Zwischen Lockdown-Leugnern und Pandemie-Panikern

Corona-Zahlen verständlich gemacht

Politiker möchte man heute nicht sein - es ist ein Spagat zwischen Menschen, die die Pandemie grundsätzlich leugnen, solchen, die den Lockdown für völlig übertrieben halten, und anderen, die große Ängste, ja Todes-Panik haben und am liebsten das ganze Land stilllegen würden. Irgendwo dazwischen wir "Normalos".

Für die meisten Menschen ist es schwierig, die Zahlen, mit denen wir von Journalisten tagtäglich bombardiert werden, richtig zu interpretieren. Dazu gehört nämlich eine profunde Kenntnis von Statistik gepaart mit gesundem Menschenverstand. Über das letztere verfügen viele Menschen, sicher auch Sie, über das erstere eher wenige, es ist und bleibt eine Orchideendisziplin für Nerds.

Wenn das Publikum bei Günther Jauchs Wer-wird-Millionär die Frage: Wieviel sind 20%, ein Viertel, ein Fünftel oder ein Zwanzigstel, mehrheitlich falsch beantwortet, muss niemand sich schämen zuzugeben, auch keine Ahnung zu haben. Auch wenn Prozentzahlen täglich in Zeitungen zitiert werden, sie werden selten verstanden.

Eine Aktie, die um 50% steigt, um dann wieder um 50% zu fallen, das ergibt was? Den Ursprungswert? Mehr? Weniger? Was würde eine Umfrage wohl mehrheitlich ergeben? Richtig: die falsche Antwort, denn in Wirklichkeit sind es nur noch 75% des Ausgangswertes. Und wieviel Mehrwertsteuer in Cent ist in meinem 3,50 € Käse enthalten? Nein, nicht 7% von 350, das wären 24,5 Cent, sondern nur 23 Cent. Sonst wird es zu wenig, wenn ich auf den Nettopreis wieder 7% aufschlage.

Fragen Sie mal, wie viele Menschen auf der Straße wissen, wie man das rechnet (dividiert durch 1,07 ergibt den Netto, die Differenz zum Brutto sind die gesuchten 7% MWSt). Nicht einer von zehn, jede Wette. Schon am Prozentrechnen scheitern also die meisten Menschen. Mit Corona-Zahlen wird es aber noch weit undurchsichtiger.

Ich will versuchen ein wenig Licht ins Dunkel dieser Zahlen zu bringen und bediene mich dabei meiner Kenntnis statistischer (soziologischer) Analysen und andererseits auch soziologischer Hermeneutik. Mein Statistik-Lehrer war Professor Uwe Schleth, Mitbegründer der berühmten Mannheimer "Forschungsgruppe Wahlen", die uns regelmäßig an Wahlabenden mit ihren präzisen Prognosen versorgt. Aber auch die Hermeneutik, die rein verstehende, nicht zahlenbasierte, Interpretation menschlichen Verhaltens war in meine Studienzeiten in der Heidelberger Soziologie und Politologie gut vertreten.

Statistik oder Hermeneutik: das eine ohne das andere muss schiefgehen, wenn wir es mit Menschen und Zahlen zu tun haben. Der Mensch als "Datenlieferant" für Statistik ist schon hochkomplex, weil so individuell und divers; wenn wiederum Menschen ohne entsprechende Ausbildung aber solche Daten interpretieren sollen, wird es doppelt schwierig, dazu bedarf es des Verstehens, wie die meisten Menschen Daten und Zahlen überhaupt wahrnehmen - nämlich sehr besonders. Das werden wir gleich ein ums andere mal sehen.

Die Reproduktionsrate

Fangen wir mal an mit einem Thema, das die Kanzlerin versucht hat, Normalbürgern zu verklaren: mit der Reproduktionsrate R°. Sagte Merkel: R° ist eins, wenn je 5 Menschen 5 weitere infizieren. Gemeint ist: während der ganzen Zeit, in der sie infektiös sind.

Praktisches Beispiel: 10.000 sind infiziert und stecken weitere 10.000 an. Mit R°=1 bleibt diese Zahl immer gleich. Wenn 500 davon schwer krank werden (das wären 5%), dann brauchen wir 500 Intensivbetten. Wenn R° aber 2 und nicht nur 1 wäre, d.h. jeder steckt zwei andere an, und wenn die Infektiosität sich über eine Woche erstreckt, dann werden aus 10.000 in Woche eins leider 20.000 in Woche zwei. Und in Woche 10, nach 2,5 Monaten, reden wir über sage und schreibe 10.240.000 Infizierte - 10 Millionen.

Das ist das berühmte Gleichnis vom Weizenkorn auf dem Schachbrett, ein Korn auf dem ersten Feld, zwei auf dem nächsten und so fort: Der König wird dem Weisen niemals so viele Weizenkörner geben können, wie sich nach 64 Verdoppelungen ergeben. R° für Covid-19 ist aber eher 3 oder 3,5, wenn es sich ungehindert ausbreiten kann. Und mit 3 geht es noch viel schneller voran.

Nehmen wir R°=3, fangen mit "Patient Null" an und schauen, wann unsere 28.000 Intensiv-Betten alle belegt sind: 1 > 3 > 9 > 27 > 81 > 243 > 729 > 2187 > 6.561 > 19.683 > 59.049 > 177.144 > 531.441 > 1.594.323 - nach 14 Wochen oder 3½ Monaten hätten wir 1,5 Mio Infizierte und ca. 80.000 (=5%) Schwererkrankte, das wären aber fast 3x so viele, wie wir unterbringen könnten.

