vom armen bébé

über bert brecht und die kleinschreibung

kaum etwas anderes hat die deutschen bildungsbürger jemals mehr gefuchst als die schlichte nicht-beachtung ihrer sorgsam ausgedachten groß-und klein-schreibung durch ihren großen dichter bertolt brecht. wenigstens aber gab er sich ihnen als bébé zu erkennen, als baby. das machte es ihnen etwas leichter, auf ihn einzuschlagen.

natürlich haben brecht, hemingway, robert musil - alle diese autoren damals - mit einer schreibmaschine geschrieben. jedes mal, wenn sie einen großbuchstaben schreiben wollten, ging ein massives geruckel durch den schreibwalzenwagen -- der zu diesem zweck mechanisch hochgehoben werden musste. ein zigarren-ketten-raucher wie brecht, der seine linke hand dazu brauchte, um den zigarrenstummel fest zu halten, tippte einhändig mit der rechten. das gab dem schriftbild eine typographische geschlossenheit, und man konnte sich, statt immer mit der mechanik des schreibvorgangs beschäftigt zu sein, auf das bloß geschrieben konzentrieren, auf die wörter, die man hintippte. Siehe das arbeitsjournal.

was hätten diese leute damals von einem einfachen computer unserer tage profitieren können. natürlich, lästig, die rechtschreibprogramme, das ewige automatisch und oft genug falsch korrigierte! aber trotzdem. musil, der seinen mann ohne eigenschaften hundertseitenweise neu tippte. was der sich für arbeit hätte sparen können! und ein grammatikprogramm wäre ihm dabei auch nicht so schlecht zu pass gekommen.

nun ja. also brecht. brecht also, mit der kleinschreibung. vielleicht hat er auch nur gemeint, was den engländern recht ist, soll mir billig sein. ich schreib eben alles klein. seine englischkenntnisse blieben bekanntlich marginal, auch nach längerem aufenthalt in den usa, wie wir aus der schallplattenaufnahme wissen, die eric bentley vor jahrzehnten bei folkways herausgebracht hat. brecht wird vor den ausschuss zur untersuchung unamerikanischer umtriebe zitiert. hier ein paar hörproben und transkriptionen.

wenn man das so sieht und hört. brecht und amerika. ein kapitel für sich. da saß er in kalifornien und konnte mit dem üppigen sonnenschein in der stadt der engel nichts rechtes anfangen. hanns eisler schrieb wenigstens ein paar kuriose songs darüber. dann saßen sie bei charlie chaplin und erzählten ihm die geschichte vom goldrausch wieder, ein ums andere mal, und lachten sich dazu einen ast ab.

1947, im gleichen jahr, als brecht die usa verließ, wurde auch chaplin von einem sich als reporter ausgebenden mann namens james fay interviewt. in wirklichkeit war fay der anführer einer katholischen gruppe, die chaplin als angeblichen kommunisten aus dem land treiben wollte.

Fay: Are you friends with Hanns Eisler?
Chaplin: Yes, he is a personal friend, and I am very proud of the fact.
Fay: Do you think Eisler is a Communist?
Chaplin: I know he is a fine artist and a great musician and a very sympathetic friend.
Fay: Would it make any difference if he were a Communist?
Chaplin: No, it wouldn't.

chaplin hätte wahrscheinlich das gleiche gesagt, wenn man ihn wegen brecht befragt hätte. nur waren die gebrüder eisler beide "richtige" kommunisten, und richtige kommunisten wurden damals auf den elektrischen stuhl gebracht, wie das ehepaar rosenberg. sie waren quasi die al kaidas jener zeit.

erst mit dem beginn der kennedy ära, die auch die amerikanische bürgerrechtsbewegung einläutete, konnte man sich in amerika darauf besinnen, was man eigentlich an solchen leuten wie brecht und eisler gehabt hatte. natürlich, kurt weill und lotte lenya hatten ihre jeweiligen und gemeinsamen karrieren in den usa gehabt - lenya als schräge sängerin, weill als der komponist zahlreicher musicals und standards - erst spät, 1953, posthum, kam die threepenny opera in der version von marc blitzstein dazu. die berühmte textzeile aus seinem mack the knife -

On the sidewalk Sunday morning
Lies a body oozing life
Someone's sneaking 'round the corner
Is that someone Mack the Knife...?

