Zwischen IRA, Krauts und Mafia

The Long Good Friday

Harold Shand und der Geist von Dünkirchen. Make Britain Great Again - Teil 3

Seit Theresa May den vom Parlament zurückgewiesenen Scheidungsvertrag mit der EU ausgehandelt hat, schlagen sich britische Politiker mit der Quadratur des Kreises herum. Man will nicht mehr Mitglied der Zollunion sein, und an der nordirischen Grenze soll es keine (dann unvermeidlichen) Zollkontrollen geben. Wie May versucht auch Boris Johnson, das Ganze auf eine Frage der Technik zu reduzieren und die Realität durch Formulierungstricks zu verschleiern. Es geht aber um Geschichte und um Erinnerung. Technologische oder sonstige "alternative" Lösungen sind darauf keine Antwort. The Long Good Friday, ein Gangsterfilm von 1979, ist heute wieder aktuell, weil er ein Bewusstsein dafür schaffen kann.

Wir wissen schon, dass Harold Shand bestrebt ist, sein im Londoner East End aufgebautes Gangsterimperium zu legalisieren, indem er sein schmutziges Geld in ein Bauprojekt zur Gentrifizierung des alten Hafengeländes steckt und dadurch wäscht. Beim Empfang auf der Yacht sieht man Harold an, wie sehr er die Rolle des Geschäftsmannes genießt, der treue Weggefährten und neue Investoren willkommen heißt und Britannien wieder groß machen will, indem er in den Docklands Luxusbauten mit integriertem Vergnügungszentrum hochzieht.

Dann gehen in seinem Reich Bomben hoch und er greift auf die alten Gangstermethoden zurück, die ihn persönlich groß gemacht haben (wobei aus der Warte des Films der von Harold im Zeichen des aufkommenden Thatcherismus versprochene "profitable Fortschritt" und das Gangstertum zwei Seiten ein und derselben Medaille sind). In seiner Überheblichkeit anderen Nationen als der englischen gegenüber kann sich der König der Londoner Unterwelt nicht vorstellen, dass es tatsächlich die einst kolonisierten und verachteten Iren sind, die sein Imperium ins Wanken bringen.

Also entwickelt er eine Verschwörungstheorie, die besser in sein Weltbild passt (ein Schuft, wer dabei an gewisse Politiker denkt). Harold verdächtigt andere Gangster, den Deal mit der Mafia torpedieren zu wollen. Im Mayfair Casino trifft sich die Bande zur Lagebesprechung und Waffenausgabe. So ähnlich könnte sich das auch in der Einsatzzentrale der Polizei abspielen, oder (ohne Pistolen) in einem Fraktionsraum in Westminster. Wir sind jetzt aber bei den Gangstern.

Straße der Begräbnisse

Die Männer, die man da sieht, sind teils Schauspieler und teils echte East-End-Villains. Keeffe und Hoskins hatten Kontakte ins Milieu und halfen dabei, sie anzuheuern. Zu Harolds Rechten steht Jeff, den Mackenzie immer dann geschickt ins Bild rückt, wenn der Boss sich wieder einmal fragt, wer Krieg gegen ihn führt und warum; zu seiner Linken Razors, der am Anfang gesehen hat, wie eine Frau in Schwarz aus einem Leichenwagen stieg und Jeff ins Gesicht spuckte. Da liegt der Schlüssel zum Geheimnis. The Long Good Friday ist ein Film für aufmerksame Zuchauer.

Der Plan: Die Gangster schwärmen aus, kidnappen die Führungsfiguren der anderen Londoner Banden und bringen sie bis Mitternacht in den Schlachthof, um sie dort zu Geständnissen zu zwingen. Vor der Geisterstunde hat Harold Zeit für eine Gedenkminute. Razors schließt den Gefrierraum auf, in dem die Leiche seines alten Freundes Colin liegt, den die IRA (in Person von Pierce Brosnan) ermordet hat. "Lang her, dass ich bei einem Begräbnis war", sagt Harold. Razors fällt dazu die Bestattung mit der Frau in Schwarz ein. Na und, meint Harold. Da unten in der East India Dock Road gebe es andauernd eine Beerdigung.

Straße der Begräbnisse (23 Bilder)

The Long Good Friday

Durch solche Ortsangaben werden Filme gern mit etwas Lokalkolorit angereichert. Im Drehbuch von Barrie Keeffe transportieren sie ihre eigenen Informationen, The Long Good Friday macht das vielschichtiger. Die East India Dock Road wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts gebaut, um das Finanzzentrum in der Londoner City mit dem Hafen zu verbinden, in dem Waren in einer Größenordnung umgeschlagen wurden, die alle bis dahin gekannten Dimensionen sprengte. Die Docks waren damals eine Touristenattraktion.

Hermann von Pückler-Muskau war 1826 da und schrieb über seine Ehrfurcht und sein Erstaunen angesichts von Englands Macht und Größe, die in den Docks zum Ausdruck kamen. Nach Fürst Pückler ist das dreifarbige Speiseeis benannt, was hier Erwähnung findet, weil wir - vgl. Teil 2 - auch schon das englische Strawberry Ripple hatten, getränkt mit etwas Blut des armen Colin. Pückler-Muskau fuhr später nach Irland und erschrak über die Brutalität, mit der englische Adelige die Landbevölkerung vertrieben (nachzulesen in Briefe eines Verstorbenen, einem wunderbaren Plädoyer für die Reisefreiheit).

In The Long Good Friday zeichnet sich die East India Dock Road, einst die pulsierende Lebensader zwischen Hafen und Finanzzentrum, dadurch aus, dass alle halbe Stunde jemand beerdigt wird. In den 1960ern hatte man die Docks für überflüssig erklärt, zu Relikten einer Vergangenheit, die es nicht mehr gab. Für die neuen Containerschiffe waren die Hafenanlagen zu klein, die Fahrrinnen nicht tief genug. Außerdem war der Handel mit den Commonwealth-Staaten eingebrochen. 1967 hatte das East India Dock den Geschäftsbetrieb eingestellt, zwei Jahre danach das St Katharine Dock, wo Harolds Yacht vor Anker liegt.

Ein Hauptargument für den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft war, dass man so in den Genuss von vorteilhaften, von der EU bereits abgeschlossenen Handelsverträgen kam, die das Vereinigte Königreich nicht besaß, weil man zu lange den Verlust der alten Größe erst ignoriert und dann beklagt hatte, statt sich auf die neuen Zeiten einzustellen. Jetzt versprechen die Brexiteers, dass man nur aus der EU austreten müsse, um tolle Handelsverträge mit den früheren Kolonien abschließen zu können, mit Kanada, Australien oder Indien (und den tollsten von allen mit Strafzoll-Donald aus den USA). Man dreht sich da im Kreis.

Gardinenpredigt und Fleischerhaken

Harold wird kurz stutzig, als Razors von der Spuckattacke auf Jeff berichtet, lässt sich dann aber ablenken, weil der Kühlwagen eintrifft. Damit beginnt eine Gangster-Generalversammlung der besonderen Art. Harolds Villains haben das Führungspersonal der anderen Banden wie Schlachtvieh angekarrt, mit dem Kopf nach unten am Haken hängend. Der Kameramann Phil Méheux hängte sich freiwillig mit dazu, um den Transport der Gefangenen aus dem Laderaum in die Halle zur Weiterverarbeitung der Kadaver aus deren Sicht filmen zu können.

Nach der patriotischen Ansprache auf der Yacht (Machen wir Britannien great again!) hält Harold jetzt eine Wutrede vor Gangstern und Rinderhälften. Mehr als zehn Jahre herrschte Frieden, sagt er (nachdem er alle umgebracht hatte, die seiner Art von Frieden im Wege standen). Alle haben ihren Bereich, alle haben gut verdient. Aber jetzt habe es eine "Eruption" gegeben. (Stichwort für Auftritt Jeff.) "Es ist wie fucking Belfast in einer schlimmen Nacht!", brüllt Harold (mit Belfast hat er recht). Bob Hoskins legt wieder eine famose Performance hin, die Szene ist ebenso brutal wie komisch.

Gardinenpredigt und Fleischerhaken (24 Bilder)

The Long Good Friday

Einer seiner engsten Freunde, klagt Harold, liege da vorne im Gefrierraum: "Aber eins könnt ihr mir glauben. Niemand geht nach Hause, bevor ich herausgefunden habe, wer das getan hat und warum." Das ist wie beim Appell auf dem Schulhof, nach einem Schülerstreich. Der Direktor droht mit Nachsitzen, wenn keiner sagt, wer es gewesen ist - nur mit dem Unterschied, dass die Schüler (mit dem Kopf nach unten hängende) Gangster sind und das vollzählig angetretene Lehrerkollegium Harolds Bande. Der Schlachthof als Schauplatz macht klar, dass der Direktor ein Metzger ist, maskiert als Geschäftsmann.

Billy, ein Gangster von der anderen Seite des Flusses, versichert, dass er reden würde, wenn er etwas wüsste. Die Beziehungen zwischen dem East End und South London seien noch nie so gut gewesen. Er wolle keinen Ärger. Das englische Wort dafür ist trouble, im Plural der Euphemismus für den (von der IRA nach England getragenen) Bürgerkrieg in Nordirland. Auf eine subtile Weise ist Belfast, wo der Film begonnen hat, immer präsent. Jeff prügelt plötzlich auf den wehrlosen Billy ein. Man kann sich da fragen, ob das ein Ausraster war oder ein Ablenkungsmanöver. Was weiß Jeff? Was will er verbergen?

Gangsterqueen Victoria

Während sich Harold über die fehlende Dankbarkeit der Berufskollegen beklagt, denen er in den vergangenen zehn Jahren die Taschen gefüllt habe, hält ihm Victoria den Rücken frei. Aus der Frau hätte leicht eines jener Gangsterliebchen werden können, wie man sie aus anderen Filmen kennt: ein besserer Kleiderständer und ein Statussymbol, das sich der Gangster zulegt wie die Maßanzüge, die protzigen Uhren und die Luxuslimousinen. Beim Lesen des Drehbuchs fand Mirren die Figur zu klischeehaft. Keeffe und Mackenzie versprachen ihr, die Rolle noch umzuschreiben, um sie interessanter zu machen.

Als der erste Drehtag nahte stellte Mirren fest, dass die Herren bei der Vielzahl ihrer Verpflichtungen nicht die Zeit gefunden hatten, ihre Zusage einzuhalten. Also fing sie an, Vorschläge zu machen, wie man bei der einen Szene etwas hinzufügen und bei der anderen etwas weglassen könnte. Das war gut für die Rolle und gut für den Film insgesamt. Victoria ist Harold eine echte Partnerin, nicht das blonde Beiwerk zur Kriminalgeschichte. Nach der Explosion im Lion & Unicorn rettet sie - zumindest für den Moment - die Situation, indem sie etwas von einem Leck in der Gasleistung erzählt.

Gangsterqueen Victoria (26 Bilder)

The Long Good Friday

Dann fährt sie mit den Gästen, den beiden Mafiosi und Stadtrat Harris, zum Justine’s, einem französischen Luxusrestaurant (mit italienischem Kellner und San Pellegrino als Szenegetränk), weil die Küche im typisch englischen Pub erst mal kalt bleibt. Harris ist der Mann, der vertrauliche Dokumente der Verwaltung weiterreicht und die Baugenehmigungen besorgt. Er hat ein Alkoholproblem und eine Neigung zur Prahlerei. Wenn er zuviel getrunken hat, nervt er mit seiner proletenhaften Penetranz. Bei den auf Seriosität bedachten Mafiosi macht das keinen guten Eindruck. Charlie und Tony sind auch nicht blöd. Sie wissen, dass seit ihrer Ankunft in London zwei Bomben explodiert sind.

Victoria begreift, dass nur noch Ehrlichkeit hilft: "Ein Auto wurde in die Luft gejagt, dann wurde im Mayfair Casino eine Bombe gefunden. Sie war nicht detoniert. Einer unserer Männer wurde tot in einem Schwimmbad gefunden." Jemand sei eifersüchtig auf das gemeinsame Großprojekt. Harold sei dabei, das Problem zu lösen. Damit verschafft sie ihrem Partner etwas Zeit. Die Mafia will eine diskrete Abwicklung der Geschäfte, nicht in einen Bandenkrieg geraten. Ohne Victoria, nur mit Stadtrat Harris beim Abendessen, würden Charlie und Tony den nächsten Flug nach New York nehmen. Der Deal wäre sofort geplatzt.

Inzwischen hat Harold Jeff zum Justine’s geschickt, um Victoria nach Hause zu bringen. Charakteristischerweise ist sie es, die am Steuer sitzt. Auf der Fahrt zum Penthouse in der Noble Street (da, wo noch Reste der römischen Stadtmauer erhalten sind) erlaubt sich der Film eine von zwei Touristenattraktionen. Nach der Tower Bridge bei Harolds "Make Britain Great Again"-Rede sehen wir jetzt St. Paul’s Cathedral im Hintergrund. Ein schlechtes Omen. Die Kathedrale wurde gebaut, nachdem das große Feuer von 1666 das mittelalterliche London zerstört hatte. Das Reich von Harold, dem König der Unterwelt, ist dabei abzubrennen.

