Zwischenstation Hoffnung

Bauen, Wohnen, Planen: integrierte Prozesse weltweit

Gotische Dome wurden und werden ihre Gerüste nie los. Die komplette Abnahme wäre Zeichen ihrer Vervollkommnung und eine Beleidigung des einzig vollkommenen Gottes. Im säkularen Zeitalter, in dem Städte nicht mehr gebaut werden, sondern "sich selbst bauen", ohne je fertig zu sein, klotzen gleichwohl Architekten ihre Gebäude hin und verlassen am Kulminationspunkt, dem Umschlag von Ware gegen Geld, fluchtartig den Tatort. Ärger mit den einziehenden Nutzern ist angesagt und würde vermieden, wenn diese von Anfang an in eine nie endende Vervollständigung der Gebäude einbezogen würden, wie schon Friedensreich Hundertwasser vorschlug. Lernende Gebäude vollziehen eine Evolution und zeigen sie. Sie erzählen Geschichte und Geschichten. Lukas Feireiss hat gebaute Beispiele aus Armuts- und Elendsregionen der Welt zusammengestellt, in deren Architekturen sich die Lebensläufe ihrer Anwohner verdichten.1

Die in europäischen Metropolen durch Moralisierung festgefahrene Diskussion über Gentrifizierung kann durch diese punktuellen Zeugnisse einer Raumpraxis aufgelöst werden. Es sind Bilder der Erneuerung einer Architektur von der Peripherie oder von Zwischenräumen her. Das Design ist temporär und fraktal. Der Raum wird zum Thema, indem er mit Geschichten gefüllt wird. Kennzeichnend für alle Projekte ist, dass die Architekten in die sozialen Abläufe integriert sind. Die Architekturen sind die Chronik eines Beziehungsgeflechtes, durch welches sich die Planung ständig verändert. Die Planer wissen nie, was herauskommt. Im Extrem ist es ein "Fiasco-by-fiasco Approach to perfection".

Die Architekten verwenden unter prekärsten Bedingungen lokale Arbeitskräfte und Materialien und bleiben im Prozess der Inbetriebnahme vor Ort. Ihr Ziel ist nicht, die Situation der Anwohner zu verändern, sondern sie bringen sie dazu, ihr Umfeld selbst auszugestalten. Die Spezialisten vor Ort sind die Nutzer. Das verträgt sich nicht mit geltenden Honorarordnungen, aber Feireiss verspricht sich von seiner Beispielsammlung eine akupunkturelle Wirkung auf wirtschaftliche und soziale Ordnungen, die auch bei uns mehr und mehr perforiert sind.

Überraschend an der Sammlung von Feireiss ist der Anteil an improvisierten Bildungseinrichtungen in aussichtslos scheinenden Umgebungen, zwischen Slum und Bürgerkrieg. Aufgegebene Räume werden durch punktuelle Interventionen neu kodiert. So (ent)steht eine Bibliothek in Bangkok, die andere in Magdeburg, und beide ähneln sich bei größtem Gestalt-Unterschied. Die Initiativen rühren aus einer Haltung des "Dennoch". Standhalten statt Flüchten.

In Bangkok ist es ein nach einem Brand verlassener alter Markt, der durch wenige Kunstgriffe verwandelt worden ist. In eine Verschalung aus recycelten Brettern wurden hölzerne Boxen für Bücher eingelassen. Loft, Lesezone und ein offener Bereich mit Pergola sind auf 3x9 m Fläche inbegriffen. Die Architektin vor Ort animierte die Anwohner, Entwürfe und Modelle anzufertigen und bezog vor allem die Wünsche der Kinder ein. Mit einem Spielplatz ging es los. Inzwischen dient die Bibliothek den Kindern auch als Tanzprobenraum. Durch sanften Druck gelang es Kasamee Yamtree, die Anwohner zur Übernahme des Betriebs zu bewegen. Sie sagt: Geduld ist die erste Architektenpflicht.

Das Projekt wurde in dem Stadtviertel wegbrechender Sozial- und Infrastrukturen dadurch begünstigt, dass die Grundbesitz-Verhältnisse ungeklärt waren. In informellen Räumen kann informell gebaut werden. Zwischenräume, Schlupflöcher für "genehmigungsfreies" Bauen zu erspähen, hat inzwischen auch für die Neuen Wilden unter europäischen Architekten an Faszinationskraft gewonnen.

