Zwölf-Stunden-Arbeitstage "nicht sinnvoll"

Bild: geralt/CC0

Wiener Studie warnt vor gesundheitlichen Risiken einer Verausgabung, die durch Tagesfreizeit nicht mehr auszugleichen ist

Wer österreichischen Medie liest, trifft hier und da auf ein schönes Wort, das hierzulande wenig gebräuchlich ist: "Tagesrand" zum Beispiel. An den Tagesrand knüpft sich eine bemerkenswerte Feststellung, die in einer Nachricht der Medizinischen Universität Wien zu lesen ist. Grob gekürzt besagt sie, dass lange Arbeitszeiten mit einer Erholung am Tagesrand nicht sofort auszugleichen sind.

In der etwas längeren Fassung wird aus der Feststellung sogar eine Art Formel: "Nach zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit je zwölf Stunden Arbeitszeit müsste man drei Tage freinehmen, um sich vollständig zu erholen." Die Empfehlung stammt aus einer Studie, die am Zentrum für Public Health der Universität durchgeführt wurde, in der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin.

Gegenstand der Studie war die mit Arbeit verbundene Müdigkeit und Erholung nach Selbsteinschätzung von Altenpflegerinnen (mit fast 90 Prozent in der übergroßen Mehrzahl) und Altenpflegern in Senioren-Wohnheimen in Niederösterreich und Oberösterreich. Damit stellt sich natürlich die Frage nach der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Berufs- und Tätigkeitsfelder.

Die Erkenntnisse ihrer Studie werden aber von den beiden Studienautoren Gerhard Blasche und Daniela Haluza sowohl in der Zusammenfassung wie auch in Medien so präsentiert, dass sie Allgemeingültigkeit haben. Die Belastungen, die ein 12-Stunden-Arbeitstag in der Altenpflege mit sich bringt, werden nicht exklusiv auf diese Berufsgruppe bezogen.

Blasche und Haluza warnen allgemein vor gesundheitlichen Risiken (Herz-Kreislauferkrankungen, Zunahme psychischer Erkrankungen), die mit einer Vorausgabung verbunden sind, die viele leisten - aus betrieblichen Gründen und wahrscheinlich häufig auch aus Angst um den Arbeitsplatz oder in Karrierejobs auch aus persönlichem Ehrgeiz. Für die Altenpflegerinnen, die ein tagesbuchähnliches Protokoll über ihre Arbeit, Folgeerscheinungen und ihre Erholungsphasen geführt haben, sieht die Studien-Erkenntnis so aus:

Der Ermüdungszuwachs während eines 12-Stunden-Tagdienstes ist dreieinhalb mal höher als an einem arbeitsfreien Tag, außerdem nimmt die Ermüdung bei zwei aufeinanderfolgenden 12-Stunden-Diensten weiter signifikant zu.Medizinische Universität Wien

Bemerkt wird dazu die eingangs erwähnte Feststellung, dass bei einem 12-Stunden-Arbeitstag die Erholung in den verbleibenden Randstunden nicht mehr möglich ist. Beigegeben wird dieser Markierung eine weitere, die auf alle Beschäftigten bezogen wird:

"Generell gebe es praktisch bei jedem Menschen spätestens aber der 10. Tagesarbeitsstunde einen deutlichen Leitungsknick - inklusive erhöhter Unfallgefahr im Beruf oder im Straßenverkehr."

Die Schlussfolgerung der Studie bekräftigt die früher gebräuchliche goldene Regel zur Aufteilung der 24 Stunden: 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf und 8 Stunden Sonstiges. Längere Arbeitszeiten seien ebenso wie Arbeit in intensiven Blocks "nicht sinnvoll". Weil die Leistungserbringung aufgrund der fortgeschrittenen Ermüdung eine überproportional größere Anstrengung erfordere einschließlich der dazugehörigen Stressreaktion. (Thomas Pany)

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