Zwischen Wahlen, Krieg und Terror

Mussahi. Foto: Emran Feroz

Heute wurden in Afghanistan die Präsidentschaftswahlen abgehalten. Was können sie ändern?

"Hier gibt es leider nicht viel. Das sieht man ja, oder?", sagt Hajji Yunus vor einer kleinen Moschee in Mussahi, einem Distrikt nahe der afghanischen Hauptstadt Kabul. Um ihn herum haben sich Kinder aus dem Dorf versammelt. Yunus verteilt Schokolade und Kekse. Dann erzählt er vom Krieg. "Schon in den Achtzigern waren hier die Mudschaheddin. Trotz der Nähe zu Kabul-Stadt hatte nicht das kommunistische Regime das Sagen, sondern die Rebellen", so Yunus.

In gewisser Weise hat sich nicht viel daran geändert. Mussahi, rund dreißig Minuten vom Präsidentenpalast entfernt, wird nicht von der Regierung, sondern von den Taliban kontrolliert. Es ist der am nächsten zur Hauptstadt gelegene Distrikt, der sich in den Händen der Extremisten befindet.

Bewaffnet zeigen sich die Kämpfer oftmals nur nach Einbruch der Dunkelheit. Tagsüber sieht man im Dorf viele junge Männer und stellt sich die Frage, wer von ihnen ein Talib sein könnte. Die Frage ist allerdings schwer zu beantworten: In Afghanistans ländlichen Regionen herrscht der klassische Guerillakrieg. Die meisten Talibankämpfer sind keine Fremden, sondern stammen aus lokalen Stammesstrukturen.

Parallelstrukturen

Oftmals findet man auch zerstrittene Familien vor, in denen die eine Hälfte die Regierung unterstützt und die andere die Aufständischen. "Ich weiß nicht, warum oft der Eindruck erweckt wird, die Taliban seien ausländische Kämpfer, die von woanders stammen würden. Hier gibt es Brüder, die sich bekämpfen. Der eine ist Soldat, der andere bei den Taliban. Wir töten uns gegenseitig und das ist traurig", meint Qader Baraki. Wie viele Paschtunen hat der junge Mann aus dem Dorf ein markantes Gesicht, ist groß, vollbärtig und trägt afghanische Pluderhosen.

Wie in vielen anderen Teilen des Landes sind auch in Mussahi Parallelstrukturen entstanden, die die Präsenz der Taliban deutlich machen. So gibt es einerseits das offizielle Gericht der Regierung und andererseits jenes der Taliban. Die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner wenden sich in den meisten Fällen an Letzteres. "Die Taliban kümmern sich besser um die Probleme der Menschen vor Ort. Das hat ihnen hier Sympathie verschafft", meint Mohammad Shaheen, der selbst aus dem Distrikt stammt.

Mussahi. Foto: Emran Feroz

Zurzeit studiert er in Kabul, doch seine ländliche Heimat besucht er regelmäßig. Die Entwicklungen in Mussahi beobachtet er schon lange mit Sorge. "Es gibt keinen Politiker, der im Parlament ernsthaft für die Menschen einsteht." Hinzu komme, dass die Sicherheitskräfte der Regierung regelmäßig Zivilisten belästigten und auch angriffen. "Es ist offensichtlich, dass ein solcher Zustand von den Taliban ausgenutzt wird", so Shaheen.

Veränderung durch die Wahlen?

Dass sich am Status quo in Mussahi durch die anstehenden Präsidentschaftswahlen am heutigen Samstag etwas verändert, ist unwahrscheinlich. Neben den gegenwärtigen Präsidenten Ashraf Ghani, der sich vor allem in PR-Kampagnen (es gibt mittlerweile eine Dokumentation sowie einen Rap-Song über den Präsidenten) gestürzt hat und TV-Debatten mit seinen Kontrahenten vermeidet, gibt es kaum aussichtsreiche Kandidaten.

Unter anderem treten Abdullah Abdullah, Ghanis Regierungschef, sowie Rahmatullah Nabil, ehemaliger Chef des afghanischen Geheimdienstes, zur Wahl an. Hinzu kommt der bekannte Warlord und ehemalige Mudschaheddin-Führer Gulbuddin Hekmatyar. Hekmatyar und Abdullah nahmen in dieser Woche an einer TV-Diskussion teil, die vom Privatsender Tolo organisiert und ausgestrahlt wurde.

Ghanis Teilnahme war ebenfalls geplant, allerdings erschien der Präsident nicht. Nicht nur die Präsidentschaftsanwärter, sondern auch viele Beobachter teilen die Meinung, dass Ghani nicht diskussionsfähig ist und nicht Rede und Antwort stehen kann.

Im Vordergrund von Ghanis Wahlkampagne lag vor allem die hundertjährige Unabhängigkeit Afghanistans. Vor einhundert Jahren ging der dritte Anglo-Afghanische Krieg zu Ende, den der afghanische König Amanullah Khan für sich entscheiden konnte. Die Briten zogen daraufhin die Grenzen des afghanischen Staats und das Land wurde für neutral und unabhängig erklärt.

Die Eskalation der Gewalt

Ghani, ein Technokrat, der - wie er selbst behauptet - das Werk Amanullahs vollenden möchte, gab während der Feierlichkeiten den starken Führer und sprach von Unabhängigkeit, Souveränität und einer glorreichen Zukunft. Für die Mehrheit, die unter Krieg und Armut leidet, klingt das mehr als nur surreal. Dennoch möchte Ghani wiedergewählt werden. Sein Team hat sich einen einprägsamen Namen ausgesucht: "Staatserbauer".

Parallel zum Wahlkampf hat auch die Gewalteskalation im Land zugenommen. Die letzten Tage waren nicht nur von brutalen Taliban-Anschlägen geprägt, sondern auch von Drohnen-Operationen des US-Militärs, die allein in zwei Provinzen fast einhundert Zivilisten töteten. Die Eskalation hat auch mit den Gesprächen zwischen den Taliban und der US-Regierung in Katar zu tun, die monatelang dauerten und Anfang September von Donald Trump via Twitter abgesagt wurden.

Als Grund nannte der US-Präsident die fortwährende Gewaltbereitschaft der Taliban. Für viele Beobachter kam dies überraschend, immerhin nahmen zeitgleich auch die Bombardements des US-Militärs zu.

Laut dem aktuellen Bericht von UNAMA starben allein zwischen Januar und Juni mindestens 1.366 Personen, 2.446 weitere wurden verletzt. Die meisten Opfer gingen nicht auf das Konto von Taliban oder IS, sondern auf jenes regierungstreuer Truppen. Dazu gehören das US-Militär und die Nato-Truppen, die afghanische Armee sowie afghanische CIA-Milizen.

Nachtrag

Aus 13 Provinzen wurden "Sicherheits-Vorkommnisse" gemeldet - mit einer vorläufigen Bilanz von 5 Toten und 76 Verletzten. Laut Tolo-News waren aus Hinterhalten abgefeuerte Raketen Auslöser der meisten Attacken. Die Taliban hatten damit gedroht, den Ablauf der Wahlen zu stören. Nach ersten Einschätzungen haben sie ihre Ziel erreicht, die Wahlbeteiligung niedrig zu halten. Die Legitimität der Wahlen und der daraus hervorgehenden Volksvertreter lässt das "Isamlamische Emirat von Afghanistan", wie sich die Vertretung der Taliban offiziell selbst bezeichnet, nicht gelten (Nachtrag der Red.).

Erste vorläufige Ergebnisse werden erst Mitte Oktober erwartet, die endgültigen offiziellen Resultate gibt es erst im November. (Emran Feroz)