"Zum ersten Mal in der Geschichte prägen die Massen die Überlieferung"

James Gleick über Mediengeschichte, Information ohne Bedeutung und die Überforderung durch Informationsflut

Hat die Information eine Geschichte? Ja, sagt der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker und Sachbuchautor James Gleick. Sein neues Buch Information - Geschichte, Theorie, Flut ist gerade auf deutsch erschienen. Darin zeigt er, dass der Begriff Information, der uns heute so selbstverständlich erscheint, während des größten Teils der Menschheitsgeschichte undenkbar war.

Die Vorstellung, dass Bedeutung unabhängig von einem menschlichen Geist existiert und von einem materiellen Träger lediglich aufbewahrt wird, ist selbst das Ergebnis von "Informationstechnik" - von der Schrift und dem Alphabet bis zum Internet. Heute ist "Information" das wissenschaftliche Paradigma überhaupt, das immer neue Gebiete erobert und inspiriert, von der Biologie, Physik zur Sprach- und Kulturwissenschaft. Aber, sagt Gleick, das, was uns Menschen interessiert, wenn wir kommunizieren, nämlich Bedeutung, hängt nur mittelbar mit dem Vorhandensein von Informationen zusammen.

Herr Gleick, Ihr neues Buch "Die Information" behandelt ein sehr weites Feld - die Geschichte der Kulturtechniken von der Schrift bis zum Internet, also von den Anfängen der Zivilisation bis heute - inklusive von afrikanischen "sprechenden Trommeln", der Verbreitung der Telegraphie und dem Zusammenhang von Quantenphysik und Informationstheorie. Wie schreibt man ein solches Buch?
James Gleick: Mir war von Anfang an klar, dass es lange dauern würde; letztlich habe ich sieben Jahre lang an "Die Information" gearbeitet. Ohne angeberisch klingen zu wollen: Ich wollte wirklich die Geschichte der menschlichen Zivilisation erzählen, aus der Perspektive dessen, was wir heute "Information" nennen und so sehr wertschätzen. Ich wusste also, dass die Erfindung des Alphabets Teil dieser Geschichte sein musste. Heute verstehen wir, dass diese Erfindung eine Etappe jener Entwicklung ist, zu der auch der Buchdruck, die Telegraphie und letztlich der ganze neumodische Kram gehört, den wir heute haben. Also musste ich ganz am Anfang anfangen. Thomas Hobbes schrieb einmal: "Im Vergleich mit der Erfindung der Buchstaben ist die Erfindung des Buchdrucks, wenngleich einfallsreich, keine große Sache." In diesem Sinn habe ich versucht, die großen Medien-Revolutionen historisch einzuordnen.
Für Ihr Buch haben Sie eine Fülle von Anekdoten und überraschenden Verbindungen ausgegraben. Wie finden Sie Material - in den Archiven von Bibliotheken? Benutzen Sie selbst moderne Technik zur Recherche?
James Gleick: Natürlich, immer mehr. Um ehrlich zu sein, ich google ziemlich viel, und Bücher kann man heute online lesen. Manche behaupten, dass die Lektüre im Netz sie um das unerwartete Glücksgefühl bringt, wenn man zufällig ein Buch im Regal entdeckt, nach dem man eigentlich gar nicht gesucht hat. Aber mir passiert gerade das im Internet! Allerdings besteht der Großteil meiner Recherche nach wie vor darin, in historischen Archiven Manuskripte zu lesen. Die Teile meines Buchs, die sich mit aktuellen Entwicklungen wie der theoretischen Physik beschäftigen, beruhen außerdem auf Interviews mit Wissenschaftlern.
Eine Schlüsselrolle in Ihrer Geschichte spielt die Arbeit von Claude Shannon. Seitdem hat der Begriff "Information" einen ziemlich beispiellosen Triumph erlebt. Wie erklären Sie diesen beispiellosen Erfolg?
