Zum Verhältnis von Glauben, Philosophie und Naturwissenschaft

Bild: F.R.

Ein Nachruf auf Christian Hoppes Blog WIRKLICHKEIT

Christian Hoppes Entscheidung, nach mehr als zehn Jahren seinen Blog WIRKLICHKEIT einzustellen, ließ mich aufhorchen. Unsere Wege kreuzten sich immer wieder einmal in der Wissenschaft - ich forschte früher auch an den Bonner Universitätskliniken - und auch thematisch bei den SciLogs.

Doch erst noch einmal einen Schritt zurück: In meiner universitären Lehre überraschte mich schon vor einigen Jahren das Interesse meiner Psychologiestudierenden. Wenn ich ihnen die Wahl ließ, ein Diskussionsthema selbst zu bestimmen, nannten sie regelmäßig das Verhältnis von Religion und Wissenschaft.

Das galt sowohl für die Studierenden im Bachelor als auch für diejenigen in unserem (sehr selektiven) Forschungsmaster. Dabei kam es in Einzelfällen sogar vor, dass Studierende frei von äußerer Belohnung (wie Credit Points oder Noten) kurze Referate übernahmen oder lange weiter diskutierten, nachdem ich den Saal verlassen hatte. Das ist die intrinsische Motivation, die wir Hochschullehrende uns öfter wünschen, bei den Themen der Lehrpläne aber eher selten beobachten.

Insofern könnte man also sagen, dass Hoppes Blog ein starkes öffentliches Interesse bediente, das Interesse einer gebildeten Öffentlichkeit. Das spiegelte sich auch regelmäßig in den vielen hundert Kommentaren wider, die Leserinnen und Leser in WIRKLICHKEIT verfassten. Insofern ist die Entscheidung bedauerlich, den Blog nicht fortzuführen.

Christian Hoppe hat diese aber in acht Punkten begründet und kommt zu der deutlichen Schlussfolgerung, "dass ein Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften im Grunde nicht möglich, die ganze Idee eines solchen Dialogs letztlich inhaltlich und methodisch verfehlt ist". Ich kann hier nicht für die Theologie sprechen, habe weder das Fach studiert, noch gehöre ich einer Glaubensströmung an.

Wer mich unbedingt mit einem Etikett versehen will, den verweise ich auf die Definition von Agnostizismus des Biologen-Philosophen Thomas H. Huxley (Skeptizismus, Agnostizismus; oder: Wer rettet die Wissenschaft?) oder an Karl Poppers Kritischen Rationalismus.

Bevor ich mich aber mit einigen philosophischen und wissenschaftstheoretischen Aspekten aus Hoppes Begründung beschäftige, will ich noch etwas zu unserer heutigen Situation im Jahre 2018 anmerken: Weltweit wachsen religiöse Strömungen. Außerdem zwingen uns Terroristen und Hassprediger, die sich auf religiöse Lehren berufen, Diskussionen sowie eine verschärfte Sicherheits- und Außenpolitik auf. Insofern betrifft der Umgang mit Glaubensströmungen uns alle. Daher sollte man vermuten, dass es ein Mehr an Bedürfnis nach Dialog gibt, kein Weniger.

Christian Hoppe kann man hier keinen persönlichen Vorwurf machen. Er hat es immerhin über zehn Jahre lang in aller Öffentlichkeit versucht. Dass die Strategie, einen Graben zwischen "der" Naturwissenschaft auf der einen und "der" Theologie auf der anderen Seite aufzureißen, zu keinen tragfähigen Brücken führt, überrascht mich allerdings nicht.

In diesem Zusammenhang sei noch einmal daran erinnert, dass auch Studierende verschiedener Wissenschaften einschließlich der Naturwissenschaften an eine Seele glauben und/oder religiöse Überzeugungen haben (Hirnforschung oder Religion: Wer ist hier Dualist?). Aus eigener Erfahrung kann ich zudem bestätigen, dass auch manche Professoren aus den Naturwissenschaften solche Überzeugungen haben.

Anders als der hochbetagte John Eccles (Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, 1963), stellten sie sich damit aber nicht auf Konferenzen vor ihre Kollegen. Wohl aus Angst, danach von der Fachwelt nicht mehr ernst genommen zu werden. Täten sie es einmal, wie meine Studierenden es sich noch trauen, dann hätten wir vielleicht einen wirklich offenen Dialog!

Auch Wissenschaftskommunikatoren wie Richard Dawkins und seinen Anhängern in der Blogosphäre weltweit zum Trotz präferieren gerade gebildetere Menschen die Alternativmedizin, die neben Glaubensströmungen einen weiteren Riss im naturwissenschaftlichen Weltbild formt (Ein Plädoyer für Pluralismus in der Medizin). Auch dieses Phänomen kann man psychologisch und sozialwissenschaftlich erklären. Es verschwindet aber nicht dadurch, dass man es mit naturwissenschaftlich verbrämter Polemik überzieht.

Beschäftigen wir uns jetzt mit Christian Hoppes Argumenten. Gleich am Anfang schreibt er:

Die Naturwissenschaften sind weder an einer wie auch immer gearteten theologisch- religiösen, philosophischen oder künstlerischen 'Interpretation' ihrer Resultate noch an der Kompatibilität derartiger Weltinterpretationen mit naturwissenschaftlicher Erkenntnis interessiert. Zum einen lägen derartige Weltdeutungen außerhalb der methodischen Reichweite der Naturwissenschaften. Zum anderen lässt die naturwissenschaftliche Methodologie keine Rückwirkungen fachfremder Ideen auf die naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinnung selbst zu.

Christian Hoppe

Hier wird die Welt unterteilt in "die" Naturwissenschaften auf der einen Seite - und den ganzen Rest. Naturwissenschaften als Abstraktum haben freilich keine Interessen. Menschen haben Interessen. Welche Interessen haben aber Naturwissenschaftler?

Nun, hier kann, ja muss man Hoppe schon einmal vehement widersprechen, und zwar mit empirischen Belegen. So hat etwa schon Roger Sperry (Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, 1981) in den 1980ern sein neurophilosophisches Programm skizziert: Philosophien, Religionen und Weltmodelle stünden und fielen mit den Erkenntnissen der Hirnforschung. Damit sind diese Erkenntnisse aber auch außerhalb der Naturwissenschaften relevant, ob es Christian Hoppe nun gefällt oder nicht.

Sperrys früherer Mitarbeiter Michael Gazzaniga machte rund 20 Jahre später den Vorschlag, aus Erkenntnissen der Hirnforschung ethische Regeln abzuleiten ("The Ethical Brain"). Inspiriert wurde er durch die Forschung Joshua Greenes (heute Professor an der Harvard University), an der neurowissenschaftlich und psychologisch so gut wie alles falsch war und aus der Greene und viele andere groteske philosophische Schlüsse gezogen haben (Die Psychologie von "Terror"). Ergebnis: "Erfolgreiche" Wissenschaft, publiziert in Science, bis heute über 1.700-mal im Web of Science zitiert.

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