Jeff begleitet Victoria nach oben bis zur Wohnungstür. Die Szene im Aufzug ist eine von denen, die dadurch besser wurden, dass Mirren vorschlug, etwas wegzulassen. Jeff, der für Harold wie ein Sohn ist, macht Victoria ödipal angehauchte Avancen: "Ich will jeden Zentimeter von dir ablecken." Im Drehbuch hatte Victoria viel Text, um darauf zu reagieren. Mirren sagte Mackenzie, dass sie das auch ohne Dialoge spielen könne. Mackenzie ließ sie machen. Das war die richtige Entscheidung. Die Szene hat eine erotische Spannung, die man leicht hätte totreden können.

Hirn und Muskelmasse

Spannungen müssen sich irgendwann entladen. Filmemacher nützen das gern, um eine Sexszene einzufügen. Vom Publikum wird das angeblich verlangt, darum erfreut so etwas die Produzenten. In The Long Good Friday sollte es soweit sein, wenn Harold vom Schlachthof nach Hause kommt. Besonders Helen Mirren hielt das für einen Fehler, weil es nicht zur bis dahin aufgebauten Stimmung passte. Victoria hat Todesangst, weil sie verstanden hat, dass die IRA hinter den Anschlägen steckt. In dieser Situation, fand Mirren, hat sie anderes im Kopf als wilden Sex auf dem Perserteppich.

Mirren, Hoskins und Mackenzie waren schon am Set, als sie die Szene gemeinsam änderten. Jetzt sieht man zwei Menschen, die unter einem enormen Druck stehen. Victoria sagt, dass sie Charlie nicht länger belügen konnte, weil er sonst sofort abgereist wäre. Harold sieht "den größten Deal, seit sich Hitler eine Swastika auf seinen Sackschutz gemalt hat" gefährdet, ist kurz davor, auf Victoria einzuprügeln und erschrickt dann über sich selbst. Victoria wendet sich ab. Harold entschuldigt sich. Victoria fängt an zu weinen. Harold nimmt sie in den Arm. Victoria gesteht ihm ihre Angst. Sie fleht ihn an, nicht zuzulassen, dass sie beide getötet werden.

Hirn und Muskelmasse (I) (21 Bilder)

The Long Good Friday

So, wie die Szene jetzt ist, erfährt man eine Menge über das ungleiche Paar. Das ist nicht nur ein Zweckbündnis zum gegenseitigen Vorteil (Luxus für Victoria, Prestige für Harold), sondern eine sehr enge, tief empfundene Beziehung. Die Charaktere werden vielschichtiger. Harold, der gerade noch andere Gangster an den Fleischerhaken gehängt hat, nimmt man ab, dass er Victoria nie schlagen würde (solange er seine Aggressionen unter Kontrolle hat). Er ist nach wie vor ein Monster, aber doch eines mit einer privaten, zärtlichen Seite. Bei Victoria wiederum, der kultivierten Dame vom Eliteinternat, fließen erst die Tränen, als es um ihre eigene Haut geht, obwohl sie wissen muss, womit Harold sein Geld verdient.

Ihre Rolle als schwache Frau, die der rohen Kraft des Mannes schutzlos ausgeliefert ist, macht das komplexer. Victoria sei das Hirn in dieser Beziehung, meint Mackenzie im Audiokommentar der Blu-ray, Harold die Muskelmasse. Sie hat einen klareren Blick auf die Wirklichkeit als der Gangster, der es gewohnt ist, sie mit Gewalt passend zu machen und noch immer nicht richtig begriffen hat, dass er der IRA nicht beikommen kann, indem er Leute foltern und töten lässt. Sein Versuch, Victoria zu sagen, dass alles gut und er sie schützen wird, ist ebenso hilflos wie rührend.

Statt Sex zwischen dem Liebespaar gibt es die Zigarette danach, am nächsten Morgen. Inzwischen verdichtet sich der Plot, wie Sherlock Holmes sagen würde. Stadtrat Harris sitzt nicht nur im Bauausschuss, praktischerweise hat er auch ein Bau- und Abbruchunternehmen. In seinem Lagerhaus wurde der Sprengstoff für die Bomben gestohlen. Jemand hat den Wachmann an den Boden genagelt, um ihn am Reden zu hindern (in der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag). Der betrunkene Harris hat Victoria gegenüber Andeutungen gemacht, dass Jeff in die Sache involviert ist.

Hirn und Muskelmasse (II) (21 Bilder)

The Long Good Friday

Harold erinnert sich an die Beerdigung und an die Spuckattacke der Frau in Schwarz. Auf dem Friedhof erfährt er von Mrs. Benson, dass ihr Mann Phil ein Minicab besaß und Colin auf längeren Touren chauffierte, weil der Gangster keinen Führerschein hatte. Jeff hat Benson für Colins Reise nach Belfast angeheuert, wo man seine Leiche im Straßengraben gefunden hat. Keeffe darf sich über ein Update für seine Dialoge freuen, seit Boris Johnson versichert hat, lieber tot im Straßengraben liegen zu wollen, als in Brüssel um eine weitere Verschiebung des Austrittstermins zu bitten.

Ein solches Ansuchen, so Johnson, wäre ein "Verrat" am britischen Volk (wofür man früher schon mal erschossen und in den Graben geworfen wurde) und eine "Kapitulationserklärung" von "Kollaborateuren" gegenüber der EU. Das ist dieselbe martialische Sprache der Populisten, derer sich auch Harold Shand bedient, obwohl er den Beitritt zur EU begrüßt, statt ihn zu verteufeln. Harold stellt gern Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg an, als die Briten die deutsche Invasion abwehrten, und Johnson macht es auch. Beiden kommt ein ungelöstes Problem mit der großen Vergangenheit in die Quere, die eine koloniale war.

Mit Johnson zog ein neuer Stil in Downing Street No 10 ein, aber seine Kriegsrhetorik war noch keine Antwort auf die Frage, wie verhindert werden soll, dass es nach dem Brexit wieder eine sichtbare Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland gibt und im schlimmsten Fall ein Wiederaufflammen des alten Konflikts, der mit dem Good Friday Agreement von Belfast befriedet, aber nicht aus der Welt geschafft wurde. Harold hat es mit der IRA zu tun, die für die Wiedervereinigung der 1921 geteilten Insel kämpft. Er hat nur noch nicht verstanden, was die Gründe dafür sind. Von Colins Belfast-Trip hört er von Mrs. Benson zum ersten Mal.

Nationalismus und Bürgerrechte

Der in den späten 1970ern einsetzende Bauboom hatte eine große Nachfrage nach Arbeitskräften ausgelöst. Wer ausreichend Personal hatte war der Konkurrenz gegenüber im Vorteil. Die IRA konnte da mehr als früher behilflich sein, weil sie in den 1960ern einen Strategiewechsel vollzogen hatte. Harold sieht sich mit einer Entwicklung konfrontiert, die mit der Bürgerrechtsbewegung ihren Anfang nahm. Als Cathal Goulding 1962 zum Generalstabschef der IRA aufstieg war die Organisation in jeder Hinsicht ausgezehrt. Sie hatte zu wenig Geld, nicht genug Freiwillige und keine Ideen, wie es weitergehen sollte.

Goulding vollzog einen Linksruck. Der neuen Doktrin nach war Nordirland ein Gebilde, das ohne die Diskriminierung der Katholiken und eine Spaltung der Gesellschaft entlang der Religionszugehörigkeit nicht lebensfähig war. Um die Loyalität der protestantischen Arbeiter sicherzustellen gewährten ihnen die englischen Kolonialherren Privilegien auf Kosten der Katholiken, gegen die systematisch Vorurteile geschürt wurden. Dahinter steckte der Gedanke, dass man Menschen von den real existierenden Verhältnissen in einer kapitalistischen Gesellschaft ablenken kann, solange es Leute gibt, die noch ungerechter behandelt werden und die als Sündenböcke dienen.

Wenn es gelang, so Gouldings Überlegung, die Herrschenden zum Abbau der Diskriminierung zu zwingen, würden die Protestanten merken, dass auch sie ausgebeutet wurden. Dann würden sie Nordirland ebenfalls die Loyalität aufkündigen und dieses würde kollabieren. Auf diese Weise würde sich die Möglichkeit eröffnen, zusammen mit dem Kapitalismus die Teilung Irlands in eine Republik auf der einen und die sechs nordirischen Grafschaften auf der anderen Seite zu überwinden. So ähnlich sahen das viele Republikaner, die nicht zur IRA gehörten.

Die von Goulding nach links gewendete IRA knüpfte an den republikanischen Sozialismus der 1930er an, dessen Vordenker darauf gehofft hatten, dass die gemeinsamen Klasseninteressen von Katholiken und Protestanten auf lange Sicht verbindender sein würden als die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Religion trennend war. Dieser Lesart der Geschichte nach gingen die Schaffung einer klassenlosen, alle (männlichen) Bürger gleich behandelnden Gesellschaft und der irische Nationalismus Hand in Hand, mit der Arbeiterbewegung als Treffpunkt für Katholiken und Protestanten.

In den vergangenen Jahrzehnten, fanden frustrierte Republikaner in den 1960ern, war das politische Leben in Nordirland wie eingefroren gewesen. Mit der Bürgerrechtsbewegung, so die Hoffnung, kam das Tauwetter, das die Dinge in Fluss brachte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Republikaner mit oder ohne IRA-Zugehörigkeit eine tragende Rolle spielten, als im Januar 1967 in Belfast die Northern Ireland Civil Rights Association gegründet wurde, eine Dachorganisation von Bürgerrechtsgruppen in Nordirland. Die Republikaner trugen dafür Sorge, dass die NICRA auch eine nationalistische, auf die irische Wiedervereinigung abzielende Agenda hatte.

Für republikanische Intellektuelle wie Anthony Coughlan (später Vorsitzender der euroskeptischen Lobbygruppe National Platform) war dabei mehr Unordnung durch die Bürgerrechtsbewegung besser als weniger Unordnung, weil kleinere Veränderungen nur das System stabilisieren, größere hingegen, mit einer eingeplanten Unruhephase, die Kluft zwischen den Katholiken und den Protestanten entfernen würden. Wenn alle in der Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung zusammenkamen, statt einander an die Gurgel zu gehen, hatte sich auch die Frage erledigt, ob die Insel wiedervereinigt oder Nordirland bei Großbritannien bleiben sollte. So die Logik des Arguments.

Die IRA wird provisorisch

Ein beliebtes, zuerst von Coughlan bemühtes Bild war das des Eisbergs, der sich löste und in neue, unbekannte Gewässer abdriftete: in ein Gebiet, in dem sich die neue Gesellschaft realisieren ließ, mit allen Iren, Protestanten wie Katholiken, als Bewohnern eines irischen Nationalstaats. Nun weiß man aber, dass Eisberge schwer zu kontrollieren sind. Ein monokausales Deutungsmuster wie das von Coughlan berücksichtigte nicht, dass es mehr Ursachen für die sektiererische Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten gab als die Manipulation durch die Mächtigen.

Die Diskriminierung der nordirischen Katholiken war offensichtlich. Menschen gingen dagegen auf die Straße. Die Polizei reagierte mit großer Härte oder schaute weg, wenn andere es taten. Die durch die Bürgerrechtsmärsche von 1968/69 ausgelösten Turbulenzen hatten Folgen, mit denen die Coughlanisten in der IRA so nicht gerechnet hatten. Nach vereinzelten Gewaltausbrüchen erlebte Nordirland im August 1969 pogromartige Unruhen mit Straßenschlachten und mindestens acht Toten sowie rund tausend Verletzten. Die Regierung in London sah sich veranlasst, Truppen zu schicken, die so bald nicht wieder abziehen sollten.

Statt einer Frontlinie gab es mehrere, und diese verliefen nicht so, wie von den Coughlanisten angenommen. "Es zeigte sich, dass protestantische Arbeiter im Norden weit davon entfernt waren, sich mit ihren katholischen Genossen zu vereinigen", schreibt Richard English in Armed Struggle, seiner Geschichte der IRA. "Es war wahrscheinlicher, dass sie bei paramilitärischen Organisationen mitmachten, die entschlossen waren, die Katholiken umzubringen." Für Goulding war der August 1969 ein Desaster. Die Kooperation mit der Bürgerrechtsbewegung, die ein friedlicher Weg zur Vereinigung zu sein schien, endete mit einer Spaltung der IRA und mit noch mehr Gewalt.

Für einen konservativen, traditionelleren Formen des Freiheitskampfes anhängenden Flügel der Organisation war Gouldings Linkskurs ein einziger großer Fehler gewesen. Seine Kritiker warfen ihm vor, die militärische Seite vernachlässigt zu haben, weshalb die IRA katholische Gebiete nicht mehr gegen protestantische Übergriffe schützen konnte wie früher. Im Dezember 1969 spalteten sie sich ab und nannten sich Provisional IRA. Nie wieder, ließen sie verlauten, sollten wehrlose Menschen den Angriffen der Imperialisten ausgesetzt sein wie im vergangenen August.

