Zündeln im Sturm

Nach dem Ende des Waffenstillstandes zwischen Israel und der Hamas eskaliert die Lage in und um den Gazastreifen herum

In der Nacht zum Freitag griff die israelische Luftwaffe mindestens 30 Ziele im Gazastreifen an. Der palästinensische Rote Halbmond spricht von mindestens 120 Toten und bis zu 200 Verletzten; israelische Militärsprecher halten dagegen, man tue alles, um Zivilisten so wenig wie möglich zu treffen; man gehe von weniger Opfern aus. Die Lage eskaliert, seit Ende letzter Woche nach sechs Monaten ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas zu Ende gegangen war. Direkt darauf begannen Kämpfer der Hamas, Raketen auf die israelischen Städte und Dörfer in der Umgebung des dicht bevölkerten Landstrichs abzuschießen; über die Weihnachtsfeiertage allein waren es mehr als 90 gewesen.

Am 24.Dezember hatte Israels Regierung darauf hin grünes Licht für Militärschläge gegeben und der Hamas ein Ultimatum von 48 Stunden gestellt, das diese aber ignorierte, sie setzt nun aufs Ganze. Denn ob der Waffenstillstand wirklich einer war, ist zwischen den beiden Konfliktparteien umstritten. Israel sagt: ja, es war einer, denn der Raketenbeschuss des israelischen Südens hatte so gut wie aufgehört; die Hamas und die meisten Menschen im Gazastreifen halten ein Nein dagegen, weil Israel sich nie vollständig an die von Ägyptens Regierung ausgehandelte Abmachung gehalten habe: So seien nicht, wie vereinbart, die Übergänge nach Ägypten und Israel geöffnet worden; auch zu dem in Aussicht gestellten Gefangenenaustausch kam es nie. Dazu will die Hamas Israel nun auf gewaltsamem Weg zwingen.

Ob es eine Bodenoffensive geben wird, ist derzeit noch unklar. Vor allem der in den Umfragen angeschlagene Verteidigungsminister Ehud Barak von der Arbeiterpartei fürchtet sich vor einem langen, verlustreichen Krieg mitten im Wahlkampf. Deshalb soll nun Ägypten wieder einmal vermitteln, während die Militärschläge und Raketenangriffe auf beiden Seiten wohl erst einmal weiter gehen werden - ein gefährliches Spiel mitten in einem stürmischen, kalten Winter, denn die Kämpfer der Hamas sind heute sehr viel besser ausgerüstet als bei der letzten großen Konfrontation vor zweieinhalb Jahren und Israels Armee leidet noch unter den Folgen des Libanon-Krieges, während die Hisbollah im Libanon sich bereits dafür rüstet, die Hamas durch die Eröffnung einer zweiten Front zu unterstützen.

Die Angst vor einem neuen Krieg

Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags israelischer Ortszeit in einem kalten, grauen, regnerischen Jerusalem, dass zur einen Hälfte, im arabischen Osten, mit Einkaufen und zur anderen, im jüdischen Westen, mit Ausspannen oder, im Falle von Politikern und Journalisten, mit Diskutieren beschäftigt ist: Über Nacht hat die israelische Luftwaffe Ziele im Gazastreifen angegriffen; auf den israelischen Süden gehen in kurzen Abständen Raketen nieder, die auch noch viel weiter reichen als früher, und zudem traf gestern die Nachricht ein, dass die libanesische Armee direkt an der Grenze zu Israel mehrere Katjuscha-Raketen entschärft hat, die kurz davor waren, per Zeitschaltung abgeschossen zu werden.

Die radikalislamische Hisbollah hat angekündigt, es wieder zu versuchen. Das sind zur Stunde so gut wie alle ernstzunehmenden Fakten, die zur Verfügung stehen. Wie viele Tote es bis jetzt im Gazastreifen gab, kann niemand genau sagen, denn die Zahlen schwanken zwischen 120 und 150. Welche Ziele angegriffen wurden ist unklar, denn das Verteidigungsministerium hat es versäumt, seiner Presseabteilung Samstagsarbeit zu befehlen. Und was als Nächstes kommen wird, dass kann sowieso niemand mit Sicherheit sagen.

Schon befürchten die ersten Beobachter, also vor allem in- und ausländische Journalisten, die die Lage oft seit Jahren verfolgen, dass es wie vor zweieinhalb Jahren zu einem Krieg kommen könnte, und dass dieser Krieg dieses Mal an zwei Fronten gefochten werden könnte, an denen Israel mit sehr viel weiter reichenden, verheererenden Raketen konfrontiert werden könnte, die einen Großteil des jüdischen Staates in den Ausnahmezustand versetzen könnten. "Es ist ein Spiel mit dem Feuer, von dem niemand weiß, wie es ausgehen wird", sagt der Parlamentsabgeordnete Chaim Oron, Vorsitzender der linksliberalen Meretz-Partei:

"Hier ist viel zu oft das Wort "könnte" im Spiel."

