Zwischen Easy Living und Kontrolle - Willkommen in der Neuen Normalität

Bild: Sand im Getriebe

Es gibt kleine Beispiele dafür, dass die Menschen auch in der Corona-Krise kritisches gesellschaftliches Denken nicht verlernt haben

In den letzten Tagen konnte man in Berlin die vielzitierte neue Normalität in der Nach-Corona-Zeit gut beobachten. Die Straßen füllen sich wieder, nur die Touristen fehlen noch. Straßenmusiker treten wieder auf und die Menschen bleiben auch wieder stehen. Doch nicht nur die allgegenwärtigen Masken zeigen, dass wir weit von einer Normalität entfernt sind.

Das Innenministerium holt deutsche Polizeibeamte wegen Corona-Verdacht aus Afghanistan zurück, das zweite Mal innerhalb weniger Tage. Dabei wird nur lapidar erklärt, dass sich die Beamten, die in einer gesicherten Anlage leben, womöglich durch afghanische Bedienstete angesteckt haben. Die Frage, welche Folgen die Corona-Verbreitung in dem durch verschiedene Kriege zerstörten Land mit einem desolaten Gesundheitssystem hat, wird allerdings nicht gestellt. Statt also eine Gesundheitsstation in Afghanistan aufzubauen, von dem alle von dem Virus Betroffenen profitieren können, werden für viel Geld Rückholaktionen für deutsche Staatsbürger nur wegen Corona-Verdacht organisiert. Daran wird wieder mal deutlich, dass die Menschen im globalen Norden gerade bei einer solchen Pandemie ihre Privilegien zu verteidigen wissen. Das Neue daran ist, dass man das auch ganz unverdeckt praktiziert.

Die neue Normalität wird auch in Göttingen anschaulich vorgeführt. Da wurde ein Corona-Ausbruch vermeldet und ein Hochhaus gezeigt, aus dem ein Mann von der Polizei geholt wurde, weil er gegen Quarantäne-Auflagen verstoßen haben soll. Offenbar seien Kontaktbeschränkungen nicht eingehalten worden, heißt es im Text. Deutlich gemacht wurde, dass weiterhin das Infektionsschutzgesetz herrscht, aufgrund dessen Menschen aus ihrer Wohnung geholt werden können, weil sie gegen Auflagen verstoßen haben sollen. Der Mann, dermehrfach gegen Auflagen verstoßen haben soll, befindet sich jetzt "unter Hausarrest in einer stadteigenen Wohnung, wo er bewacht wird".

Warum wurde auf die besondere Kontrolle der Shisha-Bars hingewiesen?

Zudem wurde die besondere Kontrolle der Shisha-Bars in Göttingen angekündigt. Dabei scheint vergessen, dass nach dem rassistischen Amoklauf von Hanau, bei dem 9 Menschen meist in diesen Bars ermordet wurden, auch in liberalen Medien gewarnt wurde, Shisha-Bars zu stigmatisieren. Wenn tausende Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz in Niedersachsen und Bremen vermeldet werden, ist schon zu fragen, warum dann auch bei den Kontrollen die Shisha-Bars besonders herausgestellt werden. Es hatten sich auch Menschen in Gottesdiensten und in Speiserestaurants angesteckt, ohne dass diese Örtlichkeiten und Lokalitäten besonders herausgestellt wurden.

Zudem ist die Ver- und Gebotsliste von Bundesland zu Bundesland verschieden. Dass kann dazu führen, dass in einer Stadt Menschen wegen Aktivitäten ermittelt wird, die in anderen Städten erlaubt sind. Dabei wird oft vergessen, dass die dystopischen Prognosen über die Folgen von Corona in Deutschland nicht eingetreten sind. Nach dem jetzigen Stand könnten sich die Menschen bestätigt sehen, die bereits vor Wochen davor warnten, den Coronavirus zum Killervirus zu dämonisieren und die die neue Krankheit mit einer Grippe verglichen haben. Das wurde zeitweise in die Nähe einer Corona-Leugnung gestellt. Dabei muss es nicht darum gehen, Corona und die Grippe zu verharmlosen. Beide Krankheiten können gefährlich sein und sollten ernst genommen werden.