Mit Gouldings Official IRA, wie sie nun hieß, waren sich die Provos darin einig, dass ihr Kampf ein anti-imperialer war. Gewalt galt ihnen als ein legitimes und unverzichtbares Mittel, weil nur sie die britischen Kolonialherren zu ernsthaften Gesprächen zwingen werde. 1970 formulierten die Provos eine Drei-Schritte-Strategie: 1. Verteidigung. 2. Eine Kombination aus Verteidigung und Vergeltungsmaßnahmen. 3. Eine Offensive gegen die Briten in Form eines Guerillakriegs. Als Schritt 3 nicht die gewünschten Ergebnisse zeitigte weiteten sie den Bombenterror auf England aus.

In den 1970ern war die Trennung zwischen nordirischen Katholiken und Protestanten, die man in Gouldings marxistischer Analyse hinter sich lassen konnte, indem man die Arbeiterklasse vereinigte, größer als zuvor. Durch das Karfreitagsabkommen wurden die Gräben notdürftig zugeschüttet. Verschwunden sind sie nicht. Die Bevölkerungsgruppen leben nebeneinander, nicht miteinander. Mit der Aussöhnung wird es noch eine Weile dauern. Wer riskiert, durch einen Brexit ohne Nordirland-Lösung einen neuen Eisberg auf die Reise zu schicken, weiß hoffentlich, was er da tut.

Umgefärbter Diesel und billige Arbeitskräfte

Während Goulding versuchte, mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu kooperieren und die IRA zumindest teilweise aus der Illegalität zu holen (ohne der Gewalt als Mittel zum Erreichen politischer Ziele deshalb abzuschwören), entwickelte sich die Provisional IRA immer mehr zur Gangsterbande, auch wenn sie weiter für die Vereinigung Irlands kämpfte. Kritiker der heute existierenden, mafiaähnlichen Organisation, die auf der irischen Insel viel Geld mit illegalem Treibstoff erwirtschaftet, auf beiden Seiten der derzeit kaum wahrnehmbaren Grenze, würden Letzteres bezweifeln. Die IRA verdient gut an der Teilung.

Die Geschäftsidee ist simpel. Martin McAllister, früher selbst IRA-Mitglied, erzählt in einem ZEIT-Artikel, wie es funktioniert. Roter, steuerlich vergünstigter Agrardiesel wird umgefärbt und als PKW-Diesel verkauft. In der Republik Irland gewährt die IRA ihren Kunden Rabatt. An nordirischen Zapfsäulen wird der Preis in britischen Pfund angezeigt, aber abgerechnet wird in Euro. Dadurch sinkt auch dort der Preis. Das ist sehr lukrativ. Schätzungen des britischen Zolls zufolge sind es jährlich 40 Millionen Pfund, die allein in Nordirland an Steuern hinterzogen werden.

Wer schon einmal in der Grenzregion unterwegs war und sich über die vielen Treibstofflager, Tankstellen und Tanklaster gewundert hat: das ist des Rätsels Lösung. Falls jemand diese Geschichte auf die Leinwand bringen will: jeder amerikanische Gangsterfilm über die Prohibitionszeit, in dem Humphrey Bogart oder James Cagney ein Alkoholimperium aufbauen, kann als Vorlage dienen. Man ersetzt den Schnaps durch Diesel und die Kneipen durch Tankstellen, sollte aber nicht an Originalschauplätzen drehen. McAllister hat am eigenen Leib erfahren, dass die IRA sehr unwirsch wird, wenn jemand die Geschäfte stört.

Die Provos, an denen Harold Shands "Make Britain Great Again"-Traum zerplatzt, verkaufen keinen Diesel. Sie füllen die Kriegskasse mit den Einnahmen aus dem Baugewerbe, weil sie einen wichtigen Faktor in diesem Wirtschaftszweig kontrollieren, die billigen irischen Arbeitskräfte. In dunklen Kanälen verschwindende Kickback-Zahlungen in der Bauindustrie waren an der Tagesordnung. The Long Good Friday lässt sich gut mit Elia Kazans On the Waterfront vergleichen (ohne deshalb die Botschaft übernehmen zu müssen), wo die Mafia die Gewerkschaft der Hafenarbeiter unterwandert hat und bestimmt, wer einen Job erhält und wer bestreikt wird.

Goulding hatte die Kooperation mit der Arbeiterbewegung und deren Repräsentanten intensiviert, um die IRA und deren politischen Arm, die Sinn Féin (1973 in Sinn Féin The Workers’ Party umbenannt), besser zu vernetzen und zur Zivilgesellschaft hin zu öffnen. Davon profitierten auch die Provos, obwohl sie Gouldings Linkskurs ablehnten. Die Spaltung in eine Official IRA und eine Provisional IRA sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es danach sehr wohl Kontinuitäten gab. Einmal geknüpfte Kontakte verschwanden nicht einfach, sondern ließen sich gewinnbringend nutzen. Dafür musste man nicht unbedingt Marxist sein.

Jeremy Corbyn, heute Chef der Labour Party, war in den 1970ern Gewerkschaftsfunktionär und auch als Bürgerrechtler aktiv. Wenn jemand wie er mit Vertretern der IRA in Berührung kam war das kein Beweis für ein Sympathisieren mit Terroristen, sondern häufig unvermeidlich. Fairerweise müsste man zumindest fragen, um welche IRA es sich da handelte. In einem durch den Brexit aufgewühlten Land ist für solche Differenzierungen kein Platz. Corbyn als marxistischen Terroristenfreund zu denunzieren ist verführerisch, weil es in einer extrem komplizierten Lage simple Freund-Feind-Muster bedient. Auch deshalb werden Nordirland und die IRA ein Thema im anstehenden Wahlkampf sein.

Sklavenhalter kommen und gehen, die Unterdrückung bleibt

In seiner Antrittsrede als Premierminister hat Boris Johnson vom Geld als Schmiermittel beim Aufbruch in eine große Zukunft gesprochen. Dafür muss das Geld natürlich fließen. Tut es das nicht, geht die Maschinerie kaputt. In The Long Good Friday ist das nicht anders. Auf der Yacht in den Docklands, der Stätte seiner Francis-Drake-Träume, erhält Harold Einblick in Aspekte des Immobiliengewerbes, die ihm bisher verborgen geblieben sind. Umgeben von Segelschiffen als den Symbolen einer großen Vergangenheit ist Jeff gezwungen, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken.

Stadtrat Harris kooperiert mit der IRA, weil seine Baufirma ohne ihre irischen Arbeiter nichts bauen könnte, auch nicht Harolds Docklands-Projekt. Dafür wird er nie bestreikt. Die IRA hat von Harris verlangt, dass er einen Koffer voller Geld für sie nach Belfast bringt. Colin hat den Transfer erledigt. Der Film zeigt da wieder seinen bösen Witz. Wenn sich Stadtrat Harris vom Gangster Shand schmieren lässt ist das Korruption unter Engländern und somit in Ordnung. Geschäfte mit der IRA lehnt Harold ab, weil das unpatriotisch ist. Darum hat ihm Jeff nichts davon gesagt.

Sklavenhalter kommen und gehen, die Unterdrückung bleibt (17 Bilder)

The Long Good Friday

Colin hat 5000 Pfund als Provision abgezweigt. Nach der Übergabe des Koffers wurden drei IRA-Männer getötet. Das Geld ist weg. Die IRA denkt, dass Shand die Transaktion an ihre Feinde verraten hat. Dafür wollen sich die Provos rächen. Shand steht vor säuberlich gerahmten Inselkarten, als er von dem Schlamassel erfährt. Klein sehen die Inseln aus und verletzlich. Harold, auch Inselbewohner, ist dabei, die Hände über den Ozean auszustrecken, zu den Amerikanern, mit denen er den "profitablen Fortschritt" gestalten will, wie er anfangs stolz verkündet. Dann kreuzen die Bewohner der Nachbarinsel seinen Kurs und er geht unter.

Damals, als Margaret Thatcher soeben Premierministerin geworden war, musste die Wirtschaft von den Fesseln der Regulierung befreit werden, um Britannien wieder groß zu machen. An der neoliberalen Rhetorik hat sich nicht viel geändert. Die Brexiteers, die Boris Johnson nach der Ablösung von Theresa May in sein Kabinett berief, sind ausnahmslos Bewunderer der "eisernen Lady". Man braucht nur Brüssel und den europäischen Superstaat einzusetzen, schon hat man einen neuen Bösewicht.

Anstelle der Nazi-Invasoren und - siehe Teil 2 - der schwarzen Einwanderer aus der Karibik sind jetzt die EU und ihre Bürokraten die "Sklavenhalter" (Boris Johnson), die dem "profitablen Fortschritt" (Harold Shand als Sprachrohr Margaret Thatchers) im Wege stehen; in den späten 1970ern, in der Euphorie des Beitritts, war die EU noch der Garant dafür. Das Folterwerkzeug der Unterdrücker ist der von Johnson für unnötig und undemokratisch erklärte Backstop im Austrittsvertrag seiner Vorgängerin. Die Schwarzen, deren Zerrbild Enoch Powell, der Vater des Populismus im Vereinigten Königreich, als Gefahr für das Englischsein an die Wand malte, schwangen noch ganz altmodisch die Peitsche.

Trotz allen Bravados musste auch Johnson akzeptieren, dass man sich von dem Problem mit der nordirischen Grenze nicht befreit, indem man es ignoriert, auf später verschiebt oder den starken Mann markiert. Harold Shand hätte ihm als warnendes Beispiel dienen können. Erst weigert er sich, aus den sich mehrenden Hinweisen auf die IRA die richtigen Schlüsse zu ziehen, oder vielleicht ist er dazu auch nicht in der Lage. Als ihm Jeff klipp und klar sagt, dass die Provos hinter den Anschlägen stecken reagiert er so wie diverse britische Regierungen - nur eben in der Gangster- und nicht in der Law-and-Order-Variante.

Tod im Yachthafen

Diese "Micks", kündigt Harold an, werde er zertreten wie ein paar lästige Käfer. Jeff ist sich da nicht so sicher. Die Provos seien wie die Ameisen, wendet er ein. Egal, wie viele von ihnen man töte, es würden immer neue nachkommen. Unabhängig davon, ob man die Insekten-Metaphorik der Gangster mag oder nicht: die Erfahrung der 1970er beschreibt das ziemlich gut. Jede repressive Maßnahme von Polizei, Militär und Regierung führte der IRA neue Mitglieder zu. Die britische Armee, warnt Jeff, habe in den vergangenen zehn Jahren gar nichts erreicht. Harold solle mit der IRA kooperieren, statt auf Konfrontationskurs zu gehen.

Harold bringt das nur noch mehr in Rage. Der König der Londoner Unterwelt kooperiert nicht mit "schweinsäugigen Micks" und "terroristischem Abschaum". Er macht sie fertig, oder zumindest denkt er das. Jeff greift zu einem drastischen Vergleich, um ihn zur Vernunft zu bringen. Für die IRA, sagt er, sei Harold nicht mehr als "Scheiße am Schuh". Das ist ein typischer Keeffe-Dialog, ebenso boshaft wie erhellend. Als selbst ernannter "Patriot" denkt Shand sich nichts dabei, Iren - ob Terroristen oder nicht - zu Dreck und Käfern zu erklären. Wird das aber gegen ihn gewendet kann er seine Wut nicht mehr im Zaum halten.

Tod im Yachthafen (24 Bilder)

The Long Good Friday

Ein Stück Scheiße sind nur die anderen, nicht Harold Shand. Völlig außer sich, zerbricht er eine Flasche an Jeffs Kopf und sticht mit den Scherben auf ihn ein. Schwer vorstellbar, dass Hoskins die Szene auf der Yacht des Gangsters spielen konnte, ohne an den Ranelagh Yacht Club zu denken und an seinen Freund John Bindon, für den er bald danach als Leumundszeuge auftrat (siehe Teil 2). Ob Bindon einen Auftragsmord beging oder ob Johnny Darke das Opfer einer tödlich endenden Kneipenschlägerei wurde bleibt ungeklärt. Harold tötet Jeff, ohne es zu wollen.

Shand kommt erst wieder zu sich, nachdem er Jeff mit der zerbrochenen Flasche die Halsschlagader durchstochen hat. Der Mann, der wie ein Sohn für ihn war, stirbt in seinen Armen. Kurz davor hat er Jeff noch ins Gesicht geschaut wie in einen Spiegel und dort die Gier und den Ehrgeiz entdeckt, die ihn selbst nach oben gebracht haben. Die Gewalttat speist sich aus mehreren Quellen: der - von vielen Iren als "typisch englisch" empfundenen - Arroganz gegenüber den dereinst Kolonisierten, die sich erdreisten, die Geschäfte zu stören; der Frustration von einem, der merkt, dass er bisher im Dunklen tappte; und der Erkenntnis, von Jeff, dem selbst ausgesuchten Thronfolger, hintergangen worden zu sein.