Auch auf der palästinensischen Seite ist die Sorge groß: "Die Hamas setzt das Leben von Tausenden aufs Spiel, und das in einer Situation, in der die Bevölkerung im Gazastreifen schon seit Monaten unter größten Entbehrungen existiert", sagt ein Mitarbeiter des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, dessen Macht sich nur auf die Autonomiegebiete im Westjordanland erstreckt.

Dort ist die Sorge groß, dass die Hamas auch dort mobil machen wird, dass die zarten ersten Blüten eines wirtschaftlichen Aufschwung wieder zerstört werden könnten: Unter Premierminister Salam Fajad, einem ehemaligen Mitarbeiter der Weltbank, waren im Laufe des vergangenen Jahres Arbeitslosigkeit und Korruption stark zurück gegangen; zudem war 2008 das beste Tourismus-Jahr aller Zeiten in der Region. Damit könnte es vorbei sein, falls die Krise übergreifen sollte. Und diese Gefahr ist real.

Erste Demonstrationen im Westjordanland und in Ägypten

Schon jetzt, um 14.30 Ortszeit, gibt es in vielen Städten des Nahen Ostens, und vor allem im Westjordanland, in Jordanien und im Libanon, wo viele Nachkommen palästinensischer Flüchtlinge leben, und in Ägypten, wo die mit der Hamas befreundete Moslem-Bruderschaft im Laufe der vergangenen Jahre zunehmend an Stärke gewonnen hat, erste Demonstrationen. Dort öffnete die ägyptische Regierung vor wenigen Minuten die Grenze zum Gazastreifen, um Verletzten die medizinische Behandlung im Nachbarland zu ermöglichen. Damit, so die Hoffnung eines ägyptischen Regierungssprecher, wolle man Unruhen im eigenen Land verhindern denn dort wird die Lage sehr genau verfolgt: In Gazas Krankenhäusern sind viel zu wenig medizinische Güter vorhanden, um alle Verletzten zu behandeln, nachdem die Übergänge schon seit Wochen auch für die Lieferung von Hilfsgütern geschlossen gewesen waren.

In Ost-Jerusalem gehen hunderte Polizisten in Kampfmontur in Stellung, um Ausschreitungen zu verhindern, denn auf keinen Fall sollen die Tausenden von ausländischen Touristen zu viel von der "Situation", wie solche Krisen in Israel gerne genannt werden, mitbekommen.

Schon über den Weihnachtsfeiertagen hatte eine bedrückte Atmosphäre gelegen. Zwar hatte man sich aller Orten bemüht, die ausländischen Gäste betont freundlich und zuvorkommend in Empfang zu nehmen, aber dass Israel 900 christlichen Palästinensern aus dem Gazastreifen, so vielen wie nie zuvor, die Reise nach Bethlehem erlaubt hatte, dass sogar die israelischen Beamten an den Kontrollpunkten zum Westjordanland freundlicher und schneller arbeiteten als sonst, hatte nicht darüber hinweg täuschen können, dass sich die Region auf eine neue weitere Serie der Gewalt zubewegt, und war somit auch den Besuchern aus aller Welt nicht verborgen geblieben, die häufig in Bussen, Restaurants und Hotel-Lobbies über die Vielzahl von Reisewarnung ausländischer Botschaft sprach, die seit dem Ende des Waffenstillstandes zwischen Israel und der Hamas in der Region eintraf.

Lage in Gaza: Verzweiflung, Wut, Chaos

Am Ende einer stürmischen Kabinettssitzung hat Israels Regierung deshalb am Donnerstag, früher als erwartet, weil Israel nicht mit dieser Heftigkeit der Angriffe gerechnet hatte, wie Sprecher des Verteidigungsministeriums sagen, eine groß angelegte Militäroperation genehmigt; Premierminister Ehud Olmert stellte der Hamas ein Ultimatum; während Verteidigungsminister Ehud Barak versuchte, der Bevölkerung in Gaza ein versöhnliches Zeichen zu senden, indem er die begrenzte Wiederaufnahme von Hilfsgüter-Transporten anordnete: Man sei bereit, der Hamas "den Willen zu kämpfen" zu nehmen, hieß es aus seinem Umfeld, aber man werde versuchen, die zivile Bevölkerung dabei so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.

