Zwischen IRA, Krauts und Mafia

The Long Good Friday

Harold Shand und der Geist von Dünkirchen. Make Britain Great Again - Teil 3

Seit Theresa May den vom Parlament zurückgewiesenen Scheidungsvertrag mit der EU ausgehandelt hat, schlagen sich britische Politiker mit der Quadratur des Kreises herum. Man will nicht mehr Mitglied der Zollunion sein, und an der nordirischen Grenze soll es keine (dann unvermeidlichen) Zollkontrollen geben. Wie May versucht auch Boris Johnson, das Ganze auf eine Frage der Technik zu reduzieren und die Realität durch Formulierungstricks zu verschleiern. Es geht aber um Geschichte und um Erinnerung. Technologische oder sonstige "alternative" Lösungen sind darauf keine Antwort. The Long Good Friday, ein Gangsterfilm von 1979, ist heute wieder aktuell, weil er ein Bewusstsein dafür schaffen kann.

Wir wissen schon, dass Harold Shand bestrebt ist, sein im Londoner East End aufgebautes Gangsterimperium zu legalisieren, indem er sein schmutziges Geld in ein Bauprojekt zur Gentrifizierung des alten Hafengeländes steckt und dadurch wäscht. Beim Empfang auf der Yacht sieht man Harold an, wie sehr er die Rolle des Geschäftsmannes genießt, der treue Weggefährten und neue Investoren willkommen heißt und Britannien wieder groß machen will, indem er in den Docklands Luxusbauten mit integriertem Vergnügungszentrum hochzieht.

Dann gehen in seinem Reich Bomben hoch und er greift auf die alten Gangstermethoden zurück, die ihn persönlich groß gemacht haben (wobei aus der Warte des Films der von Harold im Zeichen des aufkommenden Thatcherismus versprochene "profitable Fortschritt" und das Gangstertum zwei Seiten ein und derselben Medaille sind). In seiner Überheblichkeit anderen Nationen als der englischen gegenüber kann sich der König der Londoner Unterwelt nicht vorstellen, dass es tatsächlich die einst kolonisierten und verachteten Iren sind, die sein Imperium ins Wanken bringen.

Also entwickelt er eine Verschwörungstheorie, die besser in sein Weltbild passt (ein Schuft, wer dabei an gewisse Politiker denkt). Harold verdächtigt andere Gangster, den Deal mit der Mafia torpedieren zu wollen. Im Mayfair Casino trifft sich die Bande zur Lagebesprechung und Waffenausgabe. So ähnlich könnte sich das auch in der Einsatzzentrale der Polizei abspielen, oder (ohne Pistolen) in einem Fraktionsraum in Westminster. Wir sind jetzt aber bei den Gangstern.

Straße der Begräbnisse

Die Männer, die man da sieht, sind teils Schauspieler und teils echte East-End-Villains. Keeffe und Hoskins hatten Kontakte ins Milieu und halfen dabei, sie anzuheuern. Zu Harolds Rechten steht Jeff, den Mackenzie immer dann geschickt ins Bild rückt, wenn der Boss sich wieder einmal fragt, wer Krieg gegen ihn führt und warum; zu seiner Linken Razors, der am Anfang gesehen hat, wie eine Frau in Schwarz aus einem Leichenwagen stieg und Jeff ins Gesicht spuckte. Da liegt der Schlüssel zum Geheimnis. The Long Good Friday ist ein Film für aufmerksame Zuchauer.

Der Plan: Die Gangster schwärmen aus, kidnappen die Führungsfiguren der anderen Londoner Banden und bringen sie bis Mitternacht in den Schlachthof, um sie dort zu Geständnissen zu zwingen. Vor der Geisterstunde hat Harold Zeit für eine Gedenkminute. Razors schließt den Gefrierraum auf, in dem die Leiche seines alten Freundes Colin liegt, den die IRA (in Person von Pierce Brosnan) ermordet hat. "Lang her, dass ich bei einem Begräbnis war", sagt Harold. Razors fällt dazu die Bestattung mit der Frau in Schwarz ein. Na und, meint Harold. Da unten in der East India Dock Road gebe es andauernd eine Beerdigung.

Straße der Begräbnisse (23 Bilder)

The Long Good Friday

Durch solche Ortsangaben werden Filme gern mit etwas Lokalkolorit angereichert. Im Drehbuch von Barrie Keeffe transportieren sie ihre eigenen Informationen, The Long Good Friday macht das vielschichtiger. Die East India Dock Road wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts gebaut, um das Finanzzentrum in der Londoner City mit dem Hafen zu verbinden, in dem Waren in einer Größenordnung umgeschlagen wurden, die alle bis dahin gekannten Dimensionen sprengte. Die Docks waren damals eine Touristenattraktion.

