Zu locker oder genau richtig? Der schwedische Weg

Symbolbild: Johanna Dahlberg/unsplash

Corona: Freiwillige Selbstbeschränkungen, Reproduktionszahl unter 1: WHO sieht das viel geschmähte Schweden jetzt als Vorbild

Die sogenannte Reproduktionszahl, der R-Wert, liegt in Schweden seit dem 21. April unter 1,0. Dies bedeute, dass die Ausbreitung der Infektion nicht mehr zunehme, wird der Staatsepidemiologe Anders Tegnell an diesem Wochenende vom Sender SVT zitiert . Der Wert gibt an, wie viele andere Menschen eine mit dem Coronavirus infizierte Person ihrerseits im Durchschnitt ansteckt.

Die Meldung wird international beachtet, denn Schweden beschreitet einen "Sonderweg", wie es in deutschen Publikationen heißt. Bei den Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung der Sars-CoV-2-Infektionen setzten Schwedens Behörden nicht auf einen strikten Lockdown.

Stattdessen gibt es im Vergleich zu anderen Ländern weniger Beschränkungen, so blieben z.B. die Grenzen offen, Kinderkrippen, Kindergärten, Grundschulen sowie einige andere Schulen, Frisöre, auch Yoga-Studios und Fitnessmöglichkeiten sowie Treffen in Parks blieben gestattet und sogar einige Kinos hatten Betrieb, wie etwa die Irish Times in ihrem Vergleich zu den irischen Maßnahmen berichtet.

Universitäten und weiterführende Schulen wurden jedoch auch in Schweden geschlossen, wie auch Versammlungen über 50 Personen untersagt wurden. Auch Schweden ergriff drastische Maßnahmen.

"Die schwedische Methode sorgt für Debatten außerhalb des Landes." Das stellt nicht nur die französische Zeitung Le Monde fest, sondern viele, die in eine Diskussion über einen angemessenen Umgang mit der Gefahr von Covid-19 geraten. Nicht selten entwickelt sie sich aufbrausend, böse schwingt da manchmal die Lust am Schaden mit, wenn gesagt wird: Die Schweden werden schon sehen, wie weit sie mit ihrer "Herdenimmunität" kommen.

Nein, es sei nicht die Herdenimmunität, die Ziel der Politik war, wird dagegen der genannte Staatsepidemiologe Anders Tegnell wiedergegeben: "Wir tun das Gleiche wie andere Länder auch, wir versuchen die Ausbreitung möglichst zu verlangsamen". Nur wende man in Schweden etwas andere Tools an als in anderen Ländern. Tegenell bewertet die Rede vom großen Unterschied als übertrieben.

Derzeit, siehe die R-Zahl, sieht der schwedische Kurs aber nach einer Erfolgsspur aus. Gegner der strengen staatlichen Lockdown-Maßnahmen stellen heraus, dass die schwedische Gesundheitsbehörde und die Regierung auf das Verantwortungsgefühl der einzelnen Bürger gesetzt haben, auf deren Freiheit, auf ein beiderseitiges Vertrauen zwischen Staat und Bürger, statt mit Angst und Strafen zu operieren.

Ambivalente Zahlen

Die Zahlen aus Schweden sind allerdings nicht so, dass sie Lob und Preis alle Türen öffnen. Auch wenn die WHO nun auch das schwedische Modell als "future model" für die nächste Phase rühmt. Zwar besagt die Zahl der Gesamtinfektionen, wie sie etwa Johns Hopkins für Schweden verzeichnet, nämlich über 22.000, nach all der Zahlenkritik, die seit Wochen solche Chiffren hinterfragt, nicht viel. Aber es bleiben zwei Auffälligkeiten: die Zahl im Zusammenhang mit Covid-19 gezählten Toten und der Anteil der Covid-19-Toten an der Bevölkerung.

Worldometer gibt für Schweden 264 Todesfälle pro 1 Million an. Für Norwegen werden 39 und für Dänemark 82 angegeben. Das wird in Gesprächsszirkeln damit erklärt, dass Schweden schon viel weiter "durchimmunisiert" sei. Schweden sei "weiter".

Am Wochenende verzeichnete Schweden beachtliche 2.679 "Verstorbene mit Covid-19". Vom genannten Fernsehsender SVT wird dazu angemerkt, dass der stellvertretende Staatsepidemiologe Anders Wallensten die Zahlen als "unsicher" bewertet und davon ausgeht, dass sie noch steigen werden

Die hohen Todeszahlen in Schweden zeigen Kritikern zufolge, dass sich der Staat nicht genug um einen umfassenden Schutz bemühe. Stockholm ist ein Ausbreitungsherd und vor allem ältere Bürger starben, in Pflegeheimen wurde nicht genügend auf Sicherheit geachtet, wie sich an der raschen Verbreitung von Infektionen "in 75 Prozent der 101 Pflegeheime in Stockholm" zeigte. Der schwedische Gesundheitsminister Hallengren musste einräumen, dass man nicht mit genug Schutzkleidung für das Pflegepersonal von älteren Menschen vorgesorgt hatte.

Die Sozialdemokraten und die Schwedendemokraten

Dennoch steht der Regierungschef in der Umfragengunst sehr gut da. Stefan Löfven hat um 20 Prozentpunkte zugelegt, die rechten Schwedendemokraten haben dagegen an Zuspruch verloren. Sie hatten in der Debatte zur Corona-Krise bislang nichts Überzeugendes geboten, erklärt Le Monde die guten Umfrageergebnisse für den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten.

Wirtschaftlich kommen allerdings auf die schwedische Regierung schwere Zeiten zu. Ein Hilfsprogramm im Volumen von 9 Milliarden Euro wurde beschlossen. Der Export hat schwer gelitten. Das Bruttoinlandsprodukt soll nach Schätzungen um 10 Prozent zurückgehen. "Die Arbeitslosigkeit steigt."

Vonseiten derjenigen, die Schwedens weniger repressiven Weg mit großer Sympathie verfolgen, wird vorgebracht, dass der schwedische Staat auf einen entwickelten demokratischen Geist bauen kann, der mit den langen Jahren einer sozialdemokratisch geprägten Regierung in Verbindung steht.

Vor der Covid-Pandemie fanden die rechten Schwedendemokraten viel Anklang und Gehör. Möglich, dass sich das in wirtschaftlich härteren Zeiten wiederholt, wenn die Arbeitslosenzahlen deutlich steigen. (Thomas Pany)