Wenn die Drohung mit der zweiten Welle versagt

Eine besonders erfreuliche Nachricht bestand aber daran, dass selbst der offizielle Virologe Drosten bis Herbst und Winter nicht mehr an eine zweite Welle der Corona-Ausbreitung glaubt. Diese Meldung wurde bei einem Großteil der Medien nicht besonders gut aufgenommen. Man hatte den Eindruck, dass manche Kommentatoren regelrecht erbost waren, dass so womöglich ein Disziplinierungsinstrument stumpf wird, wenn zu offen gesagt wird, dass wahrscheinlich keine zweite Welle zu erwarten ist. Schließlich war es leichter, die besonderen Maßnahmen in der neuen Normalität zu vermitteln, wenn immer wieder gesagt wurde, dass alles in wenigen Monaten noch schlimmer wird, wenn ihr Euch jetzt nicht diszipliniert.

Frank Capellan hat diesen Disziplinierungswunsch in einem Kommentar im Deutschlandfunk noch einmal gut zum Ausdruck gebracht:

"Corona ist vorbei!" ist jetzt bei vielen Deutschen angekommen. Nicht einmal mit der Forderung nach Kontaktbeschränkungen in Privatwohnungen konnte sich die Kanzlerin durchsetzen. Eine fatale Entwicklung. Denn Merkel mag spröde daherkommen, weltfremd ist sie nicht. Völlig zu Recht warnt sie vor wilden Feten, die jetzt ganz offiziell wieder möglich sind. Glaubt wirklich jemand, dass sich insbesondere Jugendliche jetzt noch von Corona-Parties abhalten lassen?

Frank Capellan

Er hat auch klargemacht, dass noch mehr autoritäre Staatlichkeit notwendig sei, um die gewünschten Maßnahmen durchzusetzen.

Augen zu und durch. Hoffen, dass alles gut geht und es nicht zu einer zweiten Infektionswelle kommt. Viel mehr ist vom erfolgreichen deutschen Weg im Umgang mit COVID-19 leider nicht geblieben. Wichtig wäre es, den Föderalismus nun krisenfest zu machen. Mit mehr Rechten für den Bund. Nach Merkels Kapitulation vor den Überbietungswettbewerben der Länder ist deutlich geworden, dass eine effektive Pandemie-Bekämpfung von oben koordiniert werden muss und nicht lokalen Gesundheitsämtern überlassen werden darf.

Frank Capellan

Wenn Drosten-Kritik zur Majestätsbeleidigung wird

Es ist festzuhalten, dass solche Rufe nach mehr Staat und Autorität kommen, während nicht nur in Deutschland sondern in vielen Nachbarländern eine neue Normalität einzieht und sich Teile der Bevölkerung auch fragen, welche Fehler in den letzten Wochen und Monaten gemacht wurden. Eine solche Fehlerdiskussion kann natürlich Drosten, den wichtigsten Virologen nicht ausschließen. Prompt wollen liberale und auch linke Journalisten eine Anti-Drosten-Kampagne der Bildzeitung ausgemacht haben.

Natürlich ist bekannt, dass die Bild-Zeitung ein populistisches Presseorgan ist, das die Stimmung in der Bevölkerung aufgreift und ihre Kampagnen entwickelt. Im Fokus standen unter anderen schon Erwerbslose, die sich nicht alles gefallen lassen wollten, oder die "Pleite-Griechen", für die angeblich deutsche Steuerzahler aufkommen sollten. Nur muss das kritische Nachfragen bei Drosten und die Kritik an seinen Positionen Teil einer Diskussion über eine Fehlerkultur in der Corona-Frage werden. Drosten war in den letzten Wochen eben nicht nur Wissenschaftler, sondern wichtiger Teil der Staatsapparate und sein Agieren darin kann und muss diskutiert und kritisiert werden.

Es ist nur bedauerlich, dass die Kritik nicht von linken und kritischen Medien kommt und man so der Bildzeitung die Rolle einer oppositionellen Zeitung überlässt, die ihr nicht zukommt. Hier erleben wir auf medialer Ebene, was wir seit Wochen auf dem politischen Terrain verfolgen können. Je mehr Linke aller Couleur sich hinter Merkel in dem Corona-Shutdown stellen, desto mehr können sich Rechte und Irrationalisten als Oppositionelle gerieren. Zu Sozialdemokraten gewendete Ex-Linksradikale wie der Rote Salon Leipzig können gar nicht verstehen, warum linke Gruppen überhaupt Kritik am Kapitalismus üben, in einer Zeit, wo die Corona-Krise gezeigt hat, dass der Kapitalismus nicht in der Lage ist, ein Gesundheitssystem aufzubauen, das Gesundheit für alle garantiert. Wenn dann der Rote Salon nicht zu erwähnen vergisst, man könne froh sein, dass das Virus nicht in Zeiten der Blockkonfrontation virulent wurde, weil die nominalsozialistischen Länder da viel schlechter hätten mit umgehen können, dann ist das nur Ideologie. Tatsächlich zeigt gerade das Beispiel Kuba, wie eine kleine Insel, die noch immer den Anspruch hat, einen nichtkapitalistischen Weg zu gehen, in der Gesundheitspolitik weltweit zu einem Vorbild wird. Es gibt immer wieder Anlässe für Ex-Linke sich von linken Positionen zu verabschieden. Die Corona-Krise ist für manche die Gelegenheit.

