Zur Hölle mit dem Wirtschaftswachstum!

US-Wissenschaftler glauben, einen Zusammenhang zwischen der Angst vor der Hölle und der Arbeitsproduktivität oder dem Wohlstand eines Landes belegen zu können

Auch wenn gerade einmal wieder die Hoffnung steigt, dass es in Deutschland wirtschaftlich ein wenig kräftiger bergauf gehen könnte, gehen die Meinungen weit auseinander, warum das Land trotzdem dahindümpelt. Möglicherweise liegt es - darauf ist manbislang noch nicht gekommen - am fehlenden Glauben der Deutschen oder auch vielleicht auch an der mangelnden Angst vor dem Jenseits. US-Ökonomen wollen nämlich herausgefunden haben, dass das Wirtschaftswachstum eines Landes irgendwie auch mit der Angst vor der Hölle zu tun hat.

Taddeo di Bartolo, Die Hölle - Trägheit (1396)

Der Artikel "Die Angst vor der Hölle kann die Wirtschaft anfeuern" wurde nicht von einer obskuren Website veröffentlicht, sondern von der Federal Reserve Bank of St. Louis. Gleichwohl hat er etwas Missionarisches an sich und feiert in gewisser Weise die Überlegenheit der US-amerikanischen Kultur und Wirtschaft, soweit sie von der Religion bestimmt wird. Frank Schmid, einer der beiden Autoren, ist leitender Wirtschaftswissenschaftler an der Federal Reserve Bank, Kevin Kliesen ist ebenfalls ein mit der Bank verbundener Wirtschaftswissenschaftler. Nach einer Analyse von Daten aus 35 Ländern (EU-Mitgliedsländer, Indien, Japan, Türkei, USA) kommen sie zu dem Schluss, dass es in den Ländern, in denen ein großer Anteil der Bevölkerung an die Hölle glaubt, weniger Korruption und einen höheren Lebensstandard gibt. Sollten jetzt also Politiker stärker nicht nur Religionsgemeinschaften fördern, sondern vor allem den Glauben an die Hölle, um die Wirtschaft anzukurbeln? Haben also die Konservativen mit ihrer normalerweise stärkeren Ausrichtung auf das religiöse Wählerpotenzial deswegen auch bessere Chancen bei ihrer Wirtschaftspolitik als liberale oder gar atheistische Politiker?

Natürlich verweisen die Autoren in ihrem Artikel darauf, dass die Gründe, warum sich Länder wirtschaftlich unterschiedlich entwickeln, etwa von Arbeitsproduktivität, der Menge der Investitionen oder Inflation abhängt. Letztlich seien aber Bevölkerungswachstum und Arbeitsproduktivität die entscheidenden Faktoren. Da zumindest in den Industrieländern mittlerweile das Bevölkerungswachstum keine große Rolle mehr spielt, bleibt das Wachstum der Arbeitsproduktivität für die Autoren als maßgebliche Ursache für den Wohlstand einer Nation übrig, was schon ein wenig nach einer puritanischen Hypothese schmecken mag.

Auch zur steigenden oder sinkenden Arbeitsproduktivität tragen viele Faktoren wie die Bildung der Menschen oder der Stand der Technik, aber auch die Sparrate oder die Distribution von Gütern und Dienstleistungen bei. Großen Einfluss haben gesellschaftliche Institutionen, wozu auch Gesetze gehören wie das Vertragsrecht oder die Sicherung des Eigentums. Wichtig sei auch das Vorgehen gegen Unternehmen oder Regierungsangehörige, die sich durch illegale oder unmoralische Handlungen bereichert haben, da Korruption zu "wirtschaftlicher Unsicherheit" führe und Wohlstand zerstören könne. Aber auch diese nicht-ökonomischen Gründe können Wirtschaftswachstum nicht hinreichend erklären, weswegen seit kurzem die Religion als Faktor von Wirtschaftswissenschaftlern zunehmend herangezogen werde (Religion und Reichtum in den USA).

