlossen. Außerdem muss jede Firma ein niedriges Schuldenniveau (absolutes Maximum 33 %) haben. Eine zu große Überschuldung führte 1981 zum Ausschluss von WorldCom, ein Jahr bevor das US-Unternehmen zusammenbrach. Diese Maßnahme ersparte vielen islamischen Anlegern große Verluste. Im April letzten Jahres wurden AT&T und Motorola aus dem selben Grund wie WorldCom ausgeschlossen. Dieses "Vorwarnsystem" ist ein wichtiger Bestandteil der Strategie der Risikovermeidung.

Den islamischen Indices sind rund 100 islamische Ausgleichsfonds (Equity Funds) angeschlossen, mit einem für 2003 geschätzten Vermögen von 3,6 Milliarden Dollar (Islamic Baking & Insurance Institute). In den letzen sieben Jahren sind die Einlagen in diesen Fonds, die Verluste mit Gewinnen zur Risikovermeidung ausgleichen, insgesamt um 25% gestiegen. Bevorzugte Investitionsbranchen dieser Fonds sind die Sektoren Technologie, Telekommunikation, Bauwesen und Immobilien.

Außer in der "Islamischen Republik" Iran gibt es heute überall ein duales Banksystem, d.h. islamische und traditionelle Banken arbeiten unabhängig nebeneinander. Viele nicht nur islamische Finanzexperten glauben, dass "Islamic Banking", das noch in den "Kinderschuhen" steckt, in Zukunft ein größeres Stück des Marktes erobern wird. Es gäbe ganz vernünftige Gründe, warum man auf Zinsen verzichten sollte, so Warren Sofies, ein britischer Finanzexperte. "Zinsen können ein Hindernis für Arbeitsplätze sein, können Geldkrisen erzeugen und Handelsprobleme verstärken."

Noch gibt es zu wenig Fachpersonal, das entsprechend islamischer Finanzprinzipien ausgebildet ist. Zudem fehlt ein allgemeingültiger religiöser Kodex, der die Sharia- Kompatibilität regelt. "Und das Wichtigste ist im Moment", meint Tarik al-Rafai, der Vizepräsident der islamischen Abteilung der amerikanischen HSBC Bank , "dass man so viele Produkte anbietet, wie der Markt verlangt."

Neue Wege versucht zur Zeit die "Dubai Islamic Bank", die gerade vor einem Monat die Gründung einer "Oceanic Shipping Company" bekannt gab und ihren Kunden riet, doch in dieser Branche zu investieren. Außerdem arrangierte die "Dubai Islamic Bank" ein Leasing für "Emirates Airlines" in Höhe von 112 Millionen Dollar aus islamischen Fonds. Die Fluggesellschaft, die sich bereits zu 40 % über "islamisches Geld" finanziert, kauft damit ihr siebtes Flugzeuge.

Laut einer Studie des "Institute for Islamic Banking & Insurance" bevorzugen 55 % der befragten Muslime islamische Banken. Tatsächlich hatten aber nur 21 % ein Konto bei einer islamischen Bank. Das soll sich aber, so versprechen die Prognosen, in den nächsten acht bis zehn Jahren ändern. Dann würden, so heißt es in der Studie, 40 - 50 % aller Bankguthaben in der muslimischen Welt von islamischen Finanzinstitutionen verwaltet. Dann soll jeder eine "islamische Kreditkarte" haben.

Abhängig ist diese Entwicklung von der Zu- bzw. Abnahme der Popularität des Islams und seiner religiösen und ethischen Prinzipien. So lange die westliche Welt ihre "anti-islamische" Politik weiterbetreiben und der Islam ein Vehikel der individuellen wie pannationalen arabischen Selbstbehauptung bleibt, wird auch das "Islamic Banking" expandieren. Als eine Art von Selbstläufer. "Aus der Marketingperspektive betrachtet", so der Vizepräsident der HSBC Bank, Tarik al-Rifai, "bringt die Scharia-Kompatibilität den Kunden in die Bank. Das religiöse Prinzip verkauft".

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