Keeffe hat im Drehbuch Hinweise auf Shakespeare-Dramen platziert, die sich in dieser Szene bündeln. Schließlich sind manche von den Königen, deren Aufstieg und Fall bei Shakespeare durchgespielt wird, auch nichts anderes als Gangster. Wir erleben die Tragödie eines Mannes, der am Tag seines vermeintlich größten Triumphes alles verliert, was er sich in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut hat. Harold Shand ist ein Monster. Man muss aber schon ein Herz aus Stein haben, um nicht auch so etwas wie Mitgefühl zu empfinden. Dafür sorgen das Drehbuch, Mackenzies Regie und die schauspielerische Leistung von Bob Hoskins.

Lord Grade kriegt kalte Füße

Was tut man, wenn man gerade den Ersatzsohn und prospektiven Nachfolger getötet hat? Harold sucht einen Schuldigen. Stadtrat Harris soll es sein, der Geschäftspartner der IRA. Harold fordert eine Pistole, um ihn erschießen zu können. Die Situation rettet - vorläufig zumindest und nicht zum ersten Mal - Victoria. In einer der improvisierten Szenen mit Hoskins und Helen Mirren prügelt sie auf Harold ein, bis er sich beruhigt hat. Der Amoklauf ist gestoppt. Harris, mahnt Victoria, hast du in der Tasche. Jetzt machst du Gebrauch von ihm, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Daran, dass Harold Shand ohne diese Frau nie so weit nach oben gekommen wäre, kann kein Zweifel bestehen. Sie ist das Hirn im Unternehmen und nicht das schöne Beiwerk und die Zicke wie so oft im Gangsterfilm. Victoria nimmt Harold in den Arm, wenn er am Ende seiner Kraft ist und Victoria verbrennt seine besudelten Kleider, während er sich Jeffs Blut abwäscht. Wäre der Film, wie geplant, kurz nach dem Mordprozess gegen John Bindon in den britischen Kinos angelaufen hätte das Publikum vermutlich gar nicht anders gekonnt, als bei Harolds Yacht an den Ranelagh Yacht Club und bei Victoria an Vicki Hodge zu denken.

Lord Grade kriegt kalte Füße (22 Bilder)

The Long Good Friday

Vicki hatte den schwer verletzten Bindon zum Flughafen eskortiert, damit er sich nach Irland absetzen konnte; Vicki hatte seine blutgetränkten Schlangenlederstiefel in Streifen geschnitten und zusammen mit den übrigen Klamotten verbrannt, um die Spuren zu beseitigen; Vicki hatte die Geschichte vermarktet und für 40.000 Pfund an den Daily Mirror verkauft, weshalb die sensationellen Details in der Zeitung nachzulesen waren. Auch damals waren die Zeiten schon sehr schnelllebig und die Schlagzeilen von gestern rasch vergessen. Als es The Long Good Friday im Frühjahr 1981 doch noch in die Kinos schaffte waren Vicki Hodge und John Bindon den meisten Kritikern kaum mehr eine Erwähnung wert.

Schuld an der Verzögerung war die IRA - oder, besser gesagt, die Angst vor ihr. Wie heikel das Thema war erfuhr 1987 auch Mike Hodges, als er sich nach Abschluss der Dreharbeiten zu A Prayer for the Dying (mit Bob Hoskins als katholischem Priester und Mickey Rourke als Provo) mit aus der Luft gegriffenen Gerüchten konfrontiert sah, seine künstlerischen Differenzen mit den Produzenten seien darauf zurückzuführen, dass er einen Pro-IRA-Film abgeliefert habe. Bei The Long Good Friday konnten sich die Geldgeber nicht entscheiden, ob der Film gefährlich sei, weil er die IRA glorifizierte oder weil er sie zu stark kritisierte.

Wie schon der Name sagt verdiente die Incorporated Television Company (ITC) des Medienmoguls Lew Grade ihr Geld eigentlich damit, dass sie Fernsehsendungen (Danger Man, The Prisoner, Mondbasis Alpha 1) herstellte und vertrieb. Mitte der 1970er stiegen Grade und sein geschäftsführender Direktor, Jack Gill, in die Produktion von Kinofilmen ein. Das eröffnete dem für die ITC arbeitenden Barry Hanson die Möglichkeit, The Long Good Friday zu produzieren. Dann beschlossen Grade und Gill, den fertigen Film von 114 auf 80 Minuten zu kürzen und lieber doch im Fernsehen zu zeigen.

Begründung: Die IRA werde zu positiv dargestellt, der Film sei unpatriotisch und man müsse mit Anschlägen auf Kinos rechnen. Keeffe erinnert sich an ein Gespräch mit Gill, in dem er ihm sagte, dass beides zugleich nicht möglich sei. Entweder, der Film warb für die IRA oder die Terroristen sprengten Kinos in die Luft, weil der Film zu IRA-kritisch war. Gills Antwort: Keeffe solle ihm nicht auch noch "intellektuell kommen". Wahrscheinlich war es so, dass Grade und seinen Leuten die Mischung aus IRA, Bauwirtschaft, Gangstern und Korruption schlicht zu explosiv geworden war, zumal das Unternehmen in einer schwierigen Lage war.

Die ITC hatte gerade geschätzte 40 Millionen Dollar für Raise the Titanic ausgegeben, den größten Flop der Firmengeschichte. Statt nun noch in die Werbung für einen Film zu investieren, mit dem man sich die Finger verbrennen konnte, dürften sich die Chefs gedacht haben, war es besser, durch Kürzungen ein weniger kontroverses Produkt daraus zu machen, den Fernseherlös mitzunehmen und sich ansonsten auf den mehrfach verschobenen Kinostart des immer teurer werdenden Blockbusters zu konzentrieren (das Titanic-Desaster kostete Gill schließlich den Job). Damit sparte man auch das Geld für die Verleihkopien ein. Das Blatt wendete sich, als seine Heimatstadt Edinburgh John Mackenzie eine Retrospektive widmete.

Die Begeisterung, mit der Mackenzies Schnittfassung von The Long Good Friday in Edinburgh aufgenommen wurde, bestärkte ihn, Hanson, Keeffe, Mirren und Hopkins in ihrer Überzeugung, dass es sich lohnte, für den Film zu kämpfen. Wenn Grade und Gill sich nicht trauten, ihn ins Kino zu bringen, musste man ihnen The Long Good Friday abkaufen. Hanson entwendete den Film aus dem Schneideraum, um ihn Interessenten zeigen zu können, erntete viel Lob, fand aber keine Investoren. Retter in der Not war Eric Idle von Monty Python’s Flying Circus.

Harold Shand als Mann der Stunde

Helen Mirren lud Idle zum London Film Festival ein, damit er sich mit ihr den Gangsterfilm ansehen konnte, in dem sie mitspielte und den niemand verleihen wollte (das schreibt Robert Sellers in Very Naughty Boys, seiner Geschichte der HandMade Films); oder Bob Hoskins arrangierte eine Vorführung für ihn (das erzählt Hoskins im Making of). Jedenfalls sah Idle im November 1980 den Film, war beeindruckt und empfahl Denis O’Brien, ihn zu kaufen. O’Brien war der Partner von George Harrison und bei der gemeinsam gegründeten Produktionsfirma HandMade Films für das operative Geschäft zuständig.

Die HandMade hatte sehr viel Geld mit einem Projekt verdient, das Lord Delfont, damals Vorstandsvorsitzender des Entertainmentriesen EMI, abgelehnt hatte, weil es ihm zu blasphemisch und zu respektlos gewesen war: The Life of Brian. Mit einem Teil der Profite wollte die Firma jetzt den Film erwerben, den Delfonts Bruder, Lord Grade, zu unpatriotisch fand. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Man kann sich fragen, ob es auch so gekommen wäre, wenn das aus der Ukraine zugewanderte und in den Adelsstand erhobene Brüderpaar (eigentlich hießen sie Louis und Boris Winogradsky) durch seine Herkunft nicht unter einem besonderen Druck gestanden hätte, sein Englischsein zu beweisen.

The Long Good Friday hatte knapp eine Million Pfund gekostet. Das wollten Grade und Gill wiederhaben. O’Brien war der Preis zu hoch. Wahrscheinlich wäre es doch noch auf eine Fernsehauswertung hinausgelaufen (ein Sendetermin stand schon fest), wenn Gill nicht zu erpicht darauf gewesen wäre, die 80-Minuten-Version in die USA zu verscherbeln. Amerikaner tun sich schwer mit dem Cockney-Englisch. Darum ließ Gill Bob Hoskins von einem Schauspieler aus Wolverhampton synchronisieren - ohne vorher den Darsteller zu fragen, dessen Einverständnis er gebraucht hätte.

Hoskins verklagte daraufhin die zum ITC-Imperium gehörende Black Lion, für die Barry Hanson den Film produziert hatte. Das sorgte für einigen Rummel. Die Presse berichtete über die Empörung der "theatrical Sirs", also der für ihre Verdienste um die Schauspielkunst zum Ritter geschlagenen Großschauspieler der britischen Bühne und des britischen Films. Sir Alec Guinness, Sir Ralph Richardson, Sir Laurence Olivier, Sir John Gielgud und Sir Michael Redgrave waren bereit, an der Seite von Bob Hoskins in die Schlacht zu ziehen und vor Gericht auszusagen, dass es eine Form von Zwangsprostitution sei, wenn man einem Schauspieler die Stimme raubte.

Diese Blamage wollte sich Gill gern ersparen. Kurz vor Weihnachten einigte er sich mit O’Brien. Die HandMade zahlte einen Kaufpreis, der etwa 200.000 Pfund unter den Produktionskosten lag. Im Februar 1981 lief The Long Good Friday in London an, im März im Rest des Vereinigten Königreichs. In den meisten Kinos, in denen er gezeigt wurde, brach er die bis dahin bestehenden Zuschauerrekorde. In London, wo der Film 14 Wochen lang auf der Top-Ten-Liste stand, bildete sich ein Schwarzmarkt, wo man den doppelten Preis für eine Eintrittskarte zahlte.

Mackenzie erklärte sich den kommerziellen Erfolg damit, dass Harold Shand der Mann der Stunde war: "Er war definitiv ein Vertreter des Thatcherismus. Er hatte den örtlichen Stadtrat in der Tasche, und darin zeichnete sich ab, was gerade in den Docklands vor sich ging. Dort war eine riesige Menge Bakschisch unterwegs. Und man spürte dieses Unternehmerzeug, mit diesem Gangster, der ein Loblied auf die kulturellen Werte Londons sang. Vielleicht wurde Thatcher von ihm inspiriert."

Wiederbelebung der Docklands

Unter Margaret Thatcher, wie schon erwähnt, wurde 1981 die London Docklands Development Corporation (LDDC) gegründet, die dann dem freien Unternehmertum zum Durchbruch verhalf und dabei ein wenig vergaß, was ursprünglich als Ziel ausgegeben worden war: die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Lebensumstände der dort lebenden Menschen - nennen wir sie: die Indigenen - zu verbessern. 1982 wurde die "Enterprise Zone" ausgerufen. Für große Teile des alten Hafengeländes galten fortan stark vereinfachte Genehmigungsverfahren beim Häuserbau.

Weil man den Unternehmer in seinem freien Unternehmertum nicht überfordern soll gewährte die Thatcher-Regierung großzügige finanzielle Anreize bei der Immobilienentwicklung, finanziert aus Steuermitteln. Das wurde damit gerechtfertigt, dass die Unternehmer viele neue Jobs schufen. Die Indigenen hatten davon wenig, weil sie nicht über die technischen Fertigkeiten verfügten, die man haben musste, um für die sich ansiedelnden Finanzdienstleister und Medienunternehmen arbeiten zu können. Für Fortbildungsprogramme waren andere Stellen zuständig, aber in Thatchers "schlankem Staat" wurden für so etwas die Mittel gekürzt.

Canary Wharf. Bild: Arpingstone / Public Domain

Also gingen die gut bezahlten neuen Jobs an gut ausgebildete Leute von außerhalb. Eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Docklands kam der verbesserten Verkehrsanbindung an die Londoner City und andere Stadtviertel zu. In diesen Bereich der Infrastruktur wurde kräftig investiert. Die Indigenen hätten sich eine bessere medizinische Versorgung, mehr Altenbetreuung und mehr Bildungszentren für die Jüngeren gewünscht. Dummerweise gab es dafür kein Geld. Aber die Einwohnerzahl stieg kräftig an. 1981 lebten, einer Jubelmeldung der LDDC zufolge, 40.000 Menschen in dem von ihr betreuten Areal; 2000 waren es 85.000.

Hinter solchen Angaben verbirgt sich mehr als die Verdoppelung der Einwohnerzahl. Versprochen wurden ein gesünderes Leben und Arbeiten in neuen Wohnungen und Büros, Freizeiteinrichtungen, Einkaufszentren und Restaurants. Aber das musste man sich leisten können. Mit dem Prestige der bis dahin verwahrlosten Hafengegend stiegen die Grundstückspreise und die Mieten. Private Bauträger erlagen ziemlich schnell der Verlockung, Gebäude im Hochpreissegment zu errichten, weil dort die Gewinnmargen am größten waren. 1981 war auch das Jahr, in dem in England damit begonnen wurde, den sozialen Wohnungsbau drastisch zurückzufahren.

