Zurück in die 1950er?

Streiks in den USA: Funkenzauber oder neuer Aufbruch? Symbolbild: Christopher Burns/Unsplash

Die Neuentdeckung des US-amerikanischen Arbeitskampfes

Ausgerechnet in den USA befinden sich seit letzter Woche Angestellte mehrerer Firmen im Streik. Mehr als tausend US.-amerikanische Arbeiter:innen streiken diesen Oktober. Der Zeitpunkt dieser großangelegten Aktion ist wohl kein Zufall, die Arbeiter machen sich den Post-Covid-Arbeitsmarkt zunutze.

Bleibt zu hoffen, dass der Trend für einen solchen Arbeitskampf in den USA anhält. Denn für die US-amerikanischen Arbeiter:innen gibt es viel Boden zurückzugewinnen und können dabei oft nicht einmal auf ihre eigenen Gewerkschaften zählen.

Es fällt schwer, es sich heute vorzustellen, doch Gewerkschaften und ihre Mitglieder spielten einst eine große Rolle in der politischen und kulturellen Landschaft der Vereinigten Staaten, und das nicht nur als korrupte Statisten in Mafiafilmen. Mitte der 1950er-Jahre war ca. jede dritte Arbeitskraft in den USA in einer Gewerkschaft organisiert - Landarbeiter:innen ausgenommen.

Abstieg der Gewerkschaften

Seitdem ging es bergab, besonders in den 1980er- und 1990er-Jahren beschleunigte sich der Abstieg der Gewerkschaften. Die Gründe hierfür waren ebenso mannigfaltig wie verheerend. Die zunehmende Globalisierung der Märkte und die damit einhergehende neue Konkurrenz waren sicher einer der weitreichendsten Faktoren für den Niedergang der amerikanischen Gewerkschaften.

Doch leistete auch die Deregulierung einiger nicht von der Globalisierung betroffenen Wirtschaftssektoren ihren Beitrag zur Verdrängung von Arbeiterorganisationen aus gewissen Berufszweigen, wie etwa Lastwagenfahrern.

Während der Reagan-Jahre konnten sich Arbeitgeber:innen sicher sein, dass ihre halb- oder auch schlicht illegalen Taktiken, um Arbeiterorganisationen aus ihren Firmen herauszuhalten, im Grunde so von der Politik gewollt und daher geduldet waren. Denn auch der Präsident selbst hielt mit seiner Antipathie gegenüber Streikenden nicht hinterm Berg. So ließ er es sich nicht nehmen, einige Fluglotsen höchstselbst zu feuern.

Spätestens seit Reagan sind die US-amerikanischen Gewerkschaften also weitgehend besiegt und jedes Gesetz, das sie in ihrem Kampf bestärken könnte, wie der Employee Free Choice Act, wird von je her durch den Senat blockiert.

Der neue Mut

Woher kommt also auf einmal der Mut und die Motivation zum Streik? Der Landmaschinenhersteller John Deere, zum Beispiel, dessen Aktienwert sich seit 2019 verdoppelt hatte, legte seinen Angestellten einen neuen Vertrag vor, der ihre Privilegien und Reallöhne stark eingeschränkt hätte. Der Vorschlag des Managements beinhaltete eine Kürzung der Reallöhne, die Abschaffung von Renten für zukünftige Neuangestellte, sowie die Beibehaltung von früheren, von der UAW-Gewerkschaft vertraglich akzeptierten, Zugeständnissen.

Kein Wunder, dass es bei solch dreisten Forderungen durch den Arbeitgeber zum Streik kommt. Wahrscheinlich sah das Management keinen Grund, warum ausgerechnet jetzt die stetige Entwicklung in Richtung niedrigerer Löhne und höherer Produktivität gestoppt werden könnte, was einer starken Fehleinschätzung des Arbeitsmarktes gleichkommt.

Denn auch Finanzanalytiker wie, Harrison Schwartz, erkennen, dass, "der Arbeitskräftemangel und die Millionen von Arbeitnehmer:innen, die ihre schlecht bezahlten Jobs aufgeben", es den Arbeitenden wieder erlauben, Druck auf die Arbeitgeber auszuüben.

Der größte Widersacher der streikenden John Deere-Angestellten ist tatsächlich die eigene Gewerkschaft. Die UAW wurde wie viele andere Gewerkschaften perfekt von Kapital und Politik in die herrschenden Verhältnisse integriert und tut alles, damit sich der Streik nicht weiter ausbreitet.

Die United Automobile Workers-Gewerkschaft verhandelt, laut Streikenden, nicht zu ihrem Vorteil, dafür hätte sie wenigstens so tun müssen als würde sie die Meinung ihrer Mitglieder interessieren, - angeblich kam es im Vorfeld zu den Verhandlungen nicht mal zu Umfragen. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei den angeblichen Verhandlungen zwischen John Deere Management und UAW eher um Strategie Besprechungen zur Brechung des Streiks handelt.