Doch im Moment um kurz vor drei Uhr, scheint die Lage in Gaza eine von Verzweiflung, Wut, von Chaos gezeichnete zu sein: Es sei kalt und fehle an allem, meldet ein Kontakt in der Stadt per Telefon: Die Menschen versuchten, alles zu horten, was sie bekommen können, in Vorbereitung auf eine israelische Bodenoffensive, die ein israelischer Regierungssprecher gerade im arabischen Kanal von Al Dschasira in Aussicht stellte, falls die Hamas ihre Raketenangriffe nicht beenden sollte:

Im Moment geht es nur darum, die Infrastruktur der Hamas zu schwächen; aber wenn die Hamas sich nicht zurück hält, wird dies nur der Anfang gewesen sein.

Die Hamas erwiderte kurz darauf, man betrachtete die Angriffe als "Kriegserklärung" und werde dementsprechend antworten.

Die Hamas am längeren Hebel

Die Hamas sitze am längeren Hebel, kommentierte die Zeitung HaAretz in ihrer Freitagsausgabe, sie könne die Selbstmordanschläge wieder aufnehmen, der israelischen Bevölkerung in der Umgebung Gazas und sogar in der weiter entfernt gelegenen Großstadt Aschkelon die Hölle auf Erden bereiten, denn die Raketen, die den Kämpfern der Hamas zur Verfügung stehen, sind sehr viel besser geworden, reichen sehr viel weiter, als sie es bei der letzten großen Auseinandersetzung vor zweieinhalb taten.

Israel hätte dem nichts anderes entgegen zu setzen als eine Wiederbesetzung des dicht bevölkerten Landstrichs und müsste sich dann auf einen verlustreichen Guerilla-Krieg mit den Hamas-Kämpfern einstellen, die aus der Bevölkerung kommen, jederzeit auf deren Unterstützung hoffen können und die sich zudem an keine Kriegsregeln halten: "Die erste Intifada hat deutlich bewiesen, dass wir einen solchen Kampf nicht gewinnen können", schreibt HaAretz - und Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums gestehen hinter vorgehaltener Hand ein, dass man diese Gefahr durchaus auch sehe.

Zweite Front durch die Hisbullah

Eine Befürchtung die jetzt, während sich die Ereignisse entwickeln, neue Nahrung erhalten: Es scheint, als sei die Hisbollah im Libanon drauf und dran, der Hamas zu helfen, in dem sie eine zweite Front im Norden Israels eröffnet, und ob Israel einen Krieg an zwei Fronten, der möglicherweise einen Großteil des Landes lahm legt, gewinnen kann, daran mehren sich in diesen Stunden die Zweifel. Zwar ist es in diesen Minuten einigermaßen ruhig, und in Gaza nur vereinzelte Schüsse zu hören, die wahrscheinlich von Menschen stammen, die die Toten des Morgens beerdigen, aber dabei wird es wohl nicht bleiben.

"Wir müssen die Frage stellen, ob Israel wirtschaftlich überleben kann, wenn in der derzeitigen Situation Zehntausende zum Militär einrücken müssen", kommentierte der Zweite israelische Fernsehkanal soeben. Denn die weltweite Finanzkrise ist dabei, das Land hart zu treffen: Supermärkte melden einen Rückgang der Umsätze von bis zu einem Drittel, weil Menschen ihr Geld lieber sparen; zwei der größten Immobilienfirmen des Landes stehen auf der Kippe, und der Neue Schekel, die Währung Israels, fährt Achterbahn - und in Israel werden vor allem Mieten in amerikanischen Dollar ausgepreist. Auch ohne Krieg, und die damit verbundene Mobilisierung, stehen also Tausende Jobs auf dem Spiel, wenn sie nicht schon verloren gegangen sind.

Und so richten sich die Augen Israels einmal mehr in Richtung Kairo: Die dortige Regierung soll wieder einmal vermitteln und versuchen einen neuen Waffenstillstand auszuhandeln. Die Chancen: "Gering", sagt ein Sprecher der Hamas in Gaza. Falls Israel sich nicht zu weit reichenden Zugeständnissen bereit finde, also die Übergänge dauerhaft öffne, Lieferungen zulasse und endlich einen umfassenden Gefangenenaustausch voran treibe, werde man es auf eine Konfrontation ankommen lassen:

Wir haben im Laufe der vergangenen Monate bewiesen, dass Gaza auch durch eine Blockade nicht in die Knie gezwungen werden kann.

(Oliver Eberhardt)

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