Und die Überlastung träte sogar schon vorher ein, weil die Verweildauer auf der Intensivstation (12-14 Tage) länger ist als die durchschnittliche Infektionszeit. Die sogenannte Letalität, die für Corona offenbar ~2% beträgt (dazu später mehr), würde dann wg. fehlender medizinischer Behandlung leicht auf 3,5% steigen, wir müssten mit 50.000-60.000 zusätzlichen Toten rechnen. Und es würde von Tag zu Tag schlimmer werden, denn bis zur Herdenimmunität von 70-75%, also ~60 Millionen Infizierten, müssten sich die letzten Zahlen (1,5 Mio Infizierte) ja vervierzigfachen.

Das wiederum ginge schnell: 1,5 > 3 > 6 > 12 > 24 > 48 Millionen, dazu braucht es also nur weitere 5 Wochen plus ein oder zwei Tage. 2,5 Mio Tote zusätzlich bei jährlich normalerweise ca. 960.000 Sterbefällen, und das binnen 20 Wochen, also 5 Monaten, das kann nicht unbemerkt bleiben, die Medien wären voll davon. Es wären ja 5-6 Mal mehr als normal in dieser Zeit (5 Monate: 400.000 "normale" Sterbefälle). Bestattungsunternehmen, Friedhöfe, Sargträger, alle wären völlig überfordert, wie im März in Bergamo, und das würde man buchstäblich "sehen".

Verstehen Sie jetzt, warum Corona sich nicht einfach ohne Gegenmaßnahmen ausbreiten durfte? Weil dann das Fingerzeigen auf die unverantwortlichen Politiker losginge? Es ist nicht so sehr die absolute Zahl der Verstorbenen - andere Pandemien waren da deutlich grausamer, die Pest mit fürchterlichen 30% beispielsweise. Aber es gab damals keine Massenmedien, die uns heute mit Bildern von gestapelten Särgen auf Militärkonvois konfrontieren und damit die Angst verstärken, auch wenn das weit entfernt stattfindet. Und es ist die Konzentration dieser mindestens 2% zusätzlichen Sterbefälle auf einen sehr kurzen Zeitraum, der unsere Wahrnehmung verzerrt.

Über- und Untersterblichkeit

Wie gesagt, im Jahr sterben bei uns ca. 960.000 Menschen, einfach, weil sie das Ende ihres Lebens erreicht haben. Die Zahl ist leicht zu ermitteln: 82 Mio Menschen geteilt durch ca. 82 Jahre Lebenserwartung wären ca. 1 Million. Ebenso viele Geburten müssten stattfinden, wenn die Bevölkerungszahl stabil bleiben soll, es sind allerdings nur ca. 760.000, das nur am Rande. Hinzu kommen aber die vielen Flüchtlinge, die im Schnitt "jünger" sind und die Sterbestatistik beeinflussen, deshalb versterben eben etwas weniger als die errechnete Million. Das ist unsere "normale" Sterbeziffer von ca. 1,2% pro Jahr.

Nun steigt diese Letalität im Winter immer etwas durch Grippewellen, im Sommer auch mal durch Hitzewellen, das ist eine sogenannte Übersterblichkeit. Wenn im Januar/Februar bei einer schweren Grippewelle wie 2017/18 z.B. 25.000 Menschen versterben, dann fällt das auf, weil die normale Zahl in 2 Monaten ca. 160.000 wären, die zusätzlichen 25.000 also ca. 16% oder 1/6 tel mehr sind, jeweils 7 statt 6 Menschen. Und das sieht man als kleinen Berg, wenn man die Statistik als Kurve abbildet. Aber nicht auf dem Friedhof, da fällt das nicht auf.

Dazwischen, also zwischen Grippe und Hitzewellen-Bergen muss die Letalität naturgemäß etwas geringer ausfallen, eine Untersterblichkeit, ein Tal in der Kurve, ein Abweichung vom Jahresmittel nach unten also. Aber Corona ginge weit über eine Grippewelle hinaus, mit ungebremstem Corona würde die Kurve buchstäblich durch die Decke gehen.

Tatsächlich muss man die Letalität (=wie viele Infizierte überleben es nicht) durch Covid-19 z.B. für Bergamo mit vermutlich 3,5% ansetzen, also höher als die obigen 2%, anders bekommt man in der Statistik die Eckpunkte nicht in Einklang mit den Zahlen (t1p.de/LBCS) - und das ist auch auf das überforderte Medizinwesen zurückzuführen. Verdichten Sie diese Zusatzletalität auf einen sehr kurzen Zeitraum, dann sehen Sie, und das war so in Bergamo, in der schlimmsten Woche nicht 4-5 Bestattungen sondern 40 und mehr - ein Matterhorn in der normalerweise flachen Hügelandschaft der Sterbefallkurve.

Die genannten Zahlen gelten für eine ungebremste Verbreitung von Corona ohne jede Gegenmaßnahme. Und Statistik ist bisweilen grausam. Jedem Epidemiologen und jedem Statistiker ist völlig klar, dass diese "Übersterblichkeit" in den nächsten Jahren ohne weitere Corona-Epidemie aufgrund der erreichten Herdenimmunität durch eine Untersterblichkeit "ausgeglichen" werden würde. Alle Risikopatienten, die aufgrund Covid-19 jetzt akut sterben mussten, sterben ja morgen und übermorgen nicht mehr.