Das könnte freilich auch der Ausdruck des gegenwärtigen "Kampfes der Kulturen" sein, den bekanntlich Samuel Huntington schon im Vorfeld zum 11.9. auch als Krieg der Religionen charakterisiert hatte. Aber die beiden Autoren gehen für ihre These auf die (christlichen) Klassiker der Wirtschaftstheorie wie Adam Smith zurück. Der habe in der durch die Religion in einer Gesellschaft verstärkten Moral einen wesentlichen wirtschaftlichen Motor gesehen. In Gesellschaften, die an Gott glauben, würden Ehrlichkeit und Anständigkeit stärker gedeihen, so dass weniger Ressourcen verschwendet werden müssen, um die Aufrichtigkeit der Partner für wirtschaftlichen Transaktionen festzustellen, die Vertrauen voraussetzen. Weiterhin wird auf Alexis de Tocqueville verwiesen, nach dem in den USA die Religion die Abhängigkeit vom Staat gemindert und die "Benutzung von freien Institutionen" verstärkt habe. Dadurch seien mehr Ressourcen in den privaten Sektor geflossen und habe sich die Moral des Landes gehoben.

Immerhin wird über Max Weber dann wenigstens auch kurz erwähnt, dass die Art der Religion, für Weber der Protestantismus, entscheidend sein könnte. Erst die protestantische Religion hat den moralischen oder erlösungsorientierten Schmierstoff für die ungebremste Arbeitsproduktivität des westlichen Kapitalismus geliefert. Die Autoren verweisen schließlich auf ein paar neuere Theorien im Schnelldurchlauf, nach denen durch steigende Bildung und wachsenden Reichtum die Bedeutung der Religion sinke, während andere im Gegenteil davon ausgehen, dass mit höherer Bildung der Kirchenbesuch steige. Nach Robert Barro und Rachel McClearry (Religion and Economic Growth) würde allerdings mit wachsender Wirtschaft der Kirchenbesuch sinken, dafür aber sei eben der Glaube an die Hölle mit einem zunehmenden Wirtschaftswachstum verbunden.

Gehen die Menschen viel in die Kirche, so die Argumentation, werden auch viele Ressourcen gebunden, die dann der wirtschaftlichen Tätigkeit entzogen werden. Verstärkt aber der Kirchgang bestimmte Einstellungen, dann müsse ein Sinken des Wirtschaftswachstums nicht notwendig eintreten, allerdings lege er auch nahe, dass die Bedeutung der organisierten Religion in einer Gesellschaft hoch ist, was dem Wirtschaftswachstum aber eben nicht förderlich sei. Vermutlich gibt es dann zu viele moraalische Einschränkungen. Ein wichtiger Faktor für Robert Barro und Rachel McClearry ist die Vielfalt bzw. Konkurrenz der Religionen, primär aber der Glaube an Paradies, Hölle und ein Leben nach dem Tod. Die von diesen Vorstellungen geprägte Religiosität wirke sich direkt auf das individuelle Verhalten und auf die Arbeitsproduktivität aus - ein wenig nach der Devise: Wer Angst vor der Hölle hat, arbeitet besser und mehr.

Kurz wird zwar auch von Barro und McClearry angesprochen, dass Muslims und Katholiken am stärksten vom Glauben an das Paradies, die Hölle und das Leben nach dem Tod geprägt seien. Aber die gehen wohl auch öfter in die Kirche/Moschee und vergeuden so ihre Ressourcen, während gerade muslimische Länder nicht durch religiösen Pluralismus glänzen. Kliesen und Schmid, die wiederum von den Hypothesen des Zusammengangs zwischen Höllenglauben und Wirtschaftswachstum durch Arbeitsproduktivität in "Religion and Economic Growth" ausgehen, sehen mindestens zwei Bestandteile der Verbindung zwischen Höllenglauben und Wirtschaftswachstum. Die grundlegende Schwäche ist allerdings die Beschränkung der Daten auf 35 Länder, die überwiegend christlich sind. Zudem wird auf den Glauben auf ein Paradies keine Rücksicht genommen, der für Religiosität ebenso wichtig ist wie die Angst vor der Hölle. Und auch die Hölle und der Weg zu ihr unterscheiden sich in den Religionen erheblich. Wer sich in die Luft sprengen und dabei möglichst viele angebliche Feinde mitreißen kann, um direkt in das Paradies zu kommen, wird auch seine "Arbeitsproduktivität" anders einsetzen als derjenige, für den Müßiggang ein Laster und Armut ein selbstverschuldetes Elend ist.

