Zornige Christen

Ein Artikel, der sich kritisch mit den Aktivitäten evangelikaler Christen befasst, sorgte für Aufregung und rückte auch die Aktivitäten der christlichen Fundamentalisten in den Vordergrund

In den USA waren rechte christliche Gruppen zumindest unter der Bush-Regierung sehr einflussreich. Dass es auch in Deutschland gut organisierte christliche Gruppierungen gibt, die Abtreibung als Mord bezeichnen und Homosexualität für eine Krankheit halten, ist weniger bekannt. Dabei hatte das Auftreten von rechten Christen bei dem Christival-Festival im Mai 2008 in Bremen bundesweit für Kritik gesorgt. Darüber hatte auch die von der Organisation Schule ohne Rassismus herausgegebene und von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützte Schülerzeitung Q-rage in der letzten Ausgabe mit einem Artikel informiert. Seitdem stehen nicht nur die beiden jungen Autoren des Beitrages im Kreuzfeuer der Kritik.

Sie werden nach Angaben von Spiegel-Online auf Internetseiten mit vollem Namen und Lebenslauf als Zersetzer des christlichen Glaubens geoutet. Doch auch die Bundeszentrale für politische Bildung rückte in den Focus der zornigen Christen, die zunächst den Rücktritt des bpb-Präsidenten Thomas Krüger gefordert hatten, weil er den Artikel nicht schon im Vorfeld verhindert hat. Ihm wurde vorgeworfen, sogar ausdrücklich für den Beitrag geworben zu haben. In einem Begleitschreiben zu Q-Rage heißt es, dass in der Ausgabe Informationen, über "islamistische und evangelikale Gruppen, die wichtige Freiheitsrechte infrage stellen”, zu finden sind.

Krüger hat sich mittlerweile von dem inkriminierten Beitrag distanziert. "In dem Artikel werden Evangelikale pauschal mit christlichen Fundamentalisten gleichgesetzt. Eine Gleichsetzung der evangelikalen Bewegung mit dem christlichen Fundamentalismus halte ich für unangemessen und nicht zutreffend. Differenzierungsversuche bleiben in dem Artikel bruchstückhaft. So kann in der Tat ein falscher und diskriminierender Eindruck entstehen," schreibt der bpb-Präsident.

Sein Begleitschreiben sei ohne Kenntnis der Inhalte des Artikels erfolgt, betont Krüger. Es gehört auch zum Konzept von Q-Rage, dass die jungen Autoren eigenständig ihre Beiträge verfassen. Seitdem ist Krüger allerdings auch in die Kritik säkularer Gruppen geraten, die ihm einen Kniefall vor den fundamentalistischen Christen vorwerfen.

Aber auch letztere haben nach Krügers Distanzierung nachgelegt. So fordern der CDU-Abgeordnete Ernst-Reinhard Beck, der auch im bpb-Vorstand sitzt, und Hartmut Steeb von der Evangelischen Allianz, dass Krüger seine Entschuldigung in der nächsten Q-rage abdrucken lässt. Außerdem steht eine bpb-Sonderausgabe zum Thema Evangelikale als Wiedergutmachung für den kritischen Artikel auf dem fundamentalchristlichen Wunschzettel.

Die linksliberale Tageszeitung (taz), die Q-rage als Beilage vertreibt, warnt schon vor dem Machtanspruch der Religiösen, der aus demokratischen Gründen zurückgewiesen werden müsse. "Ja, leben wir denn in einem Kirchenstaat?" lautet die polemische Frage eines taz-Kommentators.

Eberhard Seidel, der Geschäftsführer von Schule ohne Rassismus, betont gegenüber Telepolis, dass die Weiterexistenz der Zeitung Q-Rage nicht in Gefahr ist. Zuvor gab es Meldungen, die von einem Ende der finanziellen Förderung der Zeitung durch die Bundeszentrale für politische Bildung wissen wollten.

Tatsächlich handelt es sich bei der christlichen Intervention nicht darum, dass sie konkrete Falschmeldungen in dem inkriminierten Artikel monieren und richtig stellten wollen. Ihnen passt vielmehr nicht, dass sich überhaupt Journalisten kritisch mit ihren Aktivitäten befassen und auch islamische und christliche Fundamentalisten miteinander vergleichen. Gerade dieser Zusammenhang sorgte in verschiedenen Stellungnahmen von christlicher Seite für Empörung.

In einem Artikel, der zwei Wochen nach Erscheinen von Q-Rage die aufgeregte Debatte auslöste, wird unter dem Titel "Christen pfui - Moslems hui" sogar suggeriert, in Q-Rage werde der Islam gegenüber dem Christentum in der Berichterstattung bevorzugt. Prompt nahmen sich einschlägige Internetforen, die sich den Kampf gegen den Islam auf die Fahne geschrieben haben, der Sache an.

Die aktuelle Auseinandersetzung um den christenkritischen Artikel ist vor einem Aufschwung evangelikaler Bestrebungen auch in Deutschland zu verstehen. Während die Amtskirche lange Zeit eher auf Distanz zu solchen Aktivitäten blieb, sind in letzter Zeit die Hürden geringer geworden.

Unter dem Titel „Aufschwung Jesu“ hatte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im April 2008 über zunehmende politische Aktivitäten von christlichen Fundamenlisten, die die Bibel und nicht das Grundgesetz zur Grundlage ihrer Aktivitäten nehmen. In dem Artikel heißt es:

Noch haben die Evangelikalen hier in Deutschland nicht den gleichen Einfluss wie in den USA, aber einen Plan dafür gibt es schon. Verfasst hat ihn Hartmut Steeb, der Generalsekretär des hiesigen evangelikalen Dachverbandes „Evangelische Allianz“ – auch sie trägt das Christival mit. Der Vater von zehn Kindern fungiert als Netzwerk-Chef von 1,4 Millionen Evangelikalen. Schon im Jahr 2005 rief er zum langen Marsch in die Politik auf. Steebs Appell „Wir mischen mit“, veröffentlicht im Evangelikalen-Blatt „Eins“, klingt wenig nach Gott, aber sehr nach Macht.

Steeb gehört zu den eifrigsten Aktivisten gegen den Beitrag in Q-Rage. Aber ob sich die christlichen Fundamentalisten mit ihrer heftigen Intervention wirklich einen Gefallen getan haben, ist fraglich. Das Presseecho ist äußerst kritisch. Außerdem hatten die Evangelikalen bisher kein großes Interesse an der Medienöffentlichkeit außerhalb ihrer Gemeinden gehabt. Nun sind sie durch ihre Reaktion zum Gegenstand des Medieninteresses geworden und werden sich an kritische Artikel wohl in Zukunft gewöhnen müssen.

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