Zwischenbericht aus der Grauzone

Benjamin Heisenbergs Psychothriller "Schläfer"

Erst einmal ist "Scläfer" eine "kleine" Geschichte: ein Kammerspiel, drei Hauptfiguren, die in merkwürdigen Verhältnissen zueinander stehen. Doch hier liegt im Privaten viel Politisches, und die Geschichte weitet sich, wird zum Essay über Verrat, auch über Selbstverrat.

Die Vergangenheit ist braun. Jedenfalls im deutschen Kino. Zu den vielen Dingen, die die bundesdeutsche Filmkritik bei ihren lobgetränkten Analysen des Stasi-Melodrams "Das Leben der Anderen" vorläufig übersehen hat, gehört, dass sich dieser Film exakt jener Bild- und Farb-Ikonographie bedient, die das Publikum in den letzten Jahrzehnten im Zusammenhang mit der Darstellung des Nationalsozialismus eingeübt hat. Es gibt nämlich auch eine Gleichmacherei der Farben.

Die Gegenwart ist dagegen eher grau. Grau, das steht für Normalität, für Langeweile, aber auch fürs Diffuse, Unkonturierte, Unfertige. Viele Bilder in Benjamin Heisenbergs "Schläfer" wirken beiläufig. Natürlich sind sie das mitnichten. Gerade am Anfang filmt die Kamera Reinhold Vorschneiders, der durch seine Arbeit für Angela Schanelec bekannt wurde, aus der Entfernung, ganz distanziert, und versetzt so den Zuschauer in die Position eines detektivischen Beobachters oder auch einer Überwachungskamera.

Es ist ein Gespräch in einem sonnendurchfluteten Park: Johannes, Doktorand für Virologie an der TU München soll dem deutschen Geheimdienst einen kleinen Gefallen tun, und seinen neuen, aus Algerien stammenden Kollegen Farid (Mehdi Nebbou) bespitzeln. Farid könnte, so wird ihm gesagt, ein terroristischer "Schläfer" sein. Johannes lehnt zunächst ab. Aber das Gift, das die Frage in sein Gemüt injiziert hat, wirkt bereits: Johannes, von Bastian Trost wunderbar verstockt gespielt, hat sich ködern lassen, und hängt nun wie ein Fisch am Haken. Und irgendwann willigt er schließlich ein in das unmoralische Angebot. Denn Farid wird im mehrfachen Sinn für ihn zum Konkurrenten: Um die Gunst des gemeinsamen Professors, wie auch der spröd-verführerischen Kellnerin Beate.

Die beiden recht verschiedenen, einsamen und reservierten jungen Männer freunden sich an, verbringen auch privat Zeit miteinander - zwei Charaktere, die einander brauchen. Sie führen eine Freundschaft, wie dies bei Berufskollegen recht häufig der Fall ist: Sie verbringen Zeit miteinander, tauschen Informationen aus, ohne sich wirklich enger und persönlicher zu begegnen. Und zumindest für den Betrachter hat alles, was geschieht, auch eine doppelte Bedeutung. Wir sehen Farid auch mit Johannes' Augen, mit seinem Verdacht im Hinterkopf werden auch uns manche seiner Handlungen rätselhaft. Vielleicht ist er ja wirklich ein gefährlicher Mann?

Ein Bild von Caspar David Friedrich hängt in Farids Zimmer. Was immer der Gedanke hinter diesem Ausstattungseinfall war, entfaltet es heute eine ungewollte Ironie: Der Maler gehört zum kulturellen Wissen, das bei den geplanten Einbürgerungstests abgefragt wird. Heisenberg konnte das beim Drehen des Films noch nicht wissen. Interessant wäre es aber zu erfahren, ob er den Bezug auf Friedrich vielleicht wählte, weil er als Inbegriff des Romantikers gilt, tatsächlich aber ein großer Konstruktivist war. Das wäre dann in schön subtiler Stilverweis. Wie Friedrichs Gemälde ist auch dieser Film karg und schön, gefühlvoll und komplex, montiert und konstruiert. Auch Heisenbergs Bilder sind konstruierte, fiktive Landschaften, die versatzstückartig und abstrakt Szenarien voller Empfindsamkeit und Melancholie entwerfen.

