Zum IQ-Test bitte…

Neben anderen "Hochbegabten" stellt die Universität Freiburg nun auch Studierende, die einen Intelligenzquotienten von über 130 nachweisen können, von den Studiengebühren frei.

Den „Kampf um die besten Köpfe“ nennt sich die Politik. Sie lenkt in der Konsequenz die Debatte von den sozialen und anderen Problemen der Mehrheit der Studierenden ab und auf die Probleme der ohnehin Leistungsfähigen um: Gefördert und unterstützt werden dieser Logik folgend nun jene, die es von Psychologen attestiert eigentlich am wenigsten nötig haben.

Bei der Identifizierung der Leistungselite geht die Universität Freiburg neue Wege. Von der Gebührenpflicht befreit werden können, so die Interpretation der Universität von § 6 Abs.1 Satz 3 des Landeshochschulgebührengesetzes (LHGebG), auf Antrag nun auch Studierende, die „einen Hochbegabtentest oder ein Hochbegabtenzertifikat vorlegen können. Sie sind für die ersten drei Studiensemester von der Studiengebühr befreit.“ Hierunter versteht die Universität, dass der antragstellende Studierende einen Intelligenzquotienten (IQ) von mindestens 130 nachweisen kann. Bescheinigungen des Hochbegabtenvereins Mensa in Deutschland werden, so sie nicht älter als drei Monate sind, gleich mit anerkannt.

Dank dieses Befreiungstatbestandes wurden im Sommersemester 2007 zwanzig Studierende von Studiengebühren befreit. 483 weiteren kam eine Befreiung zuteil, weil sie Stipendiaten eines der 11 staatlich anerkannten so genannten Begabtenförderungswerke sind. Bei knapp 20.000 Studierenden an der Universität Freiburg macht dies eine Quote von gut 2 Prozent vermeintlich Begabter aus, auf welche sich die universitäre „Förderung“ nun konzentriert.

Dabei wird außer Acht gelassen, dass – so selbst das Lexikon – „Intelligenz das ist, was der Intelligenztest“ misst, und wenig mehr. Eine willkürliche Messung dessen also, was man ohnehin herauszubekommen suchte: Dass die Wenigsten etwas vermögen, die anderen hingegen nicht.

Das ist deswegen wichtig, weil mittels IQ-Tests eben nicht, wie oftmals angenommen, die genetische Disposition der Zugehörigkeit zu einer „Begabungselite“ gemessen wird, sondern ganz im Gegenteil ausschließlich selbstreferentiell die aktuelle Leistungsfähigkeit auf einem bestimmten Gebiet mit nur eingeschränkten Methoden attestiert wird.

Ein solches Vorgehen ist insbesondere deshalb als problematisch zu werten, weil es stets „notwendig der Erscheinungsebene verhaftet (bleibt), da in (…) (ihm) der Versuch liegt, von der Ebene der unmittelbaren Empirie her die Inhalte der untersuchten Gegenstände allein durch die Untersuchung ihrer Wechselbeziehungen untereinander zu erfassen". Die Gründe für hohe und niedrige Intelligenz hingegen werden oft gar nicht weiter untersucht und hinterfragt, das Vorhandensein derselben schlicht als natürliche „Veranlagung“, „Begabung“ oder „genetische Disposition“ erklärt: Wer einen hohen IQ hat, also nachweislich „leistungsfähig“ ist, wird schlicht als begabt kategorisiert. Damit wird dann wieder die Leistung erklärt:

In Alltagsvorstellung und jener Psychologie, die Alltagsvorstellungen bedient und verdoppelt, ist "Begabung" (dabei) eine nicht weiter rückführbare natürliche, also angeborene Disposition, die zur Entäußerung besonderer Leistungen befähigt. Im Unterschied zu Leistungen, die auf der Beobachtungsebene liegen, ist "Begabung" ein Konstrukt, das zur Erklärung von beobachteten Leistungen herangezogen wird. Begabung ist nicht etwas, das man beobachten kann, sondern etwas, mit dem man Beobachtetes deutet, interpretiert, erklärt. Das Zirkuläre der Begabungsvorstellung liegt darin, daß von Leistung unvermittelt auf Begabung geschlossen wird, diese aber als Ursache der Leistung herhalten soll.

