Zwischenstopp bei Adorno, Max und Ötzi

Beitrag eines Forenten

Ein Forent verwies auf eine Pressemitteilung der Uni Mainz aus dem Jahr 2009. Das ist quasi nicht mehr ganz frische Wissenschaft, von Milch ganz zu schweigen. Aber dort erfahren wir:

Die Fähigkeit, Milch auch im Erwachsenenalter zu verdauen, ist vor etwa 7.500 Jahren in einer Region zwischen dem zentralen Balkan und Mitteleuropa unter Milchwirtschaftsbauern entstanden. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des University College London (UCL) und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in einer neuen Studie, die das Fachmagazin PLoS Computational Biology jetzt als Titelgeschichte veröffentlicht hat. Die sog. Laktosetoleranz, also die Verträglichkeit von Milchzucker über die Säuglingszeit hinaus, nahm demnach nicht in Nordeuropa ihren Anfang. 'Wir gehen jetzt davon aus, dass die Milchverträglichkeit vor etwa 7.500 Jahren im Gebiet des heutigen Ungarn, Österreichs oder der Slowakei aufgekommen ist, vielleicht in der Kultur der Linearbandkeramiker, und sich von dort aus mit unglaublicher Durchsetzungskraft unter der gesamten mittel- und nordeuropäischen Bevölkerung verbreitet hat', erklärt Univ.-Prof. Dr. Joachim Burger vom Institut für Anthropologie der JGU. Heute liegt die Milchverträglichkeit unter Erwachsenen bei durchschnittlich 60% in Mitteleuropa im Vergleich zu nur 20% in Südeuropa und einer nahezu kompletten Milchunverträglichkeit in den meisten anderen Regionen der Welt.

Also nochmal zum Mitschreiben: Im Jahr 2009 erfuhren wir, dass die Milchverträglichkeit in einer kleinen Region zwischen Wien, Budapest und Bratislava ihren Anfang nahm, aber seitdem in Südeuropa nicht sonderlich zugenommen hat. Außerdem haben wir nach 2009 erfahren, dass Ötzi damals, vor 5.000-plus Jahren, noch immer keine Milch vertragen konnte. Diese Erkenntnis gewann man aus der Untersuchung seiner tiefgefrorenen Mumie, deren Ergebnisse erst nach 2009 veröffentlicht wurden.

Die Vorstellung, dass es in Österreich schon immer die gute "Alpenmilch" gegeben hat, wäre demnach revisionsbedürftig. Aber da ja der mühsame Aufstieg im Gebirge durch die Wanderung auf dem Flachland in Richtung Norden ersetzt werden kann, wie man seit Alexander von Humboldt weiß, steht anzunehmen, dass die Vorfahren der Finnen, die bekanntlich eine mit dem Ungarischen verwandte Sprache sprechen, noch vor der Ötzi-Zeit nach Finnland weiterzogen. Vor 8.000 Jahren, das weiß man aus Grabungen und dergleichen, waren die Ur-Finnen jedenfalls schon dort oben, in Finnland, ansässig.

Das interessante Detail, das ich aus meinem zweiten Milchartikel hier noch einmal herbeihole, ist die Hornlosigkeit der alten Milchkuhrassen, die in Finnland allmählich nur noch in Zoos anzutreffen sind.

Altfinnische Milchkühe, hornlos

Milchkühe in einem Land zu halten, wo früher Bären, Wölfe, Füchse, aber auch imposante Rentiere frei in der Landschaft umher spazierten, stellte besondere Anforderungen an die Menschen, die sich diese Stalltiere halten wollten. Sie mussten die getrocknete oberirdische Biomasse von Grünlandpflanzen, sogenanntes Heu, ernten und in Scheunen horten, sie mussten mühsam eine Landwirtschaft mit getrennten Weiden und Stallhaltung in Sommer und Winter in Betrieb halten. Vor allem mussten sie ihr Stallvieh schützen und sich selber vor den Hörnern ihrer Tiere in Sicherheit bringen, indem sie den Tieren diese durch Zucht abfallen bzw. gar nicht erst wachsen ließen.

Altfinnische Milchkühe, hornlos

Das enge und Jahrtausende währende Miteinander von Milchtieren und Menschen führte dazu, dass heute in Nordeuropa und Irland durchgängig eine problemlose Milchverträglichkeit bei 90+ Prozent der Bevölkerung anzutreffen ist.

Legt man das Merkmal "Milchverträglichkeit" auf eine Karte von Europa, wie eine dreifarbige Landkarte, so sieht man Nordeuropa und Irland als die Region mit der höchsten Milchverträglichkeit, über 90 Prozent, dann Zentraleuropa mit 60 Prozent und Südeuropa mit nur 20 Prozent. Ötzi vor 5.000 Jahren, ein Südeuropäer, besaß damals noch Null Milchtoleranz. Da verwunderte es die Autoren der Studie selbstverständlich, dass der Ursprung der Milchverträglichkeit irgendwo in Anatolien zu vermuten sei.

'Wir waren etwas überrascht, dass der Ursprung der Laktasepersistenz offenbar nicht im nördlichen Europa beheimatet ist', erklärt Mark Thomas, Seniorautor der Studie und Professor für Evolutionsbiologie in London. 'Die heutige Verteilung der Genmutation hätte diesen Rückschluss begünstigt, liegt doch die Milchverträglichkeit unter Nordeuropäern in Skandinavien und Irland bei rd. 90%.'

Es ist ein Paradoxon: Die Verwendung von Milchkühen beginnt jenseits von Istambul, etabliert sich anschließend in Budapest und ist heute quasi in Helsinki beheimatet. In dem weiten europäischen Raum dazwischen wird die Milchverträglichkeit aber umso geringer, je weiter man südwärts zieht.

Ein signifikantes Merkmal der zentraleuropäischen Kühe scheint mir zu sein, dass sie Hörner tragen, und dass sie heutzutage praktisch ihr ganzes Leben im Stall stehend verbringen. Sie sind keine gutartigen Tiere. In jedem Dorf und in jeder Generation, in Deutschland und Österreich (so schrieb ich dem Forenten) gibt es einmal einen Bauern, der in seinem Kuhstall von einer seiner Kühe aufgeschlitzt worden ist. Eine richtige Corrida. Ein missmutiges Kopfschütteln der Kuh im Fresstrog - und das Horn reißt ihm den ganzen Unterleib auf. Bis die Frauen am Abend zum Melken kommen liegt der Vater schon erkaltet auf dem Stein im Stall.

Die gruseligen Beispiele dafür findet man in jeder Tageszeitung, im Internet sogar zu Dutzenden. In Zentraleuropa gibt es mithin nicht nur die verbeitete Milchunverträglichkeit der Menschen, es gibt auch die gegenseitige Lieblosigkeit zwischen dem Menschen und ausgerechnet diesem Tier. (Tom Appleton)

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