Viele der eher nicht so begüterten Indigenen sahen sich bald gezwungen, die verbesserten Lebensumstände andernorts zu suchen und wegzuziehen. Von den 200.000 Bäumen, die gepflanzt wurden, hatten sie dann nichts mehr, und die schönen neuen Restaurants waren ohnehin zu teuer. Gewachsene Sozialstrukturen wurden so zerstört. Die LDDC hätte planerisch gegensteuern können, aber dafür war sie - anders lautenden Beteuerungen zum Trotz - nicht gegründet worden. Stadtentwicklung hieß: Altes platt machen (auch die alte East-End-Kultur) und Neues hinstellen. Die LDDC nannte es "Wiederbelebung".

Es empfiehlt sich, nicht so genau hinzuschauen, wenn man sich den von Margaret Thatcher als zweite Religion in der Konservativen Partei verankerten Glauben an den Kapitalismus und die Eigenverantwortung (und an die Europäische Union als eine immer nur abkassierende Bürokratenbande) bewahren möchte. In den inzwischen "regenerierten" Docklands steckt eine Menge Geld aus EU-Strukturfonds. Leider kam dieses Geld nur in sehr geringem Umfang denen zugute, die es am dringendsten gebraucht hätten. Harold Shand dagegen, der von der Gangster- in die Immobilienbranche umsteigen will, hat allen Grund, den Beitritt seines Landes zur Europäischen Gemeinschaft zu bejubeln.

Fake entrepreneurs

Harold ist ehrlicher als die LDDC. Er tut gar nicht erst so, als sei es sein Ziel, schöne und bezahlbare Wohnungen für gesellschaftlich Abgehängte zu bauen. Vielmehr greift er den Plan der Kray-Zwillinge auf, London in Kooperation mit der Mafia zum Zweitwohnsitz für reiche Amerikaner zu machen, mit Spielcasino und kurzen Wegen zum europäischen Festland, wo sich auch lukrative Geschäfte anbahnen lassen, wenn man sich nicht mehr mit Grenzkontrollen abplagen muss (an russische Oligarchen dachte damals, mehr als ein Jahrzehnt vor dem Zerfall der Sowjetunion, noch niemand).

Harolds Traum, mit den neuen Zeiten angepasster Zielgruppe, realisierten dann andere - viel gigantischer, als 1979 für den Gangster vorstellbar. Die Hochhäuser des Bankenzentrums Canary Wharf (Grundsteinlegung durch Margaret Thatcher im April 1988), die jetzt in der Gegend stehen, wo Harold sein im Rückblick bescheiden anmutendes Wohn- und Vergnügungsviertel bauen wollte, sind zum Symbol eines deindustrialisierten, an der Finanzwirtschaft ausgerichteten Landes geworden, das durch die von Thatcher angestoßenen Umwälzungen entstanden ist.

The Long Good Friday

Nachdem die Londoner Boris Johnson zu ihrem Bürgermeister gewählt hatten wurde Canary Wharf zur Kulisse, vor der er unermüdlich PR-Termine absolvierte und sich als Hofnarr und Schutzheiliger des freien Unternehmertums in Personalunion inszenierte, gern auch in Begleitung von Jennifer Arcuri, mit der ihn die Liebe zu William Shakespeare verbindet, wie man inzwischen weiß. Wenn er danach, als Anführer der Leave-Kampagne, die Segnungen des Brexit hinausposaunte, verwies er dabei am liebsten auf Canary Wharf, wo man sich nach dem EU-Austritt auf eine Phase sagenhafter Prosperität freuen dürfe.

Johnson war nicht der einzige, der den ikonographischen Gehalt des Gebäudekomplexes erkannte und für sich nutzte. Der Vorspann der britischen, von der BBC ausgestrahlten Version von The Apprentice beginnt nicht zufällig mit einer Luftaufnahme der Docklands-Türme. Irgendwann wird jemand untersuchen, wie das in Großbritannien das Bewusstsein kolonisiert hat. Es erscheint nur folgerichtig, wenn Johnson, der es besser als die Konkurrenz versteht, im Fernsehen den Anti-Establishment-Politiker zu mimen, zum Chef einer Partei aufgestiegen ist, deren vergreiste Mitglieder die Welt in Apprentice-Kategorien sehen. Schließlich wurde er vom US-Präsidenten zu seinem britischen Ableger erklärt.

Donald Trump wiederum schaffte den Sprung vom Reality TV ins Weiße Haus, weil er im amerikanischen Original von The Apprentice jahrelang den erfolgreichen Unternehmer spielen durfte, der er in Wirklichkeit nicht war. Reich wurde der geniale Selbstvermarkter nicht so sehr durch eigene Immobiliengeschäfte, sondern vielmehr durch das von seinem Vater (weitgehend steuerfrei) geerbte Vermögen, wie die New York Times recherchiert hat. Was wohl Harold Shand von solchen Mediengestalten gehalten hätte, der Mann, der es tatsächlich von ganz unten nach oben schafft und der letztlich daran scheitert, dass er sein den Aufstieg ermöglichendes Verhalten nicht ändern kann?

60.000 Pfund für drei Provos und einen Koffer

Harold scheint Victorias Rat zu befolgen und eine Verhandlungslösung anzustreben. Harris arrangiert ein Treffen mit dem örtlichen IRA-Chef. Treffpunkt ist das Harringay Stadium in Nordlondon, das 1927 als "Rennbahn des kleinen Mannes" gebaut wurde und eines jener Wahrzeichen der Londoner Arbeiterkultur war, die heute nur noch in der Erinnerung existieren - und in Filmen wie The Long Good Friday, die ihre Schauplätze sorgsam auswählen und der Handlung auf diese Weise eine zusätzliche Bedeutungsebene geben (nach der Schließung 1987 entstanden auf dem Gelände Wohngebäude und ein Supermarkt).

Harringay war das dritte Stadion für Windhundrennen, das die Greyhound Racing Association in Großbritannien errichten ließ (das erste, das Belle Vue Stadium in Manchester, existiert noch). Treibende Kraft hinter der GRA war Brigadier-General Alfred Critchley, Chef einer Zementfabrik und in den 1930ern für die Empire Free Trade Crusade aktiv, eine Gruppierung, die das britische Empire und was einmal dazugehört hatte in eine riesige Freihandelszone verwandeln wollte. Die Brexiteers träumen heute noch davon.

60.000 Pfund für drei Provos und einen Koffer (20 Bilder)

The Long Good Friday

Eigenen Aussagen nach baute Critchley solche Stadien, um den unteren Schichten (und ein wenig wohl auch seinem Bankkonto) Gutes zu tun. Er hatte miterlebt, wie sein Diener große Summen beim Pferderennen verlor. Der Mann tat ihm leid. Beim Hunderennen, so die Überlegung, waren die Einsätze geringer, somit war das Verlieren billiger. Zur Abrundung des philanthropischen Charakters von Critchleys Geschäftsidee sollten die unteren Schichten vom Verbrechen ferngehalten werden. Dafür zuständig war Sir William Gentle, der pensionierte Polizeichef von Brighton, der sich durch seinen Einsatz im Kampf gegen Gaunereien beim Pferderennen einen Namen gemacht hatte.

Von 1954 bis 1979 wurden in Harringay auch Stockcar-Rennen veranstaltet. Bei einem der letzten dieser Rennen war Mackenzie mit seiner Filmcrew dabei. Der IRA-Boss macht als Fahrer mit und gewinnt. Stadtrat Harris ist ganz der konservative Politiker dieser Zeit, wenn er Harold davor warnt, dass man mit der IRA nicht verhandeln könne. Dabei weiß er selbst am besten, dass das nicht stimmt, weil er in seiner Funktion als Bauunternehmer der Geschäftspartner der Terroristen ist. Er kennt die unheiligen Allianzen, die eingegangen wurden, wenn sie zum gegenseitigen Vorteil waren.

Harold hat einen Koffer mit den vereinbarten 60.000 Pfund mitgebracht. Die Haltung des Films teilt sich einem über nüchtern wirkende Fakten mit, über solche Geldbeträge beispielsweise. "Wie viel brauchen Sie?", fragt Harold Mrs. Benson, die Witwe von Colins Fahrer, auf dem Friedhof. Es scheint, als würde die Mutter zweier kleiner Kinder auf den Handel eingehen. "Hundert Pfund die Woche", antwortet sie. In Ordnung, sagt Harold. Die "Corporation", wie er seine Verbrecherorganisation nennt (in Anlehnung an die "Firma" der Krays) werde sich darum kümmern.

Ist soviel ein Menschenleben wert? Hundert Pfund die Woche? Bis zur Einschulung der Kinder oder bis zur Volljährigkeit? Mit Inflationsausgleich oder ohne? Die Witwe fängt an zu schluchzen. Sie wolle nur Phil wiederhaben, sagt sie unter Tränen, ihren Mann, der in Belfast ermordet und in einen Straßengraben geworfen wurde. Harold ist peinlich berührt und weiß nicht, was er sagen soll. "Kaufen Sie ihm einen anständigen Grabstein und schicken Sie mir die Rechnung" ist alles, was ihm einfällt. Mit der IRA hätte er es da leichter. Mit ihr kann man sich einigen, wenn die Kasse stimmt.

60.000 Pfund für den (verlorenen) Inhalt des von Colin und Phil Benson nach Belfast transportierten Koffers und für die drei Provos, die nach der Übergabe getötet wurden. So ist der Deal. Die IRA vergießt keine Tränen. In Erinnerung bleibt, dass man am Anfang Provos beim Geldzählen sieht und jetzt wieder, da sich der Film dem Ende nähert. Der Schotte Mackenzie teilt Barrie Keeffes prinzipielle Sympathie für die Anliegen der Organisation, lehnt Gewalt aber genauso ab wie der Drehbuchautor und zeigt, was aus der IRA geworden ist. Von einer Glorifizierung der Terroristen kann keine Rede sein.

Die Provos, möchte man meinen, sind auch nur eine Gangsterbande, wohl aber eine der besonderen Art. Letzteres nicht begriffen zu haben wird Harold zum Verhängnis. Für Freunde des sprechenden Details: vor zehn Tagen wurde Benson ermordet und vor zehn Jahren hat Harold Shand den Bandenkrieg gewonnen, indem er alle umbrachte, die ihm im Wege standen. Das versucht er jetzt erneut, die Zahl 10 dient der Parallelisierung der Ereignisse. Die IRA allerdings ist eine Bande mit Ideal, und sei es noch so fehlgeleitet. Ein Ideal (in dem Fall das der irischen Wiedervereinigung) lässt sich nicht beseitigen, indem man Leute tötet. Die Gewalt nimmt dann kein Ende.

Tödlicher Konkurrenzkampf

Wie unübersichtlich die Lage rasch wieder werden könnte, falls das Vereinigte Königreich die EU ohne Nordirland-Lösung verlassen sollte, zeigen die 1970er. Damals waren neben der Official IRA und der Provisional IRA auch Terrorgruppen wie die linksgerichtete Splittergruppe Irish National Liberation Army aktiv. Die INLA war seit 1975 in einen Teufelskreis aus Anschlägen und Vergeltungsmaßnahmen verstrickt, und keiner wusste mehr genau, wer angefangen hatte: katholische Nationalisten, protestantische Unionisten oder Spezialeinheiten der britischen Armee.

Margaret Thatchers Mann für Nordirland war der Jurist und Ex-Spion Airey Neave (Codename: Saturday), ein enger Freund der angehenden Premierministerin. Neave war ein Patriot, ein Held des Zweiten Weltkriegs (der erste britische Offizier, dem es gelang, aus dem Gefangenenlager in Schloss Colditz zu fliehen und sich nach England durchzuschlagen) und einer jener konservativen Politiker, für den der "Dienst am Land" keine hohle Phrase war wie für einen Teil des heutigen Personals. Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gegen die Mitglieder des Direktoriums der Firma Krupp war er einer der Anklagevertreter.

Neaves Biograph Patrick Bishop führt in The Man Who Was Saturday zahlreiche Belege dafür an, dass er den britischen Imperialismus in all seinen negativen Auswirkungen nie wirklich verstanden hatte. Für einen Nordirland-Minister waren das keine günstigen Voraussetzungen. Darüber, wie er sein Amt ausgeübt hätte, kann man nur spekulieren. Seine Aussagen dazu lassen nichts Gutes ahnen. Neave hatte in den republikanischen Terroristen die neuen "Kräfte des Bösen" ausgemacht, die man genauso entschlossen bekämpfen müsse wie zuvor die Nazis.

Neave glaubte daran, dem Gegner (es waren eher viele verschiedene Gegner) eine entscheidende Niederlage zufügen und den Konflikt mit militärischen Mitteln lösen zu können (bei gleichzeitiger Reform der die Katholiken diskriminierenden Verwaltung). Versuche, die Gewalt durch Verhandlungen und kleine Zugeständnisse einzudämmen, lehnte er ab. Er empfahl ein hartes Durchgreifen. Am 30. März 1979, als Mackenzie, Keeffe und Hanson in einem Büro in der Carnaby Street saßen und ihren Film vorbereiteten, traf er sich mit Kollegen im Parlament in Westminster, um die Strategie für die anstehenden Wahlen zu besprechen.

