Zwei Filme und zwei Zeitungen

Igor Dyatlov. Foto: Archiv Claus Jahnel

Ein paar Wochen zu spät, aber dafür mit neuen Einsichten: Hier der dritte Teil der Serie zum Dyatlov-Pass

Zu Teil 1: "Der höchste Schwierigkeitsgrad"

Zu Teil 2: Außerirdische Yetis auf Fliegenpilz

Die mit großer Spannung erwartete deutsche Übersetzung des 2014 von einem russischen Journalisten unter dem Pseudonym "Aleksej Rakitin" veröffentlichten Buches "Die Toten vom Dyatlov-Pass" (Random House/btb) ist mittlerweile erschienen. Der Autor habe sich sechs Jahre lang eingehend mit der Materie beschäftigt, hieß es im Vorfeld, und dabei alle möglichen "Verbindungen" aktiviert, um an bisher ungesehene Akten zu kommen.

Bereits zu Beginn wird dem Leser bewusst, um welch gewaltige Rechercheleistung es sich hier handelt. Die Fülle der Details ist so überbordend, dass man jeden Moment damit rechnet, bald auch die Hutgrößen von Igor Dyatlov und seinen Freunden zu erfahren.

Einen klassischen Quellenapparat im akademischen Sinn weist aber auch Rakitin nicht auf. In dem Zusammenhang möchte ich noch einmal auf die ein wirklich umfassendes Archiv von Fotos, Obduktionsberichten, Zeugenaussagen und ähnlichem mehr anbietende Seite www.dyatlovpass.com hinweisen.

Diese großartige Website wird von der in Österreich ansässigen bulgarischen Webdesignerin Teodora Hadjiyska gestaltet, die eine interessante persönliche Motivation für diese bewunderungswürdige Fleißarbeit beschreibt. Zumindest für jeden Interessierten, der nicht des Russischen mächtigen ist, handelt es sich um eine ultimative Ressource, nicht nur wegen der beinahe erschlagenden Fülle an Originaldokumenten, sondern vor allem, weil Hadijyska die meisten auch in englischer Übersetzung anbietet.

Der aus Finnland stammende Regisseur Renny Harlin wurde zunächst durch Action- und Horrorfilme bekannt, die er zumeist mit einigem Radau, aber auch sehr gekonnt inszenierte. Zu seinen bekannten Werken zählen "A Nightmare on Elm Street 4", "Stirb Langsam 2", "Ford Fairlane" oder "Cliffhanger".

Im Jahr 2013 brachte er den Film "The Devil's Pass" (Originaltitel "The Dyatlov Pass Incident") heraus - ein mit eher geringem Budget ausgestatteter Film im Stil des Found Footage-Genres. Wie der Titel nahelegt, befasst sich Harlin hier mit unserem Thema, allerdings auf indirekte Weise:

Es geht vordergründig nicht um die originale Skiwanderergruppe um Igor Dyatlov, sondern um eine Gruppe amerikanischer Filmstudenten, die beschließt, sich zwecks Erstellung einer Dokumentation auf die Spuren der Toten zu begeben und selbst die Reise zum Cholat Sjachl zu unternehmen.

Das Ganze gestaltet sich leidlich unterhaltsam, es fallen aber immer wieder Fehler in den Beschreibungen des ursprünglichen Geschehens auf; So wurden etwa die Fundorte der Leichen offensichtlich vertauscht. Trotzdem folgt der Film einem nicht uninteressanten Grundgedanken - die Skiwanderer von 1959 sind in eine Zeitabnormität geraten. Wie es sich in einem Horrorfilm gehört, passiert ihren amerikanischen Epigonen dasselbe Malheur. Im Zusammenhang damit und den notorischen orangen Sphären gelingt Harlin sogar ein wirklich schöner, für seine meist Action-lastige Filmsprache ungewöhnlich ruhiger Gänsehaut-Moment.

Im letzten Drittel wird dagegen eher die grobe Keule hervorgeholt, und der Film versteigt sich in ein überdrehtes Finale um unterirdische Labore voll zeit- und dimensionsreisender, kannibalischer Zombie-Übersoldaten. Langweilig wird es dabei sicherlich nicht. Die von Renny Harlin präsentierte Auflösung ist allerdings sogar für Dyatlov-Verhältnisse zu aberwitzig, um ernsthaft in Betracht gezogen zu werden. Hier finden Sie den Trailer des Films.

"The Devil's Pass" wurde im Jahr 2013 veröffentlicht, dasselbe gilt auch für den oben verlinkten Trailer. Da schien es erstaunlich, dass bei YouTube ein weiterer Trailer gesichtet wurde, der jedoch bereits zwei Jahre vorher, im Jahr 2011 angeboten wurde. Obwohl man auch hier eine Art Zombie-Soldat erblickt, weisen die präsentierten Szenen eine deutlich andere, recht bedrohliche Bildsprache auf.