- sollte sich für blitzstein selbst als ziemlich prophetisch erweisen, denn einige jahre später, 1964, wurde er in der karibik genau so niedergestochen - möglicherweise von einem schwulen (oder vermeintlich schwulen aber eben gerade nicht-schwulen) freier. blitzstein war offen schwul und links, damals eine seltene kombination, und er hatte soeben den auftrag bekommen, ein musical über sacco und vanzetti zu schreiben - einen bis heute kontroversen politischen mordfall.

in der politischen unkultur, die nach der ermordung kennedys in den usa geradezu putinsche ausmaße annahm, war es kaum verwunderlich, dass ein mann wie blitzstein auf martinique irgendjemandem ins messer laufen würde. mack the knife war in blitzsteins bearbeitung ein wesentlich anderer song geworden als der mäckie messer bänkelsong aus brecht/weills dreigroschenoper und gerade die hit-versionen von bobby darin und louis armstrong hatten diesen song dauerhaft in der amerikanischen psyche eingenietet. brecht in ostberlin hörte die louis armstrong version noch einige zeit vor seinem tod. "immerhin, ein neger", oder ähnliches, soll er dazu gesagt haben. ich finde das zitat nicht mehr. es war jedenfalls zum piepen. dafür fand ich die eintragungen über brecht, die das kennedy center in washington d. c. über ihn führt. Da ist bereits das erste wort falsch. bertold.

in gewisser weise ist "brecht" in amerika - seine bekanntheit, seine präsenz überhaupt - das werk von eric bentley, den es immer noch gibt, er lebt, ist 94 jahre alt. mit 53 hatte er sein öffentliches coming out, er erklärte, dass er in den vorausgegangenen jahren seines lebens immer schwul gewesen sei. in "the brecht memoir" erzählt er von den jahren seiner begegnungen mit brecht, in amerika, in der schweiz. ob brecht wusste, dass bentley schwul war, ob es ihn interessierte oder nicht, erwähnt bentley nicht.

betrachtet man sich allerdings bentleys geradezu ungeheuerlichen einsatz für brecht - und für alles, was mit brecht zu tun hat - eine serie von abhandlungen und übersetzungen in buchform, eine neue dreigroschenoper, inszenierungen unzähliger anderer brecht-stücke und dann, in den sechzigerjahren, eine serie von schallplatten, brecht, eisler, sogar mit selbtsgetretenem harmonium, schließlich, 1968, sogar die erste platte mit biermann-songs auf englisch - weil biermann damals noch als eine art fortsetzung von brecht angesehen werden konnte - dann zeigt sich darin auch, wie ich meine, eine ungeheuere verliebtheit in den mann brecht, nicht nur den schriftsteller brecht.

bentley: brecht bis biermann

und das ist in der amerikanisch-englisch-australischen rezeption von brecht/weill eigentlich bis heute so geblieben - diese songs, dieses material ist zu einem teil der schwul/lesbischen gegenkultur geworden, einer kultur, die sich gern an den begriff "cabaret" anhängt. quasi in folge jenes (für meinen geschmack, wenig reizvollen) us-films gleichen namens, der eine art romantische verklärung der berliner schwulenszene zu beginn der nazi-zeit liefert. gespiegelt durch die optik eines britischen schwulen, des autors christopher isherwood, der "goodbye to berlin" schrieb, das buch auf dem die story ursprünglich basierte - und dann noch mal gespiegelt durch die optik zahlloser (völlig apolitischer) broadway-schreiber, entstand damit eine vision des deutschen tingel-tangels, die sich von irgendwoher doch wieder der brecht/weillschen dreigroschenoper näherte. und -WOW. lotte lenya war auch wieder mit dabei.

kaba-rett oder kaba-reh?

cabaret, ausgesprochen kaba-reh, war dabei im deutschen immer etwas anderes als das politische kabarett. die witzeleien vor anwesender polit-prominenz, realiter oder per glotze, waren hingegen weder cabareh noch kabarett, sondern einfach nur unsäglich. politisches kabarett brauchte wohl immer die schmuddeligen kellerlokale, verräuchert, wolfgang neuss praktisch zum greifen nahe, mit der sammelbüchse für den vietkong, das reichskabarett im blickkontakt. übrigens interessant. wer sich vertippt und "reichskabaret" - mit EINEM T - schreibt und bei google eingibt, erscheint bei "rick's cabaret" aus las vegas, einer titten & ärsche show.

aber trotzdem: auch die dreigroschenoper hatte eher mehr vom tingel-tangel als vom kabarett. die musik von weill: natürlich genial. aber es brauchte diese stimme der kleinen wiener vorstadthur', karoline blamauer, um dem stück seine weltkarriere zu garantieren:

Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel
Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden ...