James Gleick: Die Informationstheorie, die Claude Shannon entwickelte, verband Elektronik und Mathematik. Der Ausgangspunkt waren die konkreten technischen Probleme einer amerikanischen Telefongesellschaft. Als die Ingenieure und Mathematiker in den späten 1940er Jahren in den Versuchslaboren der American Telephone and Telegraph Company an diesen Problemen arbeiteten, begann auch das Computer-Zeitalter. Die Leute fragten sich, ob demnächst Maschinen denken. Menschen aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern interessierten sich auf einmal für die Bemühungen von Shannon und seinen Kollegen, sowohl Natur- als auch Geisteswissenschaftler.
Ich wollte herausfinden, wie sich dieser Einfluss in den 1950er und 1960er Jahren geltend machte. Teilweise beeinflusste Shannons Informationstheorie die anderen Felder ganz direkt, weil die Wissenschaftler seine mathematischen Methoden übernahmen. Größenteils aber war der Einfluss eher indirekt, eine Inspiration. Die molekulare Struktur der DNA zu entdecken, das war eine chemische und biologische Erkenntnis. Aber die "genetische Revolution" in der Biologie nutzte informationstheoretische Ausdrücke wie "Code", ein Code aus einem Alphabet mit den vier "Buchstaben" der verschiedenen Aminosäuren. Dabei handelt es sich um mehr als eine Metapher: Über das Genom werden ja wirklich Informationen gespeichert und übertragen, Instruktionen, um Proteine zu erzeugen. Diese Entwicklung in der Biologie erregte das Interesse von Mathematikern und Physikern, weil sie erkannten, wie ähnlich das zu den Problemen war, mit denen sie sich beschäftigten. So begann der Triumph des Informations-Begriffs. Heute prägt er fast alle wissenschaftlichen Disziplinen. Selbst manche Wirtschaftswissenschaftler behandeln Geld als Information.
Worin bestehen für Sie die Grenzen dieses Paradigmas?
James Gleick: Claude Shannon veränderte den überlieferten Begriff, in dem er ihnen einen neue, exakte Bedeutung gab, genauso wie es Isaac Newton mit Wörtern wie "Kraft" und "Bewegung" tat. In Shannons Theorie wird Information zu einer Maßeinheit, die synonym mit Zufälligkeit und Komplexität ist. "Je redundanter eine Nachricht", sagt Shannon, "desto weniger Informationen enthält sie!" Das Ziel ist, eine Botschaft auf möglichst wenig Zeichen zu reduzieren, ohne dass sie unverständlich wird. Jede Regelmäßigkeit, jedes Muster muss dazu algorithmisch ausgedrückt werden. Information ist sozusagen das, was übrig bleibt, was überraschend, unvorhergesehen ist.
Aber Unkenntnis ist eine subjektive Eigenschaft von Menschen: Ob eine Nachricht für uns interessant ist, hat mit ihrem Informationsgehalt im mathematischen Sinn nichts zu tun! "Bedeutung" interessierte Shannon ausdrücklich nicht. Seine Informationstheorie ist nicht falsch, aber sie ist schrecklich unbefriedigend und einseitig! Und ich glaube, es gibt da einen Zusammenhang zwischen diesem Informationsbegriff, der mit Bedeutung nichts zu tun hat, und dem Gefühl, das so viele von uns heute haben: Wir werden mit Informationen überflutet und fühlen uns gleichzeitig nicht klüger, sondern finden es immer schwieriger, herauszufinden, was wahr und was falsch ist.
Die neuen computergestützte Techniken, besonders natürlich das Internet, führen dazu, dass Informationen überreichlich zugänglich sind. Viele Menschen beklagen gerade das. Sie fürchten eine Überforderung unserer kognitiven Fähigkeiten. Finden Sie solche Ängste berechtigt?
James Gleick: Zum Teil. Ich fand es jedenfalls sehr beruhigend, als ich herausfand, dass solche Ängste uns seit Jahrhunderten begleiten. Vor vierhundert Jahren beklagte Gottfried Wilhelm Leibniz die Überforderung durch die zeitgenössische Informationsflut durch den Buchdruck, weil es auf einmal "zu viele Bücher" gab. Im ersten Moment klingt es albern, wenn er schreibt, dass "die fürchterliche Masse von Büchern" die Menschheit in die Barbarei zurückwerfen würde, denn natürlich fand gerade das Gegenteil statt, ein Aufschwung der Entwicklung und des Wissens.