Bergamo wird in den Monaten nach Ende der Epidmie nicht mehr 30 Bestattungen in der Woche erleben, sondern nur noch 20 oder weniger, denn in Bergamo sind bzw. waren schon gut ein Drittel der Bevölkerung infiziert, selbst in einer zweiten Welle könnten nicht sehr viel mehr als die ersten 1000 von 120.000 Einwohnern sterben. Aber wen tröstet das?

Dazu kommt, wie die Menschen sterben: einsam und allein. Zitat einer Krankenschwester aus New York:

Es ist furchtbar, dass die Menschen sterben" sagt sie. Aber schlimmer noch sei die Art, wie sie sterben. "Jeder hier stirbt alleine." Viele Verwandte wüssten nicht einmal, was mit ihren kranken Angehörigen passiere. Es gibt keinen Besuch, die meisten älteren Patienten könnten nicht einmal ein Smartphone bedienen, um ihre Familien auf dem Laufenden zu halten. "Es verfolgt mich", sagt Strickland mit brüchiger Stimme. "Kein Leben sollte auf diese Art enden müssen."

Focus

Und das würden die Menschen den Politikern nicht verzeihen - verständlicherweise.

Aber warum können Verharmloser wie Wodarg, der frühere Lungenfacharzt, und andere behaupten, die Panik sei völlig unangebracht, man sähe die Covid-19 Toten ja gar nicht in der Statistik? Tja, Mediziner und Statistik, ein weites Feld. Aber das gilt auch für Wirtschaftswissenschaftler wie Prof. Homburg, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen(!) der Uni Hannover, der in der Welt massiv gegen den Lockdown wettert und den schwedischen Weg anpreist. Dazu später mehr.

Fehlendes "hermeneutisches" Verständnis für Statistik

Warum also? Weil manchen Menschen jedes "hermeneutische" Verständnis für Statistik fehlt, und das passiert auch Menschen, die mit Zahlen viel zu tun haben müssten - wie Professor Homburg. Sie haben offenbar die sehr menschliche Wahrnehmung von Zahlen nicht im Blick.

Ein Beispiel: Jedes Jahr sterben in Deutschland ca. 3000 Menschen bei Verkehrsunfällen, das sind über acht am Tag und ca. 60 in einer Woche. Was lesen wir davon in der Presse? Selten irgendetwas. Aber wenn weit entfernt, z.B. in Südamerika, ein Busunglück mit 30 Toten zu beklagen ist, dann steht das sogar in Ihrem Wochenblättchen und natürlich ganz oben in der Hauptstadtpresse.

In Deutschland sind es - umgerechnet - jedes Jahr praktisch 100 Busse mit 30 Insassen, die da tödlich verunglücken, jede Woche zwei, es müsste also zweimal jede Woche ein Aufschrei durch die nationale Presse gehen, dass schon wieder ein ganzer Bus ... tut es das? Nein. Weil wir den einen Unfalltoten in Buxtehude und den anderen in Rosenheim und den dritten in Magdeburg als Einzefälle gar nicht wahrnehmen. Wir Normalos, aber eben auch die Journalisten nicht, die uns in dieser Hinsicht völlig gleichen.

Evolutionär sind wir Menschen darauf ausgelegt, besondere Ereignisse extrem stark zu überzeichnen. Das ist oft nützlich, denn jede kleine Abweichung von der Norm besonders intensiv wahrzunehmen, schützt uns. Nur so konnten die chinesischen Ärzte eine ungewöhnliche Häufung schwerster Lungenentzündungen rein gefühlsmäßig wahrnehmen, denn die absoluten Zahlen - nur einige wenige binnen einiger Wochen - waren für eine 9-Millionen-Stadt, in der jede Woche für über 2000 Menschen das Leben endet, statistisch völlig unsichtbar. Jeder Statistiker würde das als unter "Rauschen" einordnen, 1% plus oder minus, da schlägt keine Statistik an.

Anders, wenn man nach dem "Wie" fragt: Lungenentzündungen sind als Todesursache nicht so häufig, das fällt den Ärztinnen schon eher auf, wenn es hier einer und dort noch einer ist. Es ergibt also evolutionär einen Sinn, dass wir es "übertreiben" mit der Wahrnehmung von Abweichungen, wir sind dadurch vorsichtiger, wachsamer - und das hilft uns zu überleben.

Wie aber können Wordarg et .al. die Zahlen so fehlinterpretieren? Ich mache mal ein Beispiel: Sie sind in einer Firma angestellt, die hat 100 Abteilungen mit je 10 Mitarbeitern, also 1000. Jetzt werden 3 Mitarbeiter Ihrer Abteilung schwer grippekrank und müssen zuhause bleiben, ein Ausfall von 30%. Merken Sie das? Aber hallo, Sie müssen ja für die mitarbeiten, und wie Sie das merken. Sie schlagen Gegenmaßnahmen vor. Aber da kommt der Oberstatistiker der Firma und sagt: Nein, das brauchen wir nicht, in den Arbeitszeitkurven ist nichts zu sehen, alles ganz normal im Fehlerbereich. Hat er recht? Jein.