Nun verbeitete sich folgende Geschichte: Renny Harlin hätte sich selbst intensiv mit dem authentischen Geschehen befasst und zur Recherche selbst einige Wochen im Uralgebirge verbracht, um später mit seinem Team zurückzukehren und den Film zu drehen. Im Jahr 2011 wohlgemerkt. Noch im August dieses Jahr wurde der Trailer veröffentlicht - der damit beworbene Film kam jedoch nie in die Kinos.

Was war geschehen? "Die Russen", so heißt es, hätten Harlin mit einer gewissen Deutlichkeit mitgeteilt, dass der Film in dieser Form nicht in die Kinos kommen kann, und ihm zugleich angeboten, auf Moskaus Kosten einen zweiten Film zu drehen, worauf sich der Finne eingelassen habe. Das ist natürlich eine tolle Geschichte. Stimmt sie aber auch?

Hier lohnt ein Blick auf den YouTube-Kanal von "Tolling Bell Films", von dem der ominösen Trailer von 2011 veröffentlich worden war. Neben diesem findet sich hier nur noch ein Teaser für den Kurzfilm "Pluto - A Father's Tale" von 2008, sowie die fünfminütige Fingerübung "Dark Times".

Die gesamte Präsentation (mit 78 Abonennten) wirkt wie der Auftritt eines hoffnungsvollen Teams von jungen Independent-Filmern, aber nie und nimmer wie der einer Produktionsfirma, mit der ein ausgewiesener Hollywood-Routinier wie Harlin zusammenarbeiten würde.

Interessant in unserem Zusammenhang scheint auch, dass mit einer Ausnahme sämtliches Material auf dem Kanal im Jahr 2011 hochgeladen wurde. Die Ausnahme besteht aus dem Trailer für den 2008er Kurzfilm "Pluto - A Father's Tale".

Nüchtern betrachtet lässt sich also folgender Hergang mit denkbar hoher Wahrscheinlichkeit ableiten: "Tolling Bell" hatten zwischen 2008 und 2010 zwei Kurzfilme produziert, um anschließend einen ersten Langfilm zu projektieren: "The Dyatlov Pass".

Nun wurde den Trailer realisiert und veröffentlicht, um Investoren für das Projekt zu begeistern. Dies ist offensichtlich nicht gelungen, was angesichts der Qualität der filmischen Kostprobe ein wenig verwundert. Man muss sich nicht sehr weit aus dem Fenster lehnen, um zu bemerken, dass Hollywood-Produzenten schon des öfteren absolute Unsummen in weitaus dümmere Konzepte investiert haben.

Eventuell hatte sich in den entsprechenden Kreisen bereits herumgesprochen, dass auch Renny Harlin einen Film zu dem Thema plant. Auch eine "Inspiration" des Finnen durch den "Tolling Bell"-Trailer ist im Bereich des Möglichen.

Letzten Endes steht zu vermuten, dass die Jungfilmer aus Tallahassee bei der Produktion ihres tatsächlich sehr vielversprechend aussehenden "The Dyatlov Pass"-Teasers alles auf eine Karte gesetzt haben - und die Bank, wie so oft, gewonnen hat.

Die Geschichte von "Tolling Bell Films" endet hiermit offensichtlich. Neben dem YouTube-Kanal findet sich als weitere Spur der Firma noch eine Facebook-Präsenz aus dem Jahr 2006, die keine Beiträge aufweist und momentan lediglich 14 Abonnenten erreicht. Meine Anfrage zum aktuellen Status der Firma bleibt seit gut einem Monat unbeantwortet.

Renny Harlin wiederum war im Jahr 2011 damit beschäftigt, für die legendäre, von "Big Brother"-Produzent Jon de Mol gerade mit einem überraschendem Coup wiederbelebte Gruselfilmschmiede Hammer den Streifen "The Resident" mit Christopher Lee und Hillary Swank zu produzieren.

Darüber hinaus führte er bei zwei Folgen der TV-Serie "Burn Notice" sowie bei dem Kriegsdrama "Five Days of War" Regie. Es ist also nicht sehr wahrscheinlich, dass er noch die Zeit gefunden hat, im selben Jahr wochenlang in Sibirien zu recherchieren, um anschließend dort einen Film zu drehen.

Die Dyatlov-Forschung sollte sich der Erkenntnis stellen, dass nie eine Verbindung zwischen "Tolling Bell" und Harlin existiert hat, und dass der Film "The Dyatlov Pass" bedauerlichweise nie gedreht wurde.

Und deshalb vom Bewegtbild zu einem älteren, aber nichtsdestotrotz interessantem Medium, der Zeitung.

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