Andersherum: Den Begabungsbegriff zu problematisieren, schließt keineswegs notwendig ein, Leistungsunterschiede zu leugnen. Problematisiert werden damit allein die wissenschaftliche Dignität und die gesellschaftliche Funktionalität der biologisch-genetischen Erklärung von Leistungsunterschieden. Die Funktion dieser Erklärung besteht in der Naturalisierung von Unterschieden und der damit erleichterten Sortierung von Individuen. (…)

Mit diesem wissenschaftlichen Problem müssen sich alle Versuche, unterschiedliche Leistungen zu deuten, herumschlagen, auch diejenigen, die milieutheoretisch gesellschaftliche Bedingungen als determinierend ansehen, oder eher subjektwissenschaftliche Konzeptionen, die ins Feld führen, dass menschliche Lebensäußerungen, also auch "Leistungen", weder Ausdruck natürlichen noch gesellschaftlicher Determination, sondern in der Realisierung widersprüchlicher gesellschaftlicher Handlungsmöglichkeiten begründet sind. Allen Untersuchungen zum Trotz ist es m.W. bis heute nicht gelungen, "Begabung" unabhängig von beobachtbaren Leistungen bzw. Leistungsunterschieden empirisch zu verifizieren. Über eine diesbezügliche menschliche Naturgrundlage lassen sich deshalb nur gattungsallgemeine Aussagen machen.

Prof. Morus Markard, Mitglied im Vorstand des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi), zitiert nach Die Eliten und der Rest

Überdies ist ein üblicher Intelligenztest vollends blind für weitere Formen der Intelligenz, die im Alltagsleben jedoch alles andere als unwichtig sind: emotionale, soziale, kreative etc. – etwas verallgemeinert also alle nicht-technokratischen, rational-leistungsorientierten Fähigkeitsformen.

In der Folge steht zu vermuten, dass neben der Freistellung von Stipendiaten, für welche dies bereits nachgewiesen, wurde, nun auch die hier praktizierte Befreiung nach Intelligenzquotienten zu einer Verschärfung der sozialen Selektion an der Universität Freiburg führen wird.

Elitensoziologe Prof. Michael Hartmann erklärte diesbezüglich gegenüber Telepolis:

Selbstverständlich ist auch die Praxis der IQ-Tests kritisch zu betrachten, weil sie sozial selektiv ist. So testen solche Tests bspw. auch die sprachlichen Fähigkeiten, was Menschen mit einer gehobenen sozialen Herkunft deutlich privilegiert. Aber ganz abgesehen davon stellt sich doch generell die Frage: Wieso sollten ausgerechnet Menschen mit einem hohen IQ von Studiengebühren freigestellt werden? Dafür gibt es kein einziges Argument. Bei ihnen dürften die Gebühren am wenigsten abschreckend wirken. Zum einen kommen sie überwiegend aus gut betuchten Akademikerfamilien, wie die Herkunft der Stipendiaten der großen Förderwerke deutlich zeigt. Zum anderen können sie aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten eher mit einer kurzen Studiendauer rechnen.

Sie benötigen die Befreiung deshalb viel weniger als jene, die aus den berühmten "bildungsfernen Familien" stammen und aus finanziellen Gründen wie auch aufgrund der Distanz zum Hochschulmilieu die größten Probleme haben. Wenn man tatsächlich, wie immer wieder öffentlich gefordert, die Bildungsreserven ausschöpfen will, muss man bei dieser Gruppe ansetzen und nicht bei den sog. "Hochbegabten". Sie müssen von den Gebühren befreit werden, um auch ihnen das Studieren zu ermöglichen.

Prof. Michael Hartmann

Die Unabhängige Studierendenschaft der Universität Freiburg plant, Studierende zukünftig bei den Vorbereitungen auf solche IQ-Test zu unterstützen, da diese ja „relativ gut lernbar, nur nicht leicht zugänglich“ seien.

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