Es sind momentan nur 3 Promille der Arbeitskraft (3 von 1000), das geht im statistischen Rauschen tatsächlich unter, aber die Aussage ist natürlich Quatsch. Denn wenn sich diese Grippe ausbreitet, dann sind es am Ende 300 von 1000 und dann sieht er das natürlich in seiner Statistik - leider viel zu spät. Der Chef hört zwar auf Sie, aber weil er den anderen Arbeitnehmern nicht richtig deutlich machen kann, welche Gefahr da droht, wird er die Gegenmaßnahmen (Handschlagverbot, Mundschutz, Kantine wird geschlossen etc.) nur Stück für Stück in Kraft setzen, nicht bevor sich nicht eine zweite und dritte Abteilung infiziert haben und dann jeder sehen kann, dass da wirklich etwas im Busch ist.

So ähnlich ist es mit Corona. Und mit Bergamo, wo es fürchterlich war, aber auf ganz Italien gerechnet, in der Übersterblichkeit in der Nationalstatistik nicht sichbar war, kaum einen Unterschied macht. Genau das hat Wodarg ja zum Kern seines Arguments gemacht: Was wollt Ihr mit den 1000 oder 2000 Toten, die beeinflussen die Sterblichkeitskurve ja viel weniger, als jede Grippewelle es tut. Richtig und doch grottenfalsch, weil nicht zu Ende gedacht.

Epidemiologen und Statistiker mit tiefem Blick sehen allerdings das Grauen im Potential einer solchen Seuche. Und können das den Politikerinnen auch vermitteln. Oder was glauben Sie, warum haben die Chinesen innerhalb kürzester Zeit eine 9-Millionen-Stadt praktisch stillgelegt? Sind die verrückt? Oder besonders humanistisch? Weder noch. Realistisch, könnte man sagen.

Man muss die gering erscheinenden Todeszahlen aus Wuhan nicht unbedingt "glauben", aber verglichen mit dem 9 mal größeren Deutschland sind sie weit weniger beeindruckend - etwa 3.000 mal 9 wären 27.000, davon sind wir heute (22.4.20) mit etwas über 5.000 Covid-19-Toten ja noch weit entfernt. Aber selbst 27.000 wären ja kaum mehr als die Grippetoten von 2017/18, da hat doch auch niemand Panik gemacht? Tja, aber mehr konnte diese schwere Grippewelle eben auch nicht anrichten, bevor die Saison zu Ende war. Das Potential von Corona sind aber die o.a. 2,4 Millionen - und die will niemand, ganz sicher nicht.

Was haben wir also: Hotspots, an denen wir ablesen können, wie virulent und wie tödlich die Seuche ist oder werden könnte. Virulent? R°=3,5, binnen 12 Wochen wäre das ganze Land durchseucht. Tödlich? Realistische 2%, kann man sehr gut vom Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" ablesen: 13 Tote auf 700 Infizierte = 1,8%. Geben Sie einen unerkannten, weil später Verstorbenen dazu, dann sind es genau 2%. In etwa die Zahl die man in Schweden verzeichnet. In Schweden? Ohne Lockdown? Oh nein, dort sind es heute laut worldometers.info bei 16.004 Infizierten schon 1.937 Sterbefälle: 12%. Woran man ablesen darf, dass die Schweden ganz sicher viel zu wenig testen und eine hohe Dunkelziffer haben.

Mehr als 2% kennen wir aus Situationen, in denen das Gesundheitswesen überfordert war, wie in der Lombardei, in Spanien, in Frankreich. Sicher auch durch zu wenige Tests und eine Unterschätzung der Zahl der Infizierten. Wir sind in Deutschland schon über 2%? Ja richtig, Stand 22.4.: 3,5%. Das liegt aber nicht an der Überforderung unserer Krankenstationen, die sind eher leer, sondern daran, dass auch bei uns die Zahl der Infizierten notwendigerweise zu klein sein muss, die der Toten zwar eventuell auch, aber weniger stark unterschätzt.

Da die Tests knapp und teuer sind, wird man nur unter bestimmten Voraussetzungen gestestet. Die erste sind Symptome - und die haben 50% der Menschen schon mal nicht. Die der Toten wird unterschätzt, weil die nur dann gezählt werden, wenn sie schon vorab als Corona-Positiv galten. Ein Verstorbener, der vorher nicht getestet war, was manchmal vorkommt, wird idR auch nicht mehr nachträglich getestet. Trotzdem: Die Zahl der Toten ist viel realistischer, als die der Infizierten und inklusive Dunkelziffer werden auch wir bei 2% landen.

Angefangen hatte es mit Quoten von 0,2% Mitte März - aber zwischen Infektion und Sterbefall liegen ca. 12 Tage. Die Quote bleibt solange falsch, wie sich die Zahl der Neu-Infizierten Tag für Tag erhöht und die der Toten 12 Tage hinterherhinkt. Und erst wenn diese Zahlen gleich bleiben, werden wir wissen, wie die Letalität wirklich ist. 2% +/- x erscheint aber durchaus realistisch. Und wie war das mit der Gangelt-Studie des Virologen Streeck? 0,37% wollte er ermittelt haben, weit entfernt von 2% oder gar 3,5%: "Die Letalität (case fatality rate) bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten in der Gemeinde Gangelt beträgt mit den vorläufigen Daten aus dieser Studie ca. 0,37 %."

