Zwangsflexibel und mittendrin im Nirgendwo

Die Jugendlichen sind die großen Verlierer auf dem Arbeitsmarkt. Denn immer mehr Schulabgänger stecken in der "Warteschleife"

Es war kurz bevor in New York die Twin-Towers einstürzten. Gerhard Schröder eröffnete im April 2001 die „Faulenzerdebatte“, er sprach davon, dass es kein „Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“ geben dürfe. Es folgte Hartz IV und das wilde Durchreformieren der letzten Jahre, bis schließlich das Statistische Bundesamt im letzten Jahr zur generellen Ernüchterung rote Zahlen zum Ausbildungsmarkt schrieb: Im Jahre 2005 wurden bundesweit 550.180 Ausbildungsverträge abgeschlossen und somit 22.800 weniger Verträge als noch im Jahr zuvor. Das entsprach einem Rückgang von vier Prozent und war der niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung.

Derzeit haben die Alarmglocken allerdings Betriebsurlaub. Infratest Dimap meldete erst für vergangenen Monat, dass „die positiven Stimmen gegenüber der wirtschaftlichen Lage in Deutschland“ erstmals wieder seit sechs Jahren überwiegen würden. Kaum verwunderlich, die Arbeitslosenzahlen sind erstmals wieder seit viereinhalb Jahren unter die Viermillionengrenze gerutscht. Eine Faulenzerdebatte braucht es da derzeit gar nicht.

Selbst auf dem Ausbildungsmarkt bewegt sich was: Im Zeitraum vom 1. Oktober 2005 bis zum 30. September 2006 wurden bundesweit 576.153 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das entspricht einem Zuwachs von 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, so das Resultat des gerade erst erschienen Berufsbildungsberichts 2007.

Wird jetzt alles wieder gut in Deutschland? Zum einen löst der kleine Zuwachs kein Arbeitslosigkeitsproblem. Zum anderen sagen diese Zahlen nichts darüber aus, wie wie viele Jugendliche heute in der „Warteschleife“ stecken. Denn so wie die Zahlen zum Konjunkturaufschwung verschleiern, dass es rund 2 Millionen Arbeitslose mehr gibt, die nur eben als solche nicht erfasst werden, weil sie sich etwa in diversen Maßnahmen befinden, bewegen sich heute nach einem Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung rund 40 Prozent aller ausbildungswilligen Schulabgänger im Übergangssystem.

Für viele heißt das, mittendrin im Nirgendwo zu sein. Und diese Jugendlichen sind genauso wenig als arbeitslos registriert, wie viele „schwache“ Schüler als Bewerber in der Statistik nicht einmal auftauchen: Offiziell gilt nur als „Bewerber“, wer von der Berufsberatung als „ausbildungsreif“ und „für den gewünschten Beruf als geeignet“ befunden wurde.

Über die „erfassten“ Bewerber lassen sich dann umso mehr Schlüsse ziehen. Der Berufsbildungsbericht 2007 verrät nämlich auch, dass sich die Zahl „unvermittelter“ Bewerber(innen) im letzten Jahr auf 49.477 Personen erhöht hat und gerade der Anteil so genannter „Altbewerberinnen und Altbewerber“ drastisch zunahm: um 13 Prozent im Jahre 2006 auf nunmehr 385.200 Personen gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der registrierten Bewerber, die aktuell die Schule verließen, sank hingegen um 7 Prozent auf 372.500 Personen. Das bedeutet, dass es bundesweit inzwischen sogar mehr Altbewerber als aktuell Schulentlassene unter den bei der BA registrierten Bewerbern gibt.

Die Jugendlichen sind die eigentlichen Verlierer auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Dem aktuellen Berufsbildungsbericht zufolge ist die tatsächliche Jugendarbeitslosigkeitsquote heute sogar doppelt so hoch wie unter den Erwachsenen: 415.015 Arbeitslose waren im Dezember 2006 unter 25 Jahre alt. Noch einmal so viele dürften sich in diversen Maßnahmen der Arbeitsagenturen befinden. Gerade für Migranten sieht die Lage düster aus. Sie haben nicht nur schlechtere Abschlüsse und darum schlechtere Chancen. Sie bleiben auch bei gleicher Qualifikation benachteiligt.

