Zu strafen lohnt sich

Strafe verstärkt nicht nur die Kooperation, sondern ist auch ökonomisch vorteilhaft - jedenfalls auf lange Sicht

Dass wir überhaupt in so großen Gemeinschaften leben können, Steuern zahlen, im Bus ein Ticket lösen und an der Tankstelle von der Zapfsäule nicht ins Auto steigen, sondern zur Kasse gehen, das verdanken wir im wesentlichen dem Wirken von drei Faktoren: Kooperation, Strafe und Reputation. Das genaue Verhältnis dieser drei Einflüsse ist nach wie vor ein Arbeitsgebiet der Wissenschaft. Davon abgesehen ist die Meinung darüber natürlich auch gesellschaftlichen Einflüssen unterworfen - die Notwendigkeit von Strafe war zum Beispiel für einige Zeit wenig populär.

Kooperation gibt es jedenfalls, seit der Mensch Mensch ist (und sie wird auch bei Tieren beobachtet). Zusammenarbeit lohnt sich immer dann, wenn ein bestimmtes Ziel gemeinsam leichter zu erreichen ist als allein. Natürlich denkt man da zuerst an die Großwildjagd der Urmenschen, doch auch beim Sammeln von Nahrung zahlt sich Kooperation aus: Es geht weniger Zeit für die Suche drauf, wenn man freigiebig Informationen austauscht, als wenn man bereits von anderen durchsuchtes Gebiet stets von neuem durchforsten muss. Gerade bei diesem Beispiel wird aber auch schon klar, dass ein Freerider hier leichtes Spiel hat: Immer nur andere abzuschöpfen, selbst aber nie etwas beizutragen, ist ökonomisch für den Einzelnen die günstigste Lösung.

Dabei handelt es sich nicht nur um ein Problem, das mit unseren Vorfahren ausgestorben ist: Die ungeheuer langwierige Diskussion um den Klimaschutz ist ein aktuelles Beispiel eines so genannten Public-Goods-Spiels. In den Experimenten der Forscher brechen solche Spiele in der Regel nach wenigen Runden zusammen - wenn nicht der Einfluss der Strafe hinzu kommt. Tatsächlich ermöglicht erst dieses Instrument, Public-Goods-Games auf längere Zeit stabil zu halten. Allerdings, wie man bisher dachte, mit einem Nachteil: Strafe kostet Ressourcen. Man nimmt diese Kosten trotzdem billigend in Kauf.

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science zeigen nun Forscher, dass Strafe sogar ein positives Nettoergebnis zeitigt - nämlich auf längere Sicht. Die Wissenschaftler von der University of Nottingham ließen Probanden zwei Public-Goods-Games spielen, und zwar einmal über zehn, ein andermal über 50 Runden. Die Teilnehmer hatten dabei in jeder Runde 20 Geldeinheiten zur Verfügung, die sie entweder egoistisch behalten oder altruistisch investieren konnten. Für behaltene Geldeinheiten winkte eine Rendite von einer ganzen Geldeinheit, für jede investierte Einheit hingegen erhielt jedes Gruppenmitglied 0,5 Einheiten. Bei einer Investition wurde also die ganze Gruppe reicher, beim Sparen nur der Einzelne.

Ist Strafe also der Kern jeder Kooperation?

Zusätzlich hatten die Probanden die Möglichkeit, andere zu bestrafen. Das kostete sie eine Einheit, der Bestrafte hingegen musste drei Einheiten abgeben. Insgesamt verlor die Gruppe dadurch also vier Einheiten. Bei der Kurzversion des Spiels, also nach zehn von zehn Runden, schnitten die Gruppen mit Bestrafungsmöglichkeit denn auch fast immer schlechter ab als die, in denen keine Strafen vorgesehen waren.

Lief das Public-Goods-Game hingegen über 50 Runden, arbeiteten die Gruppen mit Strafen am effizientesten. Interessanterweise zeigte sich in diesem Fall sogar schon nach nur zehn von 50 Runden ein Effizienzgewinn gegenüber den Gruppen ohne Strafen und gegenüber dem Spiel in zehn Runden. Spekulieren könnte man nun, was das für die Public-Goods-Games heißt, in denen derzeit die ganze Menschheit steckt. Sollte man den Teilnehmern klarmachen, dass das Spiel über sehr lange Zeit geht - und wie verträgt sich das mit Wahlperioden von vier oder fünf Jahren?

Ist Strafe also der Kern jeder Kooperation? Das war sie jedenfalls, als die Menschen in ihren Gruppen noch direkt miteinander zu tun hatten. Heute ist unsere Gesellschaft anders organisiert. Die Teilnehmer an heutigen Public-Goods-Games treffen gar nicht mehr unbedingt direkt aufeinander. Dadurch hat ein anderes Instrument an Bedeutung gewonnen, das Konzept der Reputation (siehe Der eigene gute Ruf ist wichtiger, als andere zu bestrafen).

Es hat den Vorteil, dass es nichts kostet: Man gewinnt an Reputation, indem man sich kooperativ verhält - es ist keine Investition nötig. Leider hat das Konzept einen Nachteil: Es funktioniert nur, wenn die Teilnehmer nicht anonym handeln können. Wer weiß, dass am Zeitungsstand gerade niemand hinsieht, dem ist die eigene Reputation gleichgültig - er vergisst mal eben das Bezahlen. Nur dass zusätzlich beim Erwischtwerden eine Strafe droht, lässt am Ende die Kasse doch noch klingeln. (Matthias Gräbner)