Nach dem Mittagessen wollte Neave nach Hause fahren. Auf einer aus der Tiefgarage des Parlamentsgebäudes führenden Rampe detonierte unter seinem Auto eine Bombe. Der Schattenminister starb im Krankenhaus. Das Attentat ging auf das Konto der INLA, obwohl zunächst die Provisional IRA die Verantwortung übernahm (vermutlich in dem Bemühen, sich von der Konkurrenz nicht übertrumpfen zu lassen). Für Republikaner aller Art war Neave eine Reizfigur, seit Thatcher 1975 mit seiner Hilfe Parteichefin geworden war und ihn in ihr Schattenkabinett berufen hatte.

Die Provos spornte die Ermordung von Thatchers Vertrautem zu einer noch spektakuläreren Aktion an. Während Mackenzie in London The Long Good Friday drehte, am 27. August 1979, ging vor der Küste von Mullaghmore, im irischen County Sligo, auf einem Boot namens Shadow V eine ferngesteuerte, von der Provisional IRA dort platzierte Bombe hoch. Anschlagsziel war Earl Mountbatten, der letzte Vizekönig von Indien, der wie jedes Jahr unweit der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland Urlaub machte.

Earl Mountbatten. Bild: Allan Warren / CC-BY-SA-3.0

Mit dem Onkel von Prinz Philip, dem Ehemann der Queen, starben drei weitere Menschen, darunter Mountbattens 14 Jahre alter Enkel und ein 15-jähriger Bootsjunge. Die IRA, hieß es in einem Bekennerschreiben, wolle das englische Volk damit auf die andauernde Besetzung ihres Landes aufmerksam machen und der Öffentlichkeit zeigen, was für eine Diskrepanz bestand zwischen der Gleichgültigkeit der Engländer gegenüber dem Leid der in Nordirland gefolterten und getöteten Menschen und dem Wehklagen, das nach dem Tod Mountbattens anheben werde.

Am selben Tag gab es bei einem Wachturm an der irisch-nordirischen Grenze zwei weitere Explosionen. 18 britische Soldaten kamen dabei ums Leben. Das Attentat auf den populären Mountbatten und seine Familie löste auch bei irischen Nationalisten Abscheu aus. Die IRA-Führung sah sich zu der Erklärung genötigt, nicht gewusst zu haben, dass Kinder mit an Bord waren. Mehr Zustimmung fand der Hinterhalt beim Wachturm in der Nähe von Warrenpoint. Die britischen Truppen waren verhasst, seit beim Einsatz eines Fallschirmjägerregiments in Derry, am Bloody Sunday im Januar 1972, 13 katholische Demonstranten getötet worden waren.

Gerechtigkeit und Revanchismus

Das alles hat immer noch das Potential, neue Konflikte auszulösen, weil die alten nicht vergessen sind. Mit der Aufklärung der Vorfälle in Derry (für Unionisten: Londonderry), um nur ein Beispiel zu nennen, ließen sich die Behörden sehr viel Zeit. Erst bescheinigten sie den Todesschützen, in Notwehr gehandelt zu haben, dann bildete man eine Untersuchungskommission, und schließlich, 47 Jahre später, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen "Soldat F", dem vorgeworfen wird, auf unbewaffnete Demonstranten geschossen zu haben. Einer der Mittäter, "Soldat G", war schon gestorben.

Die Ermittlungen gegen weitere 16 Beschuldigte wurden eingestellt, weil keine eindeutigen Beweise mehr zu erbringen waren. Für die Angehörigen der Opfer war das ein Schlag ins Gesicht, weil nach 47 Jahren nur einer der Schützen übrig blieb, der doch noch zur Rechenschaft gezogen werden sollte (wegen Mangels an Beweisen in zwei der fünf ihm zur Last gelegten Tötungen). Für andere war die Entscheidung der Staatsanwaltschaft eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, weil ein Soldat dafür büßen sollte, dass er seinen Dienst für das Vaterland geleistet hatte. Irische Nationalisten stellen da gern die Frage, was das englische Vaterland und seine Soldaten auf ihrer Insel verloren hatten.

Zwei Wochen nach der Anklageerhebung gegen "Soldat F" wegen der Tötung von James Wray und William McKinney kündigte Innenminister Sajid Javid an, die Ermittlungen im Mordfall Airey Neave neu aufrollen zu lassen. Das wurde allgemein als eine Retourkutsche des rechten Lagers innerhalb der Konservativen Partei verstanden. Javid, Nachfolger der wegen des Windrush-Skandals zurückgetretenen Amber Rudd im Kabinett von Theresa May, erhielt auffallend viel Beifall von den Hardcore-Brexiteers und vom EU-feindlichen Teil der englischen Presse.

Sajid Javid. Bild: UK Parliament / CC-BY-3.0

Was kann die EU für den Bürgerkrieg in Nordirland und die in den 1970ern auf England ausgeweitete Bombenkampagne von IRA, INLA etc.? Nichts. Trotzdem wurde der Brexit flugs mit dem Jubel darüber verknüpft, dass endlich der Versuch unternommen werden sollte, die feigen Mörder von Lieutenant Colonel Neave ihrer Strafe zuzuführen, statt aufrechten Nordirland-Veteranen den Prozess zu machen und gemeine Attentäter zu amnestieren (wie den wegen des Anschlags auf Mountbatten im November 1979 zu lebenslang verurteilten und nach dem Karfreitagsabkommen aus der Haft entlassenen Thomas McMahon).

Wie aufgewühlt die Stimmung ist lässt sich an der Geschwindigkeit erkennen, mit der Brexit, EU, Make Britain Great Again, Zweiter Weltkrieg, Terrorismus, Freihandel, Kampf gegen die Knute der Bürokratie in Brüssel und der Fortbestand der Demokratie in einen Topf geworfen werden. Auf die Logik der Zusammenhänge darf man nicht zu viel geben, weil es um den Traum vom Empire geht und um die Rückkehr zu alter Größe - einer Größe, welche die Protagonisten nur vom Hörensagen kennen, oder aus Phantasien über eine glorreiche Vergangenheit, in der Francis Drake die Meere beherrschte und Hitler sich eine blutige Nase holte.

Von irischen Nationalisten als revanchistisch empfundene Manöver wie die Wiederaufnahme der Ermittlungen zum Neave-Attentat senden Signale, die nicht geeignet sind, die angespannte Lage zu beruhigen. Ob aus Javids Anordnung mehr wird als ein gelungener PR-Coup muss sich noch zeigen. Ihm selbst hat sie schon genützt. Ursprünglich ein Repräsentant der Remain-Kampagne, hat ihm das Jahr als Innenminister dabei geholfen, sich als Politiker zu positionieren, der nun aus Überzeugung für den Brexit eintritt, mit oder ohne Deal.

Unter Boris Johnson stieg Javid zum Schatzkanzler auf. Sollte der Brexit Johnsons Kindheitstraum, der König der Welt zu werden, platzen lassen, wird er sich wieder als Parteichef der Torys ins Gespräch bringen, wie bereits nach den Rücktritten von Cameron und May. Vielleicht darf bald er mit Donald Trump über tolle Handelsverträge reden und bei der Gelegenheit über früher plaudern. Vor der Politkarriere war Javid Manager bei der Deutschen Bank, die den größten Unternehmer aller Zeiten mit dubiosen Krediten vor der Pleite rettete.

Magengeschwür der britischen Politik

In Nordirland gibt es auf beiden Seiten Leute, die mit dem Karfreitagsabkommen unzufrieden sind und auf einen Vorwand warten, um wieder loszuschlagen. Einen Vorgeschmack darauf, wie die Situation eskalieren könnte, bot der 18. April 2019. Vor dem Osterwochenende, an dem in Derry wie in jedem Jahr mit Umzügen des Osteraufstandes von 1916 gedacht wurde, veranstaltete die Polizei eine Razzia, um in Nationalistenkreisen nach Waffen und Sprengstoff zu suchen.

In Creggan, einem unweit der Grenze zur Republik Irland gelegenen Wohnviertel am Stadtrand von Derry, kam es zu Ausschreitungen, bei denen die Journalistin Lyra McKee durch einen Kopfschuss getötet wurde. Die Verantwortung übernahm eine Gruppe, die sich "New IRA" nennt und Anfang des Jahres bereits ein Auto in die Luft gesprengt und mehrere Brandsätze verschickt hatte. In einem Bekennerschreiben an die Irish News drückte die "neue IRA" ihr Bedauern darüber aus, McKee "tragischerweise" erschossen zu haben, als sie neben "Kräften des Feindes" (einigen Polizeifahrzeugen) stand.

Die Bandbreite der seither angebotenen Theorien zum Tod von Lyra McKee reicht von der gezielten Hinrichtung einer lästigen Investigativreporterin, die häufig über den Bürgerkrieg und dessen Auswirkungen auf die Gegenwart berichtet hatte, bis hin zum Dilettantismus einer Straßengang, die unter dem Deckmantel einer angeblich republikanischen Gesinnung ihre Drogengeschäfte abwickelt und der es am Know-how der "alten" (Provisional) IRA fehlt sowie am Rückhalt in der Bevölkerung, weshalb es der NIRA nicht gelingen werde, einen neuen Bürgerkrieg anzuzetteln.

Lyra McKee. Bild: International Journalism Festival Perugia / CC-BY-SA-2.0

Beruhigend ist das nicht wirklich. Präzision beim Töten von Menschen lässt sich lernen, auch die "echte" IRA operiert im Stil einer Gangsterbande, und wie die Bevölkerung reagieren wird, falls nach dem Brexit eine irgendwie geartete Infrastruktur für Grenzkontrollen ein paar Hitzköpfe (oder auch kühl kalkulierende Geschäftemacher) zu Anschlägen motivieren sollte, mit dann unvermeidlichen Gegenmaßnahmen der Polizei, weiß niemand ganz genau.

Was da unter der Oberfläche brodeln könnte beginnt man zu ahnen, wenn man die Berichte von Emma Vardy verfolgt, der Irland-Korrespondentin der BBC. Allem Anschein nach gibt es enge Verbindungen zwischen der New IRA und der Saoradh (irisch für "Befreiung"), einer 2016 gegründeten Partei, die das Good Friday Agreement nicht anerkennt, aus Irland eine ungeteilte sozialistische Republik machen will und eine Kampagne gestartet hat, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei zu unterminieren.

Hauptverdächtiger im Fall McKee ist ein Teenager aus dem Viertel. Nicht weit von der Stelle, wo die Journalistin erschossen wurde, tauchten später Schilder auf, auf denen Informanten mit Ratten gleichgesetzt und mit dem Tod bedroht werden, gezeichnet von der IRA. Für die Bewohner des Viertels sind solche Schilder etwas, das man zwar ablehnt, aber akzeptieren müsse. Warum niemand die Schilder abnehme, will Emma Vardy von einem Priester wissen. "Wer soll sie abnehmen?", fragt Father Gormley zurück. Die Behörden, denkt man sich und zeigt damit vermutlich nur, dass man nicht verstanden hat, was vor sich geht.

Das sind Nachrichten aus einem fremden Land, das man nicht nach den üblichen Maßstäben beurteilen kann. Die optimistische Deutung ist die, dass Viertel wie Creggan, in denen die Wunden der "Troubles" kaum vernarbt sind, die letzten verbliebenen Rückzugsorte für militante Nationalisten sind; die pessimistische, dass Creggan einer jener Brennpunkte ist, von denen aus sich ein Flächenbrand entfachen lässt, wenn die Voraussetzungen für eine Eskalation erfüllt sind, durch den Brexit beispielsweise.

Das Karfreitagsabkommen war ein mühsam ausgehandelter Kompromiss zwischen verfeindeten Konfliktparteien, mit dem beide Seiten leben konnten, den Unionisten und Nationalisten ihren Anhängern aber auf verschiedene Weise verkaufen mussten. Für Republikaner war das Abkommen ein Schritt auf dem Weg zur Wiedervereinigung; für Unionisten das Ende der Bestrebungen, Nordirland aus dem Vereinigten Königreich zu lösen und ein ungeteiltes Irland zu schaffen.

Bei solch unterschiedlichen Positionen braucht es nicht viel, um einen uralten Konflikt wiederzubeleben, mit dem sich die britische Politik seit der Regentschaft der Tudors herumschlägt. Die 20 Jahre, seit denen es das Karfreitagsabkommen gibt, nach 30 Jahren der "Troubles", sind da keine lange Zeit. Irland sei traditionell das schlimmste "politische Magengeschwür" Großbritanniens, schrieb Patrick Cockburn im Independent, als er im März 2019 mit Theresa May, ihrer Politik und dem Paktieren mit den Fundamentalisten von der Democratic Unionist Party abrechnete; durch den Brexit habe es wieder angefangen zu bluten.