Allgemein gilt: Je niedriger das Qualifikationsniveau ist, desto schwieriger wird es. Knapp 60 Prozent aller Hauptschüler und fast die Hälfte aller Realschüler (47 Prozent) können an keinen Ausbildungsbetrieb vermittelt werden. Die Jugendlichen landen in berufsvorbereitenden Maßnahmen der BA, absolvieren ein schulisches Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), ein Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) oder versuchen es mit einer betrieblichen Teilqualifizierung einschließlich Einstiegsqualifizierung (EQJ). Auch für sonstige betriebliche Praktika und berufsfachschulische Bildungsgänge ist sich die engagierte Jugend nicht zu schade.

Was aber bringen solche Maßnahmen? Insgesamt, so resümiert der Berufspädagoge Günter Ratschinski in seinem Buch „Diesseits vom Abseits“, blieb die „Erhöhung der Eingliederungschance“ in den Arbeitsmarkt gerade durch das Berufvorbereitungsjahr (BVJ) „gering“. Die „Unversorgtenrate“ (23 Prozent) hätte sich kaum reduzieren lassen. Und die berufsvorbereitenden Maßnahmen der staatlichen Arbeitsverwaltung seien bislang „erfolgreicher“ gewesen als die schulischen Berufvorbereitungsjahre.

Aktuell kommt der Berufsbildungsbericht 2007 dann zu folgendem Schluss: Von den 105.702 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die im Jahr 2005 eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme nach „neuem Fachkonzept“ (ohne spezielle Maßnahmen für behinderte Menschen) beendet haben, waren nach sechs Monaten 44,6 Prozent sozialversicherungspflichtig beschäftigt, davon 37,7 Prozent in Ausbildung. Das stellt gegenüber dem Vergleichszeitraum 2004 sogar eine deutliche Verbesserung dar: 38 Prozent gingen damals einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Davon fingen knapp 30 Prozent eine Ausbildung an.

So erfolgreich diese Maßnahmen auch sein können (in der Regel sind sie das nicht), sie stehen im Widerspruch zur Logik auf dem Arbeitsmarkt: Selbstbestimmtheit und Flexibilität wird nicht zuletzt seit Richard Sennetts Buch „Der flexible Mensch“ im Arbeitsleben groß geschrieben. Für Jugendliche heißt das heute, dass sie sich selbst motivieren, stetig orientieren, auch umorientieren und sich später auch weiterbilden müssen. Motivierend und selbstbewusstseinsfördernd wirken solche Maßnahmen aber nicht, wenn man sie nicht einmal selbst gewählt hat oder sie zumindest nur als Notlösung erachtet, sich darum auch nicht selbstbestimmt dem Berufswunsch entsprechend erproben kann.

Die Jugendlichen macht all das zwangsflexibel, da braucht man sich schon mal keine Sorgen zu machen. Vor allem junge Frauen entwickeln aus Furcht vor Arbeitslosigkeit großen Ehrgeiz, während Jungs sich möglichst lange im „Hotel Mama“ einquartieren. Die jungen Frauen sind es auch, die den Absprung aus strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands schaffen und im Bildungsgrad ihre männlichen Kollegen längst überholt haben, nur eben trotzdem benachteiligt bleiben.

Ein Risikovermeidungsverhalten, das der Historiker Paul Nolte in seinem letztjährigem Buch „Riskante Moderne“ der deutschen Gesellschaft attestiert, kann für weite Teile der Jugend sicher nicht gelten. Nolte zufolge hat sich die becksche Risikogesellschaft mittlerweile in eine „Risikovermeidungsgesellschaft“ verwandelt. Aus Angst vor Entscheidungen zögere man Entscheidungen hinaus - was sich in Form von längeren Studienzeiten und späterem Kinderkriegen äußere.