10-inch, telefunken, 1953, die originalaufnahmen von 1930

heute, da der turbo-kapitalismus seinen siegeszug der kompletten welt-zerstörung angetreten hat, ist der arme bébé nicht mal in seiner heimat sonderlich beliebt. aber was ist das schon für eine heimat? "deutschland, bleiche mutter" dichtete er einst, als das land von den nazis in den krieg getrieben worden war und erbleicht, verblichen, wie tot, da lag, in schutt und asche. "deutschlands bleiche mutter", heute, angela merkel, egal ob man sie gutwillig oder boshaft betrachtet, ist nichts weiter als eine kalfaktorin des korporativen kapitalismus, selber ein kalb das hinter seinen schlächtern herläuft, eine bloße charaktermaske/totenmaske des politischen prozesses. Es ist möglich, dass angela merkel - privat, als gelernte ehemalige ddr-bürgerin - ihren brecht sogar liebt.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

mit nachsicht? Schon dieses wort - allein dieses wort - ist heute unverständlich. meint er "nachtschicht"? meint er "nachtsicht"? und dieser lutherische tonfall. "ihr aber, die ihr ..." geh scheißen, brecht. die lieblosigkeit gegenüber diesem großen dichter könnte nicht größer sein, und der hass kommt von beiden seiten. einerseits die neoliberal und faschistoid infizierten präkarier aller arten, die meinen, sie müssten schon die dreigroschenoper als "marxistisch" denunzieren, andererseits die einst irgendwie links und sozialistisch indoktrinierten, denen brecht mittlerweile "am arsch" geht. gut, das kann man verstehen, wenn ich alle 50 platten von konstantin wecker gehört hätte, würde ich auch keinen benn mehr lesen wollen. aber nehmen wir doch noch einmal "an die nachgeborenen". hier eine version im amerikanischen harper's magazine.

dies ist sozusagen das poetische gegenstück zu picassos "guernica", das große deutsche gedicht des 20ten jahrhunderts. in rock & pop-begriffen ist dies das "a day in the life" der beatles, während zum beispiel celans "todesfuge" so etwas wie "mr tabourine man" von dylan ist. große gedichte, meisterwerke der form, nicht unbedingt fehlerfrei im inhalt. und doch, verrückt man nur ein wort, beginnt der bau bereits zu wackeln. so geht es brechts gedichten in jeder übersetzung, hier dann gleich mehrfach. und die zeile --

Es ist wahr: Ich verdiene nur noch meinen Unterhalt

- stößt einem nicht allein unangenehm auf wegen der holperigen groß- und kleinschreibung, wo sie doch in durchgängiger kleinschreibung so viel angenehmer zu lesen wäre. sie ist auch noch falsch zitiert. auf englisch lässt ihn der übersetzer sagen:

It is true: I work for a living

nunja, es darf gelacht werden. interessanterweise gibt es das gedicht auf deutsch in zwei lesungen, in zwei hör-versionen, einmal gelesen von helene weigel, der schauspielerin, die mit brecht verheiratet war, und einmal von brecht selber.

"an die nachgeborenen" gelesen von helene weigel

die weigel version lässt mich vermuten, dass helene weigel das gedicht - bei seiner entstehung - wesentlich beeinflusst hat. deswegen denke ich an "a day in the life" von den beatles, als john lennon und paul mccartney zwei relativ unzusammengehörige song-teile zusammen schraubten, und bumm! hatten sie einen klassiker. hier kann es auch so gegangen sein. brecht sagt: ach, ich weiß nicht, ich hab zehn tage lang nur mist geschrieben. die weigel: wieso? lass mal schau'n. sie liest. dann sagt sie: ist doch prima, bertl. hier sagst du einfach teil eins, da sagst du teil zwei, und das ist teil drei. und dann sagst du immer das hier als refrain:

So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

und den satz hier streichst du bitte. sagt die weigel. und brecht: was schreib ich stattdessen? da sagst du, meint die weigel, was mein vater immer gesagt hat: der liebe pflegte ich stets regelmäßig aber nicht übermäßig. nein nein, meint brecht. das hat nicht den richtigen schneid. es müsste heißen -