Ein paar Wochen danach, im April, wurde Lyra McKee erschossen. Cockburns Artikel war womöglich prophetischer als von ihm selbst befürchtet. Es sei eine Illusion zu glauben, schreibt er, dass der nationalistisch gesinnte Teil der Bevölkerung Kameras und elektronische Gerätschaften zur Überwachung einer Grenze tolerieren werde, die Felder und Dörfer durchschneidet: "Wenn man Zollbeamte schickt werden sie Polizisten brauchen, um sie zu beschützen, und die Polizisten werden die Armee brauchen." Wer denkt, über "alternative Lösungen" schwadronieren und das Problem ansonsten aussitzen zu können, spielt mit dem Feuer.

Troubles in der Bananenrepublik

Harold Shand ist kein enger Freund von Margaret Thatcher wie Airey Neave, wohl aber die Gangsterversion ihres Schattenministers für Nordirland, der mit seiner Limousine in die Luft flog wie Shands Chauffeur beim Kirchgang von dessen Mutter. Statt mit Terroristen zu verhandeln bringt Shand außer Razors (mehr ein Experte für den Nahkampf und für Folterungen) einen Scharfschützen und einen Mann mit Schrotflinte mit ins Harringay Stadium. Die Provos werden beim Geldzählen erschossen und mit ihnen Stadtrat Harris, weil er ein lästiger Zeuge ist und weil jemand dafür büßen muss, dass der Gangsterboss in einem Wutanfall Jeff getötet hat, der wie ein Sohn für ihn war.

The Long Good Friday hält sich da an die Genreregeln: erst stirbt die rechte Hand des Chefs, dann der Chef selbst, und dazwischen gibt es noch ein Blutbad, weil der Gangsterfilm die Gewalt sichtbar macht, die in Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Strukturen steckt. Harold hätte öfter ins Kino gehen sollen, dann wüsste er Bescheid. So bleibt er uninformiert und lässt sich mit Victoria, seiner Königin, zum Savoy Hotel chauffieren, wo die amerikanischen Freunde abgestiegen sind, Charlie und Tony von der New Yorker Mafia.

Troubles in der Bananenrepublik (I) (22 Bilder)

The Long Good Friday

Im Hochgefühl des Triumphes will Harold, der angehende Baulöwe, den Geschäftspartnern berichten, dass die Störenfriede beseitigt und alle Probleme gelöst sind. Victoria bleibt im Auto sitzen, weil es nicht lange dauern kann. Im Radio kündigt der Sprecher die "Fakten hinter den Schlagzeilen" an, als Harold an der Tür klopft. "Der ganze Ärger ist vorbei", sagt er mit strahlendem Gesicht, oder genauer, im Original: "All the troubles are over" - eine Anspielung auf die "Troubles" in Nordirland, den Bürgerkrieg.

Doch das Geschäft mit der Mafia ist geplatzt. Charlie und Tony machen sich fertig zur Abreise. Zu viele Bomben, zu viele Tote. Charlie fühlt sich an das Massaker am St. Valentinstag erinnert, und an Vietnam. So weit sei es also schon gekommen, wundert sich Harold, dass sogar die Mafia mit einem kleinen Problem wie diesem nicht mehr umgehen könne. Er wird dann gleich noch erleben, dass das Problem so klein nicht ist, aber auch Charlie und Tony schneiden als Gangster nicht gut ab.

Troubles in der Bananenrepublik (II) (15 Bilder)

The Long Good Friday

Mackenzie hatte sich immer an amerikanischen Filmen gestört, in denen die Mafia glorifiziert wird. In The Long Good Friday inszenierte er sein Kontrastprogramm. Charlie und Tony sind pingelig, abergläubisch (ein Hut auf dem Bett bringt Unglück), trinken mäßig, gehen früh zu Bett und packen die Koffer, wenn es knallt. "Wir machen keine Geschäfte mit Gangstern", sagt Tony in einem der komischen Dialoge. Er ist es auch, der Harolds Heimatland beleidigt. Das hier sei ein größeres Risiko als damals in Kuba, sagt er (wo die Mafia mit dem Diktator Geschäfte machte, bis Fidel Castro kam). England sei eine Bananenrepublik.

"Ciao Harold", sagt Charlie. "Bon voyage", erwidert Harold. Er will gehen, überlegt es sich dann anders und beschließt, den "Wichsern" aus Amerika seine ehrliche Meinung zu sagen. Bisher hat man in diesem Hotelzimmer im Savoy Harold und sein Spiegelbild gesehen, weil es zwei von ihm gab: den "Jungen aus Stepney" (das raue Viertel im East End, in dem er aufgewachsen ist) und den Mann, der die Amerikaner ancharmiert, weil er sie braucht, um vom Gangster zum Unternehmer zu werden und in den Docklands sein Immobilienprojekt zu realisieren. Jetzt kann er wieder er selbst sein, und Mackenzie zeigt ihn ohne Spiegelbild.

Der Geist von Dünkirchen

Harolds zweite patriotische Rede (nach der Ansprache auf der Yacht) hat Bob Hoskins großteils improvisiert. Er hatte sich die Rolle inzwischen so sehr einverleibt, dass er selbst am besten wusste, was einer wie Shand in dieser Situation sagen würde. Mackenzie ließ ihn machen und nahm auf, was aus ihm herauskam. Für ein Remake müsste man die Szene in die Gegenwart verlegen, mit einem Brexiteer und, sagen wir, dem US-Präsidenten, der zur Abfederung des EU-Austritts einen Handelsvertrag in Aussicht stellt, ohne diese lästigen europäischen Regeln zum Verbraucherschutz.

Wie wäre das, wenn sich ein englischer, dem Verlust des Empire nachtrauernder Nationalist beim obersten Repräsentanten der ehemaligen Kolonien anbiedern müsste, deren Aufstieg zur Weltmacht mit dem eigenen, noch immer nicht verwundenem Abstieg einherging? Und was würde der Brexiteer wohl sagen, wenn nach der gegenseitigen Süßholzraspelei die Gespräche platzen, weil die Pestizid-Weltmeister aus den USA letztlich doch nur den eigenen Vorteil im Blick haben und ihre landwirtschaftlichen Produkte auf den britischen Markt drücken möchten? Harold Shand liefert ein paar Anregungen.

Der Geist von Dünkirchen (10 Bilder)

The Long Good Friday

Die (nun ehemaligen) Partner, die schlafen, während er sich mit der IRA herumschlägt, kommen Harold vor, als seien sie in ein Wachkoma gefallen: "Kein Wunder, dass ihr auf eurer Seite des Wassers eine Energiekrise habt!" Unter der Energiekrise der 1970er, die das Vertrauen in den Staat erschütterte und den von Reagan und Thatcher vertretenen Neoliberalismus beförderte, litt man auf beiden Seiten des Atlantiks, aber im Vereinigten Königreich, so Harold der Lokalpatriot, habe man sie besser bewältigt: "Wir Briten, wir sind an ein bisschen mehr Vitalität und Phantasie gewöhnt, an den Geist von Dünkirchen!"

Bob Hoskins und der von ihm verkörperte Harold Shand gehören einer Generation an, die jahrzehntelang mit Geschichten über britische Heldentaten im Zweiten Weltkrieg gefüttert wurde, über den Kampf der Soldaten gegen die Nazis und den Durchhaltewillen der Zivilisten an der Heimatfront. Die unerwartet erfolgreiche Evakuierung alliierter Truppen bei Dünkirchen Ende Mai/Anfang Juni 1940, die eigentlich ein Rückzug war und zumindest in Frankreich (wo man sich im Stich gelassen fühlte) höchst umstritten ist, wurde von der britischen Propaganda als glorreiches Beispiel für den Mut, den Einfallsreichtum und die nautischen Fähigkeiten der stark in Bedrängnis geratenen Briten gedeutet.

Nach der verlorenen Schlacht von Dünkirchen hielt Churchill seine berühmte "We Shall Fight on the Beaches"-Rede: "Wir werden unsere Insel verteidigen, was es auch kosten mag. Wir werden an den Stränden kämpfen, wir werden an den Landungsplätzen kämpfen, wir werden auf den Feldern und auf den Straßen kämpfen, wir werden in den Hügeln kämpfen, wir werden uns nie ergeben." Der Zweite Weltkrieg und Churchills Durchhaltereden sind immer mit dabei, wenn sich die Briten mit nationalen Herausforderungen konfrontiert sehen. Beim Referendum verstanden es die Brexiteers viel besser, diese Vorbelastung ihrer Landsleute für sich zu nutzen als die Remain-Kampagne.

Man muss nur den Beitritt zur EU durch den Austritt ersetzen (und Deutschland durch Amerika oder andere Ex-Kolonien), schon könnte Shands Rede von vor vierzig Jahren, aus dem Sommer 1979, von 2019 sein. Das passt gut zu Boris Johnson, dem Churchill-Fan, der vor dem Referendum nicht recht wusste, ob er für den Verbleib in der EU oder dagegen war, an seiner Rhetorik aber gar nichts ändern musste. Die Verteidigung der Insel gegen Invasoren, das zieht immer. Schon Churchill erklärte den Briten, dass man dafür Verbündete braucht. Die kommen wahlweise aus der Neuen Welt oder vom alten Kontinent Europa, je nachdem.

Beitrag zur Kultur oder Hot Dog?

Damals, im Juni 1940, versicherte Churchill seinem Volk, dass man, falls alle Stricke reißen sollten, immer noch mit der Neuen Welt rechnen dürfe, die dem Mutterland zu Hilfe eilen werde (den Piraten- und "Vernichtet die Armada"-Film The Sea Hawk, der die zögerlichen Amerikaner zum Kriegseintritt bewegen sollte, hatte Michael Curtiz bereits abgedreht). Dünkirchen aber war gestern. Jetzt (im Sommer 1979) ist man in der EU. Auf die Wichser aus Amerika kann Harold, der englische Patriot, gern verzichten, denn: "Die Zeiten, in denen die Yanks hier rüberkommen und sich die Nelsonsäule kaufen konnten, einen Arzt in der Harley Street und ein paar Windmill Girls, sind definitiv vorbei."

Schluss also mit dem Medizin- und Sextourismus (das Windmill Theatre präsentierte nackte junge Damen) und mit dem Ausverkauf von Kulturgütern. Admiral Nelson, falls das jemand vergessen hat, war der, der Napoleons Flotte bei Trafalgar eine vernichtende Niederlage beibrachte und dabei von einer tödlichen Kugel getroffen wurde (Famous last words: "Thank God I have performed my duty."). Der ihm gewidmete Platz in London, geschmückt mit seinem Standbild auf einer Säule, spielt eine wichtige Rolle in Hitchcocks Foreign Correspondent, auch einem dieser auf die kriegsunwilligen Amis abzielenden Propagandafilme (da ist es Hitler mit seiner Luftwaffe, der England erobern möchte).

Tony will widersprechen. Harold bügelt ihn mit einem "Shut up, you long streak of paralysed piss" ab. Ein "streak of piss" (wörtlich: Pissestrahl) ist einer, der zu nichts zu gebrauchen ist, und die Tony attestierte Lähmung (Impotenz) verstärkt noch die Beleidigung. Dann fällt Harold wieder ein, dass er ein Mann mit Stil ist und seinen schönsten Business-Anzug trägt. Vor dem Savoy wartet Victoria auf ihn, die im Eliteinternat Benenden mit Prinzessin Anne Lacrosse gespielt hat. Also schaltet der grandiose Bob Hoskins von East-End-Grobian auf distinguierten Sonntagsredner um. Mit jedem Sehen wird das besser.

"Wonach ich suche", führt Mr. Shand aus, "ist jemand, der einen Beitrag leisten kann - einen Beitrag zu dem, was England der Welt gegeben hat" (mit Betonung auf "England", ganz klar). Was wäre das gewesen? "Kultur, Raffinesse, Genie", sagt Harold. Da kommt die alte Arroganz gegenüber den Kolonien durch, wo man von Kultur keine Ahnung hat. Darum musste England ihnen den Imperialismus bringen, als kulturelle Aufgabe. So sah es Airey Neave, der Nordirland-Minister in spe, und Harold sieht es genauso (nur weniger reflektiert). Beide haben auch gemeinsam, dass sie von Terroristen von der kolonisierten Nachbarinsel ermordet werden.

Noch aber darf Harold seinen Auftritt genießen. Man merkt ihm die Genugtuung darüber an, endlich sagen zu können, was er von den Amerikanern hält. Der englische Beitrag zur Kultur sei "ein bisschen mehr als ein Hot Dog", höhnt er. "Wisst ihr, was ich meine?" Bei der Wurst lässt er das "H" weg ("'ot Dog"), weil er seine Cockney-Herkunft doch nicht ganz verbergen kann. Hoskins hält genau die richtige Balance zwischen der Arroganz dieses Engländers und der sich dahinter verbergenden Unsicherheit. Auch der Gangster hat mitgekriegt, dass sein Land von den ehemaligen Kolonien längst überflügelt wurde.

