Zwei Drittel der Russen glauben an eine Weltregierung

Nach einer Umfrage ist der Hang zur Verschwörungstheorie seit 2014 stark angestiegen, aber auch der Westen brütet mit der Dämonisierung Putins Verschwörungstheorien ganz offiziell aus

Nach einer Umfrage des Allrussischen Zentrums für das Studium der öffentlichen Meinung (WZIOM) gehen zwei Drittel der erwachsenen Russen (67%) in einer repräsentativen Umfrage davon aus, dass es eine Weltregierung oder eine Gruppe von Menschen gibt, die die Prozesse der Welt lenkt. Damit wären wohl die meisten Russen einer verschwörungstheoretischen Ansicht oder vielmehr dem Kern jeder Verschwörungstheorie verfallen, wonach hinter der Bühne Regisseure im Dunklen die Geschehnisse absichtlich steuern. Es gebe dann keine zufälligen Ereignisse aus dem Zusammenwirken zahlloser Menschen und anderer Faktoren, sondern einen Plan für das, was sich in der Welt beobachten lässt.

Interessant wäre natürlich gewesen, ob auch Menschen anderer Länder so zahlreich der Meinung sind, dass die Prozesse auf der Welt und damit auch die Handlungen ihrer Regierungen von einer "unsichtbaren Hand" gelenkt werden. Zumindest sind James-Bond-Szenarien auch im Westen attraktiv. Wahrscheinlich ist diese Art der Weltverschwörung nur ein Residuums des Glaubens an einen allmächtigen Gott, der mit seinen Heerscharen die Geschicke der Welt steuert, auch wenn die Menschen darin keinen Sinn erblicken können.

Was die Russen betrifft, so haben sich die Anhänger dieser Verschwörungstheorie seit 2014 enorm vermehrt. Damals glaubten nur 45 Prozent der Befragten an eine Weltregierung. Nach der Ukraine-Krise also stieg die Zahl derjenigen Russen an, die den Verdacht haben, dass die Geschehnisse von außen gelenkt werden. Mag sein, dass dies auch ein Grund für die seitdem hohen Popularitätswerte von Wladimir Putin ist, von dem gehofft wird, dass er einen Fels in der Brandung darstellen kann.

Bei den Russen sagen nun von denjenigen, die an eine Weltregierung glauben, mit 27 Prozent gegen 38 Prozent in 2014 weniger, dass eine solche Weltregierung oder Clique der Mächtigen alles und alle Regierung kontrolliert. Eine Mehrheit von 57 Prozent ist der Meinung, diese Mächtigen würden nur Teile der Welt steuern, es gebe auch Länder, die sie nicht kontrollieren können. Welche wurde nicht gefragt, aber offenbar ist mit 74 Prozent eine große Mehrheit der Ansicht, dass die Handlungen der Weltregierung russischen Interessen widersprechen. Das sagen jetzt 74 Prozent, 2014 waren es noch 57 Prozent. Auch hier zeigt sich, dass die Folgen des Ukraine-Konflikts und die im Westen erfolgte Stilisierung Russlands als Feind ("russische Aggression") von vielen Russen als Angriff oder Beeinflussung verstanden werden.

Parallel zur Zunahme des Glaubens an eine Weltverschwörung bei den Russen stieg im Westen die fast ebenso irrationale Dämonisierung von Putin an, dem zugetraut wird, letztlich alles zu steuern, was im riesigen Russland geschieht, und der mit hybrider Kriegsführung und Desinformationskampagnen in andere Länder eingreift. Das ließe sich als spiegelbildliche Verschwörungsszenario begreifen, das teils beabsichtigt entwickelt wird und teils Ängste vor der Manipulation einer geheimnisvollen unsichtbaren Hand stärkt, die mit Putin personifiziert wird und ein Gesicht erhält.

Bei den Russen sind es vor allem die älteren Menschen, die an eine geheime Weltregierung glauben. Bei den 18-24-Jährigen sind es "nur" 52 Prozent, ab den 35-Jährigen sind aber schon über 70 Prozent der Meinung. 10 Prozent der Befragten sagen, dies sei eine historische Tatsache, über die sie aus dem Fernsehen oder durch Lesen informiert wurden. Ebenso viele sagen, dass die Reichen und die Oligarchen die Welt wie Rockefeller oder Rothschild (die beiden Namen waren vorgegeben) regieren.

7 Prozent sehen Gruppen von Einzelnen oder Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Nato als Indiz, andere in der Repression der USA, Europas oder der EU. Globalisierung, Bilderberg, das internationale Währungssystem oder einzelne Regierungsführer oder Organisationen wie die Soros-Stiftung werden kaum genannt. Als Hinweise darauf, dass es keine solche Weltregierung oder Verschwörung gibt, wurde vor allem gesagt, dass jedes Land seine eigenen Ziele verfolgt, dass es unmöglich für eine Gruppe von Menschen sei, alle Länder zu kontrollieren, oder dass es dafür keine Beweise gibt. 45 Prozent sagen hier aber, es falle ihnen schwer, solche Indizien zu benennen.

Welche Ziele würde eine Weltregierung verfolgen? Die Mitglieder von dieser würden, wenig überraschend, auf Macht und Einfluss aus seien (was sie allerdings eh schon hätten), letztlich geht es ihnen um Bereicherung. Direkt danach gefragt, wer der Weltregierung angehöre (es konnten 5 Antworten angekreuzt werden), sagten mit 23 Prozent die meisten "Oligarchen / Reiche / Bankiers / Finanziers", schon ein gutes Stück dahinter wird "Amerika" mit 8 Prozent angegeben, gefolgt von Politikern mit 6 Prozent. Freimaurer, Rothschilds, Putin oder Trump werden kaum verdächtigt. 46 Prozent finden die Frage aber auch schwer zu beantworten.

Das Umfrageinstitut zitiert Oleg Chernoub, Leiter des Zentrums für Sozial- und Wirtschaftsforschung an der Russischen Akademie der Wissenschaften, der es verständlich findet, dass die Russen solchen Verschwörungstheorien anhängen. So sei Russland in den letzten beiden Jahren Opfer von mindestens zwei verrückten Mobbing-Angriffen geworden. Er weist auf den Doping-Skandal und den Skripal-Fall. In beiden Fällen habe es keine Beweise gegeben, aber die russische Öffentlichkeit habe gesehen, dass zahlreiche Länder an diesen Kampagnen beteiligt waren und wie ein "Team" handelten: "Ist es ein Wunder", so Chernoub, "wenn die Ansicht zunimmt, dass es jemanden gibt, der 'Befehle' erteilt?" (Florian Rötzer)

Anzeige