Lesezeichen Salbke, Magdeburg. Bilder: links: Anja Schlamann, rechts: Thomas Völkel

Die Bibliothek ist der neue soziale Fokus, der die Verödung des Wohnumfeldes stoppt - nicht anders in Magdeburg-Salbke. Der suburbane Stadtteil ist zu einem "postindustriellen Pompeji" geschrumpft. 80% der Ortsmitte stehen leer. Die alte Bibliothek war schon zu DDR-Zeiten abgebrannt. Nach der Wende improvisierte eine Bürgerinitiative an der gleichen Stelle eine Freiluftbibliothek aus 1.000 gestifteten ausgemusterten Bierkästen.

Die Idee schlug so gut ein, dass "KARO architekten" und "Architektur+Netzwerk" mit der Verstetigung des Provisoriums beauftragt wurden. Sie besorgten für die Hüllkonstruktion Alu-Module aus dem Abriss eines Horten-Kaufhauses. Entlang einer 30 m langen Lärchenholz-Lattung verläuft eine Sitzbank. Sitznischen und eine Bühne komplettieren das "Lesezeichen Salbke", das ebenso für Konzerte und Lesungen geeignet ist. Auch an dieser Intervention im öffentlichen Raum waren in der Planungs- und Modellphase die Anwohner und vor allem Kinder aktiv beteiligt. Es wurden mehr Bücher gespendet, als das "Lesezeichen" fassen kann. Die Ausleihe basiert auf Vertrauen ohne Leihschein. 2009 war die Eröffnung. Seit etwa einem Jahr nehmen mutwillige Beschädigungen zu, so dass eine Neu-Programmierung erwogen wird.

Das ist das Los vieler von Feireiss beschriebener Projekte. Die Temporalität frisst ihre Kinder. Das bewusst Unvollendete hat eben einen Zyklus, der bei der "endgültigen" Architektur lediglich verdrängt wird.2 Ein anderes Los ereilte die "Old Market Bibliothek". Sie findet sich auf Websites für stilvolle Design-Ideen wieder. Wird die Armut ästhetisch ausgebeutet, erfreuen sich die Gentrifier an der "Schönheit des Elends"? Ersteht der "Edle Wilde" kolonialistischer Zeiten wieder auf, der seine Behausung nun der "white charity" weltreisender Architekten verdankt?

Aber gegen eine postmodernistische Rezeption ist keine Architektur gefeit. Lukas Feireiss fände es "reizvoll", diese Wirkungsgeschichte "zu beobachten". Modischen Typisierungen entziehen sich jene Architekturen jedoch durch ihren experimentellen Charakter. Dadurch entfalten sie im Gegenteil eine subversive symbolische Wirkung in der Globalisierung sich auflösender Sozialstrukturen. Schält sich hier der Stil eines ubiquitären Regionalismus heraus? Symbolisch deshalb, weil eine provisorische Low-Cost-Bauweise im "Dazwischen" die Gentrifizierung in westlichen Metropolen hoffnungsvoll unterminieren könnte.

Maria Grazia Cutuli-Schule, Herat/Afghanistan. Bilder: Mit frdl. Gen. von iaN+

Von okzidentaler Bauweise krass unterschieden scheint die "Armierung" durch hohe Mauern wie bei "Cutuli School" in Herat/Afghanistan, benannt nach einer ermordeten italienischen Journalistin. Die Mauern haben wie die Farbe Blau Tradition, aber auch neuen Sinn. Sie umschließen neben den aufgelockerten Schulbauten auch als grüne Klassenzimmer angelegte Gemüsegärten. Es ist die Luft innerhalb dieser Mauern, die frei macht. Die Umgebung ist kriegerisch.

Festungsartig sieht auch "Inkwenkwezi School" bei einer Township Kapstadts aus. Die Jugendlichen bewegen sich zwischen Drogenkriegen und Prostitution. Die sind durch die Schule nicht beseitigt, aber innerhalb der Mauern hat sich ein eigenes selbstbewusstes Sozialklima mit sinkender Durchfallerquote herausgebildet. Die Unterschiede zum Westen kehren sich bei genauer Betrachtung um: Die in unseren Breitengraden "Schule machenden" Gated Communities sind durch eine zunehmende Unfreiheit auch nach innen gekennzeichnet.