Hermann von Pückler-Muskau war 1826 da und schrieb über seine Ehrfurcht und sein Erstaunen angesichts von Englands Macht und Größe, die in den Docks zum Ausdruck kamen. Nach Fürst Pückler ist das dreifarbige Speiseeis benannt, was hier Erwähnung findet, weil wir - vgl. Teil 2 - auch schon das englische Strawberry Ripple hatten, getränkt mit etwas Blut des armen Colin. Pückler-Muskau fuhr später nach Irland und erschrak über die Brutalität, mit der englische Adelige die Landbevölkerung vertrieben (nachzulesen in Briefe eines Verstorbenen, einem wunderbaren Plädoyer für die Reisefreiheit).

In The Long Good Friday zeichnet sich die East India Dock Road, einst die pulsierende Lebensader zwischen Hafen und Finanzzentrum, dadurch aus, dass alle halbe Stunde jemand beerdigt wird. In den 1960ern hatte man die Docks für überflüssig erklärt, zu Relikten einer Vergangenheit, die es nicht mehr gab. Für die neuen Containerschiffe waren die Hafenanlagen zu klein, die Fahrrinnen nicht tief genug. Außerdem war der Handel mit den Commonwealth-Staaten eingebrochen. 1967 hatte das East India Dock den Geschäftsbetrieb eingestellt, zwei Jahre danach das St Katharine Dock, wo Harolds Yacht vor Anker liegt.

Ein Hauptargument für den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft war, dass man so in den Genuss von vorteilhaften, von der EU bereits abgeschlossenen Handelsverträgen kam, die das Vereinigte Königreich nicht besaß, weil man zu lange den Verlust der alten Größe erst ignoriert und dann beklagt hatte, statt sich auf die neuen Zeiten einzustellen. Jetzt versprechen die Brexiteers, dass man nur aus der EU austreten müsse, um tolle Handelsverträge mit den früheren Kolonien abschließen zu können, mit Kanada, Australien oder Indien (und den tollsten von allen mit Strafzoll-Donald aus den USA). Man dreht sich da im Kreis.

Gardinenpredigt und Fleischerhaken

Harold wird kurz stutzig, als Razors von der Spuckattacke auf Jeff berichtet, lässt sich dann aber ablenken, weil der Kühlwagen eintrifft. Damit beginnt eine Gangster-Generalversammlung der besonderen Art. Harolds Villains haben das Führungspersonal der anderen Banden wie Schlachtvieh angekarrt, mit dem Kopf nach unten am Haken hängend. Der Kameramann Phil Méheux hängte sich freiwillig mit dazu, um den Transport der Gefangenen aus dem Laderaum in die Halle zur Weiterverarbeitung der Kadaver aus deren Sicht filmen zu können.

Nach der patriotischen Ansprache auf der Yacht (Machen wir Britannien great again!) hält Harold jetzt eine Wutrede vor Gangstern und Rinderhälften. Mehr als zehn Jahre herrschte Frieden, sagt er (nachdem er alle umgebracht hatte, die seiner Art von Frieden im Wege standen). Alle haben ihren Bereich, alle haben gut verdient. Aber jetzt habe es eine "Eruption" gegeben. (Stichwort für Auftritt Jeff.) "Es ist wie fucking Belfast in einer schlimmen Nacht!", brüllt Harold (mit Belfast hat er recht). Bob Hoskins legt wieder eine famose Performance hin, die Szene ist ebenso brutal wie komisch.

Gardinenpredigt und Fleischerhaken (24 Bilder)

The Long Good Friday

Einer seiner engsten Freunde, klagt Harold, liege da vorne im Gefrierraum: "Aber eins könnt ihr mir glauben. Niemand geht nach Hause, bevor ich herausgefunden habe, wer das getan hat und warum." Das ist wie beim Appell auf dem Schulhof, nach einem Schülerstreich. Der Direktor droht mit Nachsitzen, wenn keiner sagt, wer es gewesen ist - nur mit dem Unterschied, dass die Schüler (mit dem Kopf nach unten hängende) Gangster sind und das vollzählig angetretene Lehrerkollegium Harolds Bande. Der Schlachthof als Schauplatz macht klar, dass der Direktor ein Metzger ist, maskiert als Geschäftsmann.

Billy, ein Gangster von der anderen Seite des Flusses, versichert, dass er reden würde, wenn er etwas wüsste. Die Beziehungen zwischen dem East End und South London seien noch nie so gut gewesen. Er wolle keinen Ärger. Das englische Wort dafür ist trouble, im Plural der Euphemismus für den (von der IRA nach England getragenen) Bürgerkrieg in Nordirland. Auf eine subtile Weise ist Belfast, wo der Film begonnen hat, immer präsent. Jeff prügelt plötzlich auf den wehrlosen Billy ein. Man kann sich da fragen, ob das ein Ausraster war oder ein Ablenkungsmanöver. Was weiß Jeff? Was will er verbergen?