Das Minderwertigkeitsgefühl wird abgefedert durch die Mitgliedschaft in einem größeren Verbund. "Wir sind jetzt im gemeinsamen Markt", tönt Harold und platzt fast im Gefühl der eigenen Wichtigkeit. Wer hätte damals gedacht, dass sich die Brexit-Thatcheristen einmal mit derselben Verve für das Verlassen des europäischen Wirtschaftsraums aussprechen würden, mit der Shand den Beitritt begrüßt? "Tempi passati", würde Victoria vermutlich darauf antworten, während sie im Justine’s ein Glas San Pellegrino trinkt.

Deal mit den Krauts

"Meinen neuen Deal", sagt Harold, "mache ich mit Europa" (keine Anspielung auf den Superunternehmer, der zu der Zeit mit den Millionen seines Vaters und mit durch die Millionen seines Vaters abgesicherten Krediten den Trump Tower in New York bauen ließ, sondern auf den New Deal, Roosevelts Sozial- und Wirtschaftspolitik der 1930er). Dann holt er zum finalen Schlag aus: "Ich gehe eine Partnerschaft mit einer deutschen Organisation ein. Jawohl! Mit den Krauts! Die haben Ehrgeiz, Know-how, und sie verlieren nicht die Nerven." (Viel besser in Shands East-End-Englisch: "They don’t lose their bottle.")

Harold scheint nicht nur deshalb von sich selber überrascht zu sein, weil er die Partnerschaft mit den Deutschen gerade erst erfunden hat. In einem Land, das sich bis heute über den Abwehrkampf gegen Nazi-Deutschland definiert, ist der Gedanke an eine Kooperation mit den alten Feinden nicht selbstverständlich. Die andauernde Faszination, die der Zweite Weltkrieg auf viele Engländer ausübt, lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass sie alles, was danach kam, als Antiklimax empfanden. Es ist, als hätten der Verlust der Kolonien und des Status einer Weltmacht einen Phantomschmerz ausgelöst, der weiter fortbesteht.

Großbritannien ist nach wie vor eines der wichtigsten Länder Europas. Offenbar ist das ungenügend, wenn man früher ein Empire hatte. Mag sein, dass es einfacher ist, einen Krieg zu verarbeiten, den man verloren hat als einen, den man gewonnen hat und an dessen Ende man trotzdem als der Verlierer dasteht. Nicht nur für Kolonialherren war die Nachkriegszeit frustrierend. Sehr viele Briten mussten Einkommensverluste hinnehmen, während sie dabei zuschauten, wie ihr Weltreich schrumpfte und Westdeutschland ein Wirtschaftswunder erlebte.

Wer sich von der EU-Mitgliedschaft eine Rückkehr zur alten Größe erhofft hatte stellte bald fest, wie illusorisch das gewesen war. Es ging eher darum, den wirtschaftlichen Rückstand gegenüber den westeuropäischen Staaten aufzuholen und den Fehler zu korrigieren, dass man nicht schon 1957 mitgemacht hatte, als die sechs Gründungsmitglieder der EU die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft etablierten. Jetzt soll offenbar der Austritt den Phantomschmerz lindern. Wenn nicht alles täuscht wird diese Befreiung von den Fesseln der Bürokratie in Brüssel in eine neue Abhängigkeit von den USA münden.

Gedanken-Photographie

Gut möglich, dass die wieder einmal in eine große Vergangenheit aufbrechenden Brexiteers in der realen Zukunft noch Harold Shand nachtrauern werden, dem Europafreund unter den Thatcheristen. "Die Mafia, da scheiß ich drauf!", sind seine Abschiedsworte an die Amerikaner. Dann folgt das letzte einer ganzen Reihe von Bravourstücken in diesem Film. Vor dem Savoy winkt der Repräsentant der englischen Leitkultur seine Limousine heran. Er steigt ein und wundert sich, wo Victoria abgeblieben ist (oder auch das nach der Königin benannte Zeitalter, als Britannien noch groß war und ein Weltreich besaß).

Das Auto fährt ruckartig los. Im Rückspiegel sieht Harold die Augen eines ihm unbekannten Mannes. Wir wissen, dass das der namenlose IRA-Killer ist, der seinen Freund Colin ermordet hat. In der Gegenrichtung fährt ein anderes Auto davon. Hinter der Scheibe stößt Victoria einen stummen Schrei aus. Wir hören wieder die Musik von Francis Monkman, die Harold am Anfang begleitet, wenn er durch Heathrow geht wie ein Mann, dem bald die ganze Welt gehören wird, oder doch wenigstens ein großes Stück der Docklands, dem Paradies für Immobilienentwickler. Jetzt ist er mit dem Tod unterwegs. Der Mann auf dem Beifahrersitz hält eine Pistole mit Schalldämpfer in der Hand.

Gedanken-Photographie (22 Bilder)

The Long Good Friday

Wie zuvor im Schwimmbad sagt Pierce Brosnan (fast) kein Wort. Seine erste Rolle in einem Kinofilm war - bis auf ein "Hi" zu Colin - ohne Dialog. Die Tatsache, dass er jetzt befragt werde, meint er mit schöner Selbstironie in "Bloody Business" (ein Making of, wie man es sich öfter wünschen würde), sei der Beweis dafür, dass er etwas aus seiner Karriere gemacht habe; sonst wäre er immer noch der Typ am Ende des Films, mit dem keiner reden will. Bob Hoskins begegnete dem Killer, der ihn erschießen wird, nur per Filmschnitt und Montage. Bei den Dreharbeiten sahen er und Pierce Brosnan sich nie.

Der Mann, der neben Brosnan den Jaguar in Richtung Trafalgar Square steuert (da steht die Nelsonsäule, die nun also nicht an reiche Amis verkauft wird), ist John Mackenzie, der Regisseur. Auf der Rückbank saß der Kameramann Phil Méheux mit einem Beleuchter. Mackenzie war auch wieder am Steuer, als der Hauptdarsteller auf dem Rücksitz Platz nahm. Méheux saß jetzt vorn neben Mackenzie, um die sehr lange Einstellung mit der Großaufnahme von Hoskins’ Gesicht zu drehen, mit der The Long Good Friday endet. Mackenzie war überzeugt davon, dass die Kamera Gedanken photographieren kann. Hoskins sollte deshalb nichts sagen, nur denken.

Ganz so einfach, wie es klingt, war das natürlich nicht. Die Einstellung wurde wieder im fahrenden Auto gedreht, nicht im Studio und ohne die Hilfsmittel, die bei Filmen mit größerem Budget zur Verfügung stehen. Mackenzie chauffierte den Jaguar, beobachtete Hoskins im Rückspiegel und sagte ihm in seiner Funktion als Regisseur, was Harold Shand gerade denkt. Das ist wahrscheinlich auch deshalb so gut gelungen, weil Bob Hoskins ein Naturtalent war und ein instinktgesteuerter Schauspieler, der sich noch nicht die Techniken angeeignet hatte, auf die andere Darsteller zurückgreifen können, um solche Aufgaben zu lösen.

Méheuxs Kamera bildet Shands Gedanken viel direkter ab, als sie es bei einem Schauspieler hätte tun können, der vorführt, wie virtuos er seine Kunst beherrscht und uns so auf Distanz hält. Hoskins’ Leistung verdankt der Film einen beträchtlichen Teil seiner Intensität. Harold begreift ziemlich schnell, in welcher Lage er sich befindet, aber es dauert, bis er verstanden hat, wie aussichtslos sie ist. Erst überlegt er, wie er aus dem Auto entkommen und auch diesen neuen Feind besiegen kann. Dann wird ihm klar, dass er in der Falle sitzt. Der Film endet mit dem Gesicht eines Mannes, der weiß, dass er verloren hat und gleich sterben wird.

Seine Subversivität bezieht The Long Good Friday daraus, dass er von der ersten Einstellung an auf ein unlösbares Dilemma zusteuert. Wer soll am Schluss den Sieg davontragen? Polizisten und Politiker sind korrupt und treten nur als Randfiguren in Erscheinung. Nicht zuletzt dem grandiosen Bob Hoskins ist es zu verdanken, dass man Harold Shand wider Willen sympathisch findet, aber ein Monster ist er auch. Er konnte nicht gewinnen. Also blieb nur die IRA in Gestalt des sinister lächelnden Pierce Brosnan.

Das Pikante daran ist, dass Harold Shand nicht nur - in der Gangstervariante - ein Prototyp des Thatcherismus ist. Er verkörpert außerdem einen englischen Nationalismus, der mit arroganter Selbstverständlichkeit die Überlegenheit der eigenen Kultur voraussetzt (als Legitimation für den Kolonialismus unverzichtbar). Dadurch zieht nicht nur der Gangster den Kürzeren gegenüber den Terroristen. Es verliert auch die Kultur der früheren Kolonialherren (viele Iren würden sagen, dass sie das noch immer sind) gegenüber der vermeintlich minderwertigen von der einst kolonisierten Nachbarinsel.

Harold scheitert daran, dass er sich das überhaupt nicht vorstellen kann. Das Resultat seiner nationalistischen Verblendung, den Sieg der IRA, fanden Jack Gill und Lew Grade so unpatriotisch, dass sie den Film am liebsten in verstümmelter und der Verständlichkeit beraubter Form ans Fernsehen verhökert hätten, um ihn loszuwerden.

Wer fährt mit im Jaguar?

Nun kann man sich darüber mokieren, dass ausgerechnet ein ungebildeter Emporkömmling aus dem East End die englische Kultur vertreten soll, unterstützt von Victoria, der Frau mit dem königlichen Namen, die das Bett mit einem Gangster teilt. Höherklassige Repräsentanten der englischen Kultur gibt es aber nicht in diesem Film. Prinzessin Anne, die auf derselben Schule für höhere Töchter war wie Victoria, lässt sich nicht blicken. Das ist kein Wunder. Der Palast hatte schon genug damit zu tun, peinliche Kontakte von Annes Tante, Prinzessin Margaret, mit dem Gangster-Schauspieler John Bindon (dem Freund von Bob Hoskins) in Abrede zu stellen.

Wer fährt mit im Jaguar? (7 Bilder)

The Long Good Friday

Harolds Patriotismus-Rhetorik ist jener der Brexiteers erstaunlich ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass die EU für ihn die Heilsbringerin ist und nicht der Sündenbock für das, was man selbst vermasselt hat. Auch die Arroganz, die Harold Shand an den Tag legt, indem er meint, dass man Ärger mit der IRA aus der Welt schaffen kann, wenn man entschlossen genug mit dem Kopf durch die Wand will, ähnelt der von Herren wie Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg, zwei Privilegierten mit Oxford-Abschluss und Bildungsdünkel.

Johnson und Rees-Mogg taten lange so, als ließen sich die Probleme mit Nordirland und den Spätfolgen des von den Empire-Nostalgikern verklärten Kolonialismus vom Tisch wischen, indem man das Grenz- und Zolldilemma auf der irischen Insel für nicht so wichtig erklärt und technologische Lösungen verspricht, die mal inneririsch greifen sollen, mal in der Irischen See oder auch beim Absender der die eine oder andere Grenze überschreitenden Waren – je nachdem, was gerade opportun erscheint, um den Brexit irgendwie hinzukriegen. Inzwischen weiß auch der Nachfolger von Theresa May, dass es doch nicht so einfach ist.

Patrick Cockburn schreibt aus gutem Grund, das Karfreitagsabkommen sei wahrscheinlich die größte Leistung der britischen Politik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, weil es gelungen sei, den blutigen Konflikt durch einen Kompromiss zu beenden, mit dem (fast) alle leben konnten. Voraussetzung dafür war allerdings, dass sowohl die Republik Irland wie Großbritannien 1973 der Europäischen Gemeinschaft beigetreten und dadurch Teil des europäischen Einigungsprozesses geworden waren. Erst auf dieser Grundlage wurde das Good Friday Agreement möglich, nach langen und extrem schwierigen Verhandlungen.

Ob mit Deal oder ohne, ob mit May-Deal, Johnson-Deal oder irgendwann vielleicht Corbyn-Deal: Derzeit kann niemand mit Sicherheit sagen, wie sich der Brexit auf das 1998 in Belfast unterzeichnete Übereinkommen auswirken wird. Erste Risse sind erkennbar, seit David Cameron sein unseliges Referendum abhalten musste, weil er 2015 bei der Unterhauswahl entgegen allen Prognosen eine knappe Mehrheit der Parlamentssitze holte (offenbar hatte er damit gerechnet, wieder mit den Liberaldemokraten koalieren und sein Wahlversprechen nicht einhalten zu müssen, weil die – als Sündenböcke vorgesehenen – LibDems einem Referendum nicht zugestimmt hätten).

Die IRA und die paramilitärischen Organisationen der nordirischen Protestanten haben sich nie aufgelöst. Die Versicherung, dass sie nach dem Good Friday Agreement alle Waffen abgegeben haben, kann man glauben oder nicht. Den Briten ist zu wünschen, dass sie auf dem Weg in die große Zukunft nicht plötzlich mit den Killern der IRA (oder der radikalen Unionisten aus dem anderen Lager) im selben Auto sitzen. Dabei standesgemäß im Jaguar zu fahren wie Harold Shand dürfte dann kein Trost sein. Ohnehin gehört die britische Traditionsmarke längst einem indischen Automobilhersteller. Harold, der englische Patriot, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das wüsste.