Zürcher wehren sich gegen Verhochdeutschung

Alemannische Dialekte. Karte: Testtube. Lizenz: CC-BY-SA.

Bei einer Volksabstimmung entschied sich eine Mehrheit dafür, der aufgrund der Pisa-Ergebnisse verordneten Pflicht zum Gebrauch der Schriftsprache im Kindergarten einen Riegel vorzuschieben

2003 empfahl die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) als Reaktion auf die relativ schlechten Lesekompetenzergebnisse der vorangehenden Pisa-Studie einen stärkeren Einsatz des Hochdeutschen in den Kindergärten. Als die Politik dies in den darauf folgenden Jahren zu verordnen begann, regte sich nicht nur bei Eltern, sondern auch bei Kindergärtnerinnen Widerstand gegen den Zwang zur Schriftsprache.

Die Zürcher Politiker und Verwaltungsbeamten gingen bei dieser Umstellung zum Hochdeutschen besonders forsch voran und kassierten nun die Quittung in Form einer kompletten Umkehrung ihres Vorhabens: Am Sonntag nahmen die Bürger des Kantons die Volksinitiative "Ja zur Mundart im Kindergarten" mit einer Mehrheit von 53,9 und einer Wahlbeteiligung von 34 Prozent an. Nun dürfen Kindergärtnerinnen in der größten Stadt der Schweiz und deren Umland zwar noch Lieder auf hochdeutsch singen und Geschichten vorlesen, müssen zur Unterweisung der Kinder aber Dialekt verwenden. Der Erfolg der Initiative ist auch eine Ohrfeige für die politische Elite, die sich vom Kantons- bis zum Regierungsrat einheitlich dagegen ausgesprochen hatte.

In Basel, wo es ebenfalls eine Volksinitiative gab, konnte die Politik die Verpflichtung zum Dialekt im Kindergarten knapp durch einen Gegenvorschlag abwenden, der die Mundart und das Hochdeutsche als gleichwertig festschreibt und es damit weitgehend freistellt, wie gesprochen wird. Nun wird erwartet, dass auch andere Kantone dem Beispiel folgen könnten.

In ihnen werden teilweise Dialekte gesprochen, die man in Zürich nur schwer oder gar nicht versteht. Denn obwohl die schweizerdeutschen Mundarten für bundesdeutsche Ohren relativ gleich klingen, sind sie tatsächlich sehr verschieden. In einem Teil des Unterengadin spricht man sogar einen linguistisch nicht zur alemannischen, sondern zur bairischen Großgruppe gehörigen und dem Tirolerischen verwandten Dialekt.

Das bringt auch Schwierigkeiten für manche der Züriher Kindergärtnerinnen mit sich, die nicht alle aus dem Kanton stammen. Thomas Ziegler, ein Mitinitiator der Initiative, kündigte im Tages-Anzeiger allerdings eine liberale Auslegung der Dialektpflicht an und meinte: "Wichtig ist, dass Mundart gesprochen wird. Ob dies nun Berndeutsch oder Bayrisch ist, spielt keine Rolle".

Für Kindergärtnerinnen, die ausschließlich Hochdeutsch sprechen, wird sich dem ehemaligen Kantonsrat nach "wohl ein anderer Job im Bildungswesen finden". Die Mitiniatorin Gabriella Fink zeigte sich dagegen in der gleichen Zeitung der Auffassung, dass man "von ausländischen Kindergärtnerinnen erwarten [könne], dass sie sich unserer Sprache so gut wie möglich annähern", weil die Zürcher Kinder ja in der Schule schließlich auch Hochdeutsch lernen müssten.

In der deutschsprachigen Schweiz ist der Dialekt nicht nur im Alltag, sondern auch in den Medien Standard. In Deutschland geraten die Dialekte dagegen immer stärker in die Defensive und bestehen bei jüngeren Generationen häufig nur mehr in Form eines Akzents fort.

Dem Dialektologen Bernhard Stör zufolge sprachen schon Ende der 1990er Jahre lediglich 1,2 Prozent der Schüler an Münchener Gymnasien Bayerisch. Eine Entwicklung, die Josef Obermeier vom Förderverein Bayerische Sprache und Dialekte (FBSD) auch auf die "Dummheit" zurückführt, dass viele Kindergärten im Freistaat die Mundart "nach Kräften bekämpfen", obwohl sie Artikel 131 Absatz 2 der Landesverfassung nach Auskunft des Kultusministeriums zur Förderung des Dialekts verpflichtet.

Zur Orthographie: Der Duden erlaubt (ebenso wie bei "Münchner" und "Münchener") sowohl die Schreibweise "Züricher" als auch "Zürcher". Da sich aber zahlreiche Leser aus der Schweiz meldeten, die die erste Möglichkeit als unangemessene Verhochdeutschung empfanden, verwenden wir nun die zweite.

(Peter Mühlbauer)

Anzeige