Zwischen Lockdown-Leugnern und Pandemie-Panikern

Corona-Zahlen verständlich gemacht

Politiker möchte man heute nicht sein - es ist ein Spagat zwischen Menschen, die die Pandemie grundsätzlich leugnen, solchen, die den Lockdown für völlig übertrieben halten, und anderen, die große Ängste, ja Todes-Panik haben und am liebsten das ganze Land stilllegen würden. Irgendwo dazwischen wir "Normalos".

Für die meisten Menschen ist es schwierig, die Zahlen, mit denen wir von Journalisten tagtäglich bombardiert werden, richtig zu interpretieren. Dazu gehört nämlich eine profunde Kenntnis von Statistik gepaart mit gesundem Menschenverstand. Über das letztere verfügen viele Menschen, sicher auch Sie, über das erstere eher wenige, es ist und bleibt eine Orchideendisziplin für Nerds.

Wenn das Publikum bei Günther Jauchs Wer-wird-Millionär die Frage: Wieviel sind 20%, ein Viertel, ein Fünftel oder ein Zwanzigstel, mehrheitlich falsch beantwortet, muss niemand sich schämen zuzugeben, auch keine Ahnung zu haben. Auch wenn Prozentzahlen täglich in Zeitungen zitiert werden, sie werden selten verstanden.

Eine Aktie, die um 50% steigt, um dann wieder um 50% zu fallen, das ergibt was? Den Ursprungswert? Mehr? Weniger? Was würde eine Umfrage wohl mehrheitlich ergeben? Richtig: die falsche Antwort, denn in Wirklichkeit sind es nur noch 75% des Ausgangswertes. Und wieviel Mehrwertsteuer in Cent ist in meinem 3,50 € Käse enthalten? Nein, nicht 7% von 350, das wären 24,5 Cent, sondern nur 23 Cent. Sonst wird es zu wenig, wenn ich auf den Nettopreis wieder 7% aufschlage.

Fragen Sie mal, wie viele Menschen auf der Straße wissen, wie man das rechnet (dividiert durch 1,07 ergibt den Netto, die Differenz zum Brutto sind die gesuchten 7% MWSt). Nicht einer von zehn, jede Wette. Schon am Prozentrechnen scheitern also die meisten Menschen. Mit Corona-Zahlen wird es aber noch weit undurchsichtiger.

Ich will versuchen ein wenig Licht ins Dunkel dieser Zahlen zu bringen und bediene mich dabei meiner Kenntnis statistischer (soziologischer) Analysen und andererseits auch soziologischer Hermeneutik. Mein Statistik-Lehrer war Professor Uwe Schleth, Mitbegründer der berühmten Mannheimer "Forschungsgruppe Wahlen", die uns regelmäßig an Wahlabenden mit ihren präzisen Prognosen versorgt. Aber auch die Hermeneutik, die rein verstehende, nicht zahlenbasierte, Interpretation menschlichen Verhaltens war in meine Studienzeiten in der Heidelberger Soziologie und Politologie gut vertreten.

Statistik oder Hermeneutik: das eine ohne das andere muss schiefgehen, wenn wir es mit Menschen und Zahlen zu tun haben. Der Mensch als "Datenlieferant" für Statistik ist schon hochkomplex, weil so individuell und divers; wenn wiederum Menschen ohne entsprechende Ausbildung aber solche Daten interpretieren sollen, wird es doppelt schwierig, dazu bedarf es des Verstehens, wie die meisten Menschen Daten und Zahlen überhaupt wahrnehmen - nämlich sehr besonders. Das werden wir gleich ein ums andere mal sehen.

Die Reproduktionsrate

Fangen wir mal an mit einem Thema, das die Kanzlerin versucht hat, Normalbürgern zu verklaren: mit der Reproduktionsrate R°. Sagte Merkel: R° ist eins, wenn je 5 Menschen 5 weitere infizieren. Gemeint ist: während der ganzen Zeit, in der sie infektiös sind.