Glaubt man aber den Ergebnissen der letzten Shell-Studie (vgl. Neues zur Jugend von heute), und daran besteht wenig Zweifel, sind die Jugendlichen gerade heute leistungsbereit und zielorientiert: Sie legen großen Wert auf gute Bildung, wünschen sich eine Familie und schätzen soziales Engagement. Zugleich haben sie große Angst vor Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen und Armut. Darum greifen sie auch zu, wenn sich passende berufliche Alternativen auftun. Eine Ende 2004 von der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) durchgeführte Lehrstellenbewerberbefragung ergab, dass 70 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber sich auf mehr als nur einen Beruf, 44 Prozent sogar auf vier und mehrere Berufe beworben haben.

Gleichwohl treibt es die Jugendlichen wieder zurück in traditionelle Berufsfelder. Die jungen Männer wollen wieder Handwerker sein, wenn alles unsicher ist, wenn die Frauen nicht nur Hosen anhaben, sondern auch auf den Arbeitsmarkt drängen, nur eben kein Platz für alle ist. So waren im Jahr 2004 über 38 Prozent aller Ausbildungsplätze männlicher und knapp 53 Prozent aller Ausbildungsplätze weiblicher Auszubildender auf nur zehn von insgesamt 348 anerkannten Ausbildungsberufen konzentriert. Der Beruf des KFZ-Mechatronikers liegt in der männlichen Beliebtheitsskala unangefochten an erster Stelle. Bei den jungen Frauen hingegen sind das die Berufe Bürokauffrau, Arzthelferin und Kauffrau im Einzelhandel.

All das darf dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Lehrstellen heute nicht besetzt werden (können): Im Jahr 2006 waren das rund 15.400 (2005: 12.600), wenn die Zahl offener Ausbildungsplätze im Vergleich zu Anfang der 90er Jahre auch einer Stecknadel im Heuhaufen gleicht - 1992 gab es 126.600 freie Lehrstellen. Die Betriebe stimmen dennoch in den Chor der Entrüsteten ein. Zu viele Jugendliche seien einfach nicht zu gebrauchen. Es mangele an Grundkenntnissen im Rechnen, Schreiben und Lesen. Zugleich gibt es aber rund 500.000 Unternehmen, die ausbilden könnten, es nur nicht tun. Auch sind bislang 1 Million Unternehmen nicht ausbildungsfähig. Die Folge? Wer hierzulande keinen Beruf erlernt, reduziert seine Chancen auf stabile Beschäftigungsverhältnisse deutlich mehr als in anderen Ländern.

Das war keinesfalls immer so. Zur Beginn der Industrialisierung waren für Fabrikarbeiter Berufsausbildungen überflüssig oder gar hinderlich. Und selbst in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts war es noch üblich, dass Jugendliche ohne Berufsausbildung ins Erwerbsleben eintraten – ungelernte Jugendliche machten ein Drittel der nachwachsenden Generation aus; in den 50er Jahren war das ein Viertel, bis die Quote um 1970 auf etwa 12 Prozent der entsprechenden Jahrgänge sank.

Grundsätzlich wandelte sich der Stellenwert formaler Qualifikation, als 1969 mit dem Berufsbildungsgesetz die so genannten „Anlernberufe“ größtenteils abgeschafft wurden und infolge der Ölkrise 1973 neben der allgemein steigenden Arbeitslosigkeit auch die Jugendarbeitslosigkeit stieg. Bis dahin reagierte der Ausbildungsmarkt relativ unabhängig vom Arbeitsmarkt.

Zugleich hat sich aber nicht nur der Stellenwert formaler Qualifikation gewandelt. Arbeit und Identität sind heute nahezu siamesische Zwillinge. Arbeitslosigkeit kommt darum auch einer Delle im Identitätsgehäuse gleich. Identitätsmerkmale aus Arbeitszusammenhängen lassen sich historisch betrachtet erst seit dem 15. Jahrhundert ableiten - in allen europäischen Sprachen war der Begriff „Arbeit“ seit der Antike bis zum 16. Jahrhundert negativ konnotiert.

