Zwischen Karl Marx und Max Otte

Die Bankenkrise hat zu großer Verunsicherung in der Bevölkerung, bisher aber kaum zu Protesten geführt

„Die Wut wächst. Durch das Verhalten der Bundesregierung und verantwortungsloser Banker und Manager wird der soziale Frieden zunehmend gestört.“ Diese Sorge findet sich in der Erklärung einer bundesweiten Montagsdemonstrationsbewegung. Dort sind Erwerbslose organisiert, die nach dem Abflauen der Proteste im Vorfeld vor der Verabschiedung der Hartz IV-Gesetze weiterhin die soziale Ungerechtigkeit an den Pranger stellen. Sie rufen am 8. November in Berlin zu einer Demonstration auf. Doch an die Massendemonstrationen der Anti-Hartz-IV-Bewegung können sie auch in Zeiten der Bankenkrise nicht anknüpfen.

Dass die Krise die Menschen nicht auf die Straße treibt, mussten am 30. Oktober schon die Veranstalter einer Protestaktion zum Weltspartag erkennen. Maximal 400 Menschen hatten sich in Berlin vor dem Bundesfinanzministerium zu der Kundgebung unter dem Motto Nicht auf unsere Kosten - die Profiteure müssen zahlen versammelt. Sie übten sich trotzdem in Zweckoptimismus. „Dass sich heute so viele trotz Kälte und Dauerregens unserem Protest angeschlossen haben, zeigt, dass sich Wut breit macht", sagte Alexis Passadakis vom bundesweiten Attac-Koordinierungsrat. Pedram Shaya, ebenfalls attac-Aktivist und an der Vorbereitung der Proteste am 30.10 beteiligt war, konstatierte statt Wut eine Schockstarre als Folge der Bankenkrise.

Tatsächlich zeigt die eher mäßige Teilnahme an den Aktionen zum Weltspartag, dass möglicherweise Wut über die Krise vorhanden sein mag, sie aber nicht organisierbar ist. Die meisten Menschen sehen wohl deswegen wenig Grund zu Protesten, weil sich ihre Erklärung der Krise weitgehend mit der der offiziellen Politik. Es sind überdies nicht Ereignisse wie die Bankenkrise, die Menschen zu Protesten motivieren. Sie engagieren sich dann, wenn diese Ereignisse als ungerecht, falsch und empörend gewertet werden. Die Montagsdemonstrationen speisten sich beispielsweise größtenteils aus dem Empfinden, trotz jahrelanger Einzahlung in die Sozialversicherungssysteme als Erwerbslose diskriminiert, schikaniert und entwürdigt zu werden. Martin Kessler hatte in seiner dokumentarischen Langzeitstudie Die neue Wut diese Entwicklung nachgezeichnet.

Nur wenige linke Initiativen zur Bankenkrise deuten in eine Richtung, die über einen Appell an Politik und Staat hinaus eigene Vorstellungen propagieren. Dazu gehört der vom Netzwerk Interventionstische Linke verfasste Brief an Finanzminister Peer Steinbrück, nicht nur Banken, sondern auch Kleinsparer und verschuldete prekär Beschäftigte mit einer Finanzspritze aus dem Ministerium unter die Arme zu greifen.

Doch mehrheitlich bleiben auch die Proteste bei moralischer Empörung und Forderungen an den Staat stehen. Die Ursachen der Bankenkrise werden als Missmanagement und Unprofessionalität von Bankiers gedeutet. Hier hat die berühmte Managerschelte ihren Ursprung. Dahinter steht die Vorstellung, dass der Erfolg einer Bank in einer richtigen Geschäftsstrategie zu finden sei.

Unfähige Manager aber stehen mittlerweile auch im Visier der Bundesregierung. Mit der Razzia bei der KfW-Bankengruppe wurde das Rachebedürfnis an vermeintlich unfähigen Managern, die einer schon insolventen US-Bank noch Millionen überwiesen hatten, weitgehend befriedigt. Auch das Motto der Attac-Aktionen „Das Casino schließen“ beklagt nur, dass die Bankiers zu Zockern geworden seien und den Pfad des soliden, vermeintlich vernünftigen Wirtschaftens verlassen hätten. Davon abgesehen, dass in realen Ökonomie jede Investition eine Spekulation auf einen künftigen Geldbetrag ist, rennen die Organisatoren der Proteste mit dieser Parole zur Zeit offene Türen ein. Im Spiegel wird das „Börsen-Casino“ ebenso gegeißelt wie im Stern die Bankiers, die sich als Zocker fast im Rausch befinden.

