Zu dünn ist tödlich

Zu dick aber auch

Neue Studien aus den USA belegen, dass leichtes Übergewicht kein Risiko für die Gesundheit darstellt. Mollig zu sein, ist nicht ungesund. Wer allerdings richtig fettleibig ist, stirbt im Zweifelsfall früher als alle anderen, denn starkes Übergewicht kann zu Gelenkerkrankungen, Diabetes, Herzkrankheiten, Schlaganfall und Krebs führen. Überraschend ist aber vor allem das Ergebnis, dass Menschen mit leichtem Untergewicht durch ihren fehlenden Kilos ebenfalls ihr Leben aufs Spiel setzen.

Fettleibigkeit gilt als die selbstverursachte Zivilisationskrankheit mit fatalen Folgen. Seit vielen Jahren rufen Ärzte und die Krankenkassen alle dazu auf, sich gesünder zu ernähren und mehr Sport zu treiben. Aber die westlichen Wohlstandsbürger werden dennoch immer dicker. Und das obwohl die Gesundheitspolitiker seit Jahren mahnen, dass Übergewicht das Leben verkürzt.

Der dicke Suppen-Kaspar (Bild: Heinrich Hoffmann, Der Struwwelpeter, 1845)

In Deutschland sind zwei Drittel der Bevölkerung übergewichtig, 65 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen haben zu viel auf den Rippen. Er isst gerne große Portionen Fleisch, weil das in seinen Augen besonders männlich ist. "Das kräftige Zubeißen in eine fette Haxe oder ein großer Schluck direkt aus der Bierflasche sind Verhaltensweisen, die die Männlichkeit unterstreichen. Besonders ältere Männer sehen außerdem Rüben, Karotten oder Mais immer noch als Viehfutter an", erläutert Diplom-Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Krotz von der Techniker Krankenkasse. Frauen „sündigen“ dagegen nach dem Salatteller zum Mittagessen beim nachmittäglichen Kaffeekränzchen mit Schokoladentorte und Keksen (Mann isst anders, Frau auch).

Fast jeder Füllige hat es schon einmal mit einer Diät versucht, meist erfolglos, denn langfristig betrachtet, nehmen sie oft alle Pfunde wieder zu, die sie sich zuvor mühevoll weggehungert hatten. Erfolgreich ist nach Empfehlung der Ernährungswissenschaftler im Grunde nur eine langfristige Veränderung der Lebensgewohnheiten (Hungerkur für die Gesundheit?).

Zwei Studien, die kürzlich im Journal of the American Medical Association (JAMA) erschienen, relativieren jetzt die Vorstellung, dass Schlankheit in jedem Fall gesünder ist als Pummeligkeit. Die letzte Erhebung des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) ergab, dass 65 Prozent der US-Bevölkerung übergewichtig sind, Tendenz weiter steigend.

Übergewicht wird dabei nach dem Body Mass Index (BMI) berechnet, wobei das Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Meter geteilt wird. Eine Person, die 1,70m groß und 70 kg schwer ist, hat einen BMI von 24 und damit Normalgewicht (Rechentabelle BMI). Als fettleibig oder adipös gilt jemand, der einen BMI von mehr als 30 hat, als untergewichtig bei einem BMI von weniger als 18,5.

Der Suppen-Kaspar wird immer dünner, bis er stirbt (Bild: Heinrich Hoffmann, Der Struwwelpeter, 1845)

Katherine M. Flegal vom National Center for Health Statistics des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und Kollegen analysierten in ihrer Studie Excess Deaths Associated With Underweight, Overweight, and Obesity) von den Gesundheitsbehörden erhobene Daten von 1971 bis 2002. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass ein leichtes Übergewicht (BMI von 25-29,5) nicht zu einer erhöhten Sterblichkeit führte. Im Gegenteil – die Daten sprechen eher dafür, dass leichte Korpulenz eher gesund zu sein scheint.

Fettleibigkeit, also ein BMI über 30, kostet jährlich ungefähr 112.000 Menschen vorzeitig das Leben. Und als ebenfalls lebensverkürzend erwies sich extreme Schlankheit (BMI unter 18,5), annähernd 34.000 Menschen sterben durch ihr Untergewicht. Das betrifft vor allem ältere Personen, die möglicherweise durch ihre Dünnheit über weniger Abwehrkräfte verfügen. Ein paar Fettpölsterchen haben also durchaus Vorteile.

Eine zweite Studie Secular Trends in Cardiovascular Disease Risk Factors According to Body Mass Index in US Adults von Edward W. Gregg vom CDC und Kollegen erwies, dass erhöhte Cholesterinwerte und Bluthochdruck in der Bevölkerung in den letzten vierzig Jahren signifikant zurückgegangen sind. Die Zahl der Raucher reduzierte sich um ein Drittel. Dabei ergaben sich auch erstaunlich gute Werte für die Fülligen. Die Forscher führen das auf eine verbesserte medizinische Versorgung und das gesteigerte öffentliche Bewusstsein über die Zusammenhänge zurück.

Trotz der stark verbesserten Werte für die Übergewichtigen ist es den Gesundheitsbehörden ein Anliegen zu verdeutlichen, dass die neuen Zahlen keine Entwarnung bedeuten. Adipositas führt immer noch zu gesundheitlichen Schäden, auch wenn diese heute besser behandelt werden können. Ein 45jähriger Mann mit einem BMI von 45 wird durchschnittlich 10 Jahre kürzer leben als ein Normalgewichtiger. Edward Gregg erklärt:

Fettleibigkeit ist immer noch mit einem hohen gesundheitlichen Risiko verbunden – sicherlich mit Diabetes, vielleicht einigen Arten von Krebs, und es kann die Lebensqualität negativ beeinflussen. Deshalb wird auch weiterhin die Kontrolle und das Halten eines guten Körper-Gewichts einen großen Einfluss auf die Lebensqualität und die gesundheitlichen Rahmenbedingungen haben. Einen gesunden Lebensstil zu pflegen – mit mehr körperlicher Aktivität, gesunder Ernährung und regelmäßigen Gesundheitstests, Untersuchungen und notwendigen Behandlungen – wird dazu beitragen, die Risikofaktoren für Herz- und Kreislauferkrankungen zu reduzieren, egal ob man schlank, übergewichtig oder fettleibig ist.

(Andrea Naica-Loebell)

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