... die ihre Freiheit mehr lieben als Macht oder Geld

Der Cora-Verlag verändert seine Frauensicht permanent, um am Puls der Zeit zu bleiben. Aus armen Waisen werden nun Eventmanagerinnen und Hochzeitsplanerinnen, Geldsorgen sind größtenteils Vergangenheit.

Der Cora Verlag, ein Joint Venture des Axel-Springer-Verlages und der amerikanischen Firma Harlequin Enterprises, ist im Bereich Liebesromane (oft auch schlicht Kitschromane genannt) führend. Mit einer Auflage von über 15 Millionen Exemplaren, 45 Reihen und mehr als 850 Titeln bieten sie vom historischen Liebesroman bis hin zu Mystery-Titeln für Jugendliche eine breite Palette zum immer wiederkehrenden Thema: Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht? Dabei ist die Antwort natürlich vorgegeben, denn das Happy End, das die beiden Liebenden zusammenführt, muss sein.

Die Romane für die Einhandfrau sind sozusagen das weibliche Gegenstück zum Porno, wenn sie auch ohne freizügige Bilder und Formulierungen auskommen; sie dienen dem kurzfristigen Eskapismus, dem Träumen davon, wie es wäre, wenn das eigene Leben so wäre wie in dem Roman. Dabei ist auffällig, dass es in den Romanen weder unattraktive Männer noch unattraktive Frauen gibt.

Sicher liegt Attraktivität im Auge des Betrachters, doch gerade die mit etwas mehr Sex aufgepeppten Baccara-Romane warten mit Protagonisten auf, die in der Realität kaum anzutreffen sind. "Stürmisches Begehren und knisterndes Verlangen im internationalen Jetset" verspricht die Serie. "Sexy Millionäre begegnen Frauen, die ihre Freiheit mehr lieben als Macht oder Geld".

Und sexy Millionäre sind in den Romanen stets stürmische, aber auch einfühlsame Liebhaber, haben braun gebrannte und gestählte Körper und tragen Designerkleidung. Auch die Frauen, die ihnen begegnen, sind natürlich wunderschön, langbeinig und mit Model-Maßen ausgestattet, so dass von Anfang an die erotische Spannung unvermeidlich ist, da beide Protagonisten natürlich zunächst einmal vom Äußeren des jeweils Anderen völlig aus der Bahn geworfen werden:

Vor ihm stand die menschliche Ausgabe von Bambi, die großen moosgrünen Augen weit aufgerissen ... Unter der spärlichen Bekleidung deuteten sich an allen entscheidenden Stellen perfekte weibliche Rundungen an. Die langen honigbraunen Beine schienen unter den Achseln zu beginnen […]

(Paula Roe - Süße Lügen, heiße Küsse)

Während in den 1980ern die Frauen vornehmlich von galanten und begüterten Männern umworben und erobert wurden, machten diese seit den 1990ern einem Typ Mann Platz, der sich einfach nahm, was er wollte, egal um welchen Preis. Der heißblütige Scheich aus dem Orient, der arrogante Zypriot oder Spanier oder der schnöselige Franzose, sie alle fanden diverse Wege, die Frau unter Druck zu setzen, was natürlich romantisch verbrämt wurde. Emotionale Krüppel wurden so auf wundersame Weise durch Frauen voller Liebe von ihren seelischen Wunden geheilt. Auch die Probleme erinnerten an hochdramatische TV-Serien, es wimmelte von todkranken Familienmitgliedern und Ähnlichem. Erst seit einiger Zeit wurde bei den Romanen das Ruder herumgerissen und ab und an fand sogar so etwas wie Selbstkritik Eingang in die Geschichten.

Zufällige Begegnungen und typische Berufe

Diesem Trend setzt gerade auch die Baccara-Reihe weiterhin fort. Den dramatischen Ausgangspositionen sind nun Situationen gefolgt, die auf allzu große Realitätsferne verzichten. Dies fordert natürlich auch neue Berufe, denn die Protagonisten können sich ja nur in den seltensten Fällen rein zufällig beim Tee oder Bier treffen - hier bedarf es dann schon einiger Kniffe. Zudem hat auch Baccara längst die Methode des Cliffhangers entdeckt und bringt in loser Folge Reihen innerhalb der Reihe heraus - mal sind es drei Freundinnen, die nacheinander ihre Traumpartner finden, mal geht es um eine Familie und ihre Probleme, mal um Geschäftsfreunde.

Doch unabhängig von den familiären Beziehungen müssen die Frauen letztendlich Berufe besetzen, die sie mit den zukünftigen Ehepartnern (nur wenige Romane kommen ohne Heirat aus) in Verbindung bringen, wobei die Sekretärin mittlerweile größtenteils ausgedient hat. An ihre Stelle sind Hochzeitsplanerinnen, Eventmanagerinnen und Stylingberaterinnen getreten. Sie (wie auch diejenigen, die innerhalb der Familienfehdegeschichten auftreten) eint jedoch eines: Geldsorgen haben sie nicht. Selbst unerwartete Kinder bringen sie nicht aus der Bahn, denn Treuhandfonds oder reiche Freunde/Verwandte sind stets vorhanden.

Ein Kind, mein Kind

Eines hat sich jedoch seit einigen Jahren nicht verändert - der Familienzuwachs ist präsenter denn je. Ab und an ist einer der Protagonisten nicht darauf aus, Kinder zu bekommen, was sich dann aber angesichts der Schwangerschaft der Frau verändert. In den meisten Fällen steht das Kind entweder bereits am Anfang der Geschichte oder am Ende. Auch hier dienen die Kinder oft dem dramaturgischen Spin, der alte Liebende wieder zusammenführt, wobei die Frau das gemeinsame Kind ausgetragen und aufgezogen hat, ohne dass der Vater hiervon wusste.

Interessant hierbei ist, dass dies von den Frauen nie als etwas Verwerfliches angesehen wird - stets war der Mann ja nicht bereit, sich zu binden; dem Mann sollte eine Vernunftehe erspart bleiben; der Mann wäre ja sowieso gegangen oder hatte bereits Schluss gemacht. Die Frau hat danach die komplette Entscheidung bezüglich der Schwangerschaft, der Erziehung und allem anderen allein getroffen, hält dies jedoch immer für die einzig richtige Entscheidung, während der Wunsch des Vaters, nunmehr auch am Leben des Kindes teilzunehmen, als Zumutung und Bedrohung angesehen wird.

"Das ist mein Kind" lautet denn auch des öfteren die Standardantwort auf die Frage, wie es nun weitergehen soll mit dem gemeinsamen Kind. Die Annahme, dass Männer sich ja eigentlich gar nicht mit dem Kind befassen wollen, sondern dies lediglich als Besitz betrachten, den sie der Frau entreißen wollen, wird insofern (wenn auch subtil) weitergetragen. Letztendlich sind die Männer weiterhin die unsteten und vertrauensunwürdigen Menschen, die sich erst beweisen müssen, während die Frauen das Muttertier darstellen, das schon per se Vertrauen verdient, weil es stets das Beste für das Kind wollte und will. (Twister (Bettina Hammer))

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