Der Liebe pflegte ich achtlos

na super, jetzt wieder die weigel. das teste ich heute abend bei den dänen, mal sehen, was die dazu sagen. beifall, großartiger text. weigels lesung ist der klassiker. brecht selber las das gedicht eher weinerlich, wie ein alter mann.

nun kommt die diskussion, anschließend an die veröffentlichung in harper's. in einem englischen blog, language hat kommentieren engländer, die sich ärgern, dass ihnen irgendein linksgerichteter lehrplanverfasser einst zu ihrer schulzeit bereits brecht - als einzigen nicht-englischen autor - verordnet hatte. sie spüren dem verdeckten oder versteckten oder verheimlichten stalinismus im text nach, und debattieren darüber, was es mit diesem wörtchen "pflegte" auf sich haben könnte, da sie den sinn des ausdrucks, "der liebe pflegte ich" nicht entziffern können. einer der kommentar-lieferanten meint, dass in jedem fall grimmelshausens "simplicius simplicissmus"(sic) eine weitaus schockierende darstellung des dreißigjährigen krieges sei als brechts mutter courage. zuletzt vergnügen sich alle an limericks.

meine meinung zu "an die nachgeborenen" habe ich bereits kundgetan. es ist gewissermaßen eine unverrückbare historische markierung, ob es einem nun gefällt oder nicht. ich denke, auch die ermordeten von guernica hätten vielleicht zu lebzeiten mit dem kopf geschüttelt, wenn jemand ihnen gezeigt hätte, mit welchem bild picasso ihr zukünftiges schicksal im gedächtnis der menschheit festnageln würde. aber das war eben die form, die er dafür fand. das gleiche gilt für brechts gedicht. seine inhaltlichen aussagen sind nun einmal als solche hinzunehmen. sie geben beispielsweise, auf dem ganz alltäglichen level, keine konkrete auskunft darüber, wie brecht sich tatsächlich ernährt hat, ob er nämlich wirklich nur brot und wasser zu sich genommen hätte.

tatsache ist, die brechts aßen offenbar nicht schlecht. bei amazon gibt es sogar ein kochbuch, aus dem man erfährt, was helene weigel so gekocht hat. "und was war ihr beitrag zu seinem werk?" hat jemand sie mal gefragt. "na, ich hab halt gut gekocht."

brechts gedichte sind oft wie collagen, oder wie karikaturen, oder wie schnappschüsse, aber nicht einmal schnappschüsse reflektieren die wirklichkeit so, wie sie wirklich ist. sie spiegeln nur das licht. sie sind nicht in dem sinn real, wirklich, autobiographisch. erich kästner schrieb gedichte über sexerlebnisse mit stubenmädchen, kneipenbekanntschaften und echten nutten im berlin der 30er und 40erjahre, und das licht ist stets etwas gedämpft, aber kästners gedichte sind so mechanisch wie ein bleistiftanspitzer mit kurbel. real ist an ihnen alles und nichts.

charles bukowski beschreibt in einem gedicht, wie er jetzt im luxus lebt und sich einen kleinen schreiberling hält, der ihm brav die gedichte schreibt, und wie seine kritiker meinen, er würde jetzt immer besser. und wenn angela merkel ein brecht-gedicht liest, und anschließend besinnlich wiederholt - "gedenket unserer zum nachtisch" - so gehört auch das zur realen rezeption des gedichts. das missverständnis.1

In den fünfzigerjahren, als deutschland noch erbittert in ost und west aufgeteilt war, lebte brecht in ostberlin. ob das eine wirklich weise entscheidung war, wusste brecht vermutlich selber nicht. aber er wusste, dass ein mensch ohne pass wie ein kind ohne kopf war, deswegen besorgte er sich vorher noch einen österreichischen pass. (helene weigel war österreicherin, in wien saßen die sowjetischen besatzer, es scheint also kein problem gegeben zu haben.) brecht hätte genauso gut im neutralen zürich bleiben können. die theaterarbeit hätte auch dort funktioniert. aber er siedelte sich in ostberlin an, betrieb das berliner ensemble, brüllte cholerisch herum, rauchte stinkadores, bekam den stalin friedenspreis, und starb. 1956, mit 58.

in westdeutschland akzeptierte man brecht hinfort zwar als großen lyriker, und als theaterdichter, aber man versuchte, bei ihm die marxistische schicht irgendwie abzuschmirgeln. die buchstaben "b. b." übertrug man problemlos auf brigitte bardot, genannt bébé, das baby, die mit ihrem schmollmündchen nicht nur päderasten zu unkontrollierten samenergüssen verhalf. Der hundsdumme berliner kaufmannsohn curd jürgens musste als alt aussehender über40jähriger im film den avatar der zuschauer mimen.

die bardot nannte ihn den "normannischen schrank." der stern der bardot überstrahlte die fifties, heute wirkt curd jürgens im film an ihrer seite nur noch albern - sie an der seinen ebenfalls. das gedicht "vom armen b. b." - aus brechts "hauspostille", entstanden 1922, gedruckt 1927 - kam natürlich lange vor der bébé zur welt - und gehört heute zu den gedichten, die zum unvergänglichen bestand deutscher lyrik gehören, auch wenn es, wenn ich mich richtig erinnere, nur eines von drei gedichten war, die brecht auf einer einzigen nächtlichen bahnfahrt zwischen augsburg und münchen (oder umgekehrt) hingekritzelt hat. hier kann man es wenigstens kurz einmal überfliegen.

in "an die nachgeborenen" erinnert sich brecht an dieses gedicht, and diese zeit. schon damals, als junger mann, reflektiert brecht über seine zerbrechliche gesundheit. ("... die kälte der wälder wird in mir bis zu meinem absterben sein..."// - "...von allem anfang - versehen mit jedem sterbsakrament: - mit zeitung. und tabak. und branntwein ...") ob man aus brechts gedichten und theaterstücken auf seine essgewohnheiten und seinen gesundheitszustand schließen kann? wer weiß. irgendwo las ich einmal, er hätte eine ungesunde oder wenigstens übertriebene vorliebe für käse gehabt, was aber in keinem seiner texte aufscheint, die mir bekannt sind. vielleicht ist der kraft-und-saft-strotzende "baal" nur eine wunschvorstellung eines kränkelnden jungen mannes gewesen, die fotos vom box-sport-begeisterten jungen brecht nur phantasien eines schwächlings, der seine schwächen zu überspielen versuchte?

foto brecht mit boxer paul samson körner, 1926

warum mich diese fragen und überhaupt brecht gerade jetzt und ohne konkreten dezimalanlass beschäftigen, hat damit zu tun, dass ein professor stephen parker von der universität manchester unlängst den "wahren grund für brechts ableben" enthüllt hat. "ein hartnäckiges stück detektivarbeit eines universitätsprofessors hat die wahrheit enthüllt darüber wie einer der größten stückeschreiber der welt vor 54 jahren starb", heißt es dazu in einer presse-aussendung der uni. detektivarbeit? da denke ich natürlich sofort an mord, vielleicht wurde er vergiftet? auch eisler starb an einem sommerlichen herzschlag. deutet die anamnese auf die gleiche ursache - käse?

"gerüchte" heißt es in der besagten presse-mitteilung, "umrankten schon lange die offizielle version von brechts ableben durch einen herzschlag im jahr 1956 im kommunistischen ostberlin. aber professor stepehen parker von der universität manchester hat nun nachgewiesen dass der ikonische deutsche dichter, stückeschreiber und theaterleiter schon als kind zu beginn der 1900er jahre an einem damals nicht diagnostizierten rheumatischen fieber litt."

was bitte ist rheumatisches fieber? dem wikipedia eintrag zu folge handelt es sich dabei um eine bakterielle entzündung, die das herz, die gelenke, das gehirn befallen kann und einer längeren penicillinbehandlung bedürfte. penicillin war noch unbekannt, als der arme b. b. ein kind war, und ob man es anfang der 50er jahre in der ddr so leicht bekommen konnte, mag man auch bezweifeln. aus dem pressetext zum buch:

brecht wurde einfach als nervöses kind mit einem vergrößerten herzen abgestempelt, aber sein zustand brachte ihm lebenslanges leiden und schließlich den tod. als professor parker, der ein buch über das leben des deutschen schreibt, eine obskure notiz über brechts kindheitsdiagnose eines vergrößerten herzens auffiel, die tief in der gigantischen 30-bändigen ausgabe der brechtschen schriften vergraben lag, machte er sich in den archiven zu schaffen. seine forschungsergebnisse, die er aus archiv-dokumenten zusammenfügte - darunter eine röntgenaufnahme samt dazugehörigem bericht aus dem jahr 1951 - sowie weitere veröffentlichte quellen - eröffnen eine völlig neue sichtweise auf brechts leben und werk. Nicht zuletzt auf seine kultivierung eines macho-selbstbildnisses als eines seriellen frauenliebhabers, der dafür berühmt war sich auf fotos in gegenüberstellung mit boxern ablichten zu lassen.

die forschungsarbeiten, die vom leverhulme trust finanziell unterstützt wurden, zeigen, dass das rheumatische fieber das herz des jungen und sein motorneuronales system angriffen, womit ein chronisches herzversagen und sydenhams chorea ausgelöst wurden, was sich erratischen bewegungen und einem grimassierenden gesichtsausdruck manifestierte. Professor parker, der am institut der universität für sprachen, linguistik und kulturen tätig ist, sagte: 'brecht hätte leicht schon als kind sterben können. in dem maß wie er älter wurde, wurde er für weitere bakterielle infektionen anfällig, wie beispielsweise für endocarditis, einer entzündung seines angeschlagenen herzens.'

professor parkers detektivarbeit führte auch zur entdeckung eines weiteren dokuments, das enthüllt, dass diese situation durch wiederholte urologische beschwerden verschlimmert wurde, die von einer unangenehmen harnröhren-verengung herstammten. auch das ist von früheren biographen übersehen worden. die herzprobleme und die urologischen probleme zusammen führten ursächlich das tödliche herzversagen herbei. Der professor sagte: 'brecht war physisch ein wrack, dessen chronische krankheitszustände ihn schließlich und endlich umbringen würden.und doch hatte er ein außergewöhnliches poetisches und theatralisches talent, das ihn dazu befähigte, seine trostlose körperliche schwäche zu einer unvergleichen kraft umzuwandeln.' - 'indem wir die dokumente aus den archiven zusammen führten und auch die veröffentlichten quellen einbezogen, können wir jetzt mit sicherheit davon ausgehen, dass brecht praktisch sein ganzes leben lang mit einem körperlichen leiden zu kämpfen hatte, die sich schließlich in form eines herzversagens als tödlich erwies.' - 'was heute erstaunlich erscheint ist, dass dass brechts zustand niemals richtig diagnostiziert wurde. Das mag gewisse angstzustände bei ihm erklären, etwas, dass er angst davor hatte, lebendig begraben zu werden und deshalb verfügte, dass seine hauptarterie nach seinem tod durchtrennt würde.' - 'ich habe nie geglaubt, dass seine probleme lediglich das ergebnis einer neurose waren - wie manche leute behauptet haben - es hatte nur eben keiner sich die mühe gemacht, seine krankengeschichte zu erforschen.'

Der professor fügte hinzu: 'brechts symptome zeige alle anzeichen für rheumatisches fieber. einen entzündeten hals, gefolgt von motorbneuronalen problemen und herzbeschwerden, die allesamt mehr als nur 'nervöse' symptome bildeten. Sein bruder beschrieb sein erscheinungsbild als merkwürdig, unheimlich und bedrohlich. die chorea trat auch im erwachsenen alter wieder auf, wenn brecht unter stress stand. Zu beginn des 20ten jahrhunderts gab es keine fest etablierte diagnose für rheumatisches fieber, aber das änderte sich in den 30er und 40er jahren. Es war eine sehr verbreitete krankheit, die oft gar nicht diagnostiziert wurde. In der entwickelten welt ist sie heute, dank der verwendung von antibiotika, nahezu ausgestorben. diese erkenntnisse beeinträchtigen in keinster weise die bedeutung des brechtschen werks, weit entfernt davon. wir wissen jetzt einfach mehr über den mann, und das ist sicherlich ein wichtiger schritt vorwärts.'

der arme b.b., geplagt von neurotischen zuckungen und einer verengten harnröhre, und einem angegriffenen herzen, rauchte in ostberlin seine zigarren, die damals noch nicht aus kuba stammten, knabberte am käse und bekam eine sicher wohlschmeckende aber gewiss auch fettreiche nahrung geliefert. wie gesagt, die rezepte kann man nachlesen, im weigelschen kompendium für witwenmacher. an der stelle liegt womöglich noch eine ganz andere detektivgeschichte verborgen. Armer b.b. der liebe pflegte er achtlos. wie wohl die originalzeile in dem gedicht gelautet haben mochte?

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