Praktisches Beispiel: 10.000 sind infiziert und stecken weitere 10.000 an. Mit R°=1 bleibt diese Zahl immer gleich. Wenn 500 davon schwer krank werden (das wären 5%), dann brauchen wir 500 Intensivbetten. Wenn R° aber 2 und nicht nur 1 wäre, d.h. jeder steckt zwei andere an, und wenn die Infektiosität sich über eine Woche erstreckt, dann werden aus 10.000 in Woche eins leider 20.000 in Woche zwei. Und in Woche 10, nach 2,5 Monaten, reden wir über sage und schreibe 10.240.000 Infizierte - 10 Millionen.

Das ist das berühmte Gleichnis vom Weizenkorn auf dem Schachbrett, ein Korn auf dem ersten Feld, zwei auf dem nächsten und so fort: Der König wird dem Weisen niemals so viele Weizenkörner geben können, wie sich nach 64 Verdoppelungen ergeben. R° für Covid-19 ist aber eher 3 oder 3,5, wenn es sich ungehindert ausbreiten kann. Und mit 3 geht es noch viel schneller voran.

Nehmen wir R°=3, fangen mit "Patient Null" an und schauen, wann unsere 28.000 Intensiv-Betten alle belegt sind: 1 > 3 > 9 > 27 > 81 > 243 > 729 > 2187 > 6.561 > 19.683 > 59.049 > 177.144 > 531.441 > 1.594.323 - nach 14 Wochen oder 3½ Monaten hätten wir 1,5 Mio Infizierte und ca. 80.000 (=5%) Schwererkrankte, das wären aber fast 3x so viele, wie wir unterbringen könnten.

Und die Überlastung träte sogar schon vorher ein, weil die Verweildauer auf der Intensivstation (12-14 Tage) länger ist als die durchschnittliche Infektionszeit. Die sogenannte Letalität, die für Corona offenbar ~2% beträgt (dazu später mehr), würde dann wg. fehlender medizinischer Behandlung leicht auf 3,5% steigen, wir müssten mit 50.000-60.000 zusätzlichen Toten rechnen. Und es würde von Tag zu Tag schlimmer werden, denn bis zur Herdenimmunität von 70-75%, also ~60 Millionen Infizierten, müssten sich die letzten Zahlen (1,5 Mio Infizierte) ja vervierzigfachen.

Das wiederum ginge schnell: 1,5 > 3 > 6 > 12 > 24 > 48 Millionen, dazu braucht es also nur weitere 5 Wochen plus ein oder zwei Tage. 2,5 Mio Tote zusätzlich bei jährlich normalerweise ca. 960.000 Sterbefällen, und das binnen 20 Wochen, also 5 Monaten, das kann nicht unbemerkt bleiben, die Medien wären voll davon. Es wären ja 5-6 Mal mehr als normal in dieser Zeit (5 Monate: 400.000 "normale" Sterbefälle). Bestattungsunternehmen, Friedhöfe, Sargträger, alle wären völlig überfordert, wie im März in Bergamo, und das würde man buchstäblich "sehen".

Verstehen Sie jetzt, warum Corona sich nicht einfach ohne Gegenmaßnahmen ausbreiten durfte? Weil dann das Fingerzeigen auf die unverantwortlichen Politiker losginge? Es ist nicht so sehr die absolute Zahl der Verstorbenen - andere Pandemien waren da deutlich grausamer, die Pest mit fürchterlichen 30% beispielsweise. Aber es gab damals keine Massenmedien, die uns heute mit Bildern von gestapelten Särgen auf Militärkonvois konfrontieren und damit die Angst verstärken, auch wenn das weit entfernt stattfindet. Und es ist die Konzentration dieser mindestens 2% zusätzlichen Sterbefälle auf einen sehr kurzen Zeitraum, der unsere Wahrnehmung verzerrt.