Inkwenkwezi-Schule, Kapstadt/Südafrika. Bild: Iwan Baan

Von "Favela-Schick" kann in Vila Cruzeiro keine Rede sein, eher von Favela-Stolz. In einem der berüchtigsten Armenviertel Rio de Janeiros bemalte die holländische Künstlergruppe Haas & Haan zusammen mit Jugendlichen zuerst Häuser und dann eine riesige Betonkonstruktion, welche die Wiederholung von Erdrutschen abwehren soll. Die Anwohner verstanden nichts von Fassadenmalerei, und die Künstler wussten anfangs nicht, wie sie sich richtig bewegen sollen. Das kann lebensbedrohlich sein. Für den Betonrücken schlugen sie ein Tattoo-Design nach Art eines japanischen Wasserfalls mit goldenen Karpfen vor. Sie lernten, dass auf diesem offenen Gelände sich die Anwohner ungern aufhalten, da sie keine schnelle Deckung vor verirrten Kugeln im Bandenkrieg finden.

Je besser sich die Künstler anpassten, desto mehr stieg ihre Akzeptanz bis zu Freundschaften. Mit dem Drogenhandel war die Favela insgesamt identifiziert worden. Mit der gemeinschaftsbasierten Kunst-Intervention konnten die Anwohner bei großem Medienecho der Außenwelt zeigen, dass sie die Gestaltung ihres Umfeldes selbst in die Hand nehmen. Sie sind anders als die anderen denken.

Vila Cruzeiro, Rio de Janeiro/Brasilien. Bild: Stichting Firmeza

"Könnt Ihr im Zwischenraum nach Hoffnung suchen?" Jan Liesegang erinnert sich an diesen kleinen Auftrag, der raumlaborberlin 2006 vom Essener und anderen Theatern erteilt wurde. Und raumlabor wurde fündig. Die U-Bahnstation "Eichbaum" zwischen Essen und Mülheim war der unmögliche Ort, der aus dem Nichts neue urbane Energien freisetzt. Eine minimalistische invasive Chirurgie reichte aus. Der halboffene U-Bahnhof war im Betonbrutalismus der 70er Jahre innerhalb eines Geflechts von Schnellstraßen errichtet worden. Die U-Bahnlinie fädelt sich zwischen die Richtungsfahrbahnen einer Autobahn ein. Die Balkone einer Siedlung stoßen an die Autobahn. Für Fußgänger ist dieses Fanal der Moderne zum Angstraum par excellence geworden.

Auf die Frage der Theater antwortete raumlabor mit einer These: Wir bauen eine Oper. Hatte nicht schon Klaus Kinski alias Fitzcarraldo mitten im Urwald ein Opernhaus bauen wollen? In Eichbaum wurde "als eine Art Anwesenheit" eine Opernbauhütte aus Containern errichtet, die über dem U-Bahnhof schweben. Der mittelalterliche Traum vom Zusammenspiel der Gewerke mit den Künsten hielt in Eichbaum flüchtige Einkehr.

Premiere der Eichbaumoper. Bild: Rainer Schlautmann

Die Bauhütte wurde zur Schnittstelle zwischen Architektur, Theater, Stadtentwicklung und sozialer Intervention. Sie ist Labor, Werkstatt und Seminarraum. Eichbaum mutierte zum Kreuzungspunkt der Geschichten der Anwohner und Passanten, die von Textern und Komponisten gesammelt, verdichtet und vertont wurden. Die Betonkuben wurden zu Klangkörpern. Der U-Bahnhof wurde, wie Paul Valéry sagen würde, zum singenden Bauwerk, singend durch physische Erregung. Die Eichbaumoper wurde 2009 zum Rhythmus des laufenden U-Bahnbetriebs aufgeführt.

Es war der Ritus der Passage. Die Grenzen zwischen Zuschauern und Mitwirkenden - die ältesten über 80 - waren aufgehoben, ebenso die Grenzen zwischen städtischem und theatralischem Raum. Das gehört schon zum Portfolio der "darstellenden Architekten" von raumlabor, die sich ihrerseits auf den Aufbruch der 60er Jahre berufen, als Architektur und Aktionskunst zu konkreten Utopien zusammenfanden. Aber auch in Eichbaum verkümmert der laufende Betrieb, selbst wenn auf Anregung der Jugendlichen Boxwettkämpfe stattfanden und zwischendurch eine Bar als "niedrigschwelliges Angebot" eingerichtet wurde. Es hapert an der Anschlussfinanzierung. Dabei könnte der U-Bahnhof Kreise ziehen. raumlabor hat in Abstimmung mit den Anwohnern Ideen für einen unkonventionellen Park skizziert, der die sozialgeographische Segregation zwischen den Wohnvierteln entspannen würde, die durch die Autobahn getrennt sind,

Der Einsatz lokaler Arbeitskräfte und Materialien erfordert den sensibelsten Umgang. In Xiashi Village/China bedingten die sozialen Reibungswiderstände Modifikationen an der Ausführungsplanung, was rückwirkend die Akzeptanz erhöhte. Gebaut wurde eine Schule auf einer Brücke, ein schwebender, in sich veränderlicher Raum, der Altes und Neues verbindet. - Das von Südafrika gesponserte Ahmed Baba Centre in Timbuktu/Mali, eines der bedeutendsten historischen Archive Afrikas, verwaiste zunächst nach der Fertigstellung, da nicht ausreichend Personal abgestellt wurde und massive Bauschäden auftraten.

Ein vor Ort tätiger Dolmetscher schiebt es auf das mangelnde indigene Wissen der Architekten. Wer die lokalen Sände nicht kennt, trifft auch nicht das richtige Mischungsverhältnis. Die Altstadt von Timbuktu ist inzwischen von bilderstürmerischen Islamkriegern bedroht. Von zivil kontrollierten Strukturen weit entfernt ist auch Jenin im Westjordanland. Mehrere Zerstörungswellen rollten über die Stadt, die zwischen dem Terror beider Seiten zu zerbrechen droht. Die Kultur des Theaters und des Kinos, das 2010 nach langer Unterbrechung mit internationaler Unterstützung wiederhergestellt wurde, trägt die Hoffnung der Einwohner auf das Überleben ihrer Stadt. Aber es war ein Hasardspiel gegen die Kräfte des Misstrauens, dokumentiert vom Film "Das Herz von Jenin".

Xiashi/China: die "Brückenschule" zwischen zwei Tulou (historischen Festungen). Bild: Li Xiadong

Weniger bekannt ist der Ansatz der in Beit Sahour ansässigen internationalen Gruppe Decolonizing Architecture, durch punktuelle Interventionen eine politische Transformation zu antiziperen, ohne gleich den Palästina-Konflikt zu lösen. Die Gruppe stützt sich dabei auf vorhandene Ensembles wie einen von Israel wegen des Kots von Zugvögeln geräumten Militärstützpunkt. Das ist der Spekulationsraum eines Austauschprozesses zwischen Militär und Architektur, der die Macht sukzessive deaktiviert. Das Gelände soll ohne sofortige Umstülpung, eher mit Perforierungen, für die Stadtlandschaft zurückgewonnen werden. Aber der Spielraum wird enger durch Okkupationsbestrebungen von Siedlern.

Der Kreis einer Fülle von Beispielen schließt sich in Kabul. Wo der Bewegungsraum von Frauen privat wie öffentlich eingeschränkt ist, eröffneten 2009 zwei Australier Skateistan Die Skateboard-Schule bietet darüber hinaus Bildung (wie Journalismus) für die Jugendlichen. Sport ist gemeinschaftsbildend. Auf dem Brett sind alle gleich, sogar Mädchen, denen andere Sportarten im öffentlichen Raum untersagt sind. Für sie ist das Skateboard ein erstes Vehikel zur Emanzipation. Gemeinsam mit den Jungen transzendieren sie die vorherrschenden Definitionen des Raumes - der in Kabul verwüstet ist.

Die Schule baut aus Biografien ein soziales Netzwerk auf. Und nur eine Architektur, die ihre sozialen Entstehungsbedingungen und Verwendungszusammenhänge mit reflektiert und einbaut, ist erzählend. Das Soziale wohnt dem Gegenstand inne. Das ist sein eigentliches (unsichtbares) Design. Gegen den "Inselurbanismus" städtischer Planwerke, deren Entwürfe einerseits vom menschenleeren euklidischen Raum geprägt sind, andererseits vom Pseudonaturalismus digitaler Visualisierungen, stemmt sich Lucius Burckhardt metaphorisch mit einem Kiosk: Dieser "lebt davon, dass mein Bus noch nicht kommt und ich eine Zeitung kaufe, und der Bus hält hier, weil mehrere Wege zusammenlaufen und die Umsteiger gleich Anschluss haben."3 Michel de Certeau ergänzt: Erst die Gehenden verwandeln die von der Stadtplanung geometrisch als Ort definierte Straße in einen Raum.4

Jüngeren Architekten gelingt es nunmehr, das innere Soziale sichtbar zu machen. Das berühmt gewordene Haus von Brandlhuber+ in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte ist ein bewohnbarer Rohbau aus "Regalen", der von den Nutzern weitergebaut werden kann. Der Bau ist kein autarkes Gefüge, sondern die räumlichen Möglichkeiten bleiben offen. Solche "Raumrohlinge" finden sich auch in Afghanistan und anderswo.

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