Zukunftsenergien 2003

Ein gutes Jahr für erneuerbare Energien in Deutschland, aber durchwachsen anderswo

Einige Prognosen aus dem Telepolis-Special Zukunftsenergien haben sich 2003 bestätigt. Andere Themen wurden nicht ausführlich behandelt. Fangen wir mit den Prognosen an.

Die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetz

Im März berichteten wir: "In der Tat ist die Windenergie so schnell so billig geworden, dass das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) dieses Jahr revidiert werden soll, weil die Windenergie so viel Unterstützung gar nicht mehr braucht."

Die ersten Windanlagen auf dem Altamont Pass Anfang der 80er. Heute würde eine einzige moderne Windanlage ein Vielfaches dessen erzeugen, was alle hier abgebildeten Anlagen an Strom erzeugten. Die ersten Windanlagen dort waren oft keine 10 Meter voneinander entfernt; heute beträgt der Abstand mindestens einige Hundert Meter. Man beachte außerdem die "offenen" Türme, wo Vögel sich niederlassen oder sogar Nester bauen könnten. (Quelle: NREL)

Das EEG wurde im November tatsächlich so novelliert, dass windschwache Standorte an Land gar keine Subventionen mehr bekommen. Außerdem wurden die Vergütungssätze für "Onshore"-Windanlagen weiter gesenkt; diese waren sowieso degressiv, d.h. hohe Sätze am Anfang, die aber mit den Jahren abnehmen, da die neue Technologie immer billiger wird. Das EEG sieht also nur eine Erhöhung der Vergütungssätze für Offshore-Windanlagen vor, denn der Offshore-Bereich gilt noch als Neuland. Starke Fürsprecher für Erneuerbare Energien (EE) haben zwar die Reduzierung der Unterstützung für Windräder an Land sowie für kleine Wasserkraftwerke und Biogas kritisiert, aber zumindest im Falle der Windkraft ist die Reduzierung durchaus ein Zeichen, dass die Windkraft ein erprobter Erfolg ist - auch was die Kosten betrifft.

Außerdem wurde im neuen EEG eine besondere Vergütung für Geothermie-Anlagen eingeführt. Die degressive Vergütung für freistehende Photovoltaik-Anlagen wurde auch weitergeführt, für gebäude-integrierte Anlangen jedoch erhöht, weil PV in Gebäuden sinnvoller ist als in freistehenden Anlagen, worauf wir in einem späteren Artikel zurückkommen werden. Insgesamt ist das EEG ein unglaublicher Erfolg: Seit 1998 hat sich der Anteil der EE an der gesamten Stromerzeugung vervierfacht, und das Ziel - 20% bis 2020 - erscheint durchaus realistisch.

Desinformation

Der Begriff "Subvention" führte dabei zu einer gewissen Konfusion. Zwar werden die EE gefördert, aber nicht als Teil des Bundeshaushalts, sondern als Quersubventionierung, d.h. der Strom insgesamt (also auch Atom- und Kohlekraft) wird leicht teurer, um die EE zu fördern. Die Quersubventionierung der EE durch alle anderen Stromarten kostete einen 4-Personen-Haushalt bisher rund 1 Euro im Monat laut Umweltminister Trittin.

Da half es natürlich nicht, dass Wirtschaftminister Clement von "Subventionen" für EE sprach, als es um Kürzungen im Bundeshaushalt ging. Allein fossile Energiequellen und Atomstrom werden vom Bundeshaushalt direkt unterstützt. Wenn man den Bundeshaushalt kürzen will, muss man bei Atom- und Kohlekraft anfangen. Wo keine Mittel für EE zur Verfügung stehen, kann auch nicht gekürzt werden.

Doch nicht nur aus den Reihen der Kritiker kam Konfuses. Trittin selbst erklärte in einer Diskussion über die Ökosteuer, "zum Signal der Steuerentlastung passt nicht eine Diskussion zur Steuererhöhung". Dabei ist die Ökosteuer gar keine Steuererhöhung, sondern die Ökosteuer wird verwendet, um Lohnnebenkosten zu senken. Insgesamt ist die Ökosteuer aufkommensneutral.

Dann gab es noch die Umfrage von Greenpeace, in der festgestellt wurde, dass zwei Drittel der befragten Deutschen die Förderung der Windenergie gut finden, aber lediglich 3 Prozent zu einem Ökostrom-Anbieter gewechselt sind. Offenbar möchten die Deutschen die Erneuerbaren Energien nicht etwa direkt kaufen, sondern sie dadurch unterstützen, dass sie Atom- und Kohlekraft kaufen und EE quersubventionieren (siehe oben). Offiziell beziehen jedoch nur 1,5% der Deutschen ihrem Strom von Ökoanbietern, also halb soviel wie in der Umfrage.

Zum Vergleich: Die Ökosteuer in den Niederlanden macht das Preisniveau von Öko-, Atom-, und Kohlestrom gleich, so dass die Preise beim Wechsel zu Ökostrom keine Rolle spielen. 20% der Niederländer sind mittlerweile zu grünem Strom gewechselt. Da das Land so viel gar nicht produzieren kann, wird grüner Strom importiert.

Energiemanagement

Die Stromausfälle im Sommer 2003 haben den Blick für Probleme in der Energieversorgung geschärft. Wir berichteten, dass intelligentes Lastmanagement und dezentrale Energieerzeugung die Lösung sein werden. Manche meinten, man müsse neue Großkraftwerke bauen, etwa Kohle- und Atomkraftwerke, doch gerade diese verlangen ein stabiles Stromnetz.