Man wird derzeit auch quer durch alle Parteien wenige Politiker finden, die nicht in die Klage über zockende Bankiers einstimmen. Wenn aber ein Großteil der Bevölkerung den Eindruck hat, dass diese Anliegen bei den Politikern schon in guten Händen sind, gehen sie selbst bei gutem Wetter nicht auf die Straße. Gerade die Bankenkrise hat den Ruf nach dem Staat als Wirtschaftsregulator wieder belebt, und Politiker wie Angela Merkel und Peer Steinbrück geben vielen Menschen das Gefühl, sie seien als Krisenmanager zur Zeit an der richtigen Stelle. In der SPD-nahen Frankfurter Rundschau brachte ein Kommentar diese Stimmung polemisch auf den Punkt:

… wenn ich schon einem Politiker trauen muss, dann Steinbrück eher als einem seiner Vorgänger, dem unbedarften Hans Eichel und dem halbseidenen Oskar Lafontaine. All jenen, die sich eine linke Ecke in ihrem Herzen reserviert haben, rate ich zur Selbstbefragung. Würden Sie Lafontaine jetzt Ihre Spargroschen anvertrauen wollen? Oder Lafo plus Gysi? Oder dem solarverliebten Ökodiktator Scheer?

Hier wird zugespitzt zum Ausdruck gebracht, warum in Zeiten der Krise konservative Parteien mehrheitsfähig sind. Experimente werden gefürchtet. Anders als in wirtschaftlichen Boomzeiten muss auch der Umweltschutz dran glauben. Der Kommentator hatte auch die Entwicklungshilfe oder andere Posten benennen können, die man sich gerne was kosten lässt, wenn man es sich leisten kann, aber in Zeiten der Krise sofort über Bord wirft.

Aber auch die Minderheit, die sich nicht auf die Krisenpolitiker verlässt, geht noch lange nicht auf die Straße. Sie warnt vor falscher Kapitalismuskritik, übersieht nicht, dass die Wut auf die Bankmanager auch rechten Kreisen nutzen kann, und greift erst einmal zu den Klassikern der politischen Ökonomie.

So sind die von dem der Linkspartei nahestehenden Studentenverband SDS angebotenen Marx-Lesekreise überlaufen. Auch außerhalb universitärer Kreise ist das Interesse an Marx unübersehbar.Aber auch Wissenschaftler wie der Politologe Michael Heinrich, der für die Webseite Ökonomiekritik verantwortlich ist, und schon seit Jahren über die Bedeutung des Marxschen Werkes für die Gegenwart forscht, hat zur Zeit volle Terminkalender.

Selbst Menschen, die sich nicht als Linke verstehen, greifen in Zeiten, wo Marx so viel zitiert wird, zum Original.Ende Oktober war das Kapital von Marx sogar ausverkauft. „Mitten in der schlimmsten Finanzkrise seit den 1920er Jahren hat Kapitalismus-Kritiker Karl Marx (1818 bis 1883) Hochkonjunktur. Sein Standardwerk „Das Kapital“ verkaufte sich allein in den ersten drei Wochen des Oktobers 417 Mal, heißt es in der Wirtschaftswoche.

Was dem einen ihr Marx, ist den anderen ihr Otte. Der Wormser Wirtschaftsprofessor Max Otte hat vor zwei Jahren das Buch „Der Crash kommt" verfasst. Damals wurde er noch belacht, heute gilt er als Krisen-Guru und referiert in überfüllten Räumen.

Zu ihm kommen die Menschen, die sich um ihre Einlagen und Ersparnisse sorgen. Sie wollen vielleicht nicht die Finanzwelt verstehen, sind aber beruhigt, wenn Otte erklärt, die Gefahr einer weltweiten Krise wie 1929 liege bei 20 %, und eine „deutsche Nationalökonomie“ einfordert. (Peter Nowak)

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