Erst zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert kletterte der Arbeitsbegriff als kultureller Wert immer weiter nach oben und wurde zum „Medium der Subjektbildung“, wie es Oskar Negt in seinem Buch „Arbeit und menschliche Würde“ formuliert. Im 18. Jahrhundert wurde unter dem Wort „Wirtschaft“ dann das kluge Planen und rationelle Handeln verstanden, bis Arbeit als Verrichtung durch den Individualisierungsschub der 60er Jahre mehr und mehr zum funktionalen Äquivalent in einer haltlosen Welt für zerbrechende Ehen und schwindende Institutionenanbindung wurde. Der Soziologe Wolfgang Engler spricht gar von einer heute herrschenden „Arbeitsreligion“.

Was nur, wenn der Gesellschaft plötzlich die Lehrstellen ausgehen, Familien und Beziehungen ebenso zerbrechen und sich Arbeitslosigkeit in die Länge zieht? Der Psychologe Thomas Kieselbach und Sozialwissenschaftler Gert Beelmann von der Universität Bremen gingen in einer europäischen Vergleichsstudie den Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit für Jugendliche nach. Das Ergebnis: Gerade deutsche (und belgische) jugendliche Langzeitarbeitslose haben ein höheres Risiko sozialer Isolation als Jugendliche aus Griechenland, Italien, Schweden und Spanien.

Die Herkunftsfamilien könnten schließlich weniger „Kompensationsleistungen“ erbringen. Darum würden auch subjektive Gefühle von ökonomischer Exklusion gerade in Ländern wie Deutschland zunehmen. Dauert die Arbeitslosigkeit zudem länger an, betrachten sich die Betroffenen selbst als „chancenlos“ und ziehen sich im Sinne einer Selbstausgrenzung vom Arbeitsmarkt zurück.

Kein Wunder, dass Franz Müntefering (SPD) im letzten Jahr noch inmitten der Heuschrecken die Jugendarbeitslosigkeit als Problem bemerkte und sie als „eines der größten Risiken“ für die Gesellschaft bezeichnete. Das mag zwar politischer Automatismus sein, was aber unternimmt man? Die Bundesregierung hat erst kürzlich mit der deutschen Wirtschaft den Ausbildungspakt um drei Jahre bis 2010 verlängert.

Die Zahl der neuen Ausbildungsplätze soll von jährlich 30.000 auf 60.000 verdoppelt werden. Für schwer vermittelbare Jugendliche will man zudem 40.000 Praktikumsplätze schaffen, die von der Bundesregierung monatlich mit jeweils rund 300 Euro gefördert werden. Viel ist das in Anbetracht der Tatsache nicht, dass der BA-Statistik zufolge im Jahre 2006 rund 763.000 Bewerber für eine Ausbildung registriert waren, aber nur etwa 371.500 einen Ausbildungsbetrieb fanden. Und ein Praktikumsplatz ersetzt noch keinen Arbeitsplatz.

Gerade den schwer vermittelbaren Jugendlichen, in der Regel den Niedrig-Qualifizierten, kann man eigentlich nur viel Glück wünschen. Denn wo offiziell noch der Hauptschulabschluss oder der mittlere Schulabschluss verlangt wird, werden häufig Abiturienten bevorzugt, wenn nicht ohnehin das Abitur als Voraussetzung gilt. Und die Studierfreudigkeit unter den Hochschulberechtigten nahm nach einer Erhebung des Hochschulinformations-Systems (HIS) erst jüngst weiter ab. Viele mit Hochschulvoraussetzung absolvieren mittlerweile eine Ausbildung und stehen Real- und Hauptschülern als Konkurrenten auf dem Lehrstellenmarkt gegenüber.

Und selbst wenn es ausreichend Ausbildungsplätze gebe, was würde das am Grundproblem ändern? Mehr Qualifikation bedeutet auch mehr Konkurrenz, dadurch gibt es aber nicht gleich mehr Arbeitsplätze. Schließlich übernehmen seit Jahren immer weniger Betriebe ihre Auszubildenden, das besonderes im Osten der Republik – je kleiner die Betriebe, desto niedriger ist die Übernahmequote, wenn es auch jüngst einen kleinen Anstieg dieser Übernahmequote gab. Und ohnehin hat man es als frisch abgefertigter Azubi im Vergleich zu den von der Uni kommenden Jung-Akademikern auf dem Arbeitsmarkt schwerer.

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