Wenn viele kleine, dezentrale Anlagen betrieben werden, wird mehr Strom dort produziert, wo Bedarf ist. Ein Infineon-Chef sprach nach den Stromausfällen von der Gefahr, dass das Einschalten unzähliger Haushaltsgeräten nach einem Stromausfall das Stromnetz instabil machen könnte. Dies sei durch intelligentes Lastmanagement vermeidbar. Und Heise berichtete außerdem vom System iReady, das Haushaltsgeräte miteinander und dem Internet verbindet. Noch werden solche Projekte nicht zur Vermeidung von Spitzlasten gedacht, aber wie lange noch?

Ein Blick über den großen Teich

Wir berichteten außerdem über Konzepte für gebäude-integrierte Windräder. Ausgerechnet am Platz des alten World Trade Center in New York soll ein solches Konzept zur Verwendung kommen. Da offenbar niemand mehr in solch hohen Gebäuden arbeiten möchte, soll das neue höchste Gebäude der Welt ab etwa 450 Meter nur noch aus Windrädern bestehen, die rund 20% des Strombedarfs im Gebäude decken sollen.

Doch solche Konzepte haben auch ihre Kritiker, denn ein Windpark auf dem Land unter optimalen Bedingungen liefert die Energie billiger, und es ist nicht klar, ob ein Windpark auf einem Wolkenkratzer zu hohen statischen Belastungen führen wird. Der US-Windexperte Paul Gipe sieht die Entwicklung skeptisch ("schon wieder die Idee von Windrädern auf Wolkenkratzern") und schrieb mir privat über seine Hoffnung, dass die Architekten stattdessen in einen normalen Windpark investieren, wenn sie 20% des Stroms aus Wind haben wollen. Schließlich gibt es Platz genug, vor allem in den USA.

Noch skurriler ging es politisch in den USA zu. In Deutschland sind sich alle Parteien (außer vielleicht die FDP) einig, dass man EE fördern muss, auch wenn die C-Parteien in der Opposition so tun, als wären sie anderer Meinung (eine schone Liste von positiven Zitaten von den C-Parteien zur Ökosteuer, als diese die Regierung stellten, findet sich hier). So wird in Deutschland viel kritisiert, aber am Ende kommt doch ein sinnvolles Gesetz heraus.

Anders in den USA, ein Land ohne Energiepolitik. Wir berichteten etwa darüber, dass in den USA Geländefahrzeuge zu Familienwagen mutiert waren, nicht zuletzt dank einer Steuerpolitik, die es Firmen erlauben soll, große Nutzfahrzeuge abzuschreiben. Es war nicht beabsichtigt, Geländefahrzeuge für private Haushalte billiger zu machen, aber bis Ende 2002 hatte diese Perversion in den USA endlich für Schlagzeilen gesorgt.

Um so mehr wundert es, dass das Steuerloch 2003 nicht etwa gestopft, sondern vervierfacht wurde: Nun kann man nicht nur $25.000 von seinem "SUV" absetzen, sondern (je nach Bundesstaat offenbar) zwischen $40.000 bis $100.000. Damit jedoch nicht genug: Als die damalige US-Umweltministerin Whitman in einer Radiosendung darum gebeten wurde, den ökologischen Sinn dieser Politik zu erklären, bestritt sie, dass der Freibetrag erhöht worden war, d.h. die Umweltministerin wusste überhaupt nicht von dem Gesetz. Zum Glück waren eine Menge Anrufer schon von ihren Steuerberatern aufgeklärt worden und konnten deshalb der Ministerin erzählen, welche Gesetze sie erlassen hat.

Hummer - der größte SUV und Benzinschlucker

Ein ständiges Hickhack in der Förderungspolitik führt dazu, dass Investoren kalte Füße kriegen. Davor warnten viele, als es um die Novellierung des deutschen EEG ging. Ein warnendes Beispiel geben die USA nach wie vor. Dort variiert die finanzielle Unterstützung nicht nur von Jahr zu Jahr, sondern von Bundesstaat zu Bundesstaat. Die USA haben zwar ein Programm namens "Million Solar Roofs" (MSR), aber Japan und Deutschland sind trotzdem führend.

Ein US-Kritiker wies im Dezember darauf hin, dass die Webseite des MSR-Programms unter dem Menüpunkt "How's MSR doing?" leer war. Mittlerweile steht zwar ein Text da, in dem behauptet wird, man würde das Ziel von einer Million PV-Dächern bis 2010 schaffen, dafür ist die Seite Lab Graphs leer.

Ansonsten wurde der Entwurf des Energiegesetzes von Bush nicht erlassen. Kritiker hatten darauf hingewiesen, dass die Subventionen für Brennstoffzellen in Wahrheit eine versteckte Förderung für die Kohl- und Atomindustrie seien, solange der Wasserstoff aus diesen Stromarten produziert wird. Wir berichteten Anfang 2003, dass Wasserstoff keine Energiequelle wie Kohle ist, sondern ein Energiespeichermedium wie etwa Batterien, denn Wasserstoff muss erst mal mit Energie erzeugt werden. Außerdem war der Gesetzentwurf der Bush-Regierung dafür bekannt, dass er Mittel für den Bau einer Hooters-Filiale im Wahlkreis eines Senators vorsah, der sich als großer Gegner von Umweltauflagen hervorgetan hat. Hooters ist eine Restaurantkette, in der man von großbusigen Damen mit tiefen Ausschnitten und kurzen Hosen bedient wird. Die fragliche Filiale sollte mit Energiespar-Technik gebaut werden, weshalb der Gesetzentwurf sie für förderungswürdig erklärte. (Craig Morris)

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