Zurück zu den Ursprüngen

Bild: Sony Pictures

Kindlich, gelangweilt, anspruchsvoll: Bob Persichettis erster animierter "Spider-Man"-Film

Da schwingt er sich wieder, ausgestattet mit Spinnensuperkräften, an stahlseildicken Spinnfäden zwischen den Wolkenkratzern von Manhatten. Und das gleich vielfach ... - aber der Reihe nach.

Spider-Man ist der Däumling unter den Super-Helden. Der Jugendliche Peter Parker, der von einer Spinne gebissen wird und sich daraufhin in einen Superhelden verwandelt, der trotzdem ganz der nette Junge von Nebenan bleibt.

Dieser Pubertierende taugt mit am Besten als Identifikationsfigur und perfekte Projektionsfläche für die selbst ja in erster Linie jugendliche oder gar in ewiger Infantilität gefangene Kientel des im letzten Jahrzehnt inflationär gewordenen Superhelden-Genres. Allein neun Marvel-Filme kamen 2017 heraus.

Zugleich scheint diese Figur in ihrer Wandelbarkeit (oder Unkonkretheit?) aber selbst den Studio-Machern Probleme zu bereiten. Bereits im letzten Marvel-Superheldenepos, der "Avenger"-Reihe, wurde Spider-Man zu einer Art Robin-Figur und Adoptivsohn des Multimilliardärs Iron-Man geschrumpft. Er assistiert, er macht Fehler, die von den Erwachsenen wieder ausgebügelt werden müssen.

Waren erzählen von Waren

Bob Persichettis Film ist bereits der vierte Reboot, also Neustart der Figur - als müsste es mit jeder Jugendgeneration seit 2002 auch einen eigenen Spinnenmann geben. Allerdings ist "Spider-Man: A New Universe" der erste Animationsfilm der Serie. Im Original werden die Figuren denn auch von Darsteller-Größen wie Nicholas Cage, Jake Johnson, Liev Schreiber, Hailee Steinfeld gesprochen werden, in der deutschen Fassung nur von unbekannten, drittklassig klingenden Synchronsprechern.

Spider-Man: A New Universe (14 Bilder)

Bild: Sony Pictures

In diesem Fall wird die Ursprungsmythologie der Figur - der Spinnenbiss - dann auch nur noch aus dem Rückblick von einen Spider-Man erzählt, der offenbar schon einiges hinter sich hat: "Mein Name ist Peter Parker. Den Rest kennt ihr ja sicher: Ich hab die Stadt gerettet, mich verliebt, dann hab ich die Stadt nochmal gerettet... und nochmal... und nochmal..." Wie von sich selbst gelangweilt und unidealistisch kann ein Superheld eigentlich noch werden? Allen Ernstes erzählt er uns auch, dass es ihn "als Comic" gäbe, "als Cornflakes, ich hab ein Weihnachtsalbum rausgebracht und ein semi-gutes Eis am Stil."

Hm... Interessant an diesem Dialog-Ausschnitt ist nicht nur, dass sich ein Filmheld erkennbar an ein Publikum von Fans und Bescheidwissern richtet, an einen elitären Kreis von Eingeweihten. Sondern dass der Film, nur sehr bemüht selbstironisch abgefedert, die Sequelitis, den Boom der Fortsetzungs- und Vorgeschichtenfilme schon selbst zum Thema macht - und das Merchandising des Films, also die ganzen Waren, die wir kaufen sollen.

So markiert der Film das Endstadium eines postmodernen Wirtschaftssystems, wie es der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor einem Vierteljahrhundert prophezeihte: Die Waren erzählen von den Waren und von sich selber.

Lektionen, Korrektheit, Diversity

Aufregend wird es dann aber doch: Denn bald verschlägt es Spider-Man in ein Paralleluniversum. Dort begegnet er seinem Doppelgänger. Der heißt Miles Morales und hält sich ebenfalls für den einzig wahren Spider-Man. Dieser Miles Morales, oder "Spider-Man zwei" ist noch nicht ganz so perfekt wie der erste, deswegen erhält er vom Peter-Parker-Spider-Man nach anfänglicher Verwunderung bald Lektionen.

Diese nette Hilfsbereitschaft unter Superhelden hat dem Film in den USA auch Vorwürfe eingebracht. Denn Miles Morales, eine Figur die erst vor kurzem, im Jahr 2011 erfunden und ins Comic-Universum eingefügt wurde, hat schwarze Hautfarbe. Ist es also überhaupt politisch korrekt, dass ein weißer Junge einen schwarzen Jungen etwas beibringt? So debattieren manche übersensiblen Amerikaner - uns muss das vielleicht nicht weiter kümmern.

Denn es wird sowieso alles kompliziert genug. Weil sich nämlich bald herausstellt, dass die Welt von Miles nur eines unter unendlich vielen Paralleluniversen ist mit lauter anderen Spinnenmenschen, die alle irgendwie anders und irgendwie dieselben sind, mal weiblich, mal tierisch, mal farbig...

Danach mündet die Handlung allmählich in das erwartbare Hollywood-Muster: Das Böse muss besiegt werden, und jeder Spinnenmensch muss wieder wie schon "ET" - "nach Hause!" Zurück in die jeweils eigene Welt.

Bild: Sony Pictures

Das geschieht hochunterhaltsam und so ist dieser Film auch gelungenes Entertainment-Kino. Aber es ist mehr: Man kann zu alldem sagen: "Zeitgeist", man kann es "political correctness" nennen, man kann aber darin auch viel darüber lernen, in was für einer Welt wir eigentlich leben.

"Spider-Man: A New Universe" ist zunächst einmal das, was jeder Spider-Man-Film vor allem ist: Nein, kein Superhelden-Abenteuer, sondern ein Film über die Pubertät. Denn lebt nicht jeder Jugendliche mindestens zwischen 11 und 17 in seinem eigenen Universum?

Zugleich ist es ein Film über das, was Soziologen "Die Gesellschaft der Singularitäten" (Andreas Reckwitz) nennen, die Gesellschaft der Einzelheiten. Ein Film über das Thema, das uns auch politisch und im sozialen Alltag umtreibt: Wie immer schwerer es ist, alles Individuelle noch zusammenzubringen und eine gemeinsame Erzählung zu finden, die uns alle einschließt. Jetzt lernen es schon die Kleinen im Kino. (Rüdiger Suchsland)

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