"Schläfer", auf den ersten Blick eine "kleine" Geschichte, ein Kammerspiel über drei Hauptfiguren, die in merkwürdigen Verhältnissen zueinander stehen, ist somit das Protokoll einer zunehmenden Verunsicherung. Subtil weckt es ein Gefühl der Paranoia und Bedrohung auch beim Zuschauer. Er zeigt die Beobachtung als einen Prozess, in dem sich das Gesamtbild aus vielen einzelnen Fragmenten entwickelt und nie völlig fertiggestellt ist, sondern kaleidoskopisch immer neu zusammensetzt - eine Anatomie des Misstrauens.

Ganz unmittelbar erinnert dieses Verfahren an Michelangelo Antonionis "Blow Up", einen Film, der vor 40 Jahren erstmals vorführte, wie ein minimaler Impuls die Wahrnehmung unseres ganzen Lebens völlig auf den Kopf stellen kann. Ähnlich liefert Heisenberg auch für die Handlungen seiner Figuren eine multible Motivationsbasis. Man weiß nicht genau, warum einer tut, was er tut. Die Hauptfigur ist ein rechtschaffener Bürger, der zunächst ablehnt, mit dem Verfassungsschutz zusammenzuarbeiten, weil er es als moralisch unmöglich empfindet. Als er dann doch zusagt, ist das eine Mixtur aus eigenen Motiven und fremd-implizierten Gedanken und Mistrauensmomenten.

Zunehmend verunsichert sind alle Figuren Heisenbergs, wenn sie - vergeblich - versuchen, die Zeichen der Wirklichkeit zu lesen. Verunsichert sind aber auch die Zuschauer, weil sie nur selten mehr wissen, als die Charaktere auf der Leinwand. Systematisch zerstört der Film jede Erwartung von Wahrheit, jede Hoffnung auf Sinn. Ähnlich wie in Francis Ford Coppolas Paranoia-Thriller "The Conversation" folgt man einer Hauptfigur, wie deren Unwissenheit und Unsicherheit in Aggression umschlägt. Immer wieder wird Johannes, und mit ihm der Betrachter, auf falsche Fährten geführt. Damit reicht "Schläfer" weit über seine modisch-aktuelle Thematik - "Die Folgen des 11.September" - hinaus und fragt nach den inneren Gesetzen und der Verfassung sozialer Beziehungen.

Die Verunsicherung ist eine gesellschaftliche. Ihre Ursachen finden sich in Veränderungen der Demokratie, Veränderungen der Arbeitskultur, Veränderungen innerhalb der Familie. Insofern handelt der Film von Menschen in einer durch Überforderung geprägten Gesellschaft.

Um unmittelbar Politisches geht es natürlich auch: Denn längst hat der Wahn der "homeland security" auch uns ergriffen, ist die "Kontrollgesellschaft", wie sie zum Beispiel der französische Philosoph Michel Foucault in "Überwachen und Strafen" warnend beschrieb, Wirklichkeit geworden: Videokameras sind allgegenwärtig, der Datenschutz längst ausgehöhlt, in nicht wenigen Bereichen werden die Bürger unter Generalverdacht gestellt. Doch für diese Einschränkung der Freiheit zugunsten "innerer Sicherheit" ist die Gesellschaft eher unsensibel - obwohl sie jenseits der Institutionen nur durch Menschen wie Johannes funktioniert. "Schläfer" zeigt glänzend, wie beiläufig sich Denunziantentum - eine lange Tradition in der deutschen Geschichte - im Alltag ereignet, wie man auch in einer ganz normalen Demokratie und mit einer freiheitlichen Erziehung zu verräterischen Gedanken und denunziantischen Taten fähig wird.