Festgestellt wird zuerst ein Zusammenhang zwischen dem Glauben an die Hölle und der Korruption in einem Land. Danach haben die Länder, in denen ein größerer Bevölkerungsanteil an die Hölle glaubt, ein geringeres Maß an Korruption. Und die Länder mit weniger Korruption haben ein größeres Bruttosozialprodukt (GDP) pro Kopf. Das lege nahe, dass "je religiöser ein Land ist, es desto weniger Korruption aufweist und desto höheres Pro-Kopf-Einkommen hat".

Schaut man jedoch auf einzelne Länder, so wird dieser statistische Zusammenhang schon brüchiger. Die USA stehen so zwar an erster Stelle beim GDP pro Kopf und auf der Skala von 35 Ländern auf Platz 34, was die Höllengläubigkeit der Bevölkerung angeht, bei der Korruption belegen sie jedoch nur Platz 23. Die Türkei, praktisch das einzige muslimische Land, das in die Untersuchung integriert wurde, ist das "höllengläubigste" Land. Bei der Korruption liegt es auf Platz 6 hingegen weit vorne, beim Pro-Kopf-GDP jedoch mit Platz 32 fast am Ende. Das könnte nahe lagen, folgt man der Hypothese, dass der Islam aus der Rolle fällt. Aber auch Deutschland (Höllengläubigkeit mit Platz 7 gering, Korruption mit Platz 25 besser als die USA, Pro-Kopf-GDP mit Platz 11 nur im ersten Drittel, vor allem aber Länder wie Polen oder, im Gegensatz, wie Dänemark oder Island fallen heraus. In Island glaubt man kaum an die Hölle (Platz 5), dafür liegt das Land auf Platz 3 beim GDP und auf Platz 34 bei der Korruption. Man ist also ehrlich ohne Angst vor der Hölle.

Aber bei solchen Unstimmigkeiten bleibt es nicht. Vergleicht man direkt den Anteil der Bevölkerung, die Angst vor der Hölle hat, mit der Höhe des Pro-Kopf-Einkommens, dann wird die Beziehung noch schwammiger. Die Türkei und die USA sind sich bei der Furcht vor der Hölle mit 85% bzw. 71% der Bevölkerung fast gleich, das Pro-Kopf-Einkommen liegt jedoch in einem Fall bei 5.890 und im anderen bei 34.320 US-Dollar. Mit Allah verdient es sich also schwer, wenn man nicht auf Erdölquellen sitzt? Und warum liegen in Bezug auf die Höllenangst Kanada, Argentinien und Indien nahe beieinander, nicht aber beim Einkommen, das von 27.130 über 11.320 bis zu 2.840 US-Dollar reicht? Oder Schweden mit Bulgarien, obgleich die schwedischen Bürger das Vierfache an Einkommen erzielen? Unberücksichtigt bleibt zudem die Verteilung des Reichtums in einem Land.

Für Ungläubige ist die Theorie des Wirtschaftswachstum der amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler wohl selbst ein Ausdruck des Glaubens, zumindest aber einer zu schmalen empirischen Basis und übertriebenen Interpretationen, die zu pauschal und undifferenziert sind. Ganz abweisen lassen sich dennoch Zusammenhänge zwischen dem unterschiedlichen Wohlstand der Nationen im globalen kapitalistischen System und der Religionen als Ausdruck der Kulturen nicht gänzlich, da diese auch in säkularisierter Form fortexistieren und Einstellungen prägen können. Aber die plakative These, dass die Angst vor der Hölle die Wirtschaft ankurbelt, ist mehr Show als Wissenschaft. Aber das mag sie womöglich mit der Wirtschaft gemein haben. (Florian Rötzer)

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