Zum Folterknecht kann fast jeder werden

Eine Wiederholung des Milgram-Experiments macht deutlich, dass das Böse im gesellschaftlichen System, nicht im Individuum haust

Gefoltert wird weiterhin auf der Welt. Nach dem 11.9. 2001 brachen erneut offizielle Tabus, die nach dem Ende des Kalten Krieges galten. Auch der Staat, der sich gerne als Vorbilddemokratie darstellt, hatte mehr oder weniger offiziell den Ausnahmezustand eingeführt, den Rechtsstaat für bestimmte Menschen ausgehebelt, die dann auch gefoltert wurden, was man als Verhörtechniken bezeichnete – geduldet von den Alliierten, die sich als rechtsstaatliche Demokratien verstanden und gemeinsam mit den USA gegen das Böse in den einen oder anderen Krieg zogen. Abu Ghraib machte schließlich unübersehbar deutlich, dass auch in fortgeschrittenen Demokratien Menschen wie einst im Nazi-Deutschland oder in anderen Diktaturen bereit waren und sind, die vermeintlich Bösen zu quälen, weil man sich von der Regierung oder der Mehrheit gedeckt wähnte (Das Böse steckt im System).

Jerry M. Burger von der Santa Clara University hat nun noch einmal mit einem Experiment bestätigt, dass Menschen bereit sind, unter bestimmten Bedingungen, anderen starke Schmerzen zuzufügen. Nicht weil sie Lust daran finden, sondern weil sie vermeintlich einer Autorität gehorchen, die dies erlaubt und als notwendig erscheinen lässt. Das Gewissen erweist sich dabei als schwach, die empfundene "Pflicht" ist stärker. Burger hat das Milgram-Experiment fast 50 Jahre nach dem ersten Mal nachgestellt.

1962 hatte der Psychologe Stanley Milgram erstmals sein berühmt und berüchtigt gewordenes Experiment durchgeführt und demonstriert, dass Menschen nur zu schnell bereit sind, andere Menschen zu quälen und zu bestrafen, wenn dies durch eine Autorität – in diesem Fall die wissenschaftliche - legitimiert wird. Das Experiment wurde vielfach wiederholt, immer mit dem gleichen Ergebnis, dass die Versuchsperson, die den Lehrer spielte, einen "Schüler" mit immer stärkeren Elektroschocks traktierte, wenn dieser Fehler machte. Zögerte der "Lehrer" wurde er von Versuchsleiter aufgefordert, weiter zu machen. Gespielt wurde der Schüler von einem Schauspieler, der ab 70 Volt stöhnte, ab 120 Volt vor Schmerzen schrie, ab 140 Volt ein Ende des Experiments forderte, ab 200 Volt noch lauter schrie und ab 330 Volt verstummte, was die "Lehrer" nicht davon abhielt, zu über 60 Prozent die Schocks bis zum Anschlag auf 450 Volt zu verstärken. Waren hingegen etwa zwei Versuchsleiter vorhanden, die sich widersprachen, brachen viele Versuchspersonen, die "Lehrer" spielten, ab.

Burger wollte überprüfen, ob die Menschen heute anders sind und der "autoritäre Charakter" vielleicht geschwunden ist. Bei seiner Studie, die in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift American Psychologist erscheinen wird, ließ sich allerdings feststellen, dass sich nichts verändert hat und die Menschen jeder Zeit bereit zu sein scheinen, in die Rolle des Folterers zurückzufallen, wenn es ihnen von einer anerkannten Autorität befohlen wird.

Bei Milgrams Experiment in den 60er Jahren gaben über 80 Prozent "Lehrer" auch weiterhin Schocks, wenn die "Schüler" ab 150 Volt ihre ersten Schreie ausstießen, 79 Prozent, also fast alle, die die Stärke über 150 Volt steigerten, gingen sogar bis ans Ende. Wer bei den Schmerzensschreien nicht aufhört, ist letztlich bereit, das Quälen "für den guten Zweck" bis zum Tod zu treiben. Weil ethische Gründe gegen das Milgram-Experiment vorgebracht wurden, führte Burger sein Experiment nur bis zu einer Stärke von 150 Volt aus, wo die "Schüler" schreien und ein Ende verlangen (vor zwei Jahren hatten andere Wissenschaftler deswegen das Milgram-Experiment virtuell nachgestellt: Das Quälen von virtuellen Personen wird als real empfunden). Da im Milgram-Experiment praktisch alle "Lehrer", die diese Schwelle überschritten, bis ans tödliche Ende gingen, dürften Burgers Ergebnisse durchaus vergleichbar sein.

In Burgers Experiment mit 29 Männern und 41 Frauen waren immerhin 70 Prozent der Personen bereit, die Elektroschocks auf über 150 Volt zu erhöhen. Der Unterschied sei, so Burger, statistisch nicht signifikant. Zudem wurden den Versuchspersonen dieses Mal mindestens drei Mal gesagt, dass sie das Experiment jeder Zeit beenden können und trotzdem das Honorar von 50 Dollar erhalten würden. Um den Versuchspersonen zu suggerieren, dass die Elektroschocks wirklich sind, erhielten sie einen Schlag mit 15 Volt (bei Milgram waren es 45 Volt). Erhebliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie im Hinblick auf andere Differenzen wie Bildung oder ethnische Abstammung konnte Burger auch nicht feststellen.

Menschen sind formbar, auch dann, wenn sie zu Ungeheuern werden. Erschreckend ist weiterhin, dass der von der Aufklärung angestrebte "Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit" noch keinen Schritt weiter gegangen zu sein scheint, wenn es darauf ankommt. Solange Gesellschaften einigermaßen friedlich und ausgeglichen sind, mögen die Schrecken sinken, aber sobald die Parole heißt: Wir gegen die Anderen, wie sie von Bush und anderen Extremisten ausgegeben wird, kann jeder zum Schlächter werden. Um so wichtiger wäre, darauf zu achten, dass die Gräben zwischen Arm und Reich und zwischen den Einen und den Anderen in Gesellschaften nicht zu weit aufbrechen. Denn das Milgram-Experiment lehrt, dass es nicht die Psyche der Einzelnen oder der Loser ist, die zur Gewalt führt, sondern das System. Dazu gehören auch die Gewinner. (Florian Rötzer)