Zwischen Mäusen und Menschen

Wissenschaft ist ein Spiel

Die dritte Antwort: Es muss nichts bringen. Man ist geistig 200 Jahre früher geboren, als es im Ausweis steht, wenn man die Grundlagenforschung um ihrer selbst willen verteidigt. Denn die Haltung geht auf den Humanismus der Aufklärung zurück. Doch was damals geschrieben wurde, gilt heute noch.

In erster Linie: natürlich Humboldt. Ziel der Bildung ist, die eigene Beziehung zur Welt zu verstärken. Mit allen geistigen und körperlichen Möglichkeiten nach der Welt auszugreifen und sie sich zu Teil zu machen. Der Mensch bereichert sich - seine Seele, seinen Charakter, seinen Geist, wie immer man es nennen mag -, indem er die Welt mit allen seinen Fähigkeiten erlebt und sie erkennt. Die Komplexität der Welt und die Komplexität der Seele entsprechen einander, spiegeln einander. Schlichte Gemüter haben schlichte Weltbilder, aber wer ein vielfältiges Wissen von der Welt hat, trägt diese Vielfalt auch in sich.

Schiller schrieb ungefähr zeitgleich vom Spieltrieb, dessen Erfüllung den Menschen erst zum Menschen macht. Er sah die Ausübung des Spieltriebs, worin sich Sinnlichkeit und Formwille verbinden, zuvörderst in der Kunst. Aber auch Wissenschaft ist Kunst, ist, im ernstesten und höchsten Sinne, ein Spiel.

Das alles ist immer noch richtig. Unter der alles assimilierenden kapitalistischen Verwertungslogik aber ist es immer schwieriger zu verteidigen. Heute muss alle Forschung sich rechtfertigen mit ihrem vermeintlichen oder möglichen Nutzen. Der einst zwecklose Laser und die CD, Raumfahrt und Teflon, Quantenphysik und Kryptographie . . . wir alle kennen das.

Kaum eine tierexperimentelle Publikation, egal wie grundlegend ihr Thema auch sein mag, kommt heute ohne den Schlusssatz aus: "These results may lead to new treatments for neurodegenerative diseases." Oder so ähnlich. Es ist ein Lippenbekenntnis, gewiss. Das aber anscheinend jedermann für nötig hält.

Dabei hatte Schiller eine deutliche Meinung zu den "Brodgelehrten", wie er sie in seiner akademischen Antrittsrede in Jena nannte. "Beklagenswerter Mensch", wetterte er 1789, "der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet als der Taglöhner mit dem schlechtesten! Der im Reiche der vollkommenen Freyheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!"

Er sähe heute in den Universitäten nur beklagenswerte Menschen und Sklavenseelen - auch an jener, an der er (ebenso wie ich) sich habilitierte und lehrte, und die heute seinen Namen trägt. Denn "vollkommene Freyheit" meint selbstverständlich auch und gerade: Freiheit von Kosten-Nutzen-Erwägungen, von Verwertbarkeitsansprüchen, von politischem Druck.

Und darum verteidige ich die Grundlagenforschung. Auch und gerade dann, wenn die Natur es uns schwer macht. Je weiter sie sich der Vereinfachung entzieht, desto weiter entzieht sie sich auch der Verwertung. Wenn das Mäusegehirn uns nichts über das Menschengehirn sagt - was tut's? Es sagt uns trotzdem noch etwas über mögliche Mechanismen in komplexen Systemen, über Muster unseres Denkens. Es bereichert trotzdem meine Welt. (Konrad Lehmann)

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