Als sich Beate irgendwann offenkundig mehr für Farid interessiert, verrät Johannes ihn an den Geheimdienst. So entpuppt er sich als der wahre Schläfer: Ein indifferenter junger Mann, der still und schweigend einen zunächst diffusen Zorn in sich hineinfrisst. In Farid findet er eine Projektionsfläche für seinen Angst und seinen Neid. Voller Ehrgeiz, aber fast ein Loser, spießig und autoritär, wird er das Gesicht einer Bedrohung, die viel dämonischer ist als alle Geister, Zombies und Wiedergänger, die uns derzeit im amerikanischen Kino heimsuchen. Sie lauert in der Normalität. Mit kühler Konsequenz wächst das Portrait dieses langsamen Alltagslebens zum Drama, das seine Figuren zur Katharsis zwingt. Und Heisenberg findet spannende Korrespondenzen:

Ich stamme selbst aus einer Wissenschaftlerfamilie. Viele der terroristischen Schläfer kommen aus wissenschaftlich-technischen Berufen. hinzu kommt, dass man in einem Berufsfeld, in dem man tagtäglich mit konkreten Fragen von Leben und Tod umgeht, wie es in der Wissenschaft der Fall ist, man eine Geisteshaltung einnimmt, die eine bestimmte Abstraktion der Frage von Tod und Leben voraussetzt. Wenn ich diese Abstraktion eingehen kann, kann ich auch anderes emotionales so abstrahieren. Da trifft sich die Geisteshaltung eines Wissenschaftlers mit der Geisteshaltung eines Schläfers und der Geisteshaltung eines Informanten. Alle drei abstrahieren einen Teil ihrer Emotionen, sonst könnten sie nicht tun, was sie tun.

Zugleich übernimmt Heisenberg partiell selbst die naturwissenschaftliche Methode: in der beschriebenen distanzierten Kamera, wie in der Kühle und gewollten Parteilosigkeit der Beschreibung, in der Verweigerung klarer moralischer Positionierung. Darin ähnelt der Film selbst einem Laborversuch, einer fortwährenden Neugruppierung seiner Figuren und der Perspektiven auf sie.

Verrat, Eifersucht, das Beobachten eines Beobachters, die allmählich wachsenden Haarrisse in einem "normalen" Alltag… - diese Motive teilt "Schläfer" mit anderen Filmen den jüngeren deutschen Kinos: dem stilistisch völlig verschiedenen "Das Leben der Anderen", wo jeder jeden verrät, und der Film ein wenig die Zuschauer, aber auch weiteren Beispielen jener neuen, anspruchsvollen "Berliner Schule", der Heisenberg zuzurechnen ist: Petzolds "Gespenster", und "Falscher Bekenner" von Christoph Hochhäusler, der demnächst ins Kino kommt. Beim diesjährigen "Max-Ophüls-Preis" in Saarbrücken gewann das fulminante, vom Genretypischen weit entfernte Regie-Debüt gleich drei Auszeichnungen (Hauptpreis, Drehbuchpreis und Musikpreis). Heisenberg ist auch Gründer von revolver, einer der besten deutschen Filmzeitschriften, die mit den Jahren zur Stimme einer neuen, so kreativen wie Marktzugeständnisse verweigernden Generation im deutschen Kino geworden ist - egal, ob man diese jetzt "Berliner Schule" nennen möchte oder nicht. Heisenberg blickt kühl, und darum bleibt er nicht stehen bei den schönen Melancholien seiner Figuren, sondern zeigt, was auch zur Wirklichkeit gehört: ein paar lausige Vorteile im alltäglichen Konkurrenzkampf.

Dies ist also keine Ballade von guten Menschen, nicht die Geschichte einer moralischen Säuberung. Ähnlich wie Michael Haneke zuletzt in "Caché" erzählt auch dieser Psychothriller von der Macht des Misstrauens und von der Rückkehr der Repression in die Mitte unserer Gesellschaft. Ein Zwischenbericht aus einer Grauzone. Ein kluger, genau beobachteter Film - und das sensible, ganz gegenwärtige Portrait einer Welt, in der jeder jeden betrügt. (Rüdiger Suchsland)

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