Zooloretto wird Spiel des Jahres

"German Games" - ein deutscher Exportschlager

Deutschland ist nicht nur in Sachen Automobil- und Umwelttechnik technologischer Marktführer. Auch in einem anderen Bereich ist Entwicklung und Produktion in Deutschland konzentriert. Es geht um Brettspiele, oder vielmehr um eine bestimmte Sorte von Brettspielen: German Games. Heute wurde "Zooloretto" als "Spiel des Jahres" ausgezeichnet.

"Spiele herzustellen braucht Zeit: Sonst wäre bei "Zooloretto" wohl ein Eisbär und kein Panda auf dem Cover" hieß es bei der Jury. In dem im hessischen Verlag Abacus erschienenen Spiel von Michael Schacht sind die Spieler Zoodirektoren und müssen Tiere kaufen, mit denen sie Besucher anlocken. Andere nominierte Spiele waren „Die Baumeister von Arkadia“, „Der Dieb von Bagdad“, „Jenseits von Theben“ und das von ambitionierten Spielern präferierte „Yspahan".

German Games

Wer das Konzept eines German Games nicht kennt, wird ohne konkretes Beispiel kaum verstehen können, um was es geht. German Games sind Brettspiele (aber nicht immer, weil auch bestimmte Kartenspiele dazu gehören, z. B. Bohnanza), die anspruchsvoll sind (d.h. anspruchsvoller als Glücksspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht oder Monopoly, aber weniger anspruchsvoll als zufallsfreie Spiele wie Schach) und sich durch gutes Spielmaterial auszeichnen (also besser als ein amerikanisches Kriegsspiel mit Papierpöppeln, aber andererseits doch wieder schlechter als ein Spiel mit zahlreichen, vielleicht sogar handbemalten Plastikfiguren).

Der eigentliche Witz am German Game ist, dass es funktioniert: Ein komplexes Spieldesign sorgt dafür, dass man mittels verschiedener Taktiken das Spiel gewinnen kann. Umfangreiche Austarierungsarbeiten (hier am Spiel Maya exemplarisch dargestellt) während der Verlagsphase stellen sicher, dass die verschiedenen Spieloptionen untereinander ausgewogen sind. Beim Design wird darauf Wert gelegt, dass sich kein Spieler langweilt, d.h. die einzelnen Spielzüge der anderen dürfen nicht zu lange dauern, und es darf niemand eliminiert werden. Letztlich ist ein gutes German Game ein mathematisches System, das es zu knacken gilt. Wer die Kybernetik des Spiels versteht und auf den Zufallsfaktor richtig reagiert – denn auch den gibt es, sonst würde das Spiel zur Schachpartie entarten –, hat gute Spielchancen.

Sehr bekannte Beispiele wären "Siedler von Catan" oder "Carcassonne". Es gibt aber natürlich zahlreiche andere derartige Spiele, die jede Spielwarenhandlung vorrätig hat. Erstaunlich ist aber, dass sich in Läden solche Design-Spiele im selben Regal finden wie sehr einfache Glücksspiele à la "Spiel des Lebens" oder "Deutschlandreise", die eigentlich keine Entscheidungsmöglichkeiten bieten und die daher sehr, sehr wenig mit German Games zu tun haben.

Aber woher kommt eigentlich der Namen für diese Art von Spielen? Sie bilden offensichtlich eine eigene Kategorie, deren Namen aber etwas fluktuiert. Da hinter jedem Spiel eine Menge Denkarbeit steckt und der Autorenname stets angegeben wird, spricht man manchmal von Autorenspielen (klingt aber nach zopfigem Autorenkino) oder Designerspiel (was wiederum an Designerjeans oder gar Designerdrogen erinnert). Auch die oft benutzte Bezeichnung „Erwachsenenspiele“ ist leider zu doppeldeutig, um sich durchsetzen zu können. Der amerikanische Ausdruck lautet German game (oder German-style board game), und wer lieber von Indoeuropäern als von Indogermanen spricht, kann auch Eurogame sagen.

Spieledesigner

Aber ganz unverdient ist der Name German Game nicht, denn sowohl die viele der größten Spieldesigner (Knizia, Kramer, Teuber u.v.a.) als auch die wichtigsten Verlage (Kosmos, Hans im Glück, Ravensburger/Alea, Queen Games, Abacus u.v.a.) für dieses Genre sind in Deutschland beheimatet (und lassen mehrheitlich auch in Deutschland produzieren). Das soll natürlich nicht heißen, dass es nicht auch zahlreiche hervorragende Autoren oder Verlage im Ausland gibt, z.B. Ystari (Frankreich) oder Phalanx (Niederlande); aber zahlenmäßig sind die Autorenspiele tatsächlich eine deutsche Domäne.

Erfolgsspiele wie die bereits genannten „Siedler von Catan“ oder „Carcassonne“ wurden in Dutzende von Sprachen übersetzt. Aber auch weniger bekannte deutsche Spiele gehen als Lizenz ins Ausland oder werden sogar in der deutschen Originalversion exportiert. Von Fans übersetzte Regeln lassen sich von Spezial-Sites wie www.boardgamegeek.com herunterladen.

Auch ansonsten nimmt die Spielekultur in Deutschland einen hohen Rang ein. So finden die beiden wichtigsten Messen, die Internationalen Spieltage SPIEL und die Spielwarenmesse Nürnberg in Deutschland statt. Und auch die wichtigsten Auszeichnungen für Spiele werden in Deutschland vergeben: der "Deutsche Spiele Preis" und vor allem das "Spiel des Jahres". Das „Spiel des Jahres“ wird seit 1979 ausgezeichnet, und am Montag, den 25. Juni 2007, werden die diesjährigen Preisträger bekanntgegeben. Für die Verlage ist die Auszeichnung von größter Bedeutung, denn sie kann die Auflage eines Spiels verzehnfachen.

Dementsprechend fiebern Handel, Verlage, Autoren, aber auch natürlich die Spieler der Auszeichnung entgegen. Dabei sind die „Spiel des Jahres“-Preisträger oft ein bisschen familiengerechter, als es Dauerspielern gefällt; die mit dem „Deutschen Spiele Preis“ ausgezeichneten Spiele treffen eher den Geschmack des harten Kerns. Aber allein die Tatsache, dass über das „Spiel des Jahres“ sogar in den Massenmedien wie Fernsehen und Radio berichtet wird, erzeugt eine solche Aufmerksamkeit, dass man sich dem Rummel um den Preis schwer entziehen kann. (Peter Riedlberger)

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