Gangsterqueen Victoria

Während sich Harold über die fehlende Dankbarkeit der Berufskollegen beklagt, denen er in den vergangenen zehn Jahren die Taschen gefüllt habe, hält ihm Victoria den Rücken frei. Aus der Frau hätte leicht eines jener Gangsterliebchen werden können, wie man sie aus anderen Filmen kennt: ein besserer Kleiderständer und ein Statussymbol, das sich der Gangster zulegt wie die Maßanzüge, die protzigen Uhren und die Luxuslimousinen. Beim Lesen des Drehbuchs fand Mirren die Figur zu klischeehaft. Keeffe und Mackenzie versprachen ihr, die Rolle noch umzuschreiben, um sie interessanter zu machen.

Als der erste Drehtag nahte stellte Mirren fest, dass die Herren bei der Vielzahl ihrer Verpflichtungen nicht die Zeit gefunden hatten, ihre Zusage einzuhalten. Also fing sie an, Vorschläge zu machen, wie man bei der einen Szene etwas hinzufügen und bei der anderen etwas weglassen könnte. Das war gut für die Rolle und gut für den Film insgesamt. Victoria ist Harold eine echte Partnerin, nicht das blonde Beiwerk zur Kriminalgeschichte. Nach der Explosion im Lion & Unicorn rettet sie - zumindest für den Moment - die Situation, indem sie etwas von einem Leck in der Gasleistung erzählt.

Gangsterqueen Victoria (26 Bilder)

The Long Good Friday

Dann fährt sie mit den Gästen, den beiden Mafiosi und Stadtrat Harris, zum Justine’s, einem französischen Luxusrestaurant (mit italienischem Kellner und San Pellegrino als Szenegetränk), weil die Küche im typisch englischen Pub erst mal kalt bleibt. Harris ist der Mann, der vertrauliche Dokumente der Verwaltung weiterreicht und die Baugenehmigungen besorgt. Er hat ein Alkoholproblem und eine Neigung zur Prahlerei. Wenn er zuviel getrunken hat, nervt er mit seiner proletenhaften Penetranz. Bei den auf Seriosität bedachten Mafiosi macht das keinen guten Eindruck. Charlie und Tony sind auch nicht blöd. Sie wissen, dass seit ihrer Ankunft in London zwei Bomben explodiert sind.

Victoria begreift, dass nur noch Ehrlichkeit hilft: "Ein Auto wurde in die Luft gejagt, dann wurde im Mayfair Casino eine Bombe gefunden. Sie war nicht detoniert. Einer unserer Männer wurde tot in einem Schwimmbad gefunden." Jemand sei eifersüchtig auf das gemeinsame Großprojekt. Harold sei dabei, das Problem zu lösen. Damit verschafft sie ihrem Partner etwas Zeit. Die Mafia will eine diskrete Abwicklung der Geschäfte, nicht in einen Bandenkrieg geraten. Ohne Victoria, nur mit Stadtrat Harris beim Abendessen, würden Charlie und Tony den nächsten Flug nach New York nehmen. Der Deal wäre sofort geplatzt.

Inzwischen hat Harold Jeff zum Justine’s geschickt, um Victoria nach Hause zu bringen. Charakteristischerweise ist sie es, die am Steuer sitzt. Auf der Fahrt zum Penthouse in der Noble Street (da, wo noch Reste der römischen Stadtmauer erhalten sind) erlaubt sich der Film eine von zwei Touristenattraktionen. Nach der Tower Bridge bei Harolds "Make Britain Great Again"-Rede sehen wir jetzt St. Paul’s Cathedral im Hintergrund. Ein schlechtes Omen. Die Kathedrale wurde gebaut, nachdem das große Feuer von 1666 das mittelalterliche London zerstört hatte. Das Reich von Harold, dem König der Unterwelt, ist dabei abzubrennen.

Jeff begleitet Victoria nach oben bis zur Wohnungstür. Die Szene im Aufzug ist eine von denen, die dadurch besser wurden, dass Mirren vorschlug, etwas wegzulassen. Jeff, der für Harold wie ein Sohn ist, macht Victoria ödipal angehauchte Avancen: "Ich will jeden Zentimeter von dir ablecken." Im Drehbuch hatte Victoria viel Text, um darauf zu reagieren. Mirren sagte Mackenzie, dass sie das auch ohne Dialoge spielen könne. Mackenzie ließ sie machen. Das war die richtige Entscheidung. Die Szene hat eine erotische Spannung, die man leicht hätte totreden können.