Veränderung des Subjekts durch Mahnung zur Distanz

Daneben sollte nicht unterschätzt werden, wie die Corona-Krise das Verhältnis des Menschen zum Körper ändert. Darauf hat der Stefan Ripplinger in einem Essay im Neuen Deutschland hingewiesen. Er stützt sich dabei auf Alltagsbeobachtungen der letzten Wochen.

Während der Corona-Zeit konnten wir beobachten, wie der Ekel in Furcht und Hass umschlug. Ich sah eine junge, vermummte Frau, die in der U-Bahn einen Meter von mir entfernt stand und mir als einem Mitglied der "Risikogruppe" zitternd den Rücken zuwandte. Als sich die Waggontür öffnete, flüchtete sie wie eine Gazelle vor einem Buschbrand. Eine andere junge, vermummte Frau sah ich auf einer Abteilbank, links und rechts von ihr jeweils noch Platz für eine Person. Als sich eine ältere Dame zu ihr setzen wollte, scheuchte sie sie davon wie eine lästige Fliege. Abstandsregel! Auffällig war, dass die Alten, Gefährdeten diese Regel viel großzügiger handhabten als die Jungen, Wenig-Gefährdeten.

Stefan Ripplinger

Der Autor macht sich auch Gedanken über längerfristige Folgen eines solchen im Wortsinne a-sozialen Verhaltens. Zudem bringt es mit der Durchsetzung des digitalen Kapitalismus in Verbindung.

Deshalb ist nicht anzunehmen, dass sich die Distanz aufhebt, sobald die Krise für beendet erklärt wird. Distanz hat sich nicht erst mit Corona, sondern mit der postindustriellen Wirtschaft und der technisierten und atomisierten Gesellschaft durchgesetzt und nun, wenigstens vorübergehend, absolute Macht erlangt. In einer aktuellen Umfrage unter Franzosen im "Home Office" erklären vier Fünftel, sie wollten diese Arbeitsweise auch nach der Krise fortsetzen, sie könnten sich so "besser konzentrieren".

Stefan Ripplinger

Widerstand und Distanz

Daher ist es umso wichtiger, nicht in jedem anderen Menschen einen Virenüberträger und Feind zu sehen. Im Berliner Wedding werden schon mal politisch Missliebige mit dem Verdacht belegt, Viren zu übertragen. Es gibt in der neuen Normalität viele Gründe, gemeinsam, das geht auch mit räumlicher Distanz, zu protestieren.

Man braucht nur zwei aktuelle Themen herauszugreifen. Die Lufthansa will staatliche Unterstützung, dabei gab es Streit mit den EU-Gremien. Nun ist ein Beschluss herausgekommen, der gleich aus mehreren Gründen Protest hervorrufen sollte. Auch Billigflieger wie Ryanair sollen profitieren. Dabei ist dieses Unternehmen ein Ausdruck für Gewerkschaftsfeindlichkeit, Ausbeutung von Beschäftigten und der Umwelt.

Eine linke Position wäre es, sich nicht auf die Seite von Ryanair oder der Lufthansa zu stellen, sondern eine Sozialisierung der europäischen Luftfahrtindustrie zu fordern, was keine Verstaatlichung bedeutet. Geleitet werden sollen sie von den Räten der Beschäftigten und einem gesellschaftlichen Rat des guten Lebens, der dafür sorgen müsste, dass die Partikularinteressen der Luftfahrtbeschäftigten und das Recht auf Mobilität mit dem gesellschaftlichen Interesse nach einer sauberen Umwelt in Einklang gebracht werden können. Die Einstellung von Inlands- und Kurzflügen wäre ein erster Schritt.

Nachdem die Luftfahrtindustrie so großzügig gefördert wurde, will die Autoindustrie auch wieder mal mit Staatsknete gerettet werden. Das Bündnis Sand im Getriebe protestierte mit einem Aktionstag dagegen. Das sind kleine Beispiele, die zeigen, dass nicht alle Menschen gesellschaftliches Denken in Corona-Zeiten verlernt haben. (Peter Nowak)