Die streikenden John Deere-Angestellten wehren sich jedoch. Die Gründung des John Deere Workers Rank-und-File Committee könnte den Streikenden vielleicht die nötige organisatorische Struktur an die Hand geben, um Arbeiter:innen aus anderen John Deere Werken miteinzubeziehen und so die UWA zu umgehen.

Druck auf das Finanzkapital?

Inwiefern dieser Trend nachhaltig als Druck auf das Finanzkapital, also die Wall Street, auswirken kann, muss sich noch zeigen, immerhin warnt Schwartz Anleger davor, sich nicht in "Unternehmen zu engagieren, die von Arbeiter:innen abhängig sind (insbesondere, wenn sie in der Herstellung tätig sind), denn diese werden von der Verschiebung wahrscheinlich am stärksten betroffen sein".

Aus Sicht von Schwartz kann die US-amerikanische Arbeiterschaft einfach wegrationalisiert werden, sobald diese etwas mehr vom erwirtschafteten Mehrwert beansprucht. Wall Street hat also schon eine Lösung für das Problem gefunden, einfach weniger in Firmen investieren, die tatsächlich etwas herstellen, bzw. Arbeitsplätze schaffen, denn am Ende ist menschliche Arbeitskraft in den Core-Staaten des kapitalistischen Systems doch ein zu großer Kostenfaktor.

Die Arbeiter:innen widersetzen sich mit ihren Streiks aktiv der Umverteilung von unten nach oben, welche ansonsten in jeder Krise, ob pandemisch oder menschengemacht, stattfindet. Auch während der COVID-Pandemie haben die Superreichen grotesk hohe Gewinne eingefahren und somit die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet.

Umverteilung

So stieg ihr Vermögen von "knapp drei Billionen Dollar zu Beginn der Covid-Krise am 18. März 2020 auf über fünf Billionen Dollar am 15. Oktober dieses Jahres" Damit ist ihr Vermögen angeblich um rund zwei drittel Größer als das der unteren 50 Prozent der US.-Haushalte.

Wie schon in einem vorangegangenen Artikel beschrieben (US-Krankenversicherer: Covid-Schonfrist für Klienten beendet), ist ein Faktor für diese Form der Umverteilung die zunehmende Ausbeutung der Arbeiter:innen durch das Gesundheitssystem, - spätestens seit die Krankenkassen ihre Klienten wieder volle Eigenbeteiligung zahlen lassen.

Als der zweite große Faktor dürfte der, "beispiellose Aufkauf von Finanzanlagen im Wert von sieben Billionen Dollar durch die Federal Reserve Bank" als Teil der pandemischen Konjunkturmaßnahmen der US-Regierung angeführt.

Die Milliardäre bereichern sich also direkt an den Steuergeldern, ohne selbst wirklich Steuern zu zahlen. Das ist nichts Neues. Neu ist, dass viele arbeitende Amerikaner:innen in der durch die Pandemie erzwungene Pause von Arbeitsplatz und Arbeitsmarkt, anscheinend feststellen mussten, dass sie oft für weniger oder wenig mehr als die ihnen zustehenden Sozialleistungen gearbeitet hatten, und nun schlicht nicht mehr in diese Jobs zurückwollen.

Rückenwind für die Streikenden

Dieser generelle Trend gibt den Streikenden Rückenwind, eventuell genug, um etwas von dem zurückzuerobern, was sie in den letzten 30 Jahren verloren haben. Und es ist nicht nur die John Deere-Arbeiterschaft, die beschlossen hat, ihren Arbeitgebern Parole zu bieten.

So entschied man sich etwa Anfang dieser Woche dafür, Arbeiter:innen in der TV-Industrie in einem Deal entgegenzukommen, um in letzter Minute einen Streik abzuwenden. Vielleicht erkennen auch andere Berufsgruppen ihre neue Machtposition. Denn: Die globalen Lieferketten sind momentan in einem schlechten Zustand und das könnte zu Lieferengpässen und höheren Preisen führen - ausgerechnet zu Weihnachten. Ein Streik von Lastwagenfahrern könnte also gerade jetzt große Wellen schlagen.

So scheint das Versprechen des amerikanischen Neoliberalismus, billige Waren und Dienstleistungen für die Mittelschicht auf Kosten der Arbeiterklasse zu ermöglichen, zu bröckeln. Und wer weiß, was passiert, wenn die US.-amerikanische Mittelschicht über das Weihnachtsfest nicht so durch Konsum abgelenkt ist, -am Ende richten sie dann ihre Aufmerksamkeit und Frustration "nach oben". (Leon Gerleit)