Und dennoch finde ich Leibniz' Angst auf eine Art berechtigt: Er spürte, dass zum ersten Mal in der Geschichte ein Philosoph nicht länger den Überblick über alle Wissensgebiete haben konnte, und das war für ihn als Intellektuellen, als "Universalgelehrten" natürlich unglaublich frustrierend und beängstigend. Genauso geht es uns heute auch, auf allen Ebenen des geistigen Lebens. Experten für theoretische Physik beklagen sich, dass sie den Entwicklungen außerhalb ihres eigenen Spezialgebiets nicht mehr folgen können. Es gibt zu viele Konferenzen, zu viele Fachzeitschriften! Dieses Erlebnis gab es zwar schon immer, aber das heißt gerade nicht, dass sich das Problem nicht verschärft hätte.
Die großen Medienumbrüche haben historisch immer große Ängste geweckt, aber auch unerfüllbare Erwartungen. Heute sprechen manche Internet-Enthusiasten davon, dass die Technik Zeit und Raum vernichten würde.
James Gleick: Dieses Klischee existierte bereits, als die Telegraphie sich verbreitete! Die Zeitgenossen reagierten ganz ähnlich wie wir heute auf das Internet. Sie verstanden sofort, dass es eine elektrische Verbindung aus Telegraphendrähten um den ganzen Erdball herum geben würde, dass die Welt verdrahtet werden würde wie ein einziges riesiges Gehirn - all diese Metaphern wurden damals schon benutzt. Zeit und Raum werden durch eine neue Technik nicht abgeschafft, aber sie werden doch immer weiter komprimiert.
Mit jeder neuen Welle der "Informationsflut" entwickeln sich neue Methoden, um aus der Flut das Richtige herauszufischen. Welche Such- und Filtermethoden nutzen Sie persönlich? Welche finden Sie zukunftsweisend?
James Gleick: Ich persönlich experimentiere einfach. Ich nutze Suchmaschinen, aber im Bewusstsein, dass sie Filter sind, die Millionen von Einträgen auf die hinteren Ränge verbannen. Die Auswahl von Google beruht bekanntlich darauf, was alle anderen denken, was die große Masse wichtig findet. Die Suchergebnisse entsprechen in diesem Sinn Allerweltsweisheiten. Für individuelle Fragen kann das natürlich ganz verkehrt sein. Gerade deshalb neigen immer mehr Menschen zu Netzwerken wie Twitter; sie verlassen sich nicht auf eine algorithmische Auswertung des Massenverhaltens, sondern auf die Auswahl einer kleinen Zahl von bestimmten Menschen.
Sie haben Leibniz erwähnt, der darüber entsetzt war, kein Universalgelehrter sein zu können. Erleben wir nicht nur eine immer weiter anschwellende Informationsflut, sondern auch eine neue Arbeitsteilung? Die Massen prägen heute die Überlieferung, nicht mehr nur eine kleine intellektuelle Schicht. Ist das das eigentlich historisch Neue?
James Gleick: Ja. Soweit die Entwicklung von Informationstechnik überhaupt eine historische Richtung hatte, war es eben diese: Immer mehr Menschen nehmen aktiv an der Speicherung und Verbreitung von Information teil. Heute kann jeder einen Blog betreiben (auch wenn es die wenigstens tun), jeder kann einen Wikipedia-Eintrag bearbeiten. Ich will die demokratischen Tendenzen des Internet wirklich nicht in den Himmel heben, wie es Cyber-Utopisten tun. Diese Entwicklung stellt uns vor neue Probleme, denn es gibt sowohl die "Weisheit der Massen" als auch den "Wahnsinn der Massen". Aber es stimmt, heute pflegen und bearbeiten die Massen den Korpus des Wissens. Sie selbst sind die Herausgeber, die Lektoren und Archivare.
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