7 Sterbefälle sind es gewesen in Gangelt. Um da auf eine Letalität von 0,37% zu kommen, müssten fast 1900 Personen infiziert gewesen sein, das folgt aus Streecks Studie. Realistischer klingt da die Aussage des Landrats, der 48 Kondolenzbriefe verschickt haben will bei offiziell knapp etwas über 1500 Infizierten im Landkreis, das ergibt ca. 3% Letalität. Diese Größenordnung kennen wir ja schon, auch wenn sie, wie überall, überschätzt ist, weil zu viele symptomlose Infizierte nicht getestet wurden.

Wie kam Streeck zu seiner Mini-Zahl? Zum einen könnte da ein Kommafehler vorliegen. Bei realistischen 3,7% kämen wir auf 190 Infizierte. Nimmt man die Zahlen des Landrats, wären es 230 Infizierte und 7 Tote. Aber wie kommt Streeck auf die 8-10-fache Anzahl Infizierter? Nun, es gibt tatsächlich auch "harmlose" Corona-Erkältungsviren, das musste auch ich lernen. Und die Tests auf Antikörper (das sind nicht die üblichen Tests des RKI auf eine aktive C-19-Infektion) könnten auch auf Antikörper solcher Viren angeschlagen und damit die Zahl der angeblich Corona-Positiven stark erhöht haben.

Also 2%+x: das Doppelte der normalen jährlichen Sterblichkeitsziffer, aber hier verdichtet auf wenige Wochen oder Monate und damit auch in der Wahrnehmung vervielfacht: Das war das Bild, das Politikerinnen vor Augen stehen musste. Und nun begründen Sie mal äußerste Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten mit den wenigen Toten, die es Anfang März gab - auch in Heinsberg waren es im ganzen Landkreis ja nicht mehr als 50. Auf 19 Millionen Einwohner Nordrhein-Westfalens eine Quantité negligeable, absolut unsichtbar.

Aber ohne die restriktiven Maßnahmen wäre Heinsberg überall, oder Mitterteich, Tirschenreuth, Ischgl, Mulhouse, Madrid, New York. Und überall und ohne Lockdown hieße: 2-3 Millionen Tote nur in Deutschland in einer Zeitspanne, in der sonst 250.000 sterben. No country for old men. Und ein Armageddon für Politker.

Infektiosität, Reproduktionsrate R° und Letalität

Was wissen wir über C-19? Die Corona-Viren sind nicht mit den Grippeviren verwandt. Die Vorläufer von C-19, SARS und MERS (C-19 heißt offiziell SARS-CoV-2) waren weitaus tödlicher, SARS mit 10%, MERS sogar mit 30%. Aber weit weniger infektiös. Sie mussten direkt in der Lunge aufschlagen und wurden von dort aus nur schwer auf andere übertragen, vor allem weil da schon heftige Symptome aufgetreten waren, die eine Isolation des Kranken nach sich zogen.

C-19 ist anders. Bis zu 7 Tage kann man symptomlos, aber infektiös sein. Die Infektion beginnt im Rachen, von dort aus wird das Virus schon beim lauten Sprechen, Singen, heftig Atmen (Joggen etc.), leicht Hüsteln etc. freigesetzt und auf andere übertragen. Bei einer Grippe ist das vielleicht etwas ähnlich, aber da setzen die Symptome schon binnen 24 - 48h ein, das unterbindet dann die Infektionskette schneller, denn der Kranke wird zuhause bleiben.

Was die Letalität angeht, scheint C-19 tatsächlich eher einem völlig neuen, dem Bevölkerungskörper "unbekannten" Virus zu ähneln, denn z.B. die Spanische Grippe 1918-1920 hatte wohl eine noch höhere Letalität, es wird weltweit über 5-10% spekuliert, in Deutschland waren es wohl eher 0,5%. Und die "Spanische" hatte eine Besonderheit, vor allem gegenüber der C-19-Welle. Am heftigesten wütete sie unter den 20-30-Jährigen, allerdings mit demselben Symptom wie heute: Nicht das Virus bringt die Menschen um, sondern ein überschießendes Immunsystem, das bei der Bekämpfung völlig außer Kontrolle gerät, auch eigentlich gesunde Zellen angreift und einen Zytokinsturm und dann eine Sepsis verursacht.

Bislang war eine der Erklärungen, mit den 20-30-Jährigen sei es eben eine Gruppe mit starkem Immunsystem gewesen. Das würde aber auf jede Grippewelle zutreffen. Eine alternative Erklärung ist: Es hätte vielleicht schon 35-40 Jahre vorher eine Grippewelle mit einem ähnlichen Erreger gegeben, und es könnte eine Ähnlichkeitsimmunisierung vorgelegen haben, von der aber nur die über 35-Jährigen hätten profitiert haben können.

Als ich das las, kam mir in den Sinn, dass ein früher Verwandter 1889 mit nur 46 Jahren binnen einer Woche an einer Grippe gestorben ist, tragische Geschichte, weil er erst kurz vorher zum Richter ernannt worden und damit ein gemachter Mann war, dann aber eine junge Frau und drei kleine Kinder in Armut hinterließ (Rente gab es damals noch nicht). Tatsächlich gab es eine Influenza-Pandemie von 1889 bis 1895, die sogenannte Russische Grippe. Als Erreger werden H3N8 aber auch H2N2 diskutiert, die Spanische Grippe soll H1N1 gewesen sein. Normalerweise sollten Antikörper von z.B. H2N2 nicht gegen H1N1 schützen. Allerdings sind Aussagen über einen Teilschutz, der die bessere Bewältigung der Infektion durch die damalige ü30-Generationen erklären könnte, epidemiologisch wohl nur schwer zu verifizieren oder zu widerlegen.

Beispiel Schweden

Nun also haben wir fast alles: Ohne wirksame Bekämpfung der Infektionskette durch z.B. Lockdown oder einen Impfstoff droht ein Blutbad in der ungeschützten Bevölkerung. Aber was ist denn nun mit Schweden? Nun, wenn wir die nackten Zahlen ansehen, dann vermeint der oben erwähnte Professor Homburg folgendes zu entdecken: Schweden ist, obwohl alle Cafés offen sind, viel besser, wie man an der blauen versus der gelben Kurve sieht:

Grafik: Die Welt

Da sieht Deutschland - das ist die hohe gelbe Kurve - ja so richtig schlecht aus. "Übersehen" hat der Herr Professor, dass in Deutschland achtmal mehr Menschen leben als in Schweden, 82 Mio gegen 9,9 Mio - er hat für die obige Grafik nämlich die Absolut-Zahlen genommen. Wenn man diese auf den korrekten Vergleichswert von Todesfällen pro eine Million Einwohner normiert (was der berühmte worldometers.info tut, man also problemlos in der drittletzten Spalte ablesen kann), dann sieht es so aus (am 22.4.): Schweden mit 192 Toten je 1 Mio EW, Deutschland dagegen 63, Schweden hat also über 3 mal mehr Tote, nicht weniger als Deutschland.

Homburg hat übrigens noch einen bösen Taschenspielertrick angewandt, um Deutschland möglichst schlecht aussehen zu lassen: Er hat die Zahlenbalken nicht nebeneinander gesetzt, so dass man sie vergleichen könnte, sondern übereinander. Was, weil Deutschland ja mit Gelb oben steht, dazu führt, dass man die Zahlen rein optisch drastisch überschätzt. Das ist die hohe Kunst des Lügens mit Statistik. Wundert irgendwen, dass auch er sich von Frau Predovic interviewen lässt, die sich ja schon mit ihrem Wodarg-Interview fantastisch blamiert hat?

Nimmt man Deutschlands Lockdown-Politik als Maßstab, dann hat der schwedische Staatsepidemiologe mit der von ihm zu verantwortenden Laissez-Fair-Politik 200% mehr Tote zu verantworten. Die anderen Nordländer haben es anders gemacht - und das sieht man auch: Dänemark mit 66 C-19-Toten pro 1 Mio EW ähnlich wie Deutschland, Norwegen mit 33 noch weit besser, genauer: fast 6 Mal besser. Und dabei waren Norwegen und Schweden mal gleichauf: am 14. März '20 gab es in Norwegen (5,5 Mio EW) 1.090 Infizierte und 3 Tote, in Schweden (mit 9,9 Mio EW fast doppelt so groß) 961 Infizierte und 2 Tote. Heute: Norwegen 7.338 / 187 und Schweden: 16.004 / 1.937.

In absoluten Zahlen sind das natürlich immer noch nur wenige, denn auch in Schweden sterben jedes Jahr ca. 120.000 Menschen eines natürlichen Todes, da fallen die jetzigen 2000 C-19-Toten kaum auf. Aber viele meinen, Schweden sei jetzt schon "durch", sozusagen auf dem Weg in die Herdenimmunität, und damit Deutschland weit voraus. Was für ein fataler Irrtum.

Selbst hochgerechnet mit einer 2% Letalität, die die Dunkelziffer C-19-Positiver, aber Symptomloser berücksichtigt, gibt es in Schweden nur 100.000 Infizierte. Das wären schon 6 Mal so viele wie offiziell angegeben. Aber von 9,9 Millionen, die es noch nicht sind, noch Faktor 99 entfernt. 9,8 Millionen Schweden sind also noch nicht infiziert und damit auch nicht (herden)immun. Auch mit dem schwedischen Weg werden sie es nicht dieses Jahr und nicht nächstes, auch nicht bei 100.000 Infektionen pro Monat nicht. Aber bis zum Impfstoff sterben dann in Schweden dreimal so viele Menschen wie in Deutschland und sechsmal so viele wie in Norwegen.

Wieviel Immunität ist notwendig?

Das ist immer abhängig von der Infektiosität der Krankheit. Die Masern haben ein R° von 15-20, da braucht man 95% Herdenimmunität um neue Ausbrüche sicher zu verhindern. Aber Masern haben auch nur eine Letalität von 0,1%, ein Promille. Trotzdem: 760 tote Kinder jedes Jahr durch eine vermeidbare Krankheit, das wäre gesellschaftlich nicht akzeptabel. Zumal die Rate der teils schweren bis schwersten Gesundheitsschäden nach überstandener Infektion zehnmal höher ist - deshalb: Impfung.

Die Letalität einer Grippe ist eher niedrig mit 0,1% und bis die Saison (die Erreger sind stark saisonal, ggfs. klimatisch bedingt, was bei SARS und MERS nicht der Fall ist, daher bei C-19 noch völlig unklar). Bis also die Grippe-Saison "durch" ist, reicht eine Immunität von 20-25% der Bevölkerung - in ungefähr auch die Impfrate, so dass normalerweise nur ein paar hundert oder 1000 Grippetote zu verzeichnen sind.

Zielt der Impfstoff mal auf den falschen Erreger, wie 2017/18, können es auch mal 25.000 werden - man sieht, was eine Ähnlichkeitsimmunisierung durch vorangegangene Grippen bewirken kann, denn ein fast gänzlich neuer, unbekannter Grippeerreger wie die spanische Grippe, kann eben auch - z.B. im deutschen Reich von 1919 - bis zu 300.000 Tote verursachen. Da damals angeblich 2 von 3 Menschen infiziert waren, wäre das ein Letalität von 300.000/(60Mio*2/3) = 0,75%. Und wenn wir bei Corona mit 2% rechnen müssen, ahnen Sie vielleicht, was uns blühen würde ohne Lockdown und ohne Impfung.

Für C-19 rechnet der Virologe Drosten mit Herdenimmunität bei 60-70%, keine völlig unplausible Annahme. Das wären in Schweden etwa 6-7 Millionen Menschen. Und bei der derzeitigen Politik 120.000-140.000 Tote. Skål, Herr Tegnell.

Die Politik hat Fehler gemacht

Ischgl hätte schon am 6. März seine Aprés-Ski-Virenschleudern schließen müssen. Der Karneval & Fasching hätte abgesagt werden müssen. Maskenpflicht für alle im öffentlichen Raum ab dem 10. März. Wäre, wäre, Fahrradkette.

Mal eine Frage: OHNE die daraus entstandenen Hotspots mit den Schreckenszahlen, wie hätte man das der Bevölkerung erklären sollen? Wie durchsetzen? Immerhin, ganz grobe Fehler wie in der Lombardei, wo man alte infizierte Menschen aus dem Krankenhaus in Altenheime umgelagert hat, sind vermieden worden.

Ansonsten: etwas Glück gehabt, keine 2000-Menschen Bet- und Singwoche bei uns wie in Mulhouse. Keine Internationaler-Tag-der-Frauen-Kundgebung mit 120.000 Teilnehmerinnen wie in Madrid. Keine C-19-Verharmloser wie die beiden blonden Witzbolde in London und Washington.

Und es wäre rechtschaffen und hilfreich gewesen zu sagen: Masken schützen nicht uns selbst, aber die anderen. Wir haben versäumt, welche zu besorgen, das passiert halt mal, jetzt müsst Ihr uns helfen: Bastelt Euch welche, die beste Anleitung kriegt ein Bundesverdienstkreuz. Die Bevölkerung hätte diese Ehrlichkeit zu schätzen gewusst anstelle der dämlichen Herumlaviererei.

Ansonsten: Es wird wohl zu früh und zu viel intubiert. Auch da ein ökonomisches Dilemma: Man hat die Intensivstationen frei geräumt und anstehende OPs abgesagt. Und verdient somit kein Geld. Viele Intensivbetten stehen leer. Das teuerste ist eine Intubation. Und sie ist als Leitlinie der Goldstandard, an den die Ärzte sich halten müssen, der aber für die atypische C-19-Lungenentzündung möglicherweise nicht der passendste ist. Mehr muss man nicht dazu sagen, außer dass die Überlebensrate offenbar nicht so günstig ist und einige trotz unterirdischer Sauerstoffsättigung durchaus lebendige Menschen nach Intubation schnell verstarben. Arztbericht hier.

"In Hamburg ist niemand ohne Vorerkrankung an Corona gestorben"

Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel untersucht mit seinem Team die Corona-Opfer in der Hansestadt, und er hält die Angst vor dem Virus für überzogen. In Hamburg sei bisher kein einziger nicht vorerkrankter Mensch an dem Virus gestorben, sagt Püschel der "Hamburger Morgenpost". "Dieses Virus beeinflusst in einer völlig überzogenen Weise unser Leben. Das steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus ausgeht", sagt der renommierte Rechtsmediziner. "Ich bin überzeugt, dass sich die Corona-Sterblichkeit nicht mal als Peak in der Jahressterblichkeit bemerkbar machen wird.

WELT.de

Was das letztere angeht: Da irrt er sich, schon jetzt liegt in Bergamo die Übersterblichkeit für März bei 400%, das wird sich auch in der Jahressterblichkeit auswirken müssen. Und wenn nur ein Monat mit 400% dazu kommt, dann ist das wie 11+4 Monate, also 15 statt 12, dann muss das in der Bergamo-Jahresstatistik auffallen.

Püschl ignoriert zudem, dass nicht nur ganz alte Menschen, bei denen es vielleicht wirklich nur um einige Monate gegangen wäre, vorzeitig sterben, sondern auch relativ junge, wie der Partner des Berliner Ex-Bürgermeisters Wowereit, der an COPD litt, damit aber noch etliche Jahre hätte leben können.

Ja, offenbar können Gesunde auch mit 93 oder 98 oder 101 die Infektion überleben. Dürfen wir deshalb alle Vorerkankten zum Tod verurteilen? Wie viele sind das überhaupt? Da sind die Asthmatiker, ca. 8 Millionen. Die Diabetiker, ca. 6 Millionen. Die Bluthochdruckpatienten, ohhh: 20-30 Millionen? Und 75% aller über 70-Jährigen?

Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn wir uns auf 15 Millionen einigen, die der einen oder anderen Risikogruppe angehören. Dürfen wir die alle einer C-19 Infektion aussetzen? Denn klar, die Gesamtletalität bezieht sich auf alle, wenn aber nur Risikomenschen sterben, dann verfünffacht sich die Letalität auf 10%. Ein 50-jähriger Asthmatiker, der mit mit C-19 plötzlich einen 1:10 Chance hat, vorzeitig zu sterben, dürfte etwas anderer Meinung sein als Herr Püschl, wenn der sagt: Das steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus ausgeht."

Ja, aber wann können wir denn wieder normal leben?

Wenn ein Impfstoff wirksam geprüft ist und alle 15 Millionen Risiko-Personen geimpft sind. Das kann dauern. Bis dahin muss die R°-Rate unter 1 bleiben. Also Kneipen geschlossen, Theater und Kino auch, kein Fußball, keine Festivals.

Warum 1, warum nicht 1,2? Die 1,2 hat Merkel so erklärt: Das ist, wenn von 5 Menschen 4 nur einen anstecken, aber einer dann zwei, zusammen also sechs. 6 durch 5 ist 1,2. Machen wir es wieder als Reihe: 1,2 > 1,44, > 1,73 > 2,07 > 2,49 > 2,99 > 3,58 > 4,3 > 5,16 > 6,2. In 10 Wochen also mehr als 6 statt 1. In weiteren 10 Wochen 38 statt 1. Oder 380.000 statt 10.000. Und daraus 7200 Tote. Während es bei 1 auch genau bei 1 geblieben wäre. Das ist die Krux einer exponentiellen Ausbreitung, R° ist ein sehr empfindlicher Faktor, das Gleichgewicht fragil. Unter 1 gehen die Infektionen natürlich irgendwann von selbst gegen Null, und da will man gerne hin, solange es keinen Impfstoff gibt.

So, jetzt alles klar? Würde mich freuen. Soviel noch: Es gibt Menschen, die darüber nachdenken, wie Mutter Natur es eingerichtet hat, dass die Menschheit auch ohne Apparatemedizin die ständigen Angriffe bösartiger Parasiten, Bakterien und Viren überlebt hat. Und dass das entscheidende Element dabei - Vitamin D - vielleicht auch die Covid-19 Letalität soweit senken könnte, dass wir nicht auf einen Impfstoff warten müssten. Ich habe darüber eine ganze Website gemacht und dazu auch in Telepolis publiziert: Schützt Vitamin D vor Covid-19?.

Ein kluger Kopf, der mich daraufhin angeschrieben hat, Biochemiker seines Zeichens, schrieb mir dazu:

Mach Dir klar, dass es bei diesem Thema - wie übrigens nirgends auf dieser Welt - nicht um Wahrheit geht, sondern um handfeste finanzielle Interessen. Die Pharmaindustrie verdient - ganz unabhängig von Covid-19 - an jeder über Vitamin D Mangel ausgelösten Infektion und an jedem über Vitamin D-Mangel ausgelösten Krebs Unmengen an Kohle. Wir reden da über Milliarden. Ich habe drei Jahre bei Roche gearbeitet und weiß wovon ich rede. Die haben Null Interesse daran, dass die Mehrheit der Bevölkerung über ein "Billigmedikament" wie Vitamin D wesentlich gesünder wird. Und dann sind da noch die Unmengen an Ärzten/Kliniken, die auch an den Kranken verdienen. Ganz zu schweigen von den "Koryphäen", die schon seit Jahren das Vitamin D Thema als Hype einiger Spinner abtun. Da geht es um Gesichtsverlust und das zählt oft noch mehr als Geld.

Das will ich einfach mal so stehen lassen. Zum Verschwörungstheoretiker werde ich deshalb trotzdem nicht mutieren.

PS: In Schweden mussten gerade zwei wissenschaftliche Studie zurückgezogen werden:

Damit ist die Annahme nicht mehr haltbar, dass [...] in Wirklichkeit sogar schon 20 bis 30 Prozent aller Schweden angesteckt gewesen und damit immun sein könnten. …

Und auch Staatsepidemiologe Anders Tegnell musste einen Rückzieher machen. Die Gesundheitsbehörde hatte aufgrund einer Studie vermutet, dass auf jeden nachgewiesenen Corona-Fall in Schweden 999 unerkannte kämen. Bei etwa 6400 Erkrankten allein in Stockholm hätte das allerdings mehr als sechs Millionen Infizierte bedeutet, während in der Stadt nur knapp eine Million Menschen leben.

tagesschau

Muss ich noch mehr sagen zum Problem: Statistik ist schwierig? ;-)

Lorenz Borsche hat Mathematik und Physik studiert, später Soziologie und Politologie. Er ist Software-Entwickler (POS/PPS) und Statistik sein langjähriges Steckenpferd. Vom Spiegel wurde er wegen seiner Kritik an PISA einmal ironisch als "Statistik-Guru" bezeichnet. Er ist Gründer der größten Buchhändlerinnen-EK-Genossenschaft (ebuch eG) mit einem eigenem, bundesweiten Webshop genialokal.de. Zuletzt ist von ihm das Buch erschienen: Zucker: Tödliche Versuchung.