Zynische Rachakte im Internet

Die Verknüpfung von Web und Serienmord: "Untraceable"

Die Konjunktur des Serienmörderfilms reißt nicht ab. Neben Serienproduktionen wie den Hannibal-Lecter-Filmen oder der „Saw“-Reihe, die schon durch ihr Creative-Killing-Konzept stark an den Slasherfilm der 1980er Jahre erinnert, zeigen sich jedoch zusehends Beiträge mit ernstem Hintergrund und solide erzähltes Hollywoodkino wie jetzt Gregory Hoblits „Untraceable“.

Alle Bilder: Universal

Die Wende vom modernen zum postmodernen Serienmörderfilm fand im Jahre 1990 und mit dem Erscheinen eines US-amerikanischen Films statt. „Das Schweigen der Lämmer“ von Jonathan Demme war es, der den durch extreme Gewaltdarstellungen und stereotype (Nicht-)Entwicklung von Plots in Verruf geratenen Serienmörderfilm quasi über Nacht zu Erfolg und Ruhm verhalf. Nicht zuletzt an der Oscar-Prämierung der Thomas-Harris-Adaption hat sich dieser Ruhm ablesen lassen. Das spezifisch Postmoderne des Films lag in seiner „unendlichen Lesbarkeit“ (Georg Seeßlen), die kunsthistorische, psychoanalytische, filmtheoretische, theologische und noch einige andere Zugangsweisen zugelassen und provoziert hat.

Doch vor allem war es die Figurenkonstellation des genialischen Serienmörders als Held und der aufstrebenden FBI-Beamtin als Problemfall, welche die in Jahrzehnten vorbereitete Rollenverunsicherung von Täter und Ermittler auf die Spitze getrieben hat. Serienmörderfilme mit weiblichen Ermittlerfiguren hat es seitdem etliche gegeben und eigentlich alle haben diese spezifische Charakteristik der Clarice Starling aus „Das Schweigen der Lämmer“ nachvollzogen.

Mord mit einem Blutgerinnungshemmer, dessen Dosierung davon abhängt, wie viele Besucher die Webseite verzeichnet

So nun auch FBI Special Agent Jennifer Marsh, die allnächtlich in der Cyber-Crime-Abteilung der Bundespolizei arbeitet, um Pädophile, Trickbetrüger und Kreditkartenfälscher aus dem weltweiten Netz zu fischen. Jennifers Mann, ebenfalls ein FBI-Agent, ist im Dienst getötet worden. Sie selbst lebt jetzt mit ihrer kleinen Tochter zusammen bei ihrer eigenen Mutter. Der Dienst scheint sie mehr und mehr von ihrer Familie zu entfremden. Als sie eines Nachts auf eine Webseite stößt, auf der der Besucher live dabei zusehen kann, wie eine Katze langsam verhungert, ahnt sie bereits, dass dort noch andere Dinge geschehen werden, weil die Technologie, mit der die Seite vor dem Abschalten geschützt ist, einfach zu aufwändig für derartigen Tier-Snuff ist.

Kurz nachdem ihr Vorgesetzter sie ermahnt, sich nicht länger um das gequälte Tier zu kümmern, taucht im Videostream ein, an ein metallenes Bettgestell geketteter, halbnackter Mann auf, in dessen Brust die URL der Webseite geritzt ist. Was wie eine harmlose oberflächliche Schnittverletzung aussieht, entpuppt sich schnell als grausame Mordmethode: Dem Mann wird über eine Kanüle ein Blutgerinnungshemmer verabreicht, dessen Dosierung davon abhängt, wie viele Besucher die Webseite verzeichnet. Es dauert nicht lange, dann ist die Page so bekannt, das der Mann am Blutverlust stirbt. Er bleibt allerdings nicht der einzige, denn der hinter der Aktion stehende Täter vollzieht eine zynische Form von öffentlichem Racheakt am Internet.

Optimale Darstellbarkeit der gewählten Mordkonstruktionen

Der Filmserienmörder wird in einer Teambesprechung der FBI-Sonderkommission als „hochintelligent“ bezeichnet. Dieses Attribut kommt ihm nicht allein wegen der äußerst trickreichen Spurenverwischung zu, mit der er die Ermittler zeitweilig sogar an der Nase herumführt, sondern auch, weil die Todesarten, die er für seine Opfer auswählt, an Kreativität ihresgleichen suchen. Stets berücksichtigt er dabei die optimale Darstellbarkeit der gewählten Mordkonstruktionen, sorgt für Bilddetails, die klarmachen, dass es weder ein Filmtrick noch eine Aufzeichnung ist, was die Besucher seiner Webseite zu sehen bekommen, und instrumentalisiert letztlich sogar die Polizei-Presseabteilung, um weitere Besucher für seine Page zu gewinnen.

In Sachen Public Relations ist der Täter auf der Höhe der Zeit. Er nutzt virales Marketing, gehackte Forenaccounts und noch einige andere Tricks, um sein Page-Ranking nach oben stetig zu verbessern. Dass Filmserienmörder anders als ihre „Vorlagen“ in der Wirklichkeit häufig als Genies gezeichnet werden, die ihre Umwelt manipulieren und zeitweilig sogar die moralische Verantwortung für ihr Tun auf andere – am besten die gesamte Gesellschaft – abwälzen, dafür ist „Untraceable“ ein weiterer Beleg. Der Filmserienmörder steht damit in direkter Tradition von „Jigsaw“ aus der „Saw“-Reihe und natürlich Hannibal Lecter aus den Romanen Thomas Harris’ und deren Filmadaptionen.

Aber auch seine Kontrahentin blickt auf eine solche Ahnenreihe zurück. Nach besagter Clarice Starling aus „Das Schweigen der Lämmer“ haben einige der besten postmodernen Serienmörderfilme Frauen als Ermittler/Profiler eingesetzt und dabei ganz spezielle Charakteristiken, die ansonsten mit „Schwäche“ attribuiert werden, in letztlich zum Ziel führende Eigenschaften umdefiniert. Die Heldinnen aus „Blue Steel“ (USA 1999), „Copycat“ (USA 1995) und „The Cell“ (USA 2000) standen Pate für die Figur der Agentin Jennifer Marsh. Diese bildet dabei aber nicht bloß die Kopie ihrer Vorgängerinnen, sondern eine recht clevere Weiterentwicklung derselben.

Auch Jennifer ist verwundbar und wird zum Angriffsziel des Serienmörders, der ihre privaten und beruflichen Schwächen bald erkennt und für seine Zwecke ausnutzt. Er unterschätzt sie jedoch immens, wenn er sie als wehrloses Opfer sieht und damit ein überkommenes chauvinistisches Frauenbild pflegt. Das war seinen Film-Vorgängern schon nicht bekommen. Zwar schätzt er Jennifers technischen Sachverstand richtig ein und weiß genau, was sie über ihn mittels Computer herauszufinden in der Lage ist, doch rechnet er nicht damit, dass sie abseits der Tastatur über Ermittlerfähigkeiten verfügt, die im Serienmörderfilm zeitweilig vollständig aus der Mode gekommen schienen. Das Profil, dass sie über ihn kurz vor Schluss quasi aus dem Hut zaubert, das sich aber dennoch konsequent aus dem Gegebenen ableitet, verschafft ihr die zielführende Spur.

Streaming Evil

„Untraceable“ ist, gerade was seinen Blick auf das Internet und die in ihm durchgeführten und durch es möglichen Verbrechen angeht, ein recht reaktionärer Film. Ängste vor allem vor dem Web 2.0 werden geschürt, ist es doch letztlich die sich in den zynischen Kommentaren der Webseitenbesucher ausdrückende moralische Indifferenz, die der Film anzuprangern scheint. Doch die Geschichte des Serienmörderfilms ist so reich an kulturpessimistischen Beimengungen, dass es zu kurz gedacht wäre, in „Untraceable“ daraus eine Tendenz oder sogar eine politische Haltung ableiten zu wollen. Vielmehr nutzt der Film das Unbehagen gegenüber dem „Mitmach-Web“, das zeitweilig in den Feuilletons und an den Stammtischen wahrnehmbar ist, um es mit seiner Serienmord-Geschichte zu amalgamieren.

In ähnlicher Form haben das andere Filme vor diesem gemacht; Fritz Lang zielte auf die Presse in „While the City sleeps“ (USA 1956), „Mann beißt Hund“ (Belgien 1992) auf das Fernsehen und "The Last Horror Movie" (GB 2003) in Richtung Video. Medien, vor allem aber mediale Umbrüche, machen Angst und als idealer Statthalter dieser diffusen Angst bietet sich das archetypische Kulturtrauma der Moderne, der Serienmörder, geradezu perfekt an.

Die Verknüpfung von Internet und Serienmord, die zuvor so ähnlich - aber wesentlich inkonsequenter umgesetzt - in William Malones „FeardotCom“ (USA 2002) zu sehen gewesen ist, stellt sicherlich dasjenige Moment des Films dar, für das man sich hauptsächlich einmal an ihn erinnern wird. Gregory Hoblits Film ist darüber hinaus im besten Sinne des Wortes „unauffällig“ und ließe sich als „klassisch postmodern“ kategorisieren. Er versucht seine Zuschauer nicht durch die Verwirrung darüber was real und was fiktiv ist zu verwirren, spielt nicht mit den Darstellungskonventionen, gibt sich keinen Moment lang avantgardistisch.

Nicht nur wegen der Figurenkonstellation und -konstruktion steht er mit „Das Schweigen der Lämmer“ und den nachfolgenden „Frauenserienmörderfilmen“ in einer Tradition; er greift auch Darstellungsmuster, Montagetechniken und Plotkonstruktionen dieser Filme auf und adaptiert sie für seine Erzählung. Dabei kommt ein gut erzählter, ästhetisch anspruchsvoller und gegen Ende recht mitreißend spannender